Die Ostkolonisation

Vor dem Jahr 1000, als in Westeuropa das Leben in Stadt und Land einen lebhaften Aufschwung nahm, waren die riesigen Landgebiete Osteuropas mit ihren ausgedehnten Wäldern und offenen Ebenen nur dünn besiedelt, die Mittelgebirge bildeten kein Hindernis für Wanderungen von Stämmen und Völkern. Die Hirtenvölker der Karpaten, die Nomaden der südrussischen Steppen, die sich im Donautiefland niederließen, und die Waldbewohner an der Weichsel (Vorfahren der heutigen Rumänen, Ungarn und Polen) zogen zwischen Ostsee und Donau, den Pripjatsümpfen (Polesje) und der Elbe hin und her. Sie blieben von den politischen oder religiösen Bindungen der sesshaften Bevölkerung unberührt. Die Waldbevölkerung, polnische und tschechische Slawen, untergliederte sich offenbar in zahlreiche Stämme. Ihre befestigten Siedlungen, die sie auf Hügeln oder inmitten von Sumpfgebieten anlegten, sind zum Teil in neuerer Zeit wieder ausgegraben worden. Die Weidegebiete an der mittleren Donau waren das Ziel mehrerer Nomadeneinfälle. Diese Völker lebten von Beutezügen in die Nachbargebiete. Im ausgehenden 9. Jahrhundert drangen die wilden Madjaren, ein Reitervolk aus dem Ural mit finnisch ugrischer Sprache, in die Donau-Theiß-Ebene ein. Deutscher Einfluss
Westliche Nachbarn dieser Völkerschaften waren die Deutschen, bei denen sich in dieser Zeit ein Nationalbewusstsein ausbildete. Sie hatten zu den Slawen im Allgemeinen ein enges und friedliches Verhältnis. Ihre christliche Kultur im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches übte einen fruchtbaren Einfluss auf die Nachbarn aus. Unter den mächtigen Ottonen (919-1024, Kaiser ab 962) wurde dieser Einfluss ständig größer. Daraufhin vereinigten sich die Stämme im Osten zum ersten Mal in der Geschichte: Um 1000 hatten sich die Madjaren (deren Einfälle durch den deutschen Sieg auf dem Lechfeld 955 gestoppt wurden), die Böhmen und die Polen jeweils unter einer eigenen, selbständigen Dynastie zusammengeschlossen. Schon früh kam es zur Ausbreitung des Christentums. Bereits im 9. Jahrhundert hatten byzantinische Missionare die Morawer bekehrt, deren Reich wurde von den Madjaren vernichtet. An seiner Stelle entstand unter deutschem Einfluss das tschechische Herzogtum Böhmen, der erste Herrscher, der hl. Wenzel (um 907-929), nahm den christlichen Glauben an und wurde Vasall des deutschen Königs. Böhmen wurde zum Brennpunkt der osteuropäischen Entwicklung. Herzog Bolesfawl. (Regierungszeit 929-972) war der Schwiegervater des ersten polnischen Herzogs Mieszko I. (Regierungszeit um 960-992), Mieszko I. nahm das Christentum an. Etwa zur gleichen Zeit ließ sich unter dem Einfluss des hl. Adalbert (um 956-997), Bischof von Prag, der ungarische Herzog Stephan (Regierungszeit 997-1038) taufen. Im Jahre 1000 empfing der polnische Herzog Bolesfaw I., Chrobry (Regierungszeit 992-1025), eine Krone vom Kaiser, Stephan hingegen, der dem Einfluss des Ostchristentums in Ungarn ein Ende setzte, erhielt eine Krone vom Papst. Das Nationalbewusstsein
Im 11. Jahrhundert entstand bei den Böhmen, Polen und Ungarn ein Gefühl für ihre nationale Eigenart. Die Pfemysliden von Böhmen erhielten den Königstitel erst im Jahr 1198. Obwohl sie in das Deutsche Reich eingegliedert waren, bewahrten sie sich ihre slawische Sprache und die althergebrachten Sitten. Die polnische Dynastie der Piasten war stärker antideutsch eingestellt, ihr Hof in Gnesen wurde Mittelpunkt des Widerstandes gegen die Expansionsbestrebungen der salischen Kaiser. Aber ihr riesiges Herrschaftsgebiet war nur oberflächlich geeint: Von 1079 bis zum Ende des 13. Jahrhunderts regierten gleichzeitig mehrere Piastenfürsten. Während dieser ganzen Zeit wurde das nationale Selbstverständnis der Polen nur durch eine Nationalkirche und die gemeinsame Kultur aufrechterhalten. Das ungarische Haus der Arpaden konnte seine Einheit in enger Verbindung mit den deutschen Kaisern bewahren, Ungarn erlebte als Brücke zwischen Byzanz, Russland und Westeuropa eine Blütezeit. Stadtgründungen und Besiedlung
Nach 1002 drangen die germanischen Völker vorerst nicht weiter nach Osten vor. Die Grenzlinie zu den slawischen Gebieten bildete etwa Pommern, Polen und Ungarn, nach 1100 kam diese deutsche Bewegung jedoch wieder in Gang. Den slawischen und madjarischen Herrschern waren die Deutschen Siedler willkommen. Zuerst kamen Kaufleute und ließen sich in den wendischen, polnischen und böhmischen Städten, besonders in Lübeck und Danzig, nieder. Im 12. Jahrhundert folgten Bauern, die die fruchtbaren Gebiete Schlesiens besiedelten, sich über Böhmen und Teile von Ungarn ausbreiteten und Transsilvanien (Siebenbürgen) erschlossen. Als letzte kamen deutsche Ritterorden. Im Jahre 1237 schlossen sich mehrere Ritterorden zum Deutschen Orden zusammen. Auf dem Höhepunkt seiner Macht reichte seine Herrschaft von der Neumark bis Estland, zahlreiche an der See gelegene Städte schlossen sich dem Bündnis der Hanse an. Die Hanse spielte in Nordosteuropa nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell und politisch eine beherrschende Rolle. Trotz häufiger Zwistigkeiten zwischen dem Deutschen Orden und Polen blieben die Beziehungen zwischen Siedlern und der einheimischen Bevölkerung – zum gegenseitigen Nutzen – im Allgemeinen freundlich.