Der Ursprung der Hochkulturen

Die Geschichte der Menschheit ist in dem weiten Zeitraum zwischen dem »Tier-Mensch-Übergangsfeld« und der Entstehung der modernen Zivilisation – wenigstens auf ökonomisch-technischem Gebiet und im Bereich der Sozialstruktur – nicht in gleichmäßig aufsteigender Linie vom primitiven Hersteller einfachster Geräte zum Mitglied der modernen Industriegesellschaft verlaufen. Sie ist im Gegenteil gekennzeichnet durch sprunghafte Entwicklungen, die tief einschneidend die Lebensbedingungen der Menschheit gewandelt und auf eine neue Grundlage gestellt haben. Ausgehend von Erfindungen und Entdeckungen, die nicht vereinzelt gemacht wurden, sondern gewissermaßen »gebündelt« auftraten, veränderten sich im Lauf verhältnismäßig kurzer Zeiträume alte Daseinsformen und wurden von neuen abgelöst. Unter diesen sprunghaften Veränderungen der menschlichen Existenzbasis steht diejenige dem Verständnis des heutigen Menschen am nächsten, in der er sich selbst befindet: die industrielle Revolution. An ihr kann man auch am leichtesten die Komplexität eines solchen Vorganges ermessen, der sich nicht auf eine Veränderung der Gütererzeugung und der Eigentumsverteilung beschränkt, sondern sogleich das überkommene soziale Gefüge grundlegend wandelt und nicht zuletzt einen tiefen Einfluss auch auf die Richtung des menschlichen Denkens gewinnt. Zugleich aber wird demjenigen, der sich als Historiker diesem Phänomen nähert, deutlich, wie schwierig es ist, selbst bei diesem, sich in vollem Licht historischer Überlieferung abspielenden Vorgang Klarheit in das enge Geflecht von Ursachen und Wirkungen zu bringen, und wie sehr jeder Versuch monokausaler Deutung eine ungerechtfertigte Simplifizierung dieser komplexen Erscheinung darstellen würde. Überblickt man unter diesem Gesichtswinkel den langen Verlauf der Menschheitsgeschichte, so zeichnen sich, wenn man von der im einzelnen noch unbekannten Dienstbarmachung des Feuers absieht, zwei die menschliche Lebenshaltung ähnlich revolutionierend verändernde Vorgänge älterer Zeit ab: der Übergang von der aneignenden Lebensweise eiszeitlicher Jäger und Sammler zu der produzierenden Wirtschaftsweise nacheiszeitlicher Bauern und die Entstehung der städtischen Hochkultur; beides Vorgänge, die sich vor dem Eintritt der Menschheit in ihre eigentlich »geschichtliche« Phase abspielten, beides zugleich aber auch Neuerungen, die bis heute die Grundlagen menschlicher Existenz entscheidend mit bestimmen. In der geistigen Entwicklung der Menschheit werden noch andere Zäsuren zu beachten bleiben. Durch den Übergang von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise am Ende des Eiszeitalters wurde das menschliche Leben, als es sich auf die größere Sicherheit versprechende neue Wirtschaftsform einstellte, von der großen Unsicherheit befreit, die Jagd, Fang und Sammeln mit sich brachten. In diesem Zusammenhang veränderte sich auch eine Reihe anderer Bedingungen grundsätzlich. Die neue Lebensform begründete eine engere Verbindung mit dem Boden, und diese stärkere Tendenz zur Sesshaftigkeit, deren Anfänge allerdings schon in die ausgehende Eiszeit zurückreichen, führte zu beständigerem Zusammenschluss größerer Menschengruppen in bestimmten, abgegrenzten Arealen. Mit der in der neuen Lebenshaltung gegebenen Voraussetzung für eine weit stärkere Vermehrung der Menschheit ging eine Verdichtung der Besiedlung Hand in Hand, die wieder zu verstärktem Verkehr und Ausgleich der Menschen innerhalb solcher Siedlungsgebiete führte. Erst mit dieser Entwicklung war die Voraussetzung für eine stärkere Angleichung der Menschen eines geschlossenen Gebietes aneinander und damit die Vorbedingung für die Herausbildung einheitlicher, regional unterscheidbarer Menschengruppen gegeben. Die Schwierigkeit für sesshafte Bevölkerungsteile, sich drohender Gefahr schnell durch weiträumige Flucht zu entziehen, führte auf sozialem Gebiet zu engeren und größeren Zusammenschlüssen, als sie bei Jäger- und Sammlergruppen möglich und zumeist auch tunlich waren. Im geistig-religiösen Bereich endlich rückten Vorgänge, die mit der Fruchtbarkeit des Bodens und der Herden zusammenhingen, in den Mittelpunkt menschlichen Denkens, wie auch der gegenüber dem Jägertum stark veränderte Jahresablauf im bäuerlichen Milieu, mit seinem Zwang zu sorgfältiger Beachtung der richtigen Saat- und Erntezeiten, größere Beachtung fand. In vielen Bereichen des Lebens veränderte sich mit dem Übergang zur produzierenden Wirtschaftsweise die Grundlage, und dieser Wandel war so tiefgreifend, dass Gordon Childe dafür in Anlehnung an den Begriff der »industriellen Revolution« die Bezeichnung »neolithische Revolution« geprägt hat, um damit die Größenordnung der Veränderung treffend zu kennzeichnen. Mag man an dem Begriff der neolithischen Revolution auch manches auszusetzen haben, als signifikante Bezeichnung eines tief in die Lebensverhältnisse der Menschheit einschneidenden Wandels behält er seine Berechtigung. Die Entwicklung der Hochkultur steht diesem Vorgang an historischer Bedeutung und an Ausstrahlungskraft bis in die Gegenwart nicht nach. Eine terminologisch einheitliche Definition des Begriffes Hochkultur gibt es nicht, und es stellen sich die einzelnen Disziplinen, die sich mit ihr zu beschäftigen haben, wesentlich verschiedene Erscheinungen darunter vor. Hier wird die historische Begriffsbestimmung übernommen, nach der Hochkultur ihrem Wesen nach mit zwei Faktoren eng verknüpft ist: mit Stadt und mit Herrschaft. Dabei wird unter »Stadt« nicht in erster Linie die konzentrierende Siedlung oder der politisch-ökonomische und auch religiöse Mittelpunkt eines Landgebietes begriffen, obwohl auch diese Funktionen bedeutsam sind, sondern die Stadt wird als Ausdruck einer gegenüber der bäuerlichen Dorfgemeinde stark veränderten Sozialstruktur aufgefasst. Entscheidend für die Stadt sind Bevölkerungsschichten, die durch ihre Zugehörigkeit zu arbeitsteiligem Gewerbe, wie Handwerker und Händler, gekennzeichnet sind. Neben diesen vom Zwang der Lebenserhaltung durch Produktion von Nahrungsmitteln befreiten Schichten kann es auch in der Stadt bäuerlich wirtschaftende Bevölkerungsgruppen geben, aber sie bestimmen nicht allein, wie auf dem Dorf, das Bild. Die Stadt kann nicht als groß gewordenes Dorf aufgefasst werden, sondern verdankt ihre Entstehung und ihre Existenz einer tiefgründigen