Das karolingische Süd-Nord-Gefälle

Durch die vornehmlich agrarwirtschaftliche Ordnung bedingt, dauerten die Abhängigkeiten der bäuerlichen und gewerblichen Bevölkerung vom Reichsadel in veränderter Form noch Jahrhunderte an. Die krassen Unterschiede in der gesellschaftlichen Hierarchie sagen aber nicht in allen Fällen etwas über die wirtschaftliche Lage aus: Freiheit bringt nicht unbedingt Reichtum, Sklaverei oder Abhängigkeit bedingen nicht Armut. Manch ein Begüterter war gezwungen, sich einem Grundherrn zu unterstellen, wenn er durch fortgesetzte Erbteilungen in wirtschaftliche Schwierigkeiten gekommen war. Je nach seinem noch verbliebenen Vermögen musste er sich ganz verknechten oder konnte vertraglich wenigstens seine persönliche Freiheit retten. Zu den sozialen kommen regionale Verschiedenheiten. Der reiche romanische Süden mit seiner von Gewerbe und Handel geprägten Stadtkultur spiegelte ein anderes, differenzierteres soziales Gefüge wider als der mehr naturalwirtschaftlich geprägte, germanisch bestimmte Norden. Der Westen gab in fast jeder Hinsicht, gleich ob wirtschaftlich oder politisch, dem Osten entscheidende Impulse, wo der »Fortschritt« Hand in Hand mit der Missionierung einherging: Die Klöster waren zugleich Musterbetriebe und Bildungszentren. Während der karolingischen Herrschaft nahm der Verschmelzungsprozess zwischen Germanen und Galloromanen einen ruhigen Verlauf, die Romanisierung der Franken im südlichen Frankreich machte erhebliche Fortschritte, Nordfrankreich stand noch weitgehend unter germanischem Einfluss. Die germanischen Stammesgebiete im Osten wahrten trotz fränkischer Oberhoheit insgesamt ihre Eigenart. Die große politische Leistung Karls, die zweifellos auf seiner starken Persönlichkeit beruhte, äußerte sich im Ausgleich der vielfältigen Spannungen. Er hatte es gut verstanden, die Kirche als allumspannende Organisation und bestimmende geistige Macht gezielt in seine Dienste zu stellen. Er dachte an den volkswirtschaftlichen Nutzen, wenn er sie mit Besitz ausstattete, er wusste, dass sie dem Staat soziale Dienstleistungen abnehmen konnte, wenn er ihr die Einziehung des Kirchenzehnts, einer Kirchensteuer, gewährte. Er förderte die Abhaltung von Märkten im Anschluss an Festgottesdienste, dabei steigerte die neu eingeführte Silberwährung den Umsatz erheblich. Karls Reich zerbrach bald. Doch er hatte Grundlagen für eine spätere Entwicklung geschaffen. Otto der Große griff eine Tradition auf, als er – ein Jahrhundert später – zur Königskrönung nach Aachen zog. Für viele weitere Jahrhunderte wurde nun die mit der berühmten Palastkapelle geschmückte Lieblingspfalz Karls des Großen die Krönungsstadt der deutschen Könige. Stichworte zur Regierungszeit Karls des Großen
Expansionspolitik: Unterwerfung und Christianisierung der Sachsen (772-804), Eroberung des Langobardenreiches (774), Eingliederung Baierns nach Treueidprozess gegen Tassilo III. (788), Unterwerfung der Awaren (796).
Sicherheitspolitik: Errichtung von Marken an Grenzen gegen Slawen, Araber, Dänen, Awaren, Bau einer Flotte, Heeresreform.
Rom und Kirchenpolitik: Fortsetzung der Haustradition Pippins – Erneuerung des Kirchenstaates, Patriziat über Rom, Intervention zugunsten Papst Leos III., römischer Kaisertitel bei der Krönung in Rom 800. Innere Reformen der Kirche eingeleitet, sakral verstandenes Herrschertum greift in kircheninterne Angelegenheiten ein, besetzt Bistümer und Abteien.
Reichsverwaltung: Bemühung, über Kapitularien (königliche Erlasse) zu kirchlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen und militärischen Fragen eine gewisse innere Einheit bei Tolerierung überlieferter Volksrechte zu erzielen, Königsboten stellen zwischen Grafschaften und Hof Kontakt her, Hoftage mit Beratung der Königserlasse.

Forum (Kommentare)

Info 18.01.2018 04:55
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.