Geschichten um Karl den Großen

Als der siegreiche Karl nach langer Abwesenheit nach Gallien heimkehrte, ließ er die Knaben, welche er dem Clemens anvertraut hatte, vor sich kommen und hieß sie ihre Briefe und Gedichte vorzeigen. Da brachten ihm die Knaben von geringer und die von niedriger Herkunft die ihrigen über alle Erwartung mit jeglicher Würze der Weisheit gesüßt, die vornehmen aber wiesen ganz unnütze und nichtige Ware vor. Karl, der sehr weise Richter, tat nach dem Vorbild des ewigen Richters, er sonderte die guten Arbeiter aus, stellte sie zu seiner Rechten und redete sie solchergestalt an: »Habt vielen Dank, meine Söhne, dass ihr meinen Befehl zu euerm Frommen nach Kräften auszuführen bemüht gewesen seid. Jetzt also bestrebt euch, die Vollendung zu erreichen, dann werde ich euch gar herrliche Bistümer und Klöster geben, und ihr werdet immer hochgeehrt in meinen Augen sein.« Darauf wandte er sein Angesicht mit großem Unwillen zu den Links stehenden, erschütterte ihr Gewissen mit flammendem Blick und stieß mit furchtbarem Hohn, mehr donnernd als redend, diese Worte gegen sie aus: »Ihr hochgeborenen, ihr Fürstensöhne, ihr zierlichen und hübschen Leutchen, die ihr vertraut auf eure Abkunft und euern Reichtum, meinen Befehl und euern Ruhm hintansetzend, habt ihr die Wissenschaften vernachlässigt und im Wohlleben mit Spiel, Nichtstun und leerem Treiben die Zeit verbracht.« Und nach diesem Eingang erhob er sein erhabenes Haupt und die nie besiegte Rechte zum Himmel und rief, gleich einem Wetterstrahl, seinen gewohnten Schwur: »Beim Herrn des Himmels! Ich gebe nicht viel auf euern Adel und euer hübsches Aussehen, wenn auch andere euch anstaunen mögen, und dessen seid versichert, wenn ihr nicht eiligst euere frühere Nachlässigkeit durch sorgsame Anstrengung wiedergutmacht, so habt ihr von Karl nie etwas Gutes zu erwarten.« Einmal kam der Kaiser auf einer Reise zu einer großen Kirche, und ein wandernder Priester, der Karls Zucht nicht kannte, trat ungerufen in den Chor ein, er hatte aber niemals etwas gelernt und blieb stumm und dumm mitten unter den Sängern stehen. Der Vorsinger erhob seinen Stab und drohte ihm, wenn er nicht singen wolle. Da wusste er nicht, was er tun sollte, noch wohin sich wenden, denn hinauszugehen wagte er nicht, drehte also den Hals im Kreise umher und machte den Mund weit auf, um, so gut er konnte, die Art der Singenden nachzuahmen. Niemand vermochte das Lachen zu unterdrücken, der tapfere Kaiser aber, den auch größere Dinge nie aus seiner ruhigen Fassung brachten, tat, als ob er seine gezwungenen Gebärden nicht bemerke, und erwartete in aller Ordnung das Ende der Messe. Darauf rief er den Armen zu sich, denn ihm dauerten seine Anstrengungen und seine Angst, und tröstete ihn mit den Worten: »Hab vielen Dank, guter Mann, für deinen Gesang und deine Mühe.« Und um ihn in seiner Armut zu unterstützen, befahl er, ihm ein Pfund Silber zu geben. Ein Bistum lag Karl auf seinen Reisen gerade im Weg, er konnte es kaum vermeiden. Der Bischof aber wollte ihn gerne nach Gebühr aufnehmen und verwandte in seinem Dienst alles, was er auftreiben konnte. Als nun einmal der Kaiser unerwartet ankam, da eilte der Bischof in großer Unruhe wie eine Schwalbe hin und her, ließ nicht nur die Kirchen und Häuser, sondern auch die Höfe und selbst die Straßen ausfegen und zog ihm dann sehr müde und verdrießlich entgegen. Der fromme Karl bemerkte das, musterte alles mit den Augen und sprach zum Bischof: »Du bist der beste Wirt, immer lässt du zu unserm Empfang alles aufs Schönste säubern.« Der erzitterte, gleich wie von göttlicher Stimme angeredet, ergriff die siegreiche Rechte, küsste sie und erwiderte, seinen Unwillen so gut wie er konnte verbergend: »Recht ist es Herr, dass wohin ihr kommt, alles bis auf den Grund ausgekehrt werde.« Karl, der weiseste aller Könige, erkannte den Sinn der Worte und sprach: »Verstehe ich auszuleeren, so kann ich auch wieder füllen.« Dann setzte er hinzu: »Nimm jenes königliche Gut, das bei deinem Bischofssitz liegt, und behalte es für dich und deine Nachfolger auf ewige Zeiten.«
Aus: Gesta Caroli (Die Taten Karls des Großen), wahrscheinlich von dem St. Gallener Mönch Notker Balbulus (der Stammler) um 840-912.

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Info 18.11.2017 13:02
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