Treueid, Grafschaftsverfassung und Königsboten

Das karolingische Imperium reichte nun vom Ebro bis zur Elbe, von Süditalien bis an den Atlantik und die Nordsee, es umfasste damit eine Fläche von rund einer Million Quadratkilometern mit schätzungsweise 15 Millionen Einwohnern. Als Beweis für Karls des Großen hohes politisches Ansehen in der ganzen Welt werden die diplomatischen Beziehungen zu Harun al-Raschid, dem abbasidischen Kalifen von Bagdad, rühmend hervorgehoben. Man tauschte wertvolle Geschenke, darunter den besonders gern erwähnten Elefanten Abulabas und eine kunstvolle Wasseruhr, die durch ein herabfallendes Kügelchen die Stunden anzeigte, wofür sich Karl als Gegengeschenk mit kostbaren friesischen Tuchen revanchierte. Er wusste im übrigen, dass er mit dieser politischen Freundschaft die Omajjaden in Spanien in Schach hielt. Als Gesandte des Patriarchen aus Jerusalem dem fränkischen König die Schlüssel zur Grabeskirche Jesu Christi überbrachten, wurde im Ansatz auch hier eine gewisse Schutzherrschaft sichtbar. Die Verwaltung des gewaltigen Reiches stellte Karl den Großen vor eine Fülle von Aufgaben, die er trotz der Last der vielen Feldzüge mit Weitblick und übergroßer Gewissenhaftigkeit im Detail zu lösen versuchte. Zunächst musste für eine Vielzahl von Stämmen mit eigenen Traditionen ein Rahmen geschaffen werden, der ihre Verschiedenheiten berücksichtigte, zugleich aber auch eine einheitliche Ordnung garantierte. Zwar verloren die Stämme, wie wir an Baiern gesehen haben, nach der Einsetzung der Grafen ihre Souveränität, wurden jedoch nicht völlig aus- oder gleichgeschaltet: Die Herzogtümer verschwanden zwar, aber die Stammesrechte blieben im Wesentlichen erhalten. Als neue Verwaltungseinheiten wurden Grafschaften eingerichtet. Bestimmendes Kriterium für die Auswahl des Grafen war seine Ergebenheit dem König gegenüber. Karl versuchte jeweils den Stammesadel für sich zu gewinnen und schuf mit der Zeit eine neue Reichsaristokratie, die, üppig mit Grundbesitz ausgestattet, in ihrer Gesamtheit die Idee eines stämmeübergreifenden europäischen Universalreichs repräsentieren sollte. Doch ein solches Gebilde war nicht in wenigen Jahren zusammenzuschmieden, nur eine starke Bindung an die Person des Königs vermochte die vielen auseinanderstrebenden Kräfte und Interessen zusammenzuhalten. Zu diesem Zweck schuf er die Einrichtung der »Königsboten«. Jeweils ein geistlicher und ein weltlicher Beauftragter, die für dieses Amt auf Zeit ernannt waren, bereisten ständig die Grafschaften eines bestimmten Gebietes, um Bischöfe und Grafen zu kontrollieren, königliche Anordnungen unmittelbar durchzuführen und gegebenenfalls im Auftrag des Königs Recht zu sprechen. Sie deckten viele Unregelmäßigkeiten auf, kämpften aber letztlich doch vergeblich gegen die ständig wachsende Eigenmächtigkeit der Grafen. Beim Erlass von Gesetzen war Karl an die Zustimmung der Großen im Reich gebunden, wie es germanischer Rechtsauffassung entsprach. So wurden die Reichsgesetze, die sogenannten Kapitularien, auf den Reichsversammlungen (Hoftagen), bei denen allerdings nur die Großen quasi stellvertretend am Hofe zusammenkamen, beraten und verabschiedet. Auch der große Karl konnte die Verfassungstradition nicht sprengen, das Fränkische Reich blieb eine Adelsherrschaft mit dem Monarchen an der Spitze, der als »Primus inter Pares« auch nicht verhindern konnte, dass die von ihm ernannten Grafen die Erblichkeit ihres Amtes durchsetzten, das ja ursprünglich nur auf Zeit einer eigens ausgewählten Person verliehen worden war. Um so eher kann man verstehen, dass der König, um die Reichseinheit sicherzustellen, jeden mindestens zwölf Jahre alten Reichsbewohner in die Treuepflicht nahm, die er feierlich mit einem Eid besiegeln ließ. Jeder Untertan musste geloben, Gott getreu zu dienen, den Geboten der Kirche zu gehorchen, sich zum Waffendienst zu verpflichten, das Recht zu achten und der öffentlichen Autorität Folge zu leisten. Der Inhalt des Eides zeigt, wie sich politische Absicht und religiöses Gedankengut unlösbar miteinander verbinden. Als christlicher Herrscher fühlte sich Karl der Große verantwortlich für das »irdische und himmlische Heil« seines Volkes. Er war überzeugt, dass er einmal vor Gottes Richterstuhl sogar über die Pflichtauffassung seiner Beamten und Dienstleute Rechenschaft ablegen müsse.

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Info 18.01.2018 04:55
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