Die Ausbreitung des Menschen (2)

Der Mensch bevölkert heute die ganze Erde. Fossilien der frühesten menschenähnlichen Wesen, der Australopithezinen, sind bislang nur in Ost- und Südafrika gefunden worden. Der Schluss liegt nahe, dass die Entwicklung zum Menschen in Afrika ihren Anfang genommen hat. Vor über einer Million Jahren waren Menschen der Art Homo erectus bereits in so weit auseinanderliegenden Teilen der Erde anzutreffen wie Südafrika und Java. Auch die ältesten im eurasischen Kontinent gefundenen Fossilien des Homo erectus sind älter als 700 000 Jahre. Allerdings sind nur wenige Fundorte bekannt, und das Fundmaterial ist insgesamt noch so gering, dass über mögliche Wanderwege des Vorfahren des Menschen von Ostafrika nach Asien oder Europa nur spekulative Aussagen möglich sind.

Selbst die Theorie vom Ursprung des Menschen in Afrika ist keineswegs unbestritten. Viele Eigenschaften auch des heutigen Menschen deuten auf einen tropischen oder subtropischen Ursprung hin, so dass man mit Sicherheit sagen kann, dem Auftauchen des Homo erectus in den zu keiner Zeit der jüngeren Erdgeschichte durch tropisches Klima gekennzeichneten Gegenden Mitteleuropas oder Chinas müsse eine Einwanderung aus wärmeren Gebieten vorausgegangen sein. Über die Zeit oder den Weg, den diese Wanderung genommen hat, kann man kaum Aussagen machen.

Recht genau sind hingegen die Wanderzüge des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) in vor- und frühgeschichtlicher Zeit belegt, mit denen die eigentliche Ausbreitung des Menschen über die Erde begann. Vor allem über die Besiedlung Amerikas und Australiens ist man verhältnismäßig gut informiert. Diese Wanderungen der frühen modernen Menschen waren keine planmäßigen Erkundungszüge. Wahrscheinlich folgten die Menschen als Jäger dem Wild in bislang unbewohnte Gegenden.

Die Besiedlung Amerikas
Die Klimaschwankungen der letzten Eiszeit hatten nicht nur tief greifende Wirkungen auf die Verbreitung der Tiere und Pflanzen, die dem Menschen als Nahrung dienten. Auch die Gestalt der Meere und Kontinente veränderte sich mit dem Klima: Während der Zeiten der größten Ausdehnung des Eises, als riesige Mengen Wassers gefroren waren, lag der Meeresspiegel sehr viel niedriger als heute. Zwischen den Kontinenten existierten Landbrücken, die heute versunken sind. Eine dieser Landbrücken verband im Gebiet der jetzigen Beringstraße Ostsibirien mit Alaska. Pflanzen und Tiere konnten sich über diese Landbrücke von Sibirien nach Alaska und weiter nach Süden verbreiten, und die Jäger folgten ihren Beutetieren, dem Karibu, Moschusochsen und Mammut, auf diesem Weg.

Wann die erste Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents stattgefunden hat, lässt sich nicht sicher sagen – zu viele Belege dieser Wanderung sind mit der Landbrücke untergegangen. Kein einziger Neandertaler oder gar Homo-erectus-Fund ist aus Amerika bekannt, so dass man mit einiger Sicherheit die Besiedlung des amerikanischen Kontinents nach dem ersten Auftreten des Homo sapiens sapiens, also später als 40 000 v. Chr., ansetzen kann. Ferner weiß man, dass die Landbrücke von Asien nach Amerika nur in bestimmten Zeiträumen (zwischen 36 000 und 32 000 und nochmals zwischen 28 000 und 20 000 v. Chr.) über einen eisfreien Korridor zwischen dem Haupteisschild und den Gletschern der Rocky Mountains passierbar, zu anderen Zeiten aber durch zusammenhängende Gletscher versperrt war.

Die Besiedlung Amerikas erfolgte in mehreren Wellen. Die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Indianergruppen Amerikas lassen sich wohl hierauf zurückführen. Sollte die früheste Wanderung der Paläoindianer tatsächlich bereits vor etwa 35 000 Jahren erfolgt sein, dann müssten diese frühen Einwanderer viel weniger mongolide Merkmale besessen haben als spätere Einwanderer, die zu einer Zeit kamen, als sich in Asien bereits die mongolide Rasse entwickelt hatte. Die Wellentheorie wird durch die Tatsache unterstützt, dass die am weitesten südlich anzutreffenden Indianer weniger mongolide Züge aufweisen als die nördlicheren und vor allem als die Eskimos.

Die Besiedlung Ozeaniens
Eine Reihe von Landbrücken, die Südostasien – wo der Mensch bereits sehr früh, als Homo erectus, anzutreffen war – mit Indonesien, Neuguinea und Australien verbanden, ermöglichten die Besiedlung auch des ozeanischen Raumes und Australiens. Die ersten Menschen erreichten Australien vor 20 000 oder schon 30 000 Jahren, und zwar an verschiedenen Stellen des Kontinents. Sie drangen bis Tasmanien vor, ehe es von Australien getrennt wurde. Auch die Vorfahren der Melanesier und Mikronesier stammen vom asiatischen Kontinent. Die Herkunft der Polynesier ist umstritten. Vielleicht kamen sie ebenfalls aus Asien. Heyerdahl hat ihre südamerikanische Herkunft zu beweisen versucht, indem er mit seinem Floß »Kon-Tiki« von Südamerika nach Tahiti segelte und so zeigte, dass eine Überquerung des Pazifik mit primitiven Mitteln möglich ist.

Der Homo sapiens in Afrika
Obwohl Afrika seit über fünf Millionen Jahren von Hominiden bewohnt ist, lässt sich von der Herkunft der verschiedenen Formen des Homo sapiens sapiens, die man heute dort findet, z. B. Neger, Hottentotten, Buschmänner, Pygmäen, aber auch europide Formen wie Berber, Tuareg und arabische Beduinen, kein klares Bild gewinnen. Ein Fund aus dem Omo-Tal deutet auf Verbindungen zwischen den sogenannten Rhodesier-Menschen (Alter über 40 000 Jahre) und den Negriden bzw. Buschmännern hin.

Kategorie: Die Evolution des Menschen