Karls Krönung in Rom

Im Jahre 795 bestieg Leo III. den Stuhl Petri. Gleich nach seiner einstimmig erfolgten Wahl übersandte der neue Papst dem Frankenkönig als »Schutzherrn der Römer« nicht nur die Wahlanzeige, sondern auch die Schlüssel zum Grab Petri und das Banner Roms, symbolische Zeichen dafür, dass er Karl als den neuen Herrn Roms anerkannte. Papst und Kaiser
Zwar hatte sein Vorgänger Hadrian I. noch vor zehn Jahren die byzantinischen Herrscher als »Herren« angeredet, doch war inzwischen das Symbol für diese päpstlich-kaiserliche Abhängigkeit, der Titel »Basileus« (griech.: König) von päpstlichen Urkunden und Münzen verschwunden, was die Lösung von Ostrom und die Emanzipation des Papsttums von seinem weltlichen Herrn in Byzanz deutlich ausdrückte. Das Vorgehen Leos III. nahm nun die römische Adelsopposition zum Anlass, die Autorität des neuen Papstes zu untergraben, indem man ihn der Unzucht und des Meineids beschuldigte. Verständlich, dass Leo III., nach einem Aufstand aus Rom verjagt, Hilfe beim fränkischen König in Paderborn suchte und auch fand. Karl führte den Papst von Paderborn nach Rom zurück, berief eine Versammlung der geistlichen und weltlichen Großen in der Basilika von St. Peter ein und drängte Leo, einen Reinigungseid zu leisten. Der Papst würdigte die empfangenen Wohltaten durch die Krönung des fränkischen Königs zum Kaiser am 25. Dezember des Jahres 800. Karl kniete am Altar und betete. Als er sich erheben wollte, trat Leo III. heran und setzte ihm eine Krone auf, während Chor und Volk nach byzantinischem Vorbild dreimal den Hochruf wiederholten: »Carlo Augusto, dem von Gott gekrönten großen und friedeschaffenden Kaiser der Römer, Leben und Sieg!« Dreimal warf sich Leo III. vor dem Gekrönten aufs Knie, nachdem er ihm mit heiligem Öl die Stirn gesalbt hatte. Der »Patricius« war mit diesem Akt »Imperator und Augustus« geworden und hatte damit den Titel erhalten, den die römischen Kaiser als Inhaber der Weltherrschaft und später die Herrscher in Byzanz führten, die sich als legitime Nachfolger in diesem Amt fühlten. Als Herr Roms verurteilte Karl nach römischem Recht die Gegner Leos III. als Rebellen. Karls Krönung durch den Papst
Der Geschichtsschreiber des Kaisers, Einhard, zieht in Zweifel, ob Karl überhaupt in die Kirche gegangen wäre, wenn er gewusst hätte, was der Papst geplant habe. Die »Lorscher Annalen (Annales Laureshamenses)« berichten: Damals habe Ostrom nur eine Kaiserin und damit kein rechtmäßiges Kaisertum besessen, sodass der »Papst und ein Konzil« – gemeint ist offenbar die von Karl einberufene Versammlung im Petersdom – die Krönung beschlossen hätten, um den zum Kaiser zu bestimmen, der ohnedies über Rom herrschte, wo einst die Caesaren ihre Residenz besessen hätten. Einer solchen Bitte habe sich Karl nicht entziehen können. Ostrom sah den Sachverhalt nüchtern: Karl habe bereits als König über Rom regiert und die Kaiserkrone lediglich als Belohnung für die Wiedereinsetzung Leos III. erhalten. Karl selbst mochte geärgert haben, dass sich Römer und Papst bei diesem Akt in den Vordergrund spielten. Hatte er doch Rom längst als König der Franken erobert; seine Herrschaft über diese Stadt bedurfte nach seiner Auffassung nicht der Bestätigung durch die Römer. So führte er den Kaisertitel in Zukunft neben den Königstiteln der Franken und Langobarden, wodurch herausgestellt werden sollte, dass nunmehr die Franken als herrschendes Volk die Römer abgelöst hätten. Auf seine Kaiserbulle setzte er die Losung »Renovatio Romani imperii« (Erneuerung des römischen Weltreiches), worunter er allerdings nicht eine Wiederherstellung früherer Verhältnisse, sondern eine echte Neuschöpfung verstand. Dafür spricht auch, dass er die Reiterstatue Theoderichs des Großen nach Aachen überführen ließ, um deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass auch dieser germanische Fürst über Rom geherrscht hatte. Selbstbewusst stellte er sich in eine Reihe mit den römischen Kaisern, vor allem sah er sich als Nachfolger des großen Konstantin, der das alte heidnische Reich in ein christliches Imperium umgewandelt hatte. Schon bisher hatte er betont, dass er ein König von Gottes Gnaden – »dei gratia« – war; nun verpflichtete jeden Untertan ein Eid auf den Kaiser nicht nur zur Treue gegenüber der Person, sondern auch zur Übernahme sittlicher und religiöser Pflichten. Ein inneres Umdenken sollte nun eintreten; dagegen war die Verfassung des Reiches als äußere Form schon gegeben und eine Änderung nicht nötig. Damals ging es keineswegs um die Frage, wessen Rang höher sei, der des Kaisers oder der des Papstes: Beide Gewalten standen ganz im Sinn des Augustinischen »Gottesstaates« im Dienst des göttlichen Willens und waren dessen Vollstrecker. Die Formel »von Gott gekrönt« wurde wörtlich verstanden. Diese Auffassung bestätigt auch das damals entstandene Lateran-Mosaik, das Karl und Leo auf gleicher Stufenebene zu Füßen des heiligen Petrus zeigt. Byzanz allerdings wurde misstrauisch und fürchtete, Karl könne, mit dem neuen Titel ausgestattet, daran denken, den Osten zu unterwerfen. Doch Karl, der zwar in den folgenden Jahren Venetien und Dalmatien den Byzantinern abnahm, verzichtete auf diese Eroberungen gegen die Anerkennung als »Imperator« und »Basileus« durch Ostrom. Dass ihn der byzantinische Kaiser als »Bruder« anredete, sah er als Bestätigung seiner Auffassung vom gleichberechtigten Nebeneinander des Ost- und Westreiches im christlichen Gottesstaat, der einst die ganze Welt umfassen sollte. Byzanz dachte da anders, doch blieben seine Ansprüche auf die Rechtsnachfolge der römischen Caesaren reine Theorie; sein Einflussbereich wurde immer deutlicher auf den östlichen Teil der griechischen Halbinsel und das Gebiet der heutigen Türkei eingegrenzt.