Wie Karl der Große seine Kriege bezahlte

Folgenreiche Neuerungen hat Karl der Große auch auf dem Gebiet des Heerwesens durchgeführt. Das schon von Karl Martell eingeführte Panzerreitersystem erforderte so viel Aufwand, dass der einfache Mann bald nicht mehr die kostspielige Rüstung aufbringen konnte. Die Grafen gingen daher zur individuellen Dienstbefreiung über, was wiederum die Wehrgerechtigkeit infrage stellte. Karls des Großen realistische Einschätzung der Verhältnisse äußert sich in der Verfügung, dass die Heerbannpflicht von einer Mindestbesitzgröße abhängig sei. Damit aber auch die Kleinbesitzer die Verteidigungslast mittragen konnten, führte Karl den »Gestellungsverband« ein: Kleinere Grundbesitzer schlossen sich zusammen, um im Kriegsfall einen vom Grafen ausgewählten Waffenpflichtigen auszurüsten. Aus der Tatsache, dass auch in diesem Sektor Aufsichtsbeamte eingesetzt werden mussten, die von säumigen Zahlern dieser Art Heeressteuer eine »Heerbannbuße« eintrieben, lässt sich schließen, dass das System doch nicht reibungslos funktionierte. Da übrigens Priester und Mönche vom Wehrdienst befreit waren, traten viele – vor allem kleine – Leute in den Dienst der Kirche, um sich der Wehrpflicht zu entziehen. So legten diese Reformen auch die Brüchigkeit des sozialen Gefüges offen und konnten trotz bester Absichten letztlich den Abstieg der Bauern in immer größere Abhängigkeit nicht verhindern. Die im Wesentlichen agrarwirtschaftlich bestimmte Gesellschaft des Karolingerreichs räumte naturgemäß den reichen »Großen« die meisten Vorteile ein, die sie selbstverständlich zu wahren und weiter auszubauen suchten. Mit ihren mehreren Hundert oder oft sogar mehreren Tausend Hektar Land und ihrer »edlen Abkunft« waren sie die Mächtigen im Lande. Sie nahmen die hohen Ämter ein und nutzten ihre Gewalt, um die armen »Freien« zur Abtretung oder zum Verkauf ihres Besitzes zu veranlassen oder gar zu zwingen und sie so schließlich in ihre Abhängigkeit zu bringen. Diese Adeligen bezeichneten sich als Vasallen ihres Königs und drückten damit ein sehr enges persönliches Verhältnis aus. Aber der Begriff »vassus« (von mittellat. und kelt. vasallus = unfreier Diener) traf dieses Abhängigkeitsverhältnis nur unscharf, denn wenn sich auch der Vasall völlig dem Dienst für einen Mächtigeren verschrieb, so büßte er bis auf diesen Sachverhalt nichts von seiner Freiheit ein. Im Gegenteil, da er wusste, dass der andere besonders in Kriegszeiten auf seinen Einsatz angewiesen war, baute er seine Stellung als Dienstmann aus, forderte als angemessene Entlohnung Ländereien, Ämter und Würden und drängte auf die Erblichkeit seiner »Lehen«. Die Vasallität beherrschte im Laufe der Zeit die ganze Gesellschaftsordnung: Die Großen waren Vasallen des Königs, sie selbst versammelten um sich wiederum eine Schar abhängiger Dienstmannen, die ihrerseits wieder andere in ihren Dienst nahmen. Die Landschenkungen belasteten vor allem die Krone, ihre Vasallen gaben einen Teil des ihnen anvertrauten Landes an ihre Dienstleute weiter, sodass ein kompliziertes System von weitergeliehenem Land entstand. Als Karl Martell das Krongut ausging, griff er eigenmächtig auf Kirchengut zurück, um seine Vasallen zu befriedigen. Dieser Eingriff war ein Vorgang, der lang andauernde Spannungen zwischen der fränkischen Kirche und der weltlichen Macht wegen der Rückgabe auslöste. Nur Eroberungen konnten schließlich dem obersten Lehnsherrn aus der Verlegenheit helfen. Die »Freien«, d.h. die freien Bauern – in den Kapitularien als »Franci« bezeichnet – waren keineswegs das Rückgrat der Gesellschaft, sie nahmen zahlenmäßig ständig ab und gerieten bei ihrem sozialen Abstieg in eine Zwischenzone, die ihren Freiheitsstatus nicht mehr deutlich erkennen lässt. Die breite Masse der Bevölkerung waren die »Kolonen«, deren Freiheit stark eingeengt war. Sie lebten nicht auf eigenem Grund und Boden, sondern bestellten das Land der Großgrundbesitzer, das sie ohne dessen Erlaubnis nicht verlassen durften. Ihm mussten sie eine Kopfsteuer zahlen, er erlaubte oder verbot die Eheschließung, er konnte sie sogar züchtigen wie Sklaven. Aber der Kolone war Staatsbürger und musste Militärdienst leisten, konnte vor Gericht Klage erheben und als Zeuge auftreten. Auch durfte er nicht unbeschränkt zur Arbeit herangezogen werden, seine Leistungen waren gewohnheitsrechtlich festgelegt. So hatte sich das Gewohnheitsrecht gebildet, dass er zur Zeit der Aussaat und Ernte Saisonarbeit leistete und in den Zwischenzeiten sich selbst versorgen durfte. Meist hatten die Kolonen einen kleinen Bauernhof auf dem Gut ihres Herrn sozusagen in Pacht, den sie bewirtschafteten. Wiesen und Wälder waren ohnehin für die allgemeine Nutzung freigegeben. Die Gesellschaft der Karolingerzeit beruhte wie die der Antike auf der Sklaverei. In Frankreich waren damals ein Zehntel bis ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Sklaven. Sie waren Sachen, gehörten zum Besitz und wurden mit diesem verkauft, wobei oft ohne Bedenken Sklavenfamilien auseinandergerissen wurden. Die meisten dieser untersten gesellschaftlichen Kategorie waren als Sklaven geboren, doch konnten auch Freie immer noch in Sklaverei geraten. Einer Verordnung aus der Zeit Karls des Großen ist zu entnehmen, dass sich ein freier Mann in die Sklaverei verkauft habe, um seine Frau vor dem Hungertod zu retten. Neue Sklavenscharen kamen als Handelsware aus dem Osten, vor allem aus Russland, sie wurden gern weiter an die Muslims nach Spanien verkauft und waren ein beliebter und einträglicher Exportartikel. Die Lebensumstände der Sklaven waren von Ort zu Ort verschieden, sie hingen vielfach von der Art der Beschäftigung ab, denn Sklaven bevölkerten nicht nur die Güter der Großgrundbesitzer, sondern bewährten sich auch als Handwerker und Kaufleute. Über ihr alltägliches Leben, ihre Empfindungen erfahren wir nichts, die Geschichtsquellen schweigen darüber, es sei denn, man erwähnt am Rande das Gesindel, die »gemeinen und schändlichen Leute«, die eben zu den Randgruppen der Gesellschaft gehören.