Der Triumph der Kirche

Die Zeitspanne zwischen der Wahl Papst Gregors VII. (1073) und der Übersiedelung der Päpste nach Avignon (1309) war für die römisch-katholische Kirche die Epoche ihrer höchsten Machtentfaltung. Die Christenheit des Abendlandes bildete über alle territorialen Grenzen hinaus eine Einheit. Die Grundpfeiler der hochorganisierten, stetig wachsenden päpstlichen Macht waren die fast 500 Bistümer. Die von der römisch-katholischen Kirche propagierten ethischen Gesetze galten als verbindlich für jedermann in Europa – ausgenommen die Juden. Die Allgegenwärtigkeit der Kirche manifestierte sich aber auch in der Kunst, der Philosophie und der Gesetzgebung. Die gotische Sakralarchitektur feierte Triumphe, und das christlich-philosophische Werk des Thomas von Aquin (1225-74) bildete den Höhepunkt der Scholastik. Thomas bejahte die Vernunft, ordnete sie aber dem Glauben an die geoffenbarte Wahrheit unter. Die Macht des Papsttums
Der Machtzuwachs des Papsttums setzte im 11. Jahrhundert ein, als die Päpste in Rom die cluniazensischen Reform-Ideen übernahmen. Die Fastensynode in Rom (1074) entwickelte strenge Vorschriften für Amtsführung und Lebensweise des Klerus, ein Jahr darauf untersagte Papst Gregor VII. die Laieninvestitur (die Ernennung von Bischöfen durch weltliche Herrscher). Auf diesen Erlass hin kam es allerdings zu harten Auseinandersetzungen – zunächst mit Kaiser Heinrich IV. (Regierungszeit 1056-1106), später auch mit anderen deutschen, französischen und englischen Königen. Zur Verteidigung ihrer Auffassung mussten die Päpste eine eigene Gesetzgebung entwickeln, diese Entwicklung stand im schroffen Gegensatz zu den ursprünglichen Reformvorstellungen von Cluny, denn sie bewirkte die weitere Institutionalisierung und damit die Erstarrung der Kirche. Die Päpste dieser Epoche beanspruchten, oberste Schieds- und Sittenrichter auch in weltlichen Angelegenheiten zu sein. So beschwor das Machtstreben der Päpste immer neue Konfrontationen mit den weltlichen Herrschern herauf. Kaiser Heinrich IV. hatte zur Sicherung der eigenen Position den demütigenden Bußgang zu Papst Gregor VII. nach Canossa angetreten, der englische König Heinrich II. tat in Canterbury im härenen Hemd Buße für die Ermordung des Thomas Becket. König Johann (Regierungszeit 1199-1216) musste die englische Krone von Papst Innozenz III. zum Lehen nehmen, Innozenz IV. verstand es sogar, den Untergang der Hohenstaufen-Dynastie zu arrangieren. Das wirksamste Machtinstrument der Päpste war das ökumenische Konzil. Allein zwischen 1123 und 1312 reisten die Bischöfe siebenmal zur Erarbeitung und Entgegennahme päpstlicher Beschlüsse nach Rom. Der Verwaltungsapparat der Kirche
Oberste Verwaltungsbehörde der römisch-katholischen Kirche war die Kurie, in der seit dem 12. Jahrhundert meist Kardinäle an der Spitze der einzelnen Behörden standen. Die Kurie wurde immer häufiger als Internationaler Gerichtshof angerufen, Päpste wie Innozenz III. (Papst 1243-54) wirkten eher als Juristen denn als geistliche Oberhirten der Christenheit. Die Verstrickung der Päpste in die europäische Politik endete aber zunächst damit, dass Philipp IV., der Schöne, von Frankreich die Übersiedelung Papst Clemens V. nach Avignon erzwang, eine »Babylonische Gefangenschaft«, die für Clemens und seine Nachfolger 68 Jahre (1309-77) dauern sollte. Im Gegensatz zur immer stärkeren Institutionalisierung des Papsttums stand eine neue Reformbewegung in den Orden, die den Geist von Cluny und seine strenge Regel wiederzuerwecken suchten. So gaben sich die Zisterziensermönche in Citeaux, Burgund, 1119 eine neue Ordensregel, die ein Leben in Armut und Gebeten weit ab von den Zentren der Zivilisation verlangte. Auch der Kartäuser-Orden, 1084 gegründet, versuchte die Benediktinerregel mit neuem Leben zu erfüllen. Ordensgründer war der hl. Bruno von Köln (um 1030 bis um 1101), das neue Mutterkloster entstand in La Chartreuse bei Grenoble. Zu den zahlreichen weiteren Ordensgründungen gehören die Augustiner, die Prämonstratenser (Kanoniker-Orden), die Ritterorden, Einsiedlerorden und Laienorden. Die deutlichste Abkehr von der verweltlichten Kirche vollzogen die Bettelorden, zu denen im engeren Sinne nur die Franziskaner und die Dominikaner zählen. Ihre Gründer, Franz von Assisi (um 1181-1226) und Dominikus von Caleruega (um 1170-1221) verlangten von den Ordensbrüdern Bedürfnislosigkeit, dem Orden war Besitz untersagt. Die Mönche hatten von ihrer Hände Arbeit zu leben, zu predigen und ein beispielhaftes christliches Leben zu führen. So waren das 12. und 13. Jahrhundert einerseits vom Geist einer verweltlichten Kirche und andererseits von Reformen religiöse Orden geprägt. Die enge Verbundenheit des einzelnen mit dem Christentum fand Ausdruck in Wallfahrten und in den Kreuzzügen. Ketzerverfolgungen
Die Machtansprüche der Päpste, aber auch die extreme Strenge vieler Orden führten zur Unduldsamkeit gegenüber Andersdenkenden wird zur grausamen Verfolgung aller »Ketzer« (Wort abgeleitet aus der Sekte der Katharer). Juden wurden als ohnehin »Ungläubige« betrachtet, abtrünnige Christen mussten aber zum Glauben zurückgeführt oder ausgerottet werden. So wurden z. B. die Albigenser in einem Kreuzzug (1209-29) vernichtet, weil Kirche und Staat ihr ablehnendes Verhalten gegenüber materiellen Gütern und sozialen Bindungen als Gefahr ansahen.

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Info 26.09.2017 - 00:18
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