Das Osmanische Reich

Die osmanischen Türken (benannt nach ihrem Emir Osman, um 1258-1326) waren ursprünglich kriegerische, nomadisierende Jäger und Viehzüchter. Sie hatten ihre Heimat im Altai-Gebiet etwa im 10. Jahrhundert verlassen und waren unter mongolischem und seldschukischem Druck auf Nahrungssuche nach Westen gezogen. Im 13. Jahrhundert tauchten sie an der Ostgrenze des Byzantinischen Reiches auf. Osman löste um 1300 sein Lehensverhältnis mit dem zerfallenden Seldschuken reich und vergrößerte sein Gebiet, vor allem in Kämpfen mit Byzanz. Unter Osmans Nachfolger Orhan (Regierungszeit 1326-59) betraten die Osmanen 1356 das europäische Festland und begannen, den Balkan zu erobern und die Feldzüge nach dem Norden auszudehnen. Die Hauptstadt wurde von dem 1326 eroberten Bursa in das 1361 besetzte, in Edirne umbenannte Adrianopel in Thrakien verlegt. Das Osmanische Reich wird Großmacht
Murad I. (Regierungszeit 1359-89), Orhans Nachfolger, versuchte, das Reich durch eine geschickte Großmachtpolitik zu sichern: Er ließ die weltliche und kirchliche Verwaltung der eroberten byzantinischen Gebiete unangetastet. Die Priester fungierten auch als Steuereinnehmer und Sittenwächter, die Bauern genossen dieselben, wenn nicht sogar mehr Rechte als unter griechischer Herrschaft. Daher beruhte der Erfolg der Osmanen zumindest teilweise auf der Tatsache, dass der einheimische Bauernstand von den Eroberern eine Verbesserung der Lebensverhältnisse erwarten konnte. Das Vordringen der Osmanen nach Westen wurde nur am Ende des 14. Jahrhunderts für eine Zeitlang unterbrochen. Die Tataren unter der Führung Timur (Tamerlan, 1336-1405) fielen in Anatolien ein und schufen unabhängige türkische Emirate. Diese Fürstentümer überdauerten nur kurze Zeit, sie hatten jedoch Anatoliens Verletzbarkeit offenbar gemacht. Solange die Politik der Osmanen vorrangig auf die Expansion in europäische Gebiete ausgerichtet war, blieb Anatolien - als demographische Basis ein unentbehrlicher Teil des Reiches - den Angriffen von Persern und Tataren, aber auch inneren Unruhen schutzlos ausgesetzt. Das Goldene Zeitalter
Seine Blüte erlebte das Osmanische Reich unter Murad II. (Regierungszeit 1421-51) und Mehmed II. (Regierungszeit 1451-81). Murad II. stützte sich vor allem auf seine Janitscharen, eine Truppe aus zwangsweise rekrutierten und zum Islam bekehrten jungen Christen, die dem Sultan absoluten Gehorsam schuldeten. Später bildete diese Elitetruppe einen eigenen Stand. Mehmed II., »der Eroberer«, gab dem Byzantinischen Reich den Todesstoß. Nach langer Belagerung nahm er 1453 Konstantinopel ein, nannte es Istanbul und machte es zur Hauptstadt. Damit hatten die Osmanen endlich ein angemessenes kulturelles und politisches Zentrum. Mehmed II. war jetzt Alleinherrscher über die Welt der Spätantike. Durch die Verlegung des Hofes in die neue Hauptstadt drängten seine Janitscharen den alten türkischen Adel in den Hintergrund. Anatolien lag nun weit ab vom Zentrum der Macht, seine Ostgrenze war gefährdeter denn je. Selim I. (Regierungszeit 1512-20) besiegte 1517 die Mameluken und dehnte die Osmanenherrschaft über Syrien und Nordafrika aus. Suleiman I. der Prächtige (Regierungszeit 1520-66) verkörperte die Glanzzeit des Reiches. Er dehnte seine Herrschaft über Ungarn, Mesopotamien und Teile Arabiens aus. Die Notwendigkeit, ein starkes Heer in Anatolien zu stationieren, sowie die weiten Transport- und Versorgungswege verhinderten ein weiteres Vordringen in .den Westen. So scheiterte 1529 die erste Belagerung Wiens. Erfolgreicher waren die türkischen Seefahrer, deren Schiffe in den Werften von Konstantinopel gebaut wurden. Erst die von den Türken verlorene Seeschlacht von Lepanto am Golf von Korinth (1571) drängte sie in das östliche Mittelmeer zurück. Niedergang und Ende
Der Machtkampf zwischen Habsburg und dem benachbarten Osmanischen Reich wurde im 15. und 16. Jahrhundert ausgetragen. Um 1600 setzte der Niedergang des Osmanischen Reiches ein. Ursache waren vor allem Parteihader und Haremsintrigen in der Hauptstadt sowie feindlicher Druck auf die Ostgrenze. Auch die zweite Belagerung Wiens im Jahre 1683 war ohne Erfolg. Der Sultan besaß im Osmanischen Reich die absolute Gewalt. Thronfolger war ursprünglich der jeweils fähigste, später der älteste Sohn. Der Streit um die Thronfolge führte häufig zu blutigen Unruhen. Die innere Gliederung in Stämme wurde im Osmanischen Reich niemals aufgegeben, da die Methode, erobertes Land in Kriegslehen (Timors) aufzuteilen, die Entstehung eines staatstragenden, grundbesitzenden Adels verhinderte, kam es nicht zur Entwicklung eines Nationalstaates mit einer Regierung. Die Zentralregierung, der Diwan, blieb relativ machtlos. Selbst die Großwesire, nach Suleimans I. Tod die wahren Herren im Lande, hatten keine starke Position. Unfähigkeit und Korruption schwächten das Reich schließlich so sehr, dass es im 19. Jahrhundert dem militärischen Druck Russlands, der wirtschaftlichen Stärke westeuropäischer Mächte und dem Nationalgefühl der Balkanvölker nicht mehr Widerstand leisten konnte. Eine Verfassungsreform der Jungtürken (1908) kam zu spät. Die von Mustafa Kemal Pascha Atatürk (1880-1938) gegründete türkische Republik besteht nur noch aus Anatolien und einem Teil von Thrakien.