Die ersten Hominiden

Selbst die bemerkenswerten Funde fossiler Reste menschenähnlicher Wesen, die in den letzten Jahren vor allem in Süd- und Ostafrika gemacht wurden, haben die großen Lücken nicht zu schließen vermocht, die unser Wissen von der Frühgeschichte der menschlichen Art noch immer aufweist. Genaue Untersuchungen von Knochen, Waffen und Werkzeugen ließen neue Theorien darüber entstehen, wie die Vorfahren des Menschen aussahen und wann der Mensch erstmals auftrat. Die Funde sind jedoch in aller Regel bruchstückhaft, weil nur selten ganze Knochen gefunden werden, geschweige denn vollständige Skelette. Dies macht die Rekonstruktion fehlender Teile und die Zuordnung neuer Funde zu bereits bekannten problematisch. Eine weitere Schwierigkeit kommt hinzu: Wer nach oft jahrelangem Suchen einen Skelettrest fand, war leicht geneigt, ihm einen neuen Namen zu geben. Es entstand eine verwirrende Fülle von Namen, die die Einordnung der Einzelfunde erschwerte. Der Verlauf der Evolution
Das Skelett des heutigen Menschen zeichnet sich gegenüber dem der anderen Primaten durch eine Reihe von Merkmalen aus, die sich im Lauf der Evolution im Zusammenhang mit einer Änderung der Lebensweise allmählich herausgebildet haben. Die schrittweise Änderung dieser Merkmale ist durch viele Funde belegt. Die Entwicklung zum Menschen ist gekennzeichnet durch eine allmähliche Zunahme der Größe und Komplexität des Gehirns, die von einer Änderung der Schädelanatomie begleitet wurde. Der aufrechte zweifüßige Gang (Bipedie) des Menschen hat sich aus der gebeugten Haltung bei Fortbewegung auf vier Beinen entwickelt, dabei musste eine Veränderung der Beckenknochen, Verlängerung der Beinknochen und Änderung des Fußskeletts eintreten. Die Wirbelsäule ist mehr und mehr unter den Schwerpunkt des Schädels gerückt, damit hat sich auch die Lage des Hinterhauptlochs, durch das das verlängerte Rückenmark in den Schädel eintritt, so verändert, dass es senkrecht nach unten und nicht, wie etwa bei den heutigen Menschenaffen, nach hinten weist. Daumen und Zeigefinger der Menschenhand sind voll opponierbar (sie können, sich mit den Spitzen berührend, ein O bilden), das ermöglicht ein präzises und festes Greifen. Die frühesten Hominiden
Nach wie vor ist umstritten, wann der erste Hominide – das erste Lebewesen also, das nur in die Vorfahrenreihe des Menschen und keines der heutigen Affen gehört – aufgetreten ist. Ramapithecus, der vor 14-12 Millionen Jahren lebte, ist sicherlich einer der frühesten Hominiden, ob er allerdings in der direkten Ahnenreihe des Menschen steht, ist ungewiss. Bestimmt gehört auch die Gattung Australopithecus (»Südaffe«) in die Familie der Hominiden (Hominidae), doch auch hier ist die unmittelbare Ahnenschaft nicht sicher. Seit Raymond Dart 1924 in Taung (Republik Südafrika) den fossilen Schädel eines Kindes entdeckte, sind in Südafrika, Kenia und Tansania viele weitere Skelet teile und Schädel des Australopithecus gefunden worden, deren älteste etwa 5 Millionen Jahre alt sind. Die Zugehörigkeit der verschiedenen Typen, des grazileren Australopithecus africanus, zu dem das Kind von Taung gehört, und des kräftigeren A. robustus, der erstmals 1938 in Kromdraai (Republik Südafrika) gefunden wurde, zu verschiedenen Gattungen (Paranthropus, Zinjanthropus) wurde diskutiert. Heute besteht jedoch weitgehend Übereinstimmung darüber, sie als die Arten A. africanus und A. robustus einer Gattung (Australopithecus) zuzuordnen. Eventuell ist noch eine dritte Art (A. boisei) anzunehmen, die erstmals 1959 von Louis und Mary Leakey in der Oldowayschlucht am Rande der Serengeti in Tansania gefunden wurde. Eine große Schwierigkeit bei der Einordnung der verschiedenen Funde liegt in der genauen Altersbestimmung. Aufgrund der Analysen von pflanzlichen und tierischen Begleitfossilien lässt sich eine relative Altersbestimmung vornehmen, die für die südafrikanischen Funde der Australopithezinen ein Alter von etwa 2,5 Millionen Jahren (Taung und Sterkfontein) ergeben hat. Bei den ostafrikanischen Funden des Australopithecus, die insgesamt älter sind, ist eine absolute Altersbestimmung mit Hilfe der Kalium-Argon-Methode möglich gewesen, da die Funde in vulkanischem Gestein eingebettet waren. Die Lebensweise der Australopithezinen
Knochen allein geben nur ein unsicheres Bild vom Aussehen eines Lebewesens, z. B. von seinen Gesichtszügen oder der Körperbehaarung. Noch schwieriger ist es, seine Lebensweise zu rekonstruieren. Immerhin sprechen die Skelettfunde für die Bipedie der Australopithezinen, wenn auch möglicherweise der Gang des heutigen Menschen noch nicht voll entwickelt war. Werkzeuge (unbearbeitetes Material) und Geräte (bearbeitetes Material) aus Knochen und Stein sowie das recht menschenähnliche Gebiss (parabolische Zahnreihen, kleine Eckzähne) lassen einige Schlüsse hinsichtlich der Ernährungs- und Jagdweise der Australopithezinen zu. Das Leben in der offenen Savanne stellte hohe Anforderungen an sie, denen sie nur aufgrund der Entwicklung besonderer körperlicher und geistiger Eigenschaften gewachsen waren. Australopithecus africanus, die menschenähnlichste der drei Arten, lebte in kleinen Gruppen. Die Weibchen schützten die Jungen und sammelten pflanzliche Nahrung, während die Männchen gemeinsam auf Jagd gingen oder Raubtiere von ihrer Beute vertrieben. A. robustus, dessen Scheitelkamm Ansatzstelle für eine stark ausgebildete Kaumuskulatur war, wie sie für Pflanzenfresser typisch ist, hat sich wohl überwiegend von Früchten, Wurzeln u. ä. ernährt.

Forum (Kommentare)

Info 18.01.2018 05:10
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.