Strukturwandlung der Gesellschaft, die durch die Emanzipation arbeitsteiliger Gewerbe aus dem Verband einer bäuerlichen Gesellschaft gekennzeichnet ist. Wirtschaftlich führte dieser Vorgang zu gesteigerter Gütererzeugung und entwickelten Produktionstechniken und zu vermehrtem Güteraustausch sowohl über weitere Entfernungen in Form eines echten Handels wie über kürzere Strecken in der Art eines Marktverkehrs. Bei Herrschaft ist nicht an die zufällige und zeitlich begrenzte Machtentfaltung einzelner Menschen oder kleinerer Gruppen gedacht, wie es sie gelegentlich sicher auch schon in der primitiven bäuerlichen Dorfgemeinde gegeben hat, sondern an eine institutionalisierte Machtausübung, die an eine differenzierte Gesellschaft gebunden ist. Diese erhält ihr Gepräge von schärfer gegeneinander abgegrenzten Schichten, die nicht allein in ihren Tätigkeitsmerkmalen voneinander zu scheiden sind, sondern die sich auch in ihrer Wertung durch die Allgemeinheit, in ihrer sozialen und meist auch rechtlichen Qualität voneinander unterscheiden. In dieser Gesellschaft spielen Priester, Krieger, Beamte, Handwerker, Händler und Bauern eine Rolle, die nicht gleichwertig nebeneinanderstehen, sondern eine breite Skala von stärker bevorrechteten Gruppen bis hin zu unfreien Sklaven umspannen. Dabei ist es für diese frühe Herrschaft unwesentlich, ob ein König oder ein Gott beziehungsweise sein irdischer Repräsentant als Priester an der Spitze steht oder eine kleine sozial stark herausgehobene Menschengruppe die Herrschaft ausübt. Eine Folge dieser Herrschaft ist die früher oder später eintretende Ablösung des Gewohnheitsrechtes durch gesetztes Recht. Schon in der frühen Zeit stadtartiger Bildungen scheint Herrschaft mit der Gewährung von Schutz gekoppelt zu sein, was seinen Ausdruck in bedeutenden, nur als Gemeinschaftsleistung größerer Gruppen möglichen Verteidigungsbauten findet, die eben darum eine entsprechende soziale Organisation voraussetzen. In diesen Bereich gehören auch die einem gekoppelten Repräsentations- und Schutzbedürfnis entspringenden Burg- und Palastbauten des Herrschers oder der herrschenden Schicht. Eine Folge, die zwar vielleicht nicht wesentlich zu dieser Entwicklung gehört, die aber nach aller Erfahrung mit ihr eng verbunden ist, ist die Herausbildung differenzierter religiöser Vorstellungen und ihre Einbeziehung in die Begründung der Herrschaft. Einen Ausdruck findet diese über die individuelle Religionsübung des Einzelnen hinausgehende Religiosität der Gemeinschaft in repräsentativen Kultbauten, die ersichtlich nicht den Zweck haben, der Erbauung des Einzelnen zu dienen, sondern auf größere Gemeinschaften als Teilnehmer an öffentlichen Kulten abgestellt sind. Endlich ist mit den meisten primären Hochkulturen die Existenz der Schrift verbunden, obwohl es auch voll ausgebildete Hochkulturen wie etwa amerikanische gibt, die ohne echte Schrift bleiben. Alle diese Indizien zusammengenommen vermitteln ein Bild städtischer Hochkultur, die man nicht als organische Weiterentwicklung bäuerlicher Gemeinschaften betrachten kann, sondern die etwas grundsätzlich Neues darstellt, das sich in wirtschaftlicher Hinsicht durch die Ausbildung eines arbeitsteiligen Gewerbes mit komplizierten Produktionsverfahren und eines teilweise schon weite Entfernungen überspannenden Fernhandels, auf sozialem Gebiet durch eine differenzierte Gesellschaft und auf politischem Gebiet durch Entwicklung von Herrschaft von den bäuerlichen Dorfgemeinden älterer Zeit unterscheidet. Die Bezeichnung einer urban revolution für diesen Entstehungsprozess wird man im Hinblick auf seine Größenordnung wohl für berechtigt halten dürfen. Von den drei genannten sprunghaften Veränderungen des wirtschaftlichen und sozialen Gefüges der Menschheit: der neolithischen Revolution, der Ausbildung städtischer Hochkulturen und der industriellen Revolution der Neuzeit steht hier die Frage nach den Vorformen städtischer Hochkultur im Mittelpunkt der Betrachtung. Ihr plötzliches Erscheinen im ausgehenden vierten Jahrtausend am Unterlauf von Euphrat und Tigris wird gewöhnlich mit der Einwanderung eines neuen Volkes, der Sumerer, erklärt, ohne dass dadurch dieses Phänomen befriedigend gedeutet werden kann. Überblickt man die primären Hochkulturen in ihrer Verbreitung, so zeigt sich, dass sie sich als breiter Gürtel in den tropischen und subtropischen Zonen um die Erde ziehen. Verhältnismäßig eng benachbart sind die Stadtkulturen in Mesopotamien, Ägypten und in Indien; weiter entfernt müssen im Altweltblock die ostasiatische Gruppe und in der neuen Welt die mittelamerikanische und die andine Hochkultur genannt werden. Eine eindeutige Entscheidung der Frage, ob es sich überall um echte Neubildungen handelt oder ob die Diffusion der Idee von einem Ursprungszentrum aus den Anstoß zur Entstehung sekundärer Zentren dieser neuen Lebensform gegeben hat, ist vorerst nicht mit voller Sicherheit zu treffen. Die Beeinflussung der ägyptischen Hochkultur durch die ältere mesopotamische erscheint einigermaßen gesichert, wenn auch die ägyptische Ausprägung selbständige Züge aufweist. Als wahrscheinlich können auch Verbindungen der Induskultur zur sumerischen betrachtet werden. Unklar bleibt vorerst die Stellung der frühen ostasiatischen Stadt und umstritten die Frage eines eventuellen Einflusses der alten Welt auf die amerikanischen Hochkulturen. In den großen Grundzügen gesichert dagegen scheint das Altersverhältnis der verschiedenen Gruppen zueinander zu sein. Die Anwendung der auf der Zersetzung radioaktiven Kohlenstoffes der Formel C 14 beruhenden Methode zur Altersbestimmung in der Archäologie hat eine neue Möglichkeit der Erkenntnis synchroner Horizonte über weite Entfernungen geschaffen. So viel scheint heute als gesichert gelten zu können, dass die Herausbildung der mesopotamischen Hochkultur in der zweiten Hälfte des vierten Jahrtausends am Anfang der ganzen Entwicklung steht, dass in geringem zeitlichem Abstand Ägypten und das Indusgebiet folgen und dass sowohl die frühe ostasiatische Stadtkultur wie auch die amerikanischen Stadtkulturen wesentlich jünger sind. Die Tatsache allerdings, dass beispielsweise die höchst eindrucksvolle Induskultur überhaupt erst vor einem Menschenalter entdeckt worden ist, gibt die Möglichkeit zu bedenken, ob nicht in den weniger erforschten Teilen der Erde noch weitere, vielleicht sogar ältere Beispiele früher Stadtkultur bisher noch unerkannt im Boden schlummern. Nach unserem heutigen Wissensstand wird die Frage nach älteren Vorformen städtischer Wirtschaft und Gesellschaft an die bisher älteste, die mesopotamische Gruppe anknüpfen müssen. Die Voraussetzungen
