Die Wirtschaft in Westeuropa von 1000 bis 1250

Zwischen 1000 und 1250 verlagerte sich in Europa das Zentrum wirtschaftlicher Aktivität nach Nordwesten, an die Küste der Nordsee. Der Grund dafür war die rasche Entwicklung der Landwirtschaft in den Ebenen zwischen Loire und Elbe. Für die Römer hatte dieses bewaldete und dünn besiedelte Gebiet am Rande der zivilisierten Welt gelegen, obwohl auch der größte Teil des britischen Inselreiches dem römischen Imperium einverleibt war. Die Landnahme
In Nordwesteuropa begann nun die Bevölkerung, die Wälder zu roden, Dörfer zu errichten und ein vom römischen Straßennetz größtenteils unabhängiges Verkehrssystem auszubauen. Der Anstoß dazu ging meist von mächtigen Familien oder Klöstern aus. Bei der Trockenlegung der Sümpfe von Lincolnshire, Flandern und der Poebene – eine der bedeutendsten Unternehmungen dieser Jahrhunderte – spielten wahrscheinlich Klöster wie Ramsey oder Les Dunes eine wichtige Rolle. Aber viele Bauern waren auch unabhängig genug und voller Unternehmungsgeist, dass sie das Land selbständig trockenlegten. Die Urbarmachung des zusätzlichen Bodens lässt auf einen Bevölkerungszuwachs schließen. Schriftliche Zeugnisse gibt es dafür nicht. Aber im 12. Jahrhundert weisen die großen Wanderungen von Bauern und Rittern aus Frankreich, Deutschland und Flandern nach Osteuropa, Spanien, Sizilien und Palästina darauf hin, dass die Bevölkerungszunahme die Möglichkeiten der Landwirtschaft überstiegen. Spärlich erhaltene Urkunden von Klöstern geben Aufschluss über fortschreitende Verbesserungen der landwirtschaftlichen Techniken, der Räderpflug mit Streichbrett setzte sich zumindest auf den lehmigen und tonigen Böden durch. Das Kummetgeschirr erlaubte besseren Einsatz von Zugtieren, Wassermühlen, die allmählich zwischen 1000 und 1250 in Gebrauch kamen, erleichterten den Mahlprozess für das Getreide. Auch Papiermühlen arbeiteten später nach diesem Prinzip. Um 1200 wurden die Pferde beschlagen. Zwischen Frühjahrs- und Herbstgetreide lernte man zu unterscheiden, für das eher strenge Klima musste man geeignete Getreidesorten auswählen. Im 13. Jahrhundert verbesserte man die Fruchtfolge der Dreifelderwirtschaft und erhöhte so die Erträge. Soziale und wirtschaftliche Organisation
Die soziale Struktur dieser landwirtschaftlichen Gesellschaft ist schwer zu erfassen und wahrscheinlich von Gebiet zu Gebiet verschieden. Wo Feudalherren und Klöster ihre Anbauflächen erweiterten, war es üblich, besitzlose Bauern auf neu zu rodendem Land mit der Verpflichtung zu irgendwelchen Leistungen anzusetzen. Die als »Leibeigenschaft« bezeichneten differenzierten Formen von Abhängigkeit waren jedoch nur eine Möglichkeit, um Arbeitskräfte für den Ausbau des Landes zu gewinnen, freie Bauern auf Eigengütern dehnten ebenfalls ihre Wirtschaftsflächen aus, ebenso in Feldgemeinschaften organisierte Dörfer mit ausreichender Allmende (Gemeindeeigentum an Wald, Weide, Wasser usw.). Der Ausbau des Landes änderte allmählich auch die Produktionsrichtung der Landwirtschaft. In dem Maß, in dem Länder gerodet wurden, verschwanden auch Weideflächen für das Vieh, die Getreideproduktion stieg. Die Nachfrage nach Zerealien stieg jedoch noch schneller. Die Getreidepreise zog an und damit auch der Wert des Landes. Fleischproduktion und -konsum gingen zurück. Der Aufstieg der Städte
Eine andere Folge des Bevölkerungszuwachses war die steigende Bedeutung der Städte als Zentren des Handels und der Produktion. Der Ursprung der Städte war unterschiedlich, die meisten entstanden jedoch aus örtlichen Gegebenheiten heraus, so zum Beispiel als Marktsiedlungen um eine Burg oder als Häfen. Je dichter die Besiedlung des Landes, um so größer und zahlreicher waren ihre Städte. Die Vergrößerung der Städte bleibt jedoch unverständlich, falls sie nur ökonomisch begründet wird (wie Anstieg der Lebensmittelpreise). Aber die Stadt brachte persönliche Freiheit. Die Anzahl der Städte in Flandern und Nordostfrankreich – Brügge, Arras, Valenciennes und andere – setzte eine dichte Besiedlung in den landwirtschaftlichen Gegenden voraus. Die Blüte des Textilgewerbes in Brügge im 12. Jahrhundert beruhte auf der Schafzucht in den flandrischen Marschen. Das Leben in den Städten wurde durch unabhängige Institutionen organisiert: Die früheste bekannte Gilde von Tiel in Holland bestand bereits vor 1000. Die Kaufmannsgilden und Zünfte als Träger der kommunalen Regierung wurden erst im 12. Jahrhundert üblich, als die Städte als Handels- und Gewerbezentren aufblühten, weil sich eine kaufkräftige Binnen- und auch Außennachfrage entwickelt hatte. Um 1000 hatte Westeuropa Kontakte mit dem Orient über Ostsee und Russland. Als die sarazenischen Piraten aus dem Mittelmeer verschwanden, bauten italienische Hafenstädte feste Handelsbeziehungen mit Ägypten und (nach 1098) auch mit den Kreuzzugsländern auf, sie brachten vor allem orientalische Seiden, Gewürze, Parfüms, Weihrauch nach Europa. Der Handel mit dem Orient war notwendigerweiser Großhandel. Um diesen Handel zu finanzieren, entwickelten venezianische Kaufleute allmählich kapitalistische Finanzierungsmethoden. Das Hochmittelalter war in Westeuropa ein Zeitalter der Expansion – ein unterentwickelter Kontinent fing an, seine Möglichkeiten zu nutzen. Warnende Anzeichen einer Überbevölkerung und einer Ausbeutung der Natur blieben unbeachtet. Anfang des 14. Jahrhunderts häuften sich Missernten und damit Hungersnöte, der große Pestdurchzug 1348-51 leitete dann eine allgemeine Rezession ein.