Die Ausbreitung des Menschen (1)

Die Wiege der Menschheit stand vermutlich in Ostafrika, wo sich vor etwa fünf Millionen Jahren die Australopithezinen entwickelten. Von dort hat sich der Mensch über die Erde ausgebreitet. Besonders zwei Faktoren haben Geschwindigkeit und Ausmaß der Verbreitung des Menschen bestimmt: das Klima und die Fähigkeit des Menschen, sich den klimatischen Gegebenheiten anzupassen. Die Werkzeuge zum Überleben
Funde von Fossilien des Homo erectus in Europa und Asien beweisen, dass der Mensch schon vor mehr als einer Million Jahren weit über seine afrikanische Heimat vorgedrungen war. Die Entwicklung der Sprache half den Angehörigen einer Gruppe des Homo erectus, sich bei der gemeinsamen Jagd genau zu verständigen. Vor allem aber schuf die Sprache die wichtigste Voraussetzung für eine schnelle kulturelle Entwicklung, die zunächst Ausdruck in der Verbesserung der Jagdwaffen und Steingeräte fand. Die Entdeckung des Feuers durch den Homo erectus spätestens vor 500 000 Jahren stellte einen entscheidenden Fortschritt im Kampf ums Überleben dar. Die ständig wachsende Geschicklichkeit bei der Herstellung von Geräten, insbesondere aber die Beherrschung des Feuers ermöglichten es dann dem Neandertaler, auch den Unbilden der letzten Eiszeit zu widerstehen. Vor allem diese Leistung lässt die zunächst nur auf anatomischen Merkmalen fußende Zuordnung des Neandertalers zum Homo sapiens – der Art, zu der auch der heutige Mensch gehört – berechtigt erscheinen. Der Neandertaler fertigte bereits Kleidung aus Tierfellen an, er benutzte das Feuer, um sich zu wärmen und um seine Nahrung zuzubereiten. Er war ein erfindungsreicher Fallensteller und erfolgreicher Jäger auch großer Säugetiere, was die Zusammenarbeit mehrerer Gruppen von Jägern voraussetzte. So wurde er mit einer Umwelt fertig, in der frühe Hominiden wie der Australopithecus nicht hätten überleben können. Eiszeitliche Kulturen des Homo sapiens sapiens
Die erste kulturelle Blütezeit des neuzeitlichen Menschen, des Homo sapiens sapiens, fällt in die letzte, wärmere Periode der letzten Eiszeit (Würm-Eiszeit) von etwa 36 000-20 000 v. Chr. Diese früheste Kultur der Altsteinzeit (Paläolithikum) wird nach der ersten Fundstelle der typischen Steingeräte als Aurignac-Kultur bezeichnet. Sie ist aber keineswegs auf Frankreich beschränkt, vielmehr finden sich Hinweise auf ausgedehnte Wanderungen des Menschen dieser Zeit innerhalb Europas und von Europa nach Asien. In Osteuropa war etwa gleichzeitig die Gravettien-Kultur verbreitet. Das wichtigste Beutetier des Menschen dieser Epoche war das Mammut. Es lieferte Fleisch als Nahrung sowie Felle, aus denen Kleidung und Zelte hergestellt wurden. Die Stoßzähne wurden zu Geräten und Elfenbeinschnitzereien verarbeitet, die mächtigen Knochen dienten als Gerüst für Hütten und Zelte. In ähnlicher Weise, wie der Mensch des Jung-paläolithikums den Mammutherden nachzog, folgen die Lappen heute noch den Rentierherden. Das letzte größere Vordringen des Eises vor etwa 18 000 Jahren bereitete den Wanderzügen des Menschen ein Ende. Er hatte jedoch inzwischen eine so hohe Stufe der kulturellen Entwicklung erreicht, dass er auch unter den sich verschlechternden Klimabedingungen überleben konnte. Die Menschen der Magdalenien-Kultur, der jüngsten Kultur der Altsteinzeit, lebten unter vergleichbaren klimatischen Bedingungen und ähnlich wie heute die Eskimos. Die Höhlenmalereien von Altamira in Spanien und Lascaux in Frankreich (etwa 15 000 v. Chr.) geben ein eindrucksvolles Zeugnis von der Höhe dieser altsteinzeitlichen Kultur. Als mit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren die Gletscher zurückgingen, nahm der Mensch Westeuropas seine Wanderzüge wieder auf und folgte den nordwärts ziehenden Rentierherden. Mittel- und Jungsteinzeit (Meso- und Neolithikum)
In Westeuropa selbst bildeten sich die mesolithischen Kulturen aus. Sie wurden von der Notwendigkeit bestimmt, sich der zunehmenden Ausbreitung der Wälder anzupassen. Der Lebensraum der Menschen beschränkte sich zunächst weitgehend auf Fluss- und Seeufer, die Meeresküsten und große Lichtungen. Mit neu entwickelten Geräten, vor allem mit gestielten Steinäxten, konnten Bäume gefällt und Holz bearbeitet werden. Die Analyse des Pollens, der in mesolithischen Sedimenten gefunden wurde, ergab, dass an vielen Stellen der von Bäumen stammende Pollen fortlaufend abnahm zugunsten des Pollens von Gräsern. Daraus lässt sich schließen, dass die Menschen des Mesolithikums – mit Äxten, aber auch mit Hilfe des Feuers – Rodungen anlegten. Pfeil und Bogen dienten als neue Jagdwaffen für Rot-, Reh- und Kleinwild. Der Hund war bereits domestiziert und wurde sicher schon im Mesolithikum bei der Jagd eingesetzt. Aus Häuten oder ausgehöhlten Baumstämmen gefertigte Boote ermöglichten die bessere Nutzung der nun eisfreien Seen. Die reiche Vegetation lieferte Früchte, Beeren und Wurzeln. Der Übergang vom Jäger und Sammler zum Ackerbauer und Viehzüchter erfolgte im Nahen Osten. Er kennzeichnet den Beginn der Jungsteinzeit. Tierzucht und Anbau von Pflanzen brachten den Menschen einen entscheidenden Schritt auf dem Wege zur Unabhängigkeit von seiner Umwelt voran. Die Bevölkerungszahl wuchs rasch, die ersten Städte wurden gegründet. Auch der Handel trug seinen Teil dazu bei, dass die Menschen neue Wohnsitze gründeten. Stärkerer Kontakt zwischen den Kulturen förderte den Austausch von Ideen und trieb die kulturelle Entwicklung voran.