Die oben gegebene kurze Charakteristik städtischer Hochkultur zeigt deutlich, dass ihre Entstehung von gewissen Voraussetzungen abhängig ist, so vor allem von der Existenz einer leistungsfähigen nahrungsproduzierenden Wirtschaft. Die für die Hochkultur typische Befreiung breiter Bevölkerungsschichten vom Zwang zur Urproduktion und ihre damit gegebene Freistellung für andere Aufgaben der Wirtschaft, der Verteidigung, des Kultus und der Verwaltung setzen voraus, dass Technik und Organisation der Lebensmittelerzeugung bereits einen hohen Stand erreicht hatten, der es ermöglichte, nicht nur für den Eigenbedarf zu produzieren, sondern einen Überschuss zur Unterhaltung nichtagrarisch lebender städtischer Bevölkerungsschichten zu erzeugen. Aus diesem Grund ist die Existenz früher städtischer Zentren innerhalb einer von Jagd, Fang und Sammeln lebenden Bevölkerung mit nur aneignender Wirtschaftsweise sehr wenig wahrscheinlich. Vergleicht man die Verbreitung der frühen Zentren städtischer Hochkultur mit den Ursprungszentren unserer Kulturpflanzen, wie sie der russische Forscher Wawilow festgestellt hat, so zeigt sich eine erstaunliche Koinzidenz, die auch dann bemerkenswert bleibt, wenn man berücksichtigt, dass nicht alle der von Wawilow dargestellten Zentren wirklich Entstehungszentren der von ihm angenommenen Arten waren. Vorausgesetzt werden muss aber weiterhin eine entwickelte Organisationsform, die die städtische Bevölkerung in den sicheren Genuss agrarischer Überschussproduktion gelangen ließ. Das war ganz sicher als Regel nicht durch Raub möglich, sondern setzt entweder – und das ist das wahrscheinlichste – Herrschaft über eine ausreichende Nahrung produzierende Bevölkerung voraus oder erfordert eine Anziehungskraft der Stadt für den Güteraustausch mit einer ländlichen Umgebung, was aber wohl nie die primäre Entwicklung einleiten konnte. Neben einer solchen zur Überschussproduktion fähigen Landwirtschaft ist auch der Ansatz zu sozialer Differenzierung oder wenigstens eine Disposition dafür eine wesentliche Voraussetzung für die Entstehung städtischer Hochkultur mit ihrer stark geschichteten Bevölkerung. Damit schiebt sich vor die Frage nach den Frühformen städtischer Siedlungen das Problem der Entstehung der produzierenden Wirtschaftsform und ihrer frühesten Verbreitung. Zwei grundsätzlich verschiedene Wege stehen heute für die Klärung dieser Frage zur Verfügung: der Rückschluss aus heutigen Primitivkulturen, wie sie Geographie und Ethnologie erforschen, und der Versuch, den archäologischen Nachweis tatsächlich feststellbarer früher Beispiele zu erbringen. Der erste Weg wird nur selten zu gesicherten Ergebnissen führen. Sein Wert liegt in der Beschreibung von Modellfallen am Beispiel heutiger Primitiver, die dem Forscher nur den Umfang der Möglichkeiten, mit denen er zu rechnen hat, vor Augen führen können. Der zweite Weg verspricht gesichertere Ergebnisse, ist aber von einem entwickelten Forschungsstand abhängig, wie er heute nur ausnahmsweise und für einzelne Gebiete gegeben ist. Aus der großen Zahl heute noch vorhandener Beispiele primitiver Anbauwirtschaft können nur wenige den Anspruch auf wahrscheinlich hohes Alter erheben. Zwei grundsätzlich verschiedene Arten der Nahrungsproduktion stehen hier seit langem im Mittelpunkt des Forschungsinteresses: ein Pflanzertum mit der Zucht von Knollengewächsen oder der pfleglichen Nutzung von Fruchtbäumen, mit Fischfang und Schweinezucht zur Deckung des Bedarfs an tierischem Eiweiß und Fett in den südasiatischen Küstengebieten und ein Bauerntum mit Anbau von Getreide und mit Domestikation kleiner und großer Wiederkäuer, wie Schaf, Ziege und Rind, im Vorderen Orient. Daneben bleiben Hinweise auf ein frühes Kultivationszentrum im Nigergebiet Westafrikas, auf ein an die Hirse gebundenes frühes Zentrum in Ostasien und auf das vom Maisanbau bestimmte Gebiet Amerikas bemerkenswert. Die weitverbreitete Ansicht vom Ursprung der nahrungsproduzierenden Wirtschaftsform überhaupt im Bereich des südasiatischen Pflanzertums fand bisher keine Bestätigung in zeitgenössischen archäologischen Quellen. Sie bleibt ein Rückschluss aus neuzeitlichen Verhältnissen, der nichts über das tatsächliche Alter dieser Wirtschaftsform aussagt, der aber gleichwohl in der Forschung weitere Beachtung erfordert. Das absolute Alter des chinesischen Hirseanbaus liegt noch nicht fest; indessen darf aus mancherlei Anzeichen geschlossen werden, dass Hirse in Ostasien eine sehr alte Kulturpflanze darstellt, während sie in Europa und den Vorderen Orient erst relativ spät, seit etwa 3000 v. Chr., eindrang. Der Maisanbau in Amerika, die Nutzung von Knollengewächsen, wie Kartoffeln, Oca und Quinoa, und der Anbau von Bohnen sollen hier übergangen werden. Für eine besonders frühe Bedeutung des Nigergebietes als altes Anbauzentrum fehlen heute noch wirklich überzeugende Belege. Damit soll keineswegs gesagt werden, dass dieses Gebiet als selbständiges Ursprungszentrum früher produzierender Wirtschaftsform ausscheidet, sondern es soll nur ausgedrückt werden, dass wirkliche Belege für ein so hohes Alter vorerst noch fehlen. Etwas gesicherteren Boden betritt man bei der Frage nach dem Alter des von Getreideanbau, Schaf-, Ziegen- und Rinderzucht lebenden Bauerntums im Vorderen Orient. Hier hat sich die Forschung auch weitgehend von rekonstruktiven Denkschemata frei gemacht und ist in der Lage, stärker von Beobachtungen an archäologisch überprüfbaren Fundkomplexen auszugehen. Der Fruchtbare Halbmond
