Europäische Gelehrsamkeit im 13. Jahrhundert

Das Papsttum erreichte im 13. Jahrhundert den Gipfel an Macht, Reichtum und Geschlossenheit, in der gleichen Epoche schloss Thomas von Aquin (wahrscheinlich 1225-74) seine »Summa theologiae« ab (1266-73), bedeutendstes Werk der scholastischen Philosophie. Die Scholastik
Die Scholastik bediente sich der Logik oder Dialektik des Aristoteles. Sie war die höchste Leistung christlichen Denkens im Mittelalter. Als den westlichen Gelehrten im Laufe des 12. Jahrhunderts die Werke des großen griechischen Philosophen in lateinischer Übersetzung bekannt wurden, wandten sie seine analytische Methode auf allen Gebieten an. So kam es zu einer Revolution des Wissens – nach Verfahren und Inhalt. Daraus ergaben sich ein geschlossenes System der Philosophie und Theologie und eine neue Rechtskunde sowie die ersten Ansätze experimenteller Forschung. Je mehr griechische und arabische Texte philosophischen und naturwissenschaftlichen Inhalts zugänglich wurden, desto stärker verlagerten sich die Bildungszentren von den Kloster- und Diözesanschulen zu einer neuartigen akademischen Organisation – der Universität. Dabei handelte es sich um korporative Zusammenschlüsse von Lehrenden und Lernenden in größeren Städten. Bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück reichte die Geschichte der Universitäten von Bologna, Paris, Montpellier, Neapel, Oxford, Cambridge, Toulouse und Salamanca. Diese »Schulen« gaben der Scholastik ihren Namen. Die Ausbildung an einer mittelalterlichen Universität war langwierig und hart. Gewöhnlich dauerte es sechs Jahre, bis man nach dem Studium von Logik, Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik den Grad eines Magister Artium erhielt. Noch weitere acht Jahre erforderte der akademische Abschluss als Doktor der Theologie. Es war eine Zeit der Übersetzungen, sowohl aus dem griechischen Original wie aus arabischen und jüdischen Versionen und Kommentaren. Islamische Gelehrte wie Al-Farabi (gest. 950), Avicenna (980-1037) und Averroes (1126-98) vermittelten vieles aus der klassischen Kosmologie, Mathematik und Philosophie. Durch sie wurde auch medizinisches Wissen der Antike bekannt, aber am meisten beeinflussten die aristotelischen Ideen die frühen Universitäten. Da das Denken des Aristoteles geradezu eine Herausforderung an die Frühscholastik darstellte, die die göttliche Gnade besonders betonte, stieß es auf den Widerstand der Konservativen. Vor allem wurde Paris mit der Sorbonne eine Stätte der neuen Gelehrsamkeit. Obwohl die Lehren der Metaphysik und Physik nach Aristoteles aus den Hochschulen des 13. Jahrhunderts ursprünglich verbannt waren, hat man das Verbot doch weithin ignoriert. Die Vereinbarung von Glauben und Vernunft
Das Hauptproblem dieser Kontroversen war die Beziehung zwischen Offenbarung und Vernunft. Die Schriften des Aristoteles forderten den Primat der Theologie heraus durch die Behauptung, der Verstand wäre die Grundlage der Erkenntnis. Deshalb versuchten gerade die bedeutendsten Werke jener Zeit, diesen Widerspruch zwischen göttlicher Offenbarung und menschlichem Intellekt zu überwinden. Eine Gruppe von Magistern in Paris unter Führung von Siger von Brabant (etwa 1235 – um 1282) vertrat die Auffassung von Averroes, dass nämlich Vernunft und Philosophie dem Glauben und dem aus ihm erlangten Wissen übergeordnet wären. Daraus entstand eine heftige Kontroverse, in deren Verlauf Thomas von Aquin seine berühmt gewordene Verteidigungsschrift der geoffenbarten Religion verfasste, die »Summa contra gentiles«. Konservativer als Verteidiger der Theologie war der hl. Bonaventura (1221-74). Er räumte ein, dass man durch die Philosophie einiges Wissen erlangen könnte – auch ohne die Offenbarung. Wie Thomas von Aquin hielt er den Beweis der Existenz Gottes durch die Philosophie für möglich – als Ursache für die Dinge und Vorgänge im Universum. Aber nach ihm konnte die Philosophie weder die Einzelheiten der Offenbarung erklären noch ein allgemeines Sittengesetz aufstellen. Roger Bacon (1212-94) übernahm von dem englischen Philosophen Robert Grosseteste (etwa 1175-1253) das Interesse an empirischer Beobachtung. Der scholastischen Tradition folgend, sah er im Verhalten materieller Dinge, einschließlich des vernünftigen Verhaltens des Menschen, ein »natürliches Gesetz«, das von göttlicher Weisheit zeugte. Deshalb hielt er die Wissenschaft für eine natürliche und harmonische Grundlage der Religion. Er glaubte aber auch an die Alchemie und war der Sterndeuterei nicht abgeneigt. Albertus Magnus und Thomas von Aquin In eine enzyklopädische Formel, die auch Platonismus, Neuplatonismus und islamische Theologie umfasste, hatte Albertus Magnus (um 1200-80) das neugewonnene aristotelische Wissen eingebaut. Sein Schüler Thomas von Aquin übernahm diesen weiten Rahmen und versuchte nun, für das christliche Denken einen logischen aristotelischen Unterbau zu schaffen. Dabei lehrte er die Selbständigkeit der Vernunft sowie ihre Zuverlässigkeit, sofern keine Widersprüche mit der Offenbarung auftreten. In seiner Theorie eines durch den Verstand allein begründbaren moralischen »Naturrechts« schuf er die Grundlage für ein rationales System der Ethik. Die Geheimnisse der Dreieinigkeit Gottes, der Erlösung, der Sakramente, der Auferstehung sind zwar der Vernunft nicht entgegengesetzt, postuliert Thomas, ihr aber unzugänglich.