Chlodwig und die Allianz zwischen Merowingern und Galloromanen

Als der Ostgotenkönig Theoderich der Große 526 starb, hatte sich – knapp fünfzig Jahre nach dem Zusammenbruch des Römischen Weltreiches – die Landkarte Europas verändert. Auf den drei südlichen Halbinseln residierten verschiedene Herren: Spanien war weitgehend in der Hand der Westgoten, Italien zählte zum Reich der Ostgoten, und das Oströmische Reich, das sich für den Rechtsnachfolger des zerfallenen Gesamtreiches ausgab, beherrschte von seiner Hauptstadt Byzanz, nach dem römischen Kaiser Konstantin dem Großen auch Konstantinopel genannt, über die griechische Halbinsel hinaus das östliche Mittelmeer mit allen Anrainern von der heutigen Türkei bis nach Libyen in Nordafrika. Die Macht
Das Ostgotenreich beschränkte sich aber nicht auf Italien. Theoderich, aus der Sage als Dietrich von Bern bekannt, hatte eine Machtbasis ausgebaut, die bis an die Mündung der Rhone reichte, im Norden die heutige Schweiz, Österreich und Westungarn einschloss und im Osten den Westteil Jugoslawiens einbezog. Sein Plan, darüber hinaus die anderen germanischen Herrschaften in Mittel- und Westeuropa durch eine ausgeklügelte Heiratspolitik enger an sich zu binden und damit durch die Bildung eines germanischen Machtblocks Byzanz vor Rückeroberungsgelüsten zu warnen, scheiterte an dem ebenfalls zielstrebigen Vorgehen des Frankenkönigs Chlodwig. Der Bund der Freien
Von allen Reichsgründungen, die im Laufe der Völkerwanderung auf römischem Reichsboden stattfanden, war die der westgermanischen Franken am dauerhaftesten und für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte am folgenreichsten. Die Anfänge sind schwer nachzuzeichnen. Germanische Gruppen am Mittel- und Niederrhein – die Chamaven, Chattuarier, Brukterer, Usipier, Amsivarier, Sigambrer, Bataver, Tenkterer u. a. – gaben sich den gemeinsamen Namen »Franken«, was die »Freien« oder die »Kühnen« bedeutet, blieben aber in Kleinkönigtümer gespalten. Aus diesem lockeren Zusammenschluss bildeten sich mit der Zeit zwei Stammesteile, die zunächst keinen eigenen Namen trugen. Später bezeichnete man die von der Rheinmündung bis an den Ärmelkanal vorgedrungene Gruppe als »Salier«, während die das Rhein-Mosel-Gebiet besiedelnden »Ripuarier« genannt wurden. Letztere nutzten bald die römische Schwäche aus und gründeten ein Reich um den Mittelpunkt Köln, das auch Gebiete der Hessen umfasste. Die Salier aber hielt es nicht an der Küste der südlichen Nordsee und des Ärmelkanals: Unaufhaltsam drängten sie weiter nach Süden. Immer wieder versuchte Rom, sie in das Reich zu integrieren: Um sie aufzuhalten, teilte man ihnen Siedlungsland zu, um ihre Kampfeslust abzulenken, setzte man sie als Verbündete Roms gegen die einfallenden Westgoten, Sachsen und Alemannen (auch: Alamannen) ein, wofür es entsprechende Belohnung gab. Endlich entledigte sich ein salischer Kleinkönig aus dem Geschlecht der Merowinger – der erwähnte Chlodwig – der römischen Herrschaft mit einem Sieg über die letzten römischen Statthalter. Er setzte sich auch gegen alle übrigen Kleinkönige durch, wozu ihm jedes Mittel recht war. In drei Jahrzehnten zwang er ganz Westeuropa unter seine Herrschaft, sein Einfluss reichte vom Atlantik bis in den Raum Werra-Main-Donau, von den Pyrenäen bis an die Zuidersee. Er drängte dabei zunächst in Südwest- und Südfrankreich die herrschenden Westgoten aus ihrem Reich um Toulouse zurück nach Spanien, die Alemannen weit nach Osten. Diese Vormachtstellung konnte er noch solider verankern, indem er den römisch-katholischen Glauben annahm. Die übrigen germanischen Stämme auf ehemaligem römischen Reichsgebiet hatten sich der Richtung des Arianismus angeschlossen, dessen Glaubensinhalt ihren bisherigen religiösen Vorstellungen entgegenkam. Schon das Konzil von Nicäa 325 hatte die Auffassung des Arius – Jesus Christus könne als Mensch nicht auch zugleich Gott sein – als Irrlehre gebrandmarkt, doch eine weitere Verbreitung nicht verhindern können. Die Zuwendung Chlodwig zum Glauben seiner gallorömischen Untertanen erleichterte den Verschmelzungsprozess zwischen Siegern und Besiegten und schuf die Voraussetzungen für engere Beziehungen zum Bischof in Rom, dessen Ansehen als Nachfolger des heiligen Petrus ständig wuchs. Chlodwig hatte noch als Heide erkannt, dass die einheimischen