30 Jahre Krieg gegen die Sachsen

Härter als im Süden wurde Karl der Große im Norden gefordert. Bittere lange dreißig Jahre dauerten die blutigen Kämpfe mit den sich standhaft der Missionierung und damit Eingliederung widersetzenden Sachsen, und als die Nordgrenze nach der Eroberung ihres Stammesgebietes gesichert schien, fielen die Dänen ein. Schon seit dem 5. Jahrhundert gerieten die Franken immer wieder mit ihren nördlichen Nachbarn aneinander, deren Siedlungsgebiete von der Nordsee bis zum hessisch-thüringischen Raum und von der Elbe bis nahe an den Rhein reichten. Ost- und Westfalen umschlossen den Teilstamm der Engern an der Weser, jenseits der Niederelbe in Holstein wohnten die Nordalbinger. Das gesamte Territorium war ein einhalbmal so groß wie das heutige Bayern und hatte eine dreihundert Kilometer lange gemeinsame Grenze mit dem Frankenreich. Die Sachsen haben ursprünglich wahrscheinlich im westlichen Holstein gesessen. Bei ihrem Vorstoß nach Süden und Westen überrannten, überlagerten oder integrierten sie seit dem 2. Jahrhundert die Gebiete der Chauken an Unterems und Unterelbe, die Angrivarier an der Mittelweser, die Cherusker im Weserbergland, die Thüringer, die Stämme Westfalens, vor allem auch die Brukterer, einen wahrscheinlichen Teilstamm der Franken an Ems und Lippe. Als Karl 772 das erstemal gegen die Sachsen zog, wollte er durch eine militärische Aktion die wegen seiner Heiratsaffäre und der Art und Weise seiner Machtergreifung erhitzten Gemüter daheim ablenken, den Sachsen aber sollte die Macht des neuen Frankenkönigs und die Schlagkraft seines Heeres demonstriert werden. Darüber hinaus nahm er sich vor, Voraussetzungen für eine spätere Missionierung zu schaffen, ganz erfüllt von dem christlichen Herrschaftsgedanken, der dem König die Aufgabe zuwies, als »Schwert Gottes«, ja »Stellvertreter Gottes auf Erden« einen gerechten und heiligen Krieg gegen die »Heiden« zu führen. Das Unternehmen verlief nach Wunsch: Eine wichtige Grenzfestung, die Eresburg an der Diemel (im nordöstlichen Sauerland zwischen Paderborn und Kassel), wurde zerstört, die nahe gelegene Irminsul – eine alte Säule, die nach heidnischer Auffassung das Himmelsgewölbe trug – gefällt. Man erzählte, dass danach – als das Heer Wassermangel litt – ganz in der Nähe plötzlich eine Quelle – vielleicht der Bullerborn bei Altenbeken – emporgesprudelt sei, was als ein Wunderzeichen des Christengottes gedeutet wurde: Die göttliche Berufung des Frankenkönigs werde vom Himmel bestätigt. Die Sachsen aber sahen in der Schändung ihres Heiligtums einen unerhörten Frevel. »Nicht um Beute zu machen, sondern um Rache zu nehmen« fielen sie in fränkisches Gebiet ein, als Karl nach Italien abgezogen war. Sie zerstörten die Kirchen und jagten die Christen. Karl schäumte, er schwur, »das treulose Volk der Sachsen so lange zu bekriegen, bis es entweder vertilgt wäre oder das Christentum angenommen habe«, wie sein Biograf berichtet. Das größte Heer, das die Franken bisher aufgeboten hatten, setzte sich in Bewegung, eine straff organisierte, schlagkräftige Truppe. Der Kern des Aufgebots bestand aus Panzerreitern, deren ruhmvolle Tradition bis in die Zeit Karl Martells zurückreichte. Diese Reitergarde kämpfte in schwerer Panzerkleidung, die aus schuppenförmig angeordneten Metallplättchen bestand, bewaffnet mit den berühmten Frankenschwertern, besonders kostbar durch ihre Gold- und Silbereinlagen – übrigens ein begehrter Exportartikel, der besonders von Skandinaviern, Engländern und Arabern geschätzt wurde. Geschützt wurden die Reiter durch einen kegelförmigen