Alle Versuche, Alter, Entstehung und früheste Ausbreitung dieses neolithischen Bauerntums zu ergründen, führen in den Vorderen Orient. Die fruchtbaren Gebiete, die sich in großem Bogen von den Tälern des Euphrats und Tigris über die syrisch-palästinensische Küstenebene bis in das Niltal erstrecken, hat Breastedt unter der Bezeichnung des fertile crescent, des »Fruchtbaren Halbmondes«, in die Forschung eingeführt. In der Mitte des Bogens liegt die syrisch-mesopotamische Wüste, die nach der Austrocknung dieses in den Pluvialzeiten offenbar tierreichen und Jägergruppen anlockenden Gebietes keinerlei Voraussetzung mehr für nahrungsproduzierende Wirtschaft bot. Die fruchtbaren Flussoasen des Euphrats und Tigris und die üppige syrisch-palästinensische Küstenebene werden im Osten von einem Gebirgsbogen begleitet, der sich von der Zagroskette im iranischen Gebiet über den Taurus zum Libanon spannt. Ihre von den winterlichen, regenspendenden Westwinden des Etesienklimas bestrichenen Hänge liegen im Bereich von Niederschlägen, die einen Regenfeldbau gestatten. Aber in den Flussoasen, die beide in einer Zone semiariden Steppenklimas liegen, ist großräumiger Anbau nur auf der Grundlage künstlicher Bewässerung möglich. Weit schwieriger ist die Rekonstruktion der Klima- und Vegetationsgeschichte dieses Raumes, die beide für die Frage nach der Entstehung früher Anbaukulturen und Kultivationsmethoden von großer Bedeutung sind. In Mittel-, Nord- und Nordwesteuropa ist es in den letzten Jahrzehnten gelungen, aus mancherlei gesicherten Indizien geomorphologischer, botanischer und zoologischer Art, vor allem mit Hilfe der die Blütenstaubschichten in Mooren und Seeablagerungen untersuchenden Pollenanalyse, ein verhältnismäßig gesichertes Bild der Klimaentwicklung und Vegetationsgeschichte seit der Eiszeit zu gewinnen. Dagegen fehlen gesicherte Erkenntnisse für den Vorderen Orient heute noch weitgehend. Zwar haben im Iran sorgfältige geomorphologische Beobachtungen eine Rekonstruktion der Klimaentwicklung wenigstens in groben Zügen gestattet. Aber die für die Verfeinerung des Bildes und die Sicherung der Zeitbestimmung notwendigen botanischen Untersuchungen fehlen, weil es hier entweder gar keine oder nur sehr wenige dafür geeignete See- und Moorablagerungen gibt. Lediglich die auf ausgegrabenen Siedlungen beobachteten tierischen Reste erlauben über die geomorphologische Beobachtung hinaus eine ungefähre Rekonstruktion des Klimas in der hier vornehmlich interessierenden Zeit zwischen 10000 und 5000 v. Chr. Grundsätzlich zu bedenken bleibt vor allem die Tatsache, dass neben dem Klima und dem Boden die Lebensbedingungen für Mensch, Tier und Pflanze auch im Bereich des Fruchtbaren Halbmondes stark von der Höhenlage mitbestimmt werden, reichen doch die heutigen Klima- und Vegetationszonen von der Wüste über die Steppe und den Wald bis zu alpinen Regionen. So bleiben ähnlich wie in Mitteleuropa Baum- und Schneegrenze in ihren klimabedingten Schwankungen zu berücksichtigen. Von einigen Fundplätzen im Irak, so vor allem von Palegawra, Zarzi und Shanidar und in Palästina von Eynan am Hule-See wurden Reste einer mittelsteinzeitlichen Kultur, des »Zarzien« und des »Natufian«, ausgegraben, die eine einfache, durch kleine Flintgeräte repräsentierte Steinindustrie aufweisen. Sie können der Zeit zwischen 9000 und 7000 v. Chr. zugerechnet werden. Auf ihre Bedeutung für die Frage nach Ort und Zeit des Überganges zur produzierenden Wirtschaft wird noch zurückzukommen sein. Zunächst sind vor allem die dort gefundenen Tierreste als Indikatoren für das Klima der Zeit wichtig. Rotwild, Reh, Gazelle, eine Equidenart (wahrscheinlich Onager, ein Halbesel), Wildrind, Wildziege, Wildschaf, Schwein, Fuchs, Wolf, eine Wildkatzenart in der Größe eines Luchses, Igel und Landschildkröten sprechen für ein Klima, das dem heutigen sehr ähnlich ist. Alle diese Tiere würden, hätte der Mensch sie nicht ausgerottet oder ihre Lebensbedingungen zerstört, noch heute in diesem Gebiet leben können. Vor allem die zahlreich gefundenen Schnecken deuten als empfindliche Anzeichen für feinere Nuancierung ein Klima mit heißen, trockenen Sommern und grasbewachsene offene Flächen an. Für Grasflächen sprechen auch die zahlreichen Gazellenreste. Dagegen weisen andere Arten, wie etwa Rotwild, Reh und Wildschwein, auf stärkere Bewaldung hin, die sich auch aus anderen Indizien für die Hänge der Zagroskette erschließen lässt; man wird sich diese Hänge mit einem vornehmlich von Eichen bestimmten, aber auch immergrüne Bäume enthaltenden Wald bedeckt vorstellen dürfen. Eingestreut darin oder als Zone in niedrigeren Lagen an ihn angrenzend sind offene große Steppenflächen anzunehmen. Das dem heutigen ähnelnde Klima dieser frühen Zeit besagt also nicht, dass das heutige Landschaftsbild auch im ausgehenden Eiszeitalter und in der frühen Nacheiszeit vorherrschte. Abholzung des Waldes, Beweidung der offenen Flächen und eine als Folge davon auftretende Bodenerosion haben in der Zwischenzeit den Charakter der Landschaft weitgehend verändert. Unklar bleibt vorläufig noch die Frage, ob ähnlich wie in Mittel- und Westeuropa auch im Vorderen Orient die Nacheiszeit kleinere Klimaschwankungen erlebt hat, die die Situation für den Menschen merklich beeinflussen konnten. Für das iranische Hochland, das klimatisch ein Teil der asiatischen Landmasse ist und stärker kontinental getöntes Klima als das syrisch-palästinensisch-irakische Gebiet besitzt, konnte Bobek aus geomorphologischen Indizien auf ein trockenes Klima für die Mitte der Nacheiszeit schließen, wenn auch die Zeitbestimmung ungenau bleibt. Dieser Trockenheit folgte später eine feuchtere Klimaphase. Anhaltspunkte für solche kleinen, im Zusammenhang mit der menschlichen Lebensweise gleichwohl bedeutsamen Schwankungen scheinen auch die jüngsten Ausgrabungen in Jericho erbracht zu haben. Ob eine Austrocknung etwa im achten Jahrtausend, die übrigens den besser bekannten Verhältnissen in Mittel- und Nordeuropa entsprechen würde, wirklich als großräumige Veränderung aufzufassen ist oder ob nur eine kleinklimatische Wandlung vorliegt, werden weitere Beobachtungen klären müssen. Maßgebend für das Problem der Entstehungsgebiete eines durch Weizen- und Gersteanbau und die Inzuchtnahme von Wiederkäuern gekennzeichneten frühneolithischen Bauerntums bleibt die Frage nach den Verbreitungsgebieten der Wildformen, die damals gezüchtet wurden. Der russische Forscher Wawilow hat, wie schon angedeutet, auf Grund sehr umfangreichen Materials die mutmaßlichen Ursprungsgebiete unserer heutigen Kulturpflanzen umrissen. Er ging dabei von der Annahme aus, dass die heute feststellbaren Gebiete größten Formenreichtums auch die Heimatgebiete der betreffenden Pflanzen sein müssten. Wenn das in der Regel auch zuzutreffen scheint, so gibt es doch erkennbare Ausnahmen, die darauf beruhen, dass Kulturpflanzen, aus ihrer ursprünglichen Heimat vom Menschen in ein anderes Zentrum reicher