Der Fall des letzten Stammesherzogs: Tassilo III von Baiern

Mit den Langobarden verloren die Baiern ihren mächtigsten Bundesgenossen. Ihr Stammesgebiet, das vom Lech bis an die Enns, von der Donau bis zur Etsch reichte, war nun vom Frankenreich umklammert. Schon seitdem die Merowinger Alemannen und Thüringer unterworfen hatten, konnten auch die Baiern ihre Unabhängigkeit einem so mächtigen Nachbarn gegenüber nicht mehr voll behaupten. So war ein vom fränkischen König eingesetzter Amtsherzog aus dem wohl burgundischen Adelsgeschlecht der Agilolfinger mit der Aufgabe der Herrschaftssicherung betraut worden. Seine Nachfolger hatten aber so guten Kontakt mit dem Volk schließen können, dass bald ein eigenes Stammesherzogtum entstanden war. Der alteingesessene baierische Adel allerdings war auf Distanz gegangen und schlug sich immer wieder in Konfliktsituationen gegen den eigenen Herzog auf fränkische Seite, und das Selbstbewusstsein der Baiern hatte sich wahrlich in wiederholten Aufständen gegen fränkische Bevormundung deutlich genug gezeigt. Das Ansehen der Agilolfinger bestätigten schließlich Eheverbindungen mit dem langobardischen Königshaus und den karolingischen Hausmeiern. Als 757 der junge Herzog Tassilo Baiern als Lehen aus der Hand König Pippins des Jüngeren angenommen hatte, womit er sich im Kriegsfall zur Heeresfolge verpflichtete, hatte er im Augenblick sicher klug gehandelt, da seine langobardischen Freunde soeben von den Franken besiegt worden waren und er sich nur durch diese Handlungsweise vor völliger Unterwerfung retten konnte. Doch bald hatte er den Gehorsam wieder aufgekündigt und sich durch die Heirat der Prinzessin Liutburc eng an das langobardische Königshaus gebunden. Eine fränkische Invasion hatte er geglaubt nun um so weniger fürchten zu müssen, da er zum Schwager des Karolingers Karl geworden war. Als dieser jedoch seine langobardische Frau verstieß, schien es dem Baiern-herzog ratsam, sich wieder mit dem fränkischen Hof ins Einvernehmen zu setzen, zumal der diplomatische Druck vonseiten des Papstes, der den Franken sehr verpflichtet war, eine Umorientierung nahezulegen schien. Tassilo erneuerte daher 781 in Worms seinen Lehnseid. Als er aber nach Grenzzwischenfällen einer Vorladung nicht Folge leistete, rückte Karl mit drei Heeresabteilungen in Baiern ein. Da sich Tassilo von der großen Gruppe fränkischer Parteigänger im Adel und in der Kirche im Stich gelassen sah, unterwarf er sich. Wiederum erhielt er das Herzogtum als fränkisches Lehen von Karl zurück, doch er verlor bald das Vertrauen seines Volkes, als er Verhandlungen mit dem im Osten drohenden Landesfeind, den Awaren, aufnahm. 788 wurde Tassilo deshalb auf der Reichsversammlung in Ingelheim abgesetzt und verhaftet. Man klagte ihn an, in geheimem Bündnis mit den Awaren zu stehen, in seinem Herzogtum königliche Lehnsleute verfolgt zu haben, vor allem aber legte man ihm die 25 Jahre zurückliegende Verweigerung der Heeresfolge gegenüber König Pippin dem Jüngeren zur Last, worauf die Todesstrafe stand. Sie wurde auch ausgesprochen, doch König Karl machte von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch und wandelte sie in lebenslängliche Klosterhaft um. Das bisher selbstständige Herzogtum Baiern wurde eine relativ abhängige fränkische Grafschaft, ebenso Kärnten, das bis 748 ein slowenisches Herzogtum gewesen war und sich dann aus Furcht vor dem Awarenansturm Baiern unterstellt hatte. Gerold, der Schwager Karls, wurde als »Präfekt« eingesetzt. Baiern verlor zwar seine Souveränität, nicht aber seine politische und kirchliche Einheit. Vor allem konnte das ehemalige Herzogtum auf eine vielfältige Bildungstradition verweisen, die in Kulturzentren wie Salzburg, Regensburg oder Freising bewahrt und weitergeführt wurde, wo das geistige Leben Anregungen aus dem Süden und Westen Europas erhielt. Die baierische Kirche wiederum hatte unter den Agilolfingern eine rege Missionstätigkeit entfaltet, die über das Stammland hinaus in slawisches Gebiet hineinwirkte. Salzburg und Kloster Kremsmünster waren zwei bedeutende Zentren; letzteres 777 von Tassilo gegründet, der im Land als ein »neuer Konstantin« gefeiert wurde.

Forum (Kommentare)

Info 18.12.2017 00:18
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.