Vom Altmenschen zum modernen Menschen

Der Altmensch Homo erectus und der Homo sapiens, zu dem auch die heute lebenden Menschen gehören, sind zwei Arten der Gattung Homo. Sie unterscheiden sich anatomisch vor allem durch den Bau des Schädels, und hier besonders durch das Gehirnvolumen, das beim Homo sapiens mit durchschnittlich 1400 cm3 um mehr als ein Drittel größer ist als beim Homo erectus (1000 cm3). Im übrigen Skelett unterscheiden sich die beiden Arten kaum. Gesicherte Nachweise für die jüngsten Vorkommen des Homo erectus sind die Funde des Peking-Menschen von Choukoutien bei Peking (etwa 400 000-200 000 Jahre alt), die ältesten Fossilien eines Homo sapiens sind höchstens 250 000 Jahre alt. Eine Reihe von Funden vermitteln hinsichtlich der Besonderheiten des Schädelskeletts und der Größe des Gehirnvolumens zwischen Homo erectus und Homo sapiens, vor allem die Funde von Vertesszöllös (1325 cm3/400 000 Jahre), Petralona (1200 cm3/450 000 Jahre), Broken Hill in Sambia (»Rhodesier«: 1280 cm3/40 000 Jahre), NangdonginJava (1000 cm3/100 000 Jahre). Die ältesten Funde, die zum Homo sapiens gerechnet werden, stammen aus Europa man kann jedoch mit Sicherheit annehmen, dass die Evolution des Jetztmenschen außerhalb Europas erfolgte. Die beiden bislang ältesten Individuen des Homo sapiens wurden in Swanscombe (Südengland) und in Steinheim bei Stuttgart gefunden. Beide stammen aus der Mindel-Riss-Zwischeneiszeit und sind etwa 250 000-200 000 Jahre alt. Das Gehirnvolumen des Steinheim-Menschen wird auf 1150 cm3 geschätzt, das des Swanscombe-Menschen auf 1300 cm3. Die Überaugenbögen beider Schädel ähneln eher denen des Homo erectus, das hochgerundete Hinterhaupt hingegen wirkt moderner als das des jüngeren Neandertalers (Homo sapiens neanderthalensis), einer Unterart des Homo sapiens. Diese und einige andere Funde aus dem mittleren Pleistozän ähneln überhaupt in vielen Merkmalen mehr dem modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) als dem klassischen Neandertaler. Dies gibt Grund zu der Annahme, dass die frühen Formen des Homo sapiens sich in zwei Linien aufgespalten haben: eine unmittelbar zum modernen Menschen führende und eine (vor allem in West- und Mitteleuropa), die zum Neandertaler führt. Der Neandertaler und die Anfänge der Kultur
Der erste Fund eines Neandertalers, der zugleich auch der erste gesicherte Fund eines fossilen Menschen überhaupt war, gelang 1856 dem Lehrer Johann Carl Fuhlrott im Neandertal bei Düsseldorf. Seitdem fanden sich viele weitere Schädel, Knochenteile, Geräte und andere Hinweise auf die Kultur des Neandertalers, so dass einige detaillierte Aussagen über seine Lebensweise möglich sind. In der letzten Eiszeit, der Wurm-Eiszeit, der vor etwa 35 000 Jahren, lebten typische Formen des Neandertalers in Europa, weniger ausgeprägte Formen auch in Israel, Marokko und Libyen. Fuhlrott hatte seine Auffassung, dass das von ihm beschriebene Schädelfragment einem eiszeitlichen Menschen gehörte, gegen die heftigsten Angriffe der Anti-Evolutionisten seiner Zeit zu verteidigen. Als sich die Auffassung, dass hier in der Tat ein eiszeitlicher, fast 100 000 Jahre alter Mensch gefunden worden war, durchzusetzen anfing, bemächtigte sich die Karikatur des Neandertalers und machte ihn zum Inbegriff des primitiven Urmenschen. Dieses Bild ist absolut unzutreffend. Sicher unterschied sich der Neandertaler mit seinem kräftigeren Knochenbau und den charakteristischen Überaugenbögen vom Jetztmenschen. Doch sein Gehirnvolumen lag, bei einer durchschnittlichen Körpergröße von 170 cm, mit 1500 cm3 im Mittel deutlich über dem des heutigen Menschen. Der Neandertaler war ein guter Jäger, der bereits sorgfältig bearbeitete Steinwaffen benutzte. Einige Funde lassen auf eine gut entwickelte Kultur und sogar auf religiöse Vorstellungen schließen: 1908 entdeckte man bei Le Moustier in der Dordogne das Skelett eines jungen Mannes, der offenkundig bestattet worden war, an Fundstellen im Alpenraum fand man rituell bestattete Schädel von Höhlenbären – Hinweise darauf, dass der Neandertaler sich Gedanken über Leben und Tod machte und religiöse oder magische Rituale entwickelte. So gut man Einzelheiten des Lebens der Neandertaler rekonstruieren kann, so unsicher ist noch, welchen Platz sie im Stammbaum des heutigen Menschen einnehmen. Sind die Neandertaler vom Homo sapiens sapiens auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit ausgerottet oder verdrängt worden? In Westeuropa scheint der Wechsel recht schnell erfolgt zu sein, im Mittelmeergebiet (Funde vom Berg Karmel in Israel) dürften beide Unterarten aber nicht nur nebeneinander existiert, sondern sich sogar miteinander gekreuzt haben. Bei vielen der tropischen Neandertaler (z. B. sogenannter Rhodesier von Broken Hill, Saldanha-Mensch von Hopefield, Südafrika) neigt man heute zu der Auffassung, dass es sich um Spätformen des Homo erectus und nicht um Neandertaler handelte. Die Datierungsschwierigkeiten sind beträchtlich, vor allem wenn die Funde vom Boden einer Höhle und nicht aus Sedimenten stammen. Der moderne Mensch
Der Cro-Magnon-Mensch, d. h. der Homo sapiens sapiens, der den Neandertaler vor etwa 40 000 bis 35 000 Jahren in Westeuropa ziemlich abrupt ablöste, war wie dieser ein Jäger und Sammler. Seine Gerätetechnik war fortschrittlicher als die der Mousterien-Kultur des Neandertalers. Die Höhlenmalereien von Altamira (Nordspanien) und Lascaux (Südwestfrankreich) und Elfenbeinschnitzereien zeugen von der hohen Kultur dieser Nomaden aus dem Jungpaläolithikum, denen allerdings Landwirtschaft noch unbekannt war.