Variationen übertragen, dort zu neuen Variationen kamen und so zur Entstehung eines sekundären Mannigfaltigkeitszentrums führten, das nicht mit ihrem eigentlichen Ursprungsgebiet identisch zu sein braucht. Ein solcher Fall scheint bei der Weizenart des Emmer in Abessinien vorzuliegen, wo die Hochfläche offenbar zu einem sekundären Zentrum auffallenden Variationsreichtums geworden ist. Immerhin ist das angedeutete Zusammenfallen der Ursprungsgebiete heutiger Kulturpflanzen mit den Zentren früher städtischer Hochkultur zunächst bemerkenswert. Die Wildformen von Emmer sind auf Syrien und Palästina, die von Einkorn auf Kleinasien und kleine Gebiete des Balkans beschränkt. Die Wildformen der zweizeiligen Gerste kommen in Kleinasien, Iran und dem nordöstlichen Irak vor, während die sechszeilige Gerste etwa das gleiche Verbreitungsgebiet in Syrien und Palästina einnimmt wie die Wildformen von Emmer, außerdem aber noch im zentralasiatischen Gebirgsgebiet auftritt. Ähnlich eng begrenzt sind auch die Verbreitungsgebiete der kleinen Wiederkäuer Ziege und Schaf, die von Kleinasien bis in die indischen Grenzgebirge und bis nach Zentralasien hinein Vorkommen. Unter der Voraussetzung, dass diese heute noch feststellbaren Verbreitungsgebiete der Wildformen auch die ursprünglichen sind, begrenzt sich das Gebiet ihrer Inzuchtnahme auf den Vorderen Orient und Zentralasien. Spuren früher bäuerlicher Wirtschaftsweise
Lange Zeit hindurch herrschte in der Forschung die Vorstellung, dass der für die weitere Entwicklung der Menschheit so wichtige Schritt zur bäuerlichen Wirtschaftsweise sich in den Flussoasen von Euphrat, Tigris und Nil vollzogen haben müsse. Erst Untersuchungen haben die Aufmerksamkeit der Forschung auf die hügelige Ostflanke Mesopotamiens, die Westhänge der Zagroskette, gelenkt. Dort gelang es Braidwood, bei Qalat Jarmo in einem Schutthügel Spuren einer sehr alten dörflichen Ansiedlung bäuerlichen Gepräges zu entdecken und in zwei Grabungskampagnen in den Jahren 1950/51 und 1954/55 zu untersuchen. Der Platz liegt etwa achthundert Meter hoch, also nahe der unteren Grenze der zwischen sechshundertfünfzig und siebzehnhundert Meter angenommenen Zone lichten oder dichteren Laubwaldes und damit wohl in der Nähe offenen Graslandes. Die heutigen Niederschläge in Höhe von vierzig bis fünfundsechzig Zentimeter pro Jahr gestatten einen einfachen Regenfeldbau, was man wohl auch für die frühe Zeit annehmen darf. Das gerade an dieser Stelle sehr häufige Auftreten der Schnecke Helix Salomonica setzt trockene, heiße Sommer und Grasflächen voraus. Die alte Ansiedlung, die Braidwood entdeckte und untersuchte, erstreckte sich über ein Gebiet von 1,3 Hektar, ein Teil ist durch Erosion zerstört. Das Dorf hat etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Anwesen umfasst und schätzungsweise einhundertfünfzig Einwohner beherbergt. Es hat nur wenige Jahrhunderte bestanden und ist von späteren Ansiedlungen nicht überlagert oder gestört worden. Bei den Ausgrabungen konnten sechzehn übereinanderliegende Siedlungsschichten beobachtet werden, die dadurch entstanden, dass die wenig widerstandsfähigen Hausbauten häufig erneuert werden mussten, so dass keine größeren Zerstörungen als Ursache dieser Hauserneuerungen in Frage kommen. Es handelt sich also um ein wirkliches Dorf mit ansässiger Bevölkerung und nicht um einen periodisch immer wieder aufgesuchten und nur vorübergehend bewohnten Platz. Sesshaftigkeit der Ansiedler muss aus den ergrabenen Befunden gefolgert werden. Die Häuser selbst sind in einer einfachen Technik mit Wänden aus Schlammlagen noch ohne Verwendung vorgeformter Ziegel errichtet. Sie setzen sich jeweils aus mehreren rechteckigen Räumen und Gängen zusammen, enthalten kunstvoll gebaute Öfen mit Schornsteinen in den Lehmwänden, Vorratsräume und offene Höfe, auf denen gekocht wurde. Die Fußböden bestehen aus dünnen über Schilflagen verstrichenen Schlammschichten und waren mit Schilfmatten belegt. Für die nicht erhaltene Dachkonstruktion wird man Schilfbedeckung annehmen dürfen. Vereinzelte Beobachtungen lassen auf das Vorhandensein von Fenstern schließen, und Türangelsteine deuten die Existenz von Holztüren an. Diese komplizierten und entwickelten Hausanlagen finden sich schon in der ältesten Schicht an der Basis der Ansiedlung. In die Fußböden eingelassen sind große bassinartige Vertiefungen, die entweder als Feuerstellen oder als Vorratsbehälter gedient haben werden. Die Kenntnis der Töpferei ließ sich nur für die jüngsten Schichten nachweisen, in denen Reste zum Teil fein bemalter Tongefäße gefunden wurden. Die Bewohner der älteren Schichten kannten das Töpferhandwerk nicht. Ihnen dienten als Behälter kunstvoll hergestellte Steingefäße, meist aus Marmor gearbeitet und oft unter geschmackvoller Ausnutzung seiner natürlichen Bänderung hergestellt. Die schneidenden Steingeräte sind aus Flint oder Obsidian, einem Glas vulkanischer Herkunft. Bestimmend sind kleine Geräte, also »Mikrolithen«, und einfache Klingen, die teilweise, wie Spuren von Erdpech lehren, in Schäftungen aus organischer Substanz befestigt gewesen sein müssen. Auffallend sind Sichelklingen, die offenbar zum Schneiden von Getreidehalmen oder Schilf gedient haben, wie der feine politurartige Glanz ihrer Schneiden lehrt. Daneben treten zum Teil sorgfältig bearbeitete Geräte aus Felsgestein auf, wie etwa Äxte, durchbohrte Steinkugeln, deren Zweck unbekannt ist, Quetschmühlen, Mörser, Stößel und ähnliche Geräte. Der Anfall von Tierknochen wurde zur Herstellung von Geräten, wie Nadeln und Pfriemen, benutzt. Auch Flechtmatten und Körbe, teilweise mit Spuren einer Dichtung aus Bitumen, haben sich erhalten. Auffallend sind die zahlreichen Funde fein gearbeiteter Steingefäße, die ein entwickeltes Gewerbe voraussetzen, bemerkenswert auch der sehr hohe Anteil von Obsidian an den schneidenden Geräten. Dieses Material muss über weite Entfernungen herantransportiert worden sein, da es sich in der näheren Umgebung nicht findet. Das nächste Vorkommen liegt etwa vierhundert Kilometer von Jarmo entfernt am Wan-See, erforderte also einen schon sehr weitreichenden Güteraustausch. Am bemerkenswertesten sind bei dieser frühneolithischen Ansiedlung die Zeugnisse für die Wirtschaftsform. Die Bewohner Jarmos bauten zwei Weizenarten, Einkorn und Emmer, und eine sechszeilige Gerste an. Die Getreidearten stehen