Europäische Entdeckungsreisen

Am Ende des 15. Jahrhunderts fuhr Vasco da Gama (1469-1525) um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien, Christoph Kolumbus (um 1451-1506) entdeckte 1492 auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien eher zufällig Amerika. So begann ein Zeitalter der Entdeckungen, in dem die Europäer alle sieben Weltmeere befuhren, in den meisten bewohnten Gebieten der Erde an Land gingen und lernen sollten, die Welt als Ganzes zu betrachten. Die Seereisen nach Osten führten jedoch nicht in völlig unbekannte Länder, sie stellten nur neue Wege in bereits bekannte Gebiete dar. Die Leistung Marco Polos
Alexander der Große hatte die Griechen durch Persien nach Indien geführt. Rom hatte Seide und Gewürze aus Asien gekauft und die geographischen Vorstellungen eines Ptolemaios an das mittelalterliche Europa weitergegeben, Byzanz war seit langem eine Brücke zwischen Europa und Asien. Erst der Islam hatte das christliche Europa von der Verbindung mit Süd- und Ostasien abgeschnitten, die Eroberungszüge Dschingis-Chans (1157 oder 1167 -1227) lockerten wenigstens vorübergehend den Druck durch die islamische Welt. Die Mongolenreiche, die sich von Russland bis China erstreckten, ermöglichten einen direkten Handel zwischen West und Ost. Im Jahr 1271 reiste Marco Polo (1254-1323) durch Innerasien zum Hof Kubilais (1215-94) in Peking. Sein Vater Niccolö und dessen Bruder Matteo (Maffeo) waren bereits 1260-69 als Händler bis nach China gelangt, die Reise von 1271 unternahmen sie von Palästina aus gemeinsam über Persien. Die Rückreise erfolgte auf dem Seeweg bis Hormus, über Land bis Konstantinopel und per Schiff bis Venedig (1295). Die Bedeutung Chinas
Ein Handbuch für Kaufleute, »La Pratica della Mercatura«, (um 1350) schilderte die 140-Tage-Reise vom Schwarzen Meer nach China, es führte nicht weniger als 288 Gewürze und Genussmittel auf, die man auf den Märkten Asiens kaufen konnte. Aber diese Kontakte durch Kaufleute und Missionare wurden durch die Heere Timurs (1336-1405) und die Dynastien erneut unterbrochen, die nach dem Zerfall der Tatarenreiche entstanden. Da die Tataren den Landweg sperrten, war die Entdeckung des Seewegs nach Osten für Europas Handel lebenswichtig. Am Ende der langen Reise gen Osten lag China, die Ming-Dynastie (1368-1644) vertrieb die Mongolen, brachte das Wirtschaftsleben in Ordnung und vervollkommnete den Verwaltungsapparat. Angesichts der von äußeren Feinden und der Geißel japanischer Seeräuber ausgehenden Gefahren zogen sich die Ming-Kaiser in die Isolierung zurück und brachen die Beziehungen zu einigen tributpflichtigen Ländern ab. Sie untersagten Auslandsreisen, verwiesen ausländische Kaufleute des Landes und verboten den privaten Handel mit dem Ausland. Dennoch trieben über 150 kleinere Fürsten in Mittelasien Handel mit China unter dem Deckmantel von Tributen. Die Flottenexpeditionen des Tscheng Ho (um 1371 bis um 1433) ließen zwar Möglichkeiten einer Expansion über See erkennen, doch wurden diese von China nie realisiert. Durch seine freiwillige Abkapselung nutzte China den gewinnbringenden Handel mit den Häfen des Indischen Ozeans und der Sundainseln nicht aus. Dieser Handel lag in den Händen ostindischer Fürstentümer und einer aus Arabern, Persern und Indern zusammengewürfelten Kaufmannschaft. Die indischen Staaten waren mehr damit beschäftigt, ihre Nordgrenzen zu verteidigen und Gebietszuwachs im Süden zu suchen, als aufs offene Meer hinauszufahren. Babur (1483-1530), der erste Großmogul, ein Nachkomme Timurs, begann seine Eroberung Indiens, bald nachdem Vasco da Gama Kalikut erreicht hatte. Aber sein Reich blieb auf den Subkontinent beschränkt und besaß nie eine eigene Hochseeflotte. Europas gefährlichste Feinde waren seine nächsten Nachbarn, die osmanischen Türken. Nach der Einnahme Konstantinopels (1453) beherrschten die Osmanen die Brücke zwischen Europa und Asien, durch Eroberung von Ägypten und Syrien (1516/17), die von Mameluken regiert wurden (ursprünglich fatimidische Söldner türkischer oder kaukasischer Herkunft), unterbrachen sie die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Osten und nahmen den Venezianern und Genuesen einen erheblichen Teil des einträglichen Handels ab. Vorstoß der Osmanen nach Europa
Zu den folgenschwersten Entscheidungen in neuerer Zeit gehört wahrscheinlich der türkische Entschluss, in westlicher Richtung nach Europa vorzustoßen. Türkische Heere besetzten Ungarn und drangen bis zu den Toren Wiens vor. Ihre Vorherrschaft auf dem Balkan, im Schwarzmeergebiet und in der Levante verschloss den Osten der europäischen Expansion. Für Europa blieb nur der Weg nach Westen frei: Es waren jetzt die Mächte am Westrand Europas, auf der Iberischen Halbinsel, die neue Wege suchten, sei es an den Küsten Afrikas oder über das offene Meer hinaus nach Westen. Die Europäer berührten in Asien nur die Küstengebiete der großen Reiche. Ähnlich war es in Afrika: Der Norden stand seit langem unter dem Einfluss des Islams, das Landesinnere blieb noch lange unbekannt. In der Neuen Welt war die Lage anders. Hier entdeckten die Europäer tatsächlich einen Kontinent, der zur übrigen Welt keine Verbindung besaß. Hier bestanden in sich geschlossene Kulturen, die großartige Baudenkmäler errichtet hatten, deren übrige technische Kenntnisse aber weit hinter denen Europas oder Asiens zurückhinkten. Hier stießen zwei völlig verschiedene Kulturen zusammen, die sich erstmals in der Geschichte begegneten.

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Info 18.12.2017 00:10
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