Helm ohne Visier und durch Beinschienen. Für die Schlagkraft der Reitertruppen war es auch wichtig, dass in dieser Zeit Steigbügel, Sattel und Hufeisen eingeführt wurden, die dem Reiter größere Sattelfestigkeit und mehr Beweglichkeit gaben. Neben diesen Panzerreitern setzte Karl der Große auch eine leichte, sehr bewegliche Kavallerie ein, die durch ihre plötzlichen Angriffe überraschte und deren Ausrüstung aus Pferd, Schild, Lanze, einem Schwert und einem dolchartigen Halbschwert bestand, gelegentlich führte man auch Pfeil und Bogen mit. Tausende Fußsoldaten kämpften mit Lanzen, Bogen und Pfeilen und schützten sich mit Schilden. Karl, wie seine Krieger von Kopf bis Fuß in Eisen, führte das Heer. Seine strategische Begabung wurde gerühmt, er habe einen Blick für die jeweilige Situation gehabt und den Feind dadurch verwirrt, dass er ihn oft aus mehreren Richtungen habe angreifen lassen. Selbst allerdings habe er nicht oft mitgekämpft. Das Frankenheer überschritt schließlich sogar die Weser und drang in völlig unbekanntes Land ein. Die überraschten Ostfalen und Engern kapitulierten. Mit den Westfalen kam es zum Kampf, doch musste sich ihr Herzog Widukind der fränkischen Übermacht beugen. Aber die »Unterwerfung« dauerte nur bis zum nächsten Frühjahr. Karl rückte wieder bis an die Quellen der Lippe und lud die Herzöge zur Rechtfertigung in sein Lager. Ostfalen und Engern kamen, Widukind blieb aus. Karl wurde klar, dass er, um Widukind zu besiegen und das Land beherrschen zu können, den Adel für sich gewinnen musste. Diese kleine, reichbegüterte Gruppe spielte eine führende Rolle und nahm wahrscheinlich wesentlichen Einfluss auf die Beschlüsse der alljährlichen sächsischen Volksversammlung in Marklo, nördlich von Minden an der Weser. Allerdings stießen diese »privilegierten Edelinge« – wie man vermutet – immer mehr auf den Widerstand der freien Bauern, die sich gegen die wachsende »Selbstherrlichkeit« der Führungsschicht und ihr Paktieren mit den Franken wehrte. Diplomatisch versprach Karl den Adeligen den Schutz ihrer Vorrechte, wenn sie dafür seine Oberhoheit anerkannten und den christlichen Glauben annähmen. Das politische Geschäft wurde abgeschlossen, die »Missionierung« begann. Auf den Befehl ihrer Führer strömten Scharen der Ostfalen und Engern herbei zur Massentaufe, die von Priestern vollzogen wurde, welche im Tross des fränkischen Heeres mitmarschiert waren. Um die fränkische Herrschaft für die Zukunft doppelt abzusichern, ließ Karl jeden einzelnen Bauern bei Verfall von Leib und Gut das Treuegelöbnis beeiden, sich also Besitz und persönliche Freiheit der Sachsen als Treuepfand versprechen. Nach sächsischem Volksrecht ging beides im Falle des Treuebruchs, also auch im Fall eines Aufstandes, an die Franken verloren. Von einer Einziehung von Kirchensteuern nahm Karl vorläufig Abstand, um die Gemüter nicht zu sehr zu erhitzen. Doch langfristig machte man die Rechnung ohne Widukind, dessen Einfluss Karl falsch einschätzte: Widukind stand nicht auf der Seite des Adels, sondern auf der der »unteren Stände«, die den Anschluss an das Karlsreich heftig ablehnten. Um aller Welt zu demonstrieren, dass Sachsen unterworfen und für den christlichen Glauben gewonnen sei, berief Karl die Reichsversammlung des Jahres 777 mitten in das eroberte Land nach Paderborn ein. Stolz nahm er die Huldigungen an, stolz konnte er wieder auf Massentaufen verweisen. Im Überschwang des vermeintlichen Sieges versprach er der Abordnung einer muslimischen Splitterpartei, die aus Spanien hierher geeilt war, Unterstützung für ihr Anliegen und