Karl der Große und das Karolingische Reich

Die Dynastie der Karolinger, benannt nach Karl dem Großen, riss im Frankenreich im 7. Jahrhundert die Herrschaft an sich. Karl Martell (um 688-741) einigte als fränkischer Hausmeier das Frankenreich. Er schlug die nach Westeuropa vorgedrungenen Araber in der Schlacht bei Tours und Poitiers im Jahre 732 und nahm Beziehungen zum Papst auf, dadurch wurde der Aufstieg seines Sohnes Pippin III., des Jüngeren, zum offiziellen Schutzherrn und seines Enkels Karl zum »Kaiser« der Römer vorbereitet. Pippin III. (714 oder 715-768) wurde 751 durch den päpstlichen Legaten Bonifatius zum König gesalbt, der letzte Merowinger zum Eintritt ins Kloster gezwungen. Im Jahre 754 ließ sich Pippin III. von Papst Stephan II. selbst noch einmal salben als Gegenleistung für fränkische Hilfe gegen die Langobarden, die Rom bedrohten. Von nun an waren die Karolinger Verbündete der Päpste, mit denen sie sich die Herrschaft über Italien teilten. Die Dynastie der Karolinger
Nach fränkischer Vorstellung war der König göttlicher Herkunft, der gesamte Stamm galt als Eigentum des Königs. Rigoros wurde diese Auffassung aber nur unter Chlodwig I. (466-511) und Pippin III. durchgesetzt, die alle Rivalen um den Thron beseitigten. Auf Pippin III. folgten 768 seine Söhne Karl (742-814) und Karlmann. Nach Karlmanns Tod (771) war Karl Alleinherrscher. 773 folgte er einem Hilferuf Papst Hadrians I. (gest. 795) nach Italien, eroberte das Langobardenreich und nannte sich »König der Franken und Langobarden«. Wie schon sein Vater Pippin III. gab Karl der Große dem Papst ein Schutzversprechen. Die Regierungszeit Karls des Großen
Bald fürchteten die Päpste die Franken ebenso sehr wie zuvor die Langobarden. Um Karls Macht einzuschränken, krönte Leo III. (gest. 816) am 25. Dezember 800 in der Peterskirche in Rom völlig überraschend den Frankenkönig zum Imperator Romanorum (römischer Kaiser): Der Kaiser empfing die von Gott verliehene weltliche Macht und Würde aus der Hand des Papstes. Karls Regierungszeit war eine Epoche voller Kriege. Das italienische Langobarden reich wurde erobert, das Herzogtum Bayern dem Frankenreich angegliedert. Karl brachte die Nachbarvölker unter fränkische Tributherrschaft, so die Awaren, Slawen, Sachsen, Dänen, zeitweise auch die Araber (in Spanien). Oft waren die Aussichten auf Beute schon Grund genug für einen Krieg, denn Karl galt zu Beginn seiner Herrschaft noch als verhältnismäßig mittellos eine gefährliche Situation, da die Macht der Frankenkönige auf der Großzügigkeit beruhte, mit der sie ihre Gefolgsleute belohnten. Durch die vielen Eroberungen dehnte sich das Reich immer weiter aus, so reichte die traditionelle fränkische Verwaltungsform bald nicht mehr aus. Karl ließ in Aachen nach eigenen Plänen eine neue Pfalz mit Pfalzkapelle bauen, um die kulturelle Einheit des Reiches zu fördern, berief er die größten Gelehrten an seinen Hof, darunter den Angelsachsen Alkuin, den Westgoten Theodulf und den Maingauer Einhard. Diese Männer schufen in des Königs Auftrag einen für das Reich verbindlichen Bibel und Messtext. Zu ihren weiteren Pflichten gehörten die Pflege der Schriftkunst und der Literatur, vor allem aber die Ausbildung einer fähigen Beamtenschaft für die Reichsverwaltung. Alkuin beschrieb außerdem das Wesen und die Pflichten eines christlichen Herrschers, er bestimmte und rechtfertigte auch die Ansprüche und die Rolle Karls gegenüber dem Papsttum. Verwaltung des Karolingischen Reiches
Die oberste Instanz der Staatsverwaltung bildete der kaiserliche Hof selbst mit einem Pfalzgrafen und einem Kanzler. Der Pfalzgraf war in erster Linie für die Rechtspflege zuständig, der Kanzler, ein Kleriker, leitete die Kanzlei und kümmerte sich um die kirchlichen Angelegenheiten des Reiches. Karl respektierte die traditionelle Immunität der alten Adelsherrschaften, erneuerte aber die Grafschaftsverfassung, d. h., er teilte das Reich in größere Bezirke auf. An deren Spitze stand ein vom König ernannter Graf als oberster Verwaltungsbeamter und Richter. Die mehr als 200 Grafen, manche davon königlichen Geblüts, und ihre Nachkommen verschmolzen später mit dem alteingesessenen Adel zur europäischen Aristokratie, die das Karolingische Reich um viele Jahrhunderte überlebte. Missi dominici (Boten des Herrn) bereisten zu zweit je ein Laie und ein Geistlicher alljährlich die Grafschaften, kontrollierten Grafen und Bischöfe und hielten Gericht, sie übermittelten kaiserliche Beschlüsse und hoben im Bedarfsfall Truppen aus. Karl baute das Lehenswesen aus, er löste z. B. das persönliche Treueverhältnis zwischen Frankenkönig und Stammesangehörigen durch die formelle Treueidleistung des lehenbesitzenden Adels ab und legte damit die Grundlagen für die feudale Gesellschaft des Mittelalters. Unter Ludwig dem Frommen (Regierungszeit 814-840), Karls jüngstem Sohn, erhielt die Kirche zunehmend Einfluss auf die Reichsangelegenheiten. Zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen entbrannte ein Zwist um die Kaiserwürde und die geplante Reichsteilung. Die Trennung in ein West, ein Mittel und ein Ost reich wurden schon im Jahre 843 in Verdun vollzogen. Damit war die Reichsschöpfung Karls des Großen wieder zerschlagen, sein ideelles Erbe jedoch Kaiser und Reichs-Idee, Lehenswesen als Grundlage der feudalen Gesellschaft, eine europäische grundbesitzende Aristokratie blieb in Europa ein Jahrtausend lang lebendig.