Bischöfe die eigentlichen Autoritäten in den städtischen Zentren Galliens waren, und von allem Anfang an eine gute Zusammenarbeit gesucht. Nach seiner Taufe nahm er die Gelegenheit wahr, seinen Einfluss als christlich-katholischer König klug zu vergrößern. Auf der Synode von Orleans 511 ließ er sich das Recht auf Ernennung oder Bestätigung der Bischöfe verbriefen: ein Eingriff in innerkirchliche Vorgänge, der bisher in diesem Ausmaß nicht üblich war und die wachsende Eigenständigkeit der »Fränkischen Landeskirche« kennzeichnete. Chlodwig förderte außerdem Annäherung und Verschwägerung zwischen Franken und Einheimischen, indem er die gallorömischen Verwaltungseinrichtungen übernahm, Gallier und Franken rechtlich gleichstellte, ohne Stammestraditionen zu verletzen. Für ein vernünftiges Zusammenleben hatte übrigens der römische Kaiser Julian schon vor hundert Jahren ein Signal gegeben, als er germanische Kriegsgefangene großmütig behandelte und auf römischem Großgrundbesitz im heutigen Nordfrankreich ansiedelte. Chlodwig wusste sicher, dass er auf die Loyalität der Einheimischen angewiesen war, denn die fränkischen Siedlungen bildeten nur Inseln im besetzten Gebiet. Er erwarb sich auch Sympathien, als er den im Land so beliebten heiligen Martin zum Schutzpatron seines Hauses und des Reiches machte und dessen Stammkirche in Tours reich beschenkte. Während Wirtschaft und Kultur im romanischen Süden blühten, wurde im fränkischen Norden Paris politischer Mittelpunkt des Merowingerreiches, in dem nun auch das »Kölner Reich« der Ripuarier aufging. Dass man in der europäischen Politik mit den Franken rechnete, zeigen die Ehrungen, mit denen Chlodwig z. B. vom byzantinischen Kaiser ausgezeichnet wurde: Der König der Franken wurde Ehrenkonsul der Römer und erhielt als Geschenk einen Königsornat mit Diadem und Purpurmantel. Drei Jahrzehnte später legte sich der Enkel Chlodwigs, Theudebert I., nach einem Sieg über Ostgoten und Byzantiner in Italien den Beinamen »Augustus« (Mehrer des Reiches) zu und ließ – was als kaiserliches Privileg galt – Goldmünzen mit eigenem Namen und Bild prägen. Nach dem Tod Chlodwigs blieb das Reich zunächst als Ganzes erhalten, nebeneinander herrschten gleichberechtigt die vier Söhne als Könige der Franken in ihren Reichsteilen. Dieses Prinzip der Herrschaftsteilung stützte sich auf den germanischen Volksglauben, der allen Mitgliedern der königlichen Sippe gleichermaßen magische, charismatische Kräfte – nämlich das Königsheil – zuerkannte, das ungeteilt für die Herrschaft nutzbar gemacht werden sollte. Getreu dem politischen Konzept des Vaters trieben die vier Söhne den Ausbau eines Universalreiches weiter voran. Bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts wurden Thüringer und Burgunder unterworfen, gerieten die Baiern in Abhängigkeit, verloren die Westgoten den Rest ihrer Besitzungen in Südfrankreich bis auf einen Küstenstreifen von der Mündung der Rhone bis zu den Pyrenäen. Doch bald wurde deutlich, dass die straffe Hand fehlte, diesen Riesengebieten vom Atlantik bis zum Böhmerwald, vom Mittelmeer bis fast an die Nordsee eine zukunftsweisende politische Ordnung zu geben. Fränkische und europäische Geschichte in Daten
482-511 Chlodwig I, König des Fränkischen Reiches
687 Pippin der Mittlere, Hausmeier, setzt sich nach der Schlacht von Tertry in Neustrien, Austrien und Burgund durch
714-741 Karl Martell, Hausmeier
732 Schlacht bei Tours und Poitiers: Sieg über die Araber, das Languedoc kommt zum Frankenreich
751 Absetzung der Merowinger, Krönung und Salbung Pippins des Jüngeren
751-768 König Pippin I, der Jüngere
756 Pippinsche Schenkung an Papst Stephan II.
768-814 Karl der Große, König und Kaiser
772-804 Sachsenkriege
774 Eroberung des Langobardenreiches, Karl wird König der Langobarden
788 Absetzung Herzog Tassilos von Baiern
793 Wikinger überfallen Kloster Lindisfarne
800 Kaiserkrönung Karls
804 Erste Nennung des Wikingerortes Sliestorp-Haithabu
814-840 Ludwig I. der Fromme, König und Kaiser
817 Ordinatio imperii – Lothar wird Mitkaiser
820 Waräger in Russland
820/857/861/885 Wikinger auf der Seine und in Paris
830-833 Aufstände der Söhne Ludwigs des Frommen
843 Vertrag zu Verdun: Reichsteilung

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Info 22.11.2017 17:25
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