morphologisch ihren Wildformen noch sehr nahe, schließen also eine lange betriebene Zucht wohl aus. Ob Erbsen und Linsen, die gelegentlich in den Siedlungsschichten gefunden wurden, schon kultivierten Pflanzen oder noch Wildformen zuzurechnen sind, steht nicht fest. Dass auch Wildfrüchte gesammelt wurden, zeigen Eicheln und Pistazien. Die zahlreichen in der Siedlung gefundenen Holzkohlenreste bieten nicht nur eine willkommene Unterlage für eine Altersbestimmung durch die Radio-Karbon-Methode, sondern gestatten auch eine Rekonstruktion der Waldvegetation in der näheren Umgebung der Ansiedlung. Die Tatsache, dass neunzig Prozent der Holzkohle von Eichen, und zwar teilweise von alten, dicken Stämmen, stammen, bestätigt die Annahme eines Eichenwaldes in der Nähe. Bezeichnend für die Art der Ansiedlung sind auch die Tierknochen. Ursprünglich hatten die Ausgräber in einem Vorbericht mitgeteilt, dass nur fünf Prozent des Knochenmaterials zu Wildtieren, fünfundneunzig Prozent dagegen zu Haustieren gehören, doch hat sich dieses Bild bei eingehenderen Untersuchungen gewandelt. Gefunden wurden Knochen von Onager, Gazelle, Wildziege, Hausziege, Schaf, einer Rinderart, Hirsch, Reh, Schwein, Bär, Wolf, Fuchs, Leopard, Katze, Dachs, Marder und Schildkröte, dazu Fischgräten, Süßwasserkrebse und Reste kleiner Nagetiere. Mit Sicherheit als gezähmt kann nur die Ziege nachgewiesen werden; es wird aber stets zu bedenken sein, dass frühe Domestikationsstadien noch keine auffälligen Veränderungen im Knochenbau der Tiere zu bewirken brauchen, dass also ein Teil der wildtierartigen Reste sehr wohl schon zu Tieren in frühen Stadien der Inzuchtnahme gehören können. Trotzdem bleibt in Jarmo die Jagd für die Deckung des Bedarfs an tierischem Eiweiß noch bedeutsam. Für die Wichtigkeit der Ergänzung der produzierten Nahrung durch Sammeln von Wildfrüchten und Kleintieren sprechen Eicheln, Pistazien und die sehr zahlreichen Schnecken, die offenbar einen wesentlichen Anteil der Kost ausmachten. Bemerkenswert ist das Auftreten kleiner Tonfiguren von Frauen und Tieren, darunter Hund und Rind. Damit tritt offenbar zum erstenmal die Figur der später im Orient so beliebten Muttergottheit auf, die dann als Erbe der orientalischen Frühkulturen auch Eingang in die Götterwelt der klassischen Zeit fand. Die vielfach gefundenen Holzkohlenreste bilden die Grundlage für die Zeitbestimmung auf dem Wege über die Radio-Karbon-Methode. Die so ermittelten Zeitangaben reichen von 9300 bis 4750 v. Chr., eine größere Anzahl von Proben konzentriert sich auf die Zeit um 6750. Diese Proben umspannen einen wesentlich größeren Zeitraum, als man ihn für die Existenz der Ansiedlung annehmen darf. Hatten die Ausgräber zunächst die Zeit um 4750, also die der jüngsten Probe, für die wahrscheinliche Besiedlungszeit gehalten, so haben sie in letzter Zeit unter dem Eindruck ähnlicher Untersuchungen in Jericho die sich um 6750 v. Chr. konzentrierenden Proben als Hinweis auf das wirkliche Alter genommen. Mit diesem Grad von Unsicherheit im Blick wird man also diese frühe bäuerliche Ansiedlung zu Beginn des siebenten vorchristlichen Jahrtausends ansetzen dürfen. Als Gesamtbild ergibt sich für Jarmo die Existenz eines Dorfes mit ansässiger, über mehrere Jahrhunderte am Ort siedelnder Bevölkerung, die von Getreidebau und der Zucht kleiner Wiederkäuer lebte, zur Ergänzung dieser Nahrungsbasis ausgedehnte Jagd betrieb und Eicheln, Pistazien und Schnecken sammelte. Die komplizierten Hausgrundrisse stehen nicht am Anfang der Entwicklung einer Wohnarchitektur, sondern setzen längere Erfahrung voraus. Bemerkenswert sind die hohe Entwicklung des Handwerks, das Steingefäße herstellte, und die weitgespannten Handelsbeziehungen, die sich in dem Gebrauch von Obsidian widerspiegeln. Überraschend ist in jedem Falle das hohe Alter der Ansiedlung. Für die hier interessierende Frage nach der Entstehung produzierender Wirtschaftsweise als Grundlage früher Stadtentwicklung im Vorderen Orient vermitteln diese Forschungsergebnisse in Jarmo wichtige neue Erkenntnisse. Sie lassen in verhältnismäßig früher Zeit ein komplexes Bauerntum mit Getreidebau und Horaviehzucht erkennen und bieten keinerlei Hinweise auf eine Überlagerung älteren Pflanzentums durch jüngere Herdenviehzüchter. Weiterhin wird der Blick von dem früher vermuteten Ursprungsherd des Anbaues in den Flussoasen von Euphrat, Tigris und Nil auf die hügligen Flanken der mesopotamischen Flussgebiete gelenkt. Hier hat sich lange vor den ältesten bäuerlichen Ansiedlungen in den Flussoasen, die erst um 5000 beginnen, eine bäuerliche Wirtschaftsweise herausgebildet, die weit urtümlichere Züge aufweist als die frühen Anbaukulturen in den Tälern des Euphrats, des Tigris und des Nils. Etwa dreitausend bis viertausend Jahre vor der Herausbildung echter städtischer Hochkultur hat sich in diesen Gebieten eine produzierende Wirtschaftsform entwickelt, die also in der Zeit früher Hochkultur schon auf eine lange Tradition zurückblicken konnte. Sie ist auch nicht an jene Areale gebunden, in denen sich die frühen Stadtkulturen herausgebildet haben, sondern ist offenbar in den angrenzenden Randgebieten des Fruchtbaren Halbmondes entstanden; erst etwa zwei Jahrtausende später sind dann die Flusstäler von Bauern aufgesucht worden. Hier stellen sich allerdings zwei wichtige Fragen, die beantwortet werden müssen, bevor das Problem der Herausbildung stadtartiger Siedlungen gelöst werden kann: die Frage nämlich, ob die Funde von Jarmo wirklich an den Anfang anbauender Wirtschaftsweise gehören oder nicht vielmehr lang dauernde Vorstufen anzunehmen sind, und die Frage, ob der in Jarmo und in einigen wenigen ähnlichen Siedlungen des gleichen Areals nachgewiesene Getreideanbau und die Haustierzucht ausreichen würden, um die für die Herausbildung stadtartiger Siedlungen notwendige Überschussproduktion von Nahrungsmitteln zu gewährleisten. Die erste Frage steht nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem hier verfolgten Problem früher stadtartiger Siedlungen. Sie kann verhältnismäßig kurz mit einigen Hinweisen beantwortet werden. Die komplexe Wirtschaftsweise der Bauern von Jarmo macht nicht den Eindruck unmittelbaren Anfangs. Dieser Fundstelle zeitlich voraus gehen einige Fundplätze im Irak, wie Karim Shahir, M’lefaat und Shanidar, und in Palästina einige ältere Fundplätze des Natufian. Sie