Das Heilige Römische Reich

Mit dem Heiligen Römischen Reich sollte noch einmal ein geeintes christliches Abendland geschaffen werden, wie es – wenigstens theoretisch – in der Endphase des Römischen Reiches bestanden hatte. Heilig deshalb, weil der Papst offiziell die oberste Entscheidungsgewalt in allen kirchlichen Angelegenheiten besaß und der Kaiser als weltlicher Arm der Kirche und deren Verteidiger galt. Römisches Reich hieß es trotz der zuerst fränkischen, dann deutschen Kaiser, da es als Nachfolger der römischen Weltmacht betrachtet wurde. Machtkämpfe im Reich
Theoretisch regelte der Papst die geistlichen, der Kaiser die weltlichen Belange der Völker. In der Praxis entbrannten aber besonders zwischen starken Päpsten und starken Kaisern immer wieder Kämpfe um den Vorrang und die Rechte der von ihnen vertretenen Institutionen. 754 hatte der Papst erstmals die Franken um Unterstützung im Kampf gegen die Langobarden ersucht. Höhepunkt dieser Verbindung wurde die Krönung Karls des Großen zum ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches durch Papst Leo III. im Jahre 800 in Rom. Nach dem Tod der älteren Söhne veranlasste Karl der Große seinen jüngsten, Ludwig, sich ohne päpstliche Mitwirkung in Aachen zum Mitkaiser zu krönen (813). Im 10. Jahrhundert dominierten die Ottonen (962-1024), ein sächsisches Kaiserhaus. Otto der Große (Regierungszeit 936-973), in Aachen 936 zum König gewählt, ließ sich 962 in Rom zum Kaiser krönen. Die Ottonen ernannten zwölf Päpste, fünf Päpste setzten sie ab. Die Dynastie der Salier (1024-1125) musste sich dagegen mit einem wiedererstarkten Papsttum auseinandersetzen. Unter Konrad II. (990-1039, 1024 König, 1027 Kaiserkrönung in Rom) bestand das Reich aus der »Trias« Deutschland – Italien – Burgund. Der Kaiser betrachtete sich als Herrscher der Stadt Rom. Die Reformbestrebungen der Kirche, von der cluniazensischen Bewegung im 10. Jahrhundert eingeleitet, wurden im 11. Jahrhundert fortgesetzt, sie gipfelten im Investiturstreit: Papst und Kaiser kämpften erbittert um das Recht, Bischöfe ernennen zu können, da mit Amt und Besitz der Bischöfe Macht und Reichtum verbunden waren. Der Streit führte zum Zerwürfnis zwischen Päpsten und Kaisern, so dass die theoretische Grundlage des »Heiligen« Römischen Reiches fortfiel, aber auch seine tatsächliche Macht bedroht war. Unter Heinrich IV. (1050-1106) erreichte der Konflikt seinen Höhepunkt. Auf der Synode von Worms (1076) erklärten er und die deutschen Bischöfe Papst Gregor VII. (1021-85) für abgesetzt. Die Antwort des Papstes bestand in der Exkommunikation und Absetzung des Königs, in der Entbindung der Untertanen vom Treueid und in der Bildung einer antikaiserlichen Koalition. Heinrich IV. erkannte, dass seine Position bedroht war. Er erzwang durch einen Bußgang nach Canossa (1077) die Aufhebung der Exkommunikation, musste aber den Papst als Schiedsrichter in Reichsangelegenheiten anerkennen. Seine Rache für die Demütigung waren ein Italienfeldzug und seine Kaiserkrönung durch den Gegenpapst Clemens III. Gregor VII. starb im Exil, der Streit endete unter Heinrich V. unter klarer Scheidung zwischen geistlichem Amt (Spiritualien) und weltlichem Besitz (Temporalien) mit einem Kompromiss: Der Bischof empfing die Temporalien aus der Hand des Kaisers, die Spiritualien von der Kirche (Wormser Konkordat, 1122). Der König konnte sich nun nicht mehr auf die Bischöfe als Reichsbeamte stützen, sie waren zu geistlichen Reichsfürsten geworden. Die kirchlichen und weltlichen Ansprüche des Reiches vertrat die Staufer-Dynastie (1138-1254) nachhaltig. Friedrich I. »Barbarossa« (von 1125-1190) und Heinrich VI. (1165 – 1197) verstanden sich als geheiligte Führer des deutschen Imperiums, das ihnen von Gott verliehen war. Auch Friedrich I. berief einen Gegenpapst, das führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem legitimen Papst Alexander III. (Papst 1159-81) sowie dem Veroneser und Lombardischen Städtebund. Auf Friedrichs I. Niederlage von Legnano (1176) folgte die Aussöhnung mit dem Papst im Frieden von Venedig (1177). Ein zerstörter Traum
Heinrich VI. erhob nach seiner Eheschließung mit Konstanze, der Erbin des normannischen Königs Roger II. von Sizilien, Anspruch auf alle normannischen Besitzungen in Italien. Er träumte sogar von der Eroberung der Städte Tunis und Konstantinopel und ließ die erste kaiserliche Flotte bauen. Einer Opposition der deutschen, mit England verbündeten Fürsten nahm er den stärksten außenpolitischen Rückhalt, als er 1192 den von einer Kreuzfahrt heimkehrenden englischen König Richard I. Löwenherz (1157-99) gefangen nahm. Richard I. kam erst 1194 gegen ein hohes Lösegeld wieder frei. Heinrichs Sohn Friedrich II. (1194-1250) wuchs in Sizilien auf und war vom Wesen her mehr Südländer als Deutscher. Unter diesem ehrgeizigen, skeptischen Herrscher, der mit dem Papst tödlich verfeindet war, erreichte das Heilige Römische Reich seine größte Machtentfaltung. Für Friedrich II. war Deutschland nur ein Nebenland des Imperiums. Dem Mongoleneinfall von 1241 stellten sich weder der Kaiser noch ein Reichsheer, sondern nur die unmittelbar betroffenen Fürsten. Nach Friedrichs Tod sorgten die Päpste dafür, dass das Haus der Staufer unterging. Das Heilige Römische Reich blieb zwar bis 1806 formal bestehen, führte aber nur noch ein Schattendasein.

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Info 22.11.2017 17:24
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