Vorklassische Kulturen in Amerika (bis 300 n. Chr.)

Zwischen 2200 v. Chr. und 300 n. Chr. entfalteten sich in Mexiko und Peru die ersten Kulturen. In Mittel- wie auch in Südamerika entstanden um 1500 v. Chr. landwirtschaftliche Ansiedlungen. Allmählich entwickelte sich ein spezialisiertes Handwerk, so beispielsweise die Keramik. Gesellschaftliche Strukturen bildeten sich heraus, die ersten öffentlichen Bauten entstanden. Funde belegen, dass um 1200 v. Chr. das Reich der Olmeken, die erste voll entwickelte Gesellschaft, in den tropischen Niederungen der mexikanischen Golfküste bestand. Das älteste ihrer großen zeremoniellen Zentren war San Lorenzo Tenochtitlan, für dessen Fundament man einen Bergrücken in ein künstliches Plateau verwandelt hatte. Die Verbreitung der olmekischen Kultur
Bei Grabungen in Tenochtitlan fand man zahlreiche Großplastiken aus Vulkangestein, darunter auch einige Riesenköpfe. Das Gestein wurde aus einer Entfernung von mehr als 100 km, aus den Tuxtlabergen, herbeigeschafft. Der Transport lässt auf eine differenzierte Gesellschaft schließen, in der die Arbeitskräfte von sachverständigen Technikern beaufsichtigt wurden. Die Oberschicht war mächtig und reich genug, um das Handwerk zu fördern und Bildhauer, Steinschneider und Keramiker zu beschäftigen. Weitere Skulpturen und eine große abgestumpfte Erdpyramide hat man in La Venta, einem anderen olmekischen Kult- und Kulturzentrum, gefunden. Die Handelsbeziehungen reichten bis in das mexikanische Hochland, denn verschiedene Erze, die die Olmeken verwendeten, wurden in Oaxaca gefördert. – Aus dem Tal des Balsas, jenseits der Stadt Mexiko, kam wahrscheinlich die besonders geschätzte bläuliche Jade, möglicherweise stammte sie auch aus dem noch weiter entfernten Costa Rica. Steinschnitzereien und Höhlenmalereien im olmekischen Stil hat man sowohl im westlichen Mexiko als auch in El Salvador gefunden. Offenbar beeinflusste diese Kultur die Völker Mittelamerikas so nachhaltig, dass man von einem ersten pan-mesoamerikanischen Stil sprechen kann. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass die Olmeken ein System von Zahlen und anderen Zeichen schufen, ob man dieses Zeichensystem allerdings schon als Schrift bezeichnen kann, ist noch offen. Ab 1000 v. Chr. muss von Peru eine ähnliche Entwicklung ausgegangen sein wie von der mexikanischen Golfküste: Eine dort heimische Kultur, die Chavin-Kultur, sprengte den lokalen Rahmen und beeinflusste mehr und mehr die angrenzenden Landesteile. Hauptmotive dieser Kultur sind Raubtiere und Katzenmenschen mit Schlangenattributen. Die reiche Symbolik ist noch weitgehend ungeklärt. Die Kultur wurde nach dem Fundort Chavin de Huantar benannt, einem Kultzentrum, 3000 m hoch in den zentralperuanischen Anden gelegen: Auf einer Plattform steht eine Gruppe massiver Steinbauten, um Höfe angeordnet und durch unterirdische Gänge und Treppen miteinander verbunden. Die unterirdischen Räume enthalten Plastiken, wie z. B. den Lanzon, einen dolchförmigen Monolithen, er stellt wohl ein mythisches Wesen dar. Einflüsse der Chavin-Kultur
Keramik im Chavin-Stil hat man auch im weiter nördlich gelegenen Ecuador gefunden, Symbolen dieser Kultur begegnet man gleichfalls auf Geweben, die man im Paracasgebiet im südlichen Peru fand. Dieser Einfluss hielt sich bis etwa 200v.Chr., möglicherweise manifestiert er sich auch in den Skulpturen von San Agustin in den südlichen kolumbianischen Anden, aber in provinzieller Form, Die Überreste der Siedlung bestehen aus megalithischen, gekammerten Architekturen sowie Plastiken von katzenartigen Wesen mit Fangzähnen. Die Funde datiert man im allgemeinen in die erste Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. Meisterhafte Goldarbeiten der Chavin-Zeit wurden im Lambayeque-Tal und in anderen Gebieten des nördlichen Peru gefunden. Damit beginnt die Tradition der Edelmetallbearbeitung, die bis in die Zeit der spanischen Eroberung reicht. Im Viru-Tal an der peruanischen Küste entstanden in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung größere zentrale Siedlungen. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. blühte die Zapoteken-Kultur im Hochtal von Oaxaca im südlichen Mexiko auf. Die ersten Aufzeichnungen der Neuen Welt in Hieroglyphenschrift fand man in dem rituellen Zentrum auf dem Monte Alban. An den Ufern der großen seichten Seen im Hochtal von Mexiko entstanden nach einer Periode olmekischen Einflusses eine Reihe unabhängiger politischer Einheiten, darunter auch Cuicuilco, das ungefähr um die Zeitenwende durch einen Vulkanausbruch zerstört wurde. Teotihuacan im Nordosten des Hochtales (40 km nordöstlich von Mexiko) entwickelte sich im nächsten Jahrhundert zu einem urbanen Zentrum, das um 150 n. Chr. eine Größe von mehr als 20 km2 hatte. Die Handelsbeziehungen Teotihuacans reichten um 400 n. Chr. weit in das Maya-Gebiet hinein. Die Anfänge der Maya- Kultur
Den Beginn der klassischen Periode kann man um das Jahr 300 n. Chr. ansetzen: Die Maya errichteten die ersten Großbauten. Diese trugen Inschriften in der sogenannten Langrechnung, einem Kalendersystem, nach dem man die Maya-Bauwerke bis auf den Tag genau datieren konnte. Es hat ganz den Anschein, dass sich die meisten Merkmale der Maya-Kultur schon in den Zeiten der vorklassischen Kulturen ausgebildet haben.