gehören zeitlich wohl dem neunten oder achten Jahrtausend an. Die klimatischen Verhältnisse ihrer Zeit müssen denen von Jarmo ungefähr entsprochen haben, die Tierwelt, soweit sie bei einigen Fundplätzen des Natufian näher bekanntgeworden ist, wird durch die gleichen Arten vertreten wie in Jarmo, wenn auch noch ohne erkennbare Anzeichen von Domestikation. Unter den Steingeräten fallen einzelne Mörser und Stößel auf; Sichelklingen könnten auf das Schneiden von Getreidehalmen hinweisen, wenn man nicht damit rechnen müsste, dass vielleicht auch Schilf damit geerntet wurde. Auf Jagd und Fang deuten Harpunen, Pfeilspitzen und Angelhaken hin. Als erste Menschengruppe der Nacheiszeit im Nahen Osten haben die Bewohner dieser Fundplätze das Leben in Höhlen aufgegeben und auf Freilandstationen gesiedelt. Dass sie nicht über längere Zeit sesshaft waren, lehrt das Fehlen von Schutthügeln, wie sie als natürliche Folge lang dauernder Besiedlung des gleichen Platzes in Jarmo entstanden. Die Bewohner dieser Freilandstationen scheinen hoch eine fluktuierende Lebensweise geführt zu haben, wenn auch runde, zum Teil in den Boden eingetiefte Hüttenreste von M’lefaat und Shanidar und sorgfältig gebaute Rundhäuser mit teilweise innen bemalten Lehmwänden, wie sie auf der Siedlung des älteren Natufian von Eynan am Hule-See ausgegraben wurden, einen gewissen Hang zu stetiger Siedlungsweise erkennen lassen. Als erstes Haustier dieser Gruppe wird gemeinhin der Hund angenommen, obwohl vollgültige Beweise für seine Existenz in dieser Zeit noch nicht erbracht worden sind. In der letzten Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass diese frühe Menschengruppe schon mit dem Anbau begonnen hat, wenngleich Jagd und Sammeln nach wie vor die Hauptgrundlage ihrer Lebenshaltung bildeten. Das Zusammenwachsen des Getreideanbaus und der Tierzucht in Jarmo zu einer komplexen Wirtschaftsweise setzt wohl doch lange Versuche und Erfahrungen auf dem Gebiet von Zucht und Pflanzenanbau voraus. Sie brauchen nicht unbedingt von vornherein gekoppelt gewesen zu sein, sondern können lange Zeit nebeneinander gestanden haben oder auch in verschiedenen Arealen, unabhängig voneinander, betrieben worden sein. In einem Punkte haben die Untersuchungen von Ansiedlungen dieser Gruppe unmittelbar vor dem Beginn stadtartiger Siedlungen unsere Kenntnis wesentlich gefördert. Auf dem schon oben erwähnten Fundplatz von Eynan am Hule-See wurden Gräber gefunden, die in runden Gruben – vielleicht aufgegebenen Rundhäusern oder Speicherbauten – angelegt waren. Meist lagen mehrere Tote in derselben Gruft, gelegentlich sind einzelne Schädel bestattet worden; damit deutet sich ein eigentümlicher Grabbrauch an, der später bei der Ansiedlung von Jericho wieder begegnen wird. Eines der intakten Gräber, das einen Mann beherbergte, ließ eine aufwendige, die anderen Bestattungen an Sorgfalt und Ausstattung weit überragende Grablegung erkennen. Der hier so sorgsam bestattete Tote war durch den Grabbrauch auch noch nach seinem Tode aus der Masse der übrigen Bestatteten herausgehoben. Hier deuten sich erste Anzeichen einer sozialen Differenzierung schon in dieser frühen Zeit an, die wohl als Ausgangspunkt einer späteren, zu einer schärferen Schichtung der Bevölkerung führenden Entwicklung gelten könnte. Noch schwieriger zu beantworten ist die zweite der gestellten Fragen, nämlich, ob eine Wirtschaftsweise, wie sie in Qalat Jarmo beobachtet werden konnte, eine über den Bedarf des einzelnen Bauern wesentlich hinausgehende Überschussproduktion ermöglichte. Die Tatsache, dass die Bewohner von Jarmo die Ergebnisse ihrer Anbauwirtschaft durch Jagd und Sammeln von Früchten und Schnecken ergänzten, scheint nicht unbedingt dafür zu sprechen. Die auch für die frühe Zeit anzunehmenden geringen Niederschlagsmengen lassen die Erzielung eines regelmäßigen und gesicherten Überschusses als wenig wahrscheinlich erscheinen. Ein solcher wird in den ariden und semiariden Zonen des Vorderen Orients wohl nur auf dem Wege künstlicher Bewässerung zu erzielen gewesen sein. Die Frage, seit wann, in welcher Form und in welchem Umfange Bewässerung betrieben worden ist, gehört zu den vieldiskutierten, zugleich aber auch schwierigsten Problemen, die sich der Forschung stellen. Zeugnisse alter Bewässerung sind in der Regel mit späteren Anlagen überbaut und dadurch gestört worden, und nur ganz ausnahmsweise können Spuren solcher, in ganz frühe Zeit zurückreichenden Anlagen entdeckt werden, und auch dann bietet die Frage einer genauen Zeitbestimmung meist große Schwierigkeiten. Hier werden in starkem Maße Beobachtungen an primitiven Verhältnissen heutiger Stämme weiterhelfen müssen. Zwei in ihren Ansprüchen an die Gesellschaft, aber auch in ihren Rückwirkungen auf sie verschiedenartige Systeme wird man wohl unterscheiden müssen: Bewässerungsanlagen in Stromtälern und Ausnutzung von Quellen. Bei den Stromtälern geht es darum, jahreszeitlich begrenztes Hochwasser zu stauen und zu horten, um damit in den langen trockenen Wachstums- und Reifezeiten über verzweigte Kanäle und Schleusen die Felder zu bewässern. Solche Systeme müssen sich fast immer gegen beträchtliche Naturgewalten behaupten und sind eng mit großen Damm- und Kanalbauten wie auch mit Schleusenanlagen und ihrem geregelten Betrieb verbunden. Anders ist die Situation in Quelloasen. Dort fällt der Zwang zu komplizierter Bändigung von Hochwasserfluten und deren schwierige Hortung fort. Ganzjährig laufendes Quellwasser braucht nur in einem System von Rinnen unter Ausnutzung des natürlichen Gefälles über das Land verteilt zu werden. Die oft behandelte Frage, ob der Zwang zu großräumiger Bewässerung in den Flusstälern mit jahreszeitlich bedingtem Hochwasser im Vorderen Orient den Anstoß zur Entstehung von Staaten gebildet hat, wird man vermutlich negativ beantworten müssen. Die bei solchen Vorhaben notwendigen großen Bauten setzen zweierlei voraus: Verfügungsgewalt über eine große Zahl von Menschen zur Durchführung der Bauarbeiten selbst und eine gesicherte Herrschaft über das Landgebiet zum Zwecke des Schutzes der empfindlichen Bewässerungseinrichtung. Großräumige Bewässerungsanlagen in Flussoasen haben staatliche Gewalt eher zur Voraussetzung als zur Folge. Dass auch in Flusstälern kleinräumige Bewässerungsanlagen im Rahmen isolierter Dorfgemeinden möglich sind, lehren Beobachtungen an rezenten Verhältnissen. Sie tragen vielleicht zur Stärkung örtlicher Autoritäten bei, haben aber nicht notwendig größere politische Zusammenschlüsse zur Folge. In Quelloasen stellt die Bewässerung nur geringe Ansprüche an die Sozialorganisation, es sei denn, die des Schutzes gegen Bedrohung von außen. Treffen diese zum Teil hypothetischen Darlegungen im wesentlichen das Richtige, dann ergibt sich für die Frage der ersten Herausbildung stadtartiger Ansiedlungen, dass im Vorderen Orient die Areale, in denen nach unserer Kenntnis die ersten anbautreibenden Menschengruppen nachgewiesen sind, keine wirklichen Voraussetzungen für stadtartige Siedlungen bieten. Erst eine an künstliche Bewässerung gebundene und darum nur in Fluss oder Quelloasen mögliche Landwirtschaft mit Überschussproduktion gäbe die für eine solche Entwicklung wesentlichen Grundlagen ab. Die ältesten Spuren stadtartiger Siedlungen in Jericho
