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Indien (550 v. Chr. bis 300 n. Chr.)

In der Zeit Buddhas (um 550-483 v. Chr.) entstand nicht nur eine Weltreligion: In diese Zeit fallen auch der Dschainismus und die Anfänge wichtiger politischer und sozialwirtschaftlicher Entwicklungen. Der Handel und die politische Entwicklung
Um 500 v. Chr. beherrschten vier große expansive Staaten den indischen Raum. Der Mächtigste war Magadha im südlichen Bihar mit der Hauptstadt Pataliputra (heute Patna). Seine Stärke beruhte auf dem Besitz von Eisenerz und der Verhüttung. Die Regierungsgewalt lag in den Händen tatkräftiger Herrscher, die ihre Rivalen nach und nach aus dem Weg räumten. Das Handwerk blühte, besonders die Herstellung von Textilien und Keramik sowie die Metallverarbeitung. Die Handwerker waren in Zünften organisiert. Ihre Erzeugnisse ebenso wie die aus der Landwirtschaft belebten den Handel: Magadha hatte enge Beziehungen zu verschiedenen Zentren in Nordindien und zu dem Achämeniden-Reich im Westen. Den Warenverkehr lenkten größtenteils Menschen, die Geld besaßen und zugleich den Transport besorgten und auch das Transportrisiko übernahmen. Diese Aktivitäten begünstigten den Aufstieg einer neuen wohlhabenden Klasse. Viele ihrer Mitglieder waren mit der starren Struktur der Hindu-Gesellschaft längst nicht mehr zufrieden. Sie wurden dadurch oft zu begeisterten Förderern des Buddhismus und anderer nicht hinduistischer Religionen. Diese Entwicklung unterbrach 327 v. Chr. vorübergehend Alexander der Große (Regierungszeit 336-323 v. Chr.). Nachdem er das persische Weltreich erobert hatte, wollte er nun auch die indischen Provinzen jenes Reiches besetzen. Angelockt durch den legendären Reichtum Indiens, marschierte er weit nach Osten, es gelang ihm sogar, bis zum Indus vorzudringen. Aber Alexander musste sich bald zurückziehen, ebenso auch die Verwaltungsbeamten, die er eingesetzt hatte, um die Territorien nach seinem Abzug zu regieren. Die glorreiche Mauria-Zeit
Nach Alexanders Rückzug entstand eine starke indische Einheitsbewegung unter der Führung des jungen Kriegers Tschandragupta I. (Regierungszeit um 321-297 v.Chr.). Er befreite zuerst die Westprovinzen, dann marschierte er nach Pataliputra, wo er den Nanda-König von Magadha besiegte. Um 320 v. Chr. begründete er mit Hilfe seines tüchtigen und schlauen Ministers Kautilja die Mauria-Dynastie. Kautilja ist vermutlich der Urheber des bedeutendsten Textes altindischer Staatslehre, des »Arthaschastra«. Die Mauria-Zeit (etwa 322-185 v.Chr.) ist eine der glanzvollsten Perioden indischer Geschichte. Tschandragupta I. beherrschte Nordindien vom Hindukusch bis Bengalen und wahrscheinlich auch große Teile Südindiens. Ein gut ausgebautes Straßennetz war die Voraussetzung für die weitgehend zentralisierte Verwaltung des Königreiches. Das Mauria-Imperium erreichte seinen Höhepunkt unter Tschandraguptas Enkel Aschoka (Regierungszeit 272-232 v.Chr.), dem mächtigsten König des alten Indien. Zunächst verfolgte Aschoka weiterhin die traditionelle expansive Politik. Nach einem grausam geführten Feldzug gegen das Land Kaiinga (heute Orissa) verzichtete er jedoch auf weitere Eroberungen. Der Überlieferung nach soll sich seine Auffassung über die Welt dann verändert haben. Er wurde ein Anhänger des Buddhismus und einer seiner leidenschaftlichsten Verfechter. Aschokas Botschaften an sein Volk sind uns als Fels- und Säuleninschriften überliefert. In diesen Edikten forderte er von der Bevölkerung Mäßigung, Höflichkeit, Duldsamkeit und frommen Sinn. Die Indo-Griechen und die Kuschan-Dynastie
Nach Aschokas Tod beherrschte die Mauria-Dynastie den riesigen indischen Bereich noch weitere 50 Jahre. Dann zerbrach die Macht dieser Familie aber bald. Um 185 v.Chr. stürzte der Feldherr Puschyamitra den letzten Mauria-König in einem der ersten schriftlich belegten Militärputsche und begründete die Schunga-Dynastie. Das Verwaltungszentrum wurde von Bihar nach Zentralindien verlegt. Puschyamitra war ein mächtiger Herrscher. Seine Nachfolger konnten jedoch das Eindringen baktrischer Griechen, Nachkommen alexandrinischer Generäle, nicht verhindern. Zum Teil wurden sie von den Indern zurückgeschlagen, zum Teil gründeten diese Invasoren Königreiche im Pandschab und in anderen Gebieten Indiens. Diese Reiche bestanden aber nicht lange. Die meisten dieser Eindringlinge wurden von der indischen Kultur stark beeinflusst, deshalb nennt man sie Indo-Griechen. Ihnen folgten bald die skythischen Tocharer aus Zentralasien. 78 n. Chr. stand der größere Teil Nordindiens unter der Herrschaft von Kanischka I. (gest. um 100 n. Chr.) aus der tocharischen Kuschan-Dynastie. Gleich anderen Skythen war er ein frommer Buddhist. Ein Jahrhundert später wurde die Kuschan-Dynastie durch eine Art »indische Nationalbewegung« zerschlagen: Eine Hindu- »Renaissance« führte zur Neubesinnung auf die einheimische Tradition. Sanskrit, die Sprache der heiligen Texte, wurde die Umgangssprache der oberen Klassen und der Verwaltung, vor allem aber der Literatur. Die großen Sanskritepen, das »Mahabharata« und »Ramajana«, sind wahrscheinlich in dieser Zeit niedergeschrieben worden, ebenso auch das »Gesetzbuch des Manu«, der eigentliche Kodex des Hinduismus. In diesen drei Texten sind die Grundwerte des Hinduismus formuliert. Sie bilden das geistige Fundament für die klassische Zeit Indiens in der Gupta-Periode (etwa 320-550).

emu