hoffte, nun das Kreuz in einem Siegeszug auch in das arabische Spanien führen zu können. Der Misserfolg dieses Unternehmens ist in die Sage, nämlich in das Rolandslied, eingegangen. Nach der Erstürmung Pamplonas und der Schlappe von Saragossa wurde der Feldzug abgebrochen. Karl erkannte, dass er die Gesamtlage falsch eingeschätzt hatte, denn auch die Christen in Spanien verspürten keine Lust, sich in das Frankenreich einordnen zu lassen. Auf dem Rückzug über die Pyrenäen wurde die fränkische Nachhut im Pass von Roncesvalles überfallen. Das Selbstbewusstsein Karls war stark erschüttert, zumal sich unter den Gefallenen Markgraf Roland befand, dem Karl so zugetan war, dass im Volk das Gerücht entstand, er sei vielleicht sein Sohn. Das war der Augenblick für die Sachsen. Unter Widukinds Führung erhoben sich große Teile der freien Bauern gegen die fränkische Herrschaft und verjagten vor allem die Missionare. Als Karl wieder Herr der Lage war, ging er härter als bisher vor: Für Ungehorsam gegen die adeligen Herrn wurde die Todesstrafe angedroht, mit dem Tode bestraft wurde aber zukünftig auch jeder, der eine Kirche schändete, beraubte oder verbrannte, ein Strafmaß, wie es bisher die »Heiden« gegen Frevler an den alten Heiligtümern verhängt hatten. Wie bei den Langobarden wurde nun auch in Sachsen unter Berücksichtigung des einheimischen Adels die Grafschaftsverfassung eingeführt, die bisherigen Adelsherrschaften verloren ihre Souveränität. Als bei einem neuerlichen Aufstand eine fränkische Abteilung am Süntel vernichtet wurde, hielt Karl in Verden an der Aller ein Strafgericht. Die Reichsannalen, eine Art Jahrbuch, berichten, dass er 4500 sächsische Verräter habe hinrichten lassen. Selbstverständlich dürfen wir heute dieser runden Zahl mit Skepsis begegnen. Doch der »Racheakt« bewirkte gerade das Gegenteil. Jetzt stand ganz Sachsen zu Widukind, und Widukind gewann auch die Friesen, deren Unabhängigkeitsstreben schon in dieser Zeit ausgeprägt war, für die gemeinsame Sache. Hartnäckig schlug Karl zurück, verbrachte den ganzen Winter 784/85 in Sachsen, verwüstete das Land und erstickte rücksichtslos jeden Widerstand. Auf einer erneut in Sachsen einberufenen Reichsversammlung wurde das Gesetz über die fränkischen Gebiete, die »Capitulatio de partibus Saxoniae« rechtskräftig. Das einst so mächtige Herzogtum wurde fränkische Provinz. Jeder heidnische Kult wurde verboten, das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Jeder auch nur formale Verstoß gegen kirchliche Gebote wurde mit dem Tode bestraft, Frevler sollten enthauptet oder verbrannt werden, heidnische Priester waren auszuliefern. Versammlungen unter freiem Himmel waren verboten, Gericht hielt nur der fränkische Graf, niemand durfte bei Verhandlungen in Waffen erscheinen. Der zehnte Teil der Ernte und des Einkommens war an die Kirche zu entrichten: ein Tribut an den neuen Christengott. Schutz vor diesem Schreckensregiment – welcher Widerspruch – bot die Kirche: Jeder Verurteilte war der Strafverfolgung entzogen, wenn er in ein christliches Gotteshaus flüchtete. So blieb das Asylrecht ein letzter Rest persönlicher Freiheit. Widukind gab jeden Widerstand auf, als der siegreiche Karl versprach, für seine Sicherheit Geiseln zu stellen. Er ließ sich und die Seinen in Attigny bei Reims taufen. Karl selbst war Pate. Nach der Legende soll sein Patengeschenk ein kostbares Täschchen aus Gold und Edelsteinen zur Aufbewahrung von Reliquien gewesen sein. Die Sachsen aber waren selbst danach noch nicht endgültig unterworfen. Karl musste Jahr für Jahr neue Aufstände niederschlagen.