Der Hof Karls des Großen

Zweiundfünfzig Jahre war Karl der Große alt und eben zum fünften Mal vermählt, als er 794 seinen Hof nach Aachen verlegte und nun fast ausschließlich von da aus sein Reich regierte. Das war keineswegs selbstverständlich, hatte bis dahin doch der königliche Hof keinen festen Platz gehabt, regierten doch die Könige vor und auch nach ihm überwiegend im Umherziehen und ließen sich jeweils nur für begrenzte Zeit an verschiedenen Orten ihres Reiches nieder, wie es eben die politische oder strategische Lage erforderte. »Hof« bedeutete im Verständnis des Mittelalters etwas Räumliches und Personelles zugleich. Einmal war es die Gesamtheit der über das Reich verstreuten sogenannten Pfalzen (von lat.: palatium = Palast), wie man jene größeren »Gutshöfe« nannte, die dem König und seinem Gefolge als Residenz und gleichzeitig zur Versorgung dienten. »Hof« meinte zum andern aber auch die Gesamtheit der an diesen Pfalzen tätigen Beamten und Bediensteten. Während Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, vor allem in der Umgebung von Paris seinen Hof abzuhalten pflegte, wählte Karl der Große anfangs Ingelheim, Nimwegen, Diedenhofen und Metz und gelegentlich auch schon Aachen, wo er dann nach 794 fast ausschließlich residierte. Die Nähe zu den großen Flüssen und den genannten anderen Pfalzorten, die günstige strategische Lage zum unruhigen Nordosten des Reiches und nicht zuletzt die seit der Römerzeit bekannten heißen Quellen mögen die Wahl des Königs mitbestimmt haben. Mit der ihm eigenen Energie und aus den Mitteln des von den Awaren eroberten großen Schatzes ließ er den Platz aufs Prächtigste ausbauen. Trotz intensiver archäologischer Forschung fällt es heute – sieht man einmal von der Pfalzkapelle ab – nicht leicht, uns ein Bild von der ehemaligen Gesamtanlage zu machen, die einst die Besucher aus Orient und Okzident begeisterte. Imposante Empfangssäle, großzügige Archiv- und Bibliotheksräume, Arkaden und Pavillons, eine mächtige Königshalle mit ihren Bronzetüren, das ausgedehnte Thermalbad oder das berühmte Reiterstandbild Theoderichs, das der König aus dem Langobardenfeldzug mitgebracht hatte, mögen einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Gleiches gilt von jenem herrlichen Kuppelbau der Pfalzkapelle, die unter der Leitung Odos von Metz nach dem Vorbild der Kirche von San Vitale zu Ravenna errichtet und 805 eingeweiht wurde. Sie bildet heute den Mittelpunkt des Münsters zu Aachen. »Halb Menschenwerk, halb göttliches Werk«, sagten die Zeitgenossen von diesem bedeutendsten Denkmal karolingischer Baukunst. Hier wurde noch am Tage seines Ablebens 814 der Kaiser beigesetzt, hier wurden zweiunddreißig Könige des deutschen Mittelalters gekrönt, und hier steht heute noch der ehrwürdige Thron Karls. In dieser ausgedehnten Pfalz arbeiteten die Beamten und Bediensteten des königlichen Hofes, an ihrer Spitze die Inhaber der auf lange Tradition zurückblickenden Hofämter: der Kämmerer als der oberste Verwalter der königlichen Güter, der Seneschall als Oberaufseher der Hofhaltung, der Mundschenk und der Marschall. Gegenüber der Zeit Pippins des Jüngeren waren diese Funktionen erhöht worden, sodass nun beispielsweise der Marschall nicht mehr wie früher die königlichen Gestüte und die Stallungen zu verwalten hatte, sondern als Reiterführer Dienst tat. Ihnen unterstellt waren die Quartiermeister, die Oberjäger, Falkner und Schatzmeister, die ihrerseits wieder über eine Schar von Bediensteten, Jägern, Knechten wachten. Besondere Bedeutung kam dem Pfalzgrafen zu, der oberster Richter war und den König bei seiner Abwesenheit in der Pfalz vertrat. Zu den weltlichen Beamten gesellten sich Bischöfe, Äbte und Kleriker, die den geistlichen Hofdienst versahen. Sie bildeten die »Hofkapelle«, eine typisch karolingische Einrichtung, deren Name auf eine von den fränkischen Königen besonders verehrte Reliquie zurückging, nämlich den Mantel des heiligen Martin, »capella Sancti Martini« genannt. So hießen die Kleriker, die sie im Gefolge des Königs mitführten und in den jeweiligen Pfalzkapellen bewachten, die »Kapelläne«. Sie unterstanden dem Erzkaplan, dem Leiter des geistlichen Hofdienstes, der den Rang eines Bischofs oder Abtes bekleidete, und hatten neben ihrer ursprünglichen geistlichen Tätigkeit, die sie ja kaum belastete, auch diplomatische und administrative Aufgaben wahrzunehmen. Damit aber kam ihnen eine Schlüsselstellung in der Verwaltung zu, denn in der Pfalz herrschte stets ein Kommen und Gehen, trafen Gesandte aus vielen Ländern ein, wurden die königlichen Erlasse ausgestellt, die »Königsboten« in die Grafschaften gesandt und Audienzen gewährt.

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Info 18.11.2017 13:11
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