Im letzten Jahrzehnt haben nun große Grabungen in Palästina neue Erkenntnisse vermittelt. Sie wurden auf dem Telles-Sultan bei Jericho vorgenommen und gehören zu den bedeutsamsten Ausgrabungen unseres an archäologischen Entdeckungen reichen Jahrhunderts. Wie selten nur ist durch sie unsere Kenntnis der frühen Menschheitsgeschichte um neue wichtige und überraschende Züge bereichert worden. Der Teil bildet einen ovalen oder ovoiden Schutthügel von über vier Hektar Flächeninhalt und fast dreißig Meter Höhe. Er liegt auf der Westseite des hier ungefähr dreihundert Meter unter dem Meeresspiegel eingebrochenen Jordangrabens. Der Fluss durchströmt ein enges, beiderseits von Gebirgen eingeschlossenes Tal, in dem sich heute eine Flussoase ausbreitet. Am Fuß des Teils fließt eine ganzjährig austretende Quelle, die eine üppige Oase bewässert; in ihr leben heute etwa neunzigtausend Menschen. Der Platz liegt an einem alten Jordanübergang, der aus den Wüsten- und Steppengebieten des Ostens in das Gelobte Land westlich des Jordans führt, und hat als Eingang nach Palästina immer wieder eine große Rolle gespielt. Als Josua die Israeliten in das Gelobte Land führen sollte, schickte er Kundschafter aus mit dem Auftrag »Gehet hin und besehet das Land und Jericho«. Darin spiegelt sich die verkehrsgeographische Lage des Platzes in späterer Zeit wider. Die Bedeutung des Ortes in biblischer Zeit hat schon 1867 Anlass zu ersten Ausgrabungen gegeben, ihnen folgten 1908 bis 1911 österreichisch-deutsche Untersuchungen unter Sellin und Watzinger, die vornehmlich dem biblischen Jericho galten. Zwischen 1930 und 1936 arbeitete John Garstang von der Universität Liverpool dort, und 1951 nahm Miss Kathleen Kenyon, die Direktorin der British School of Archaeology in Jerusalem, die Untersuchungen erneut auf. Sie führte sie bis 1959 mit aufsehenerregendem Erfolg fort. Eine erschöpfende Veröffentlichung liegt, wie das bei einer so großzügigen Untersuchung nicht anders der Fall sein kann, noch nicht vor. Die Leiterin der Grabung und verschiedene ihrer Mitarbeiter, namentlich auf naturwissenschaftlichen Gebieten, haben sorgfältige Vorberichte publiziert, so kann man wenigstens in großen Umrissen ein Bild von den hauptsächlichsten Ergebnissen gewinnen. Von dem fast dreißig Meter hohen Teil ist etwa die Hälfte neolithischen Bewohnern zuzuschreiben, und zwar aus einer frühen Stufe der jüngeren Steinzeit, die den Gebrauch der Keramik noch nicht kannte, so dass man hier wie auch bei den älteren Schichten von Jarmo von einem »präkeramischen Neolithikum« spricht, wie es jetzt auch an einzelnen anderen Fundplätzen nachgewiesen werden konnte. Fast fünfzehn Meter hoch sind die Schuttablagerungen dieser frühen Epoche in den unteren Partien des Teils. Nachdem die letzten Grabungen der Jahre 1958 und 1959 bis in die tiefsten Schichten des Teils vorgedrungen sind, lässt sich in groben Umrissen ein Bild von seiner Entstehung entwerfen, wobei allerdings bemerkt werden muss, dass sich dieses Bild bei einer großräumigen Untersuchung des Platzes erweitern und vielleicht auch noch ändern würde. Als älteste Anlage an der Quelle fanden die Ausgräber einen eigentümlichen rechteckigen Bau von drei Meter Breite und mindestens sechs Meter Länge, dessen Wände aus Steinlagen und dessen Boden aus einer Lehmschicht bestanden; Zeugnisse einer Benutzung dieser Anlage für Wohnzwecke, wie Herdstellen oder Abfallgruben, fanden sich nicht, so dass die Ausgräber geneigt sind, einen Kultbau darin zu sehen. Bestätigt werden sie in ihrer Annahme durch die Auffindung mehrerer großer Steinblöcke in den Wandsetzungen, die offenbar zur Aufnahme dicker Pfosten durchbohrt sind. Vermutlich haben sie zur Aufnahme von Kultpfählen einer mesolithischen, dem älteren Natufian zuzuschreibenden Anlage gedient. Die Bevölkerung dieser Zeit hat in der Umgebung des Baues zahlreiche Geräte zurückgelassen. Die Radio-Karbon-Datierung ergibt für dieses anscheinend abgebrannte Bauwerk die Zeit von 7800 v. Chr. Vermutlich haben hier mesolithische Jäger und Sammler des achten Jahrtausends neben der für sie bedeutsamen Quelle ein Heiligtum errichtet, das periodisch besucht wurde. Aus einer etwas jüngeren, aber noch im achten Jahrtausend anzusetzenden Periode stammt in der Nähe dieses Baues eine Schuttschicht von vier Meter Mächtigkeit, die allerdings nicht die ganze Grundfläche des Teils einnimmt, sondern ganz wesentlich kleiner ist. Sie enthält zahlreiche Böden von leichten, offenbar nur kurzfristig benutzten Hütten, die von einer anscheinend noch fluktuierenden, aber immer wieder an diesen Platz zurückkehrenden Bevölkerung errichtet waren. In den oberen Schichten dieses kleinen Teils zeigen solide gebaute Rundhäuser eines aus dieser Zeit auch von andern Stellen her bekannten Types an, dass die Menschen hier sesshaft geworden sind. Die Zeit beginnender Sesshaftigkeit an der Quelle brachte eine starke Ausweitung der Siedlung über fast die ganze Grundfläche des Teils mit sich. Die Bevölkerung ist also an dieser Stelle stark angewachsen und offenbar um diese Zeit auch zum Anbau übergegangen; die Einzelheiten des Vorgangs bleiben jedoch vorerst noch dunkel. Das Geräteinventar dieser ersten ständigen Ansiedler des achten Jahrtausends entspricht völlig dem ihrer mesolithischen Vorgänger aus dem Natufian und deutet an, dass es Menschen der gleichen Gruppe waren, die an dieser Stelle den Übergang zur sesshaften Lebensweise vollzogen und zu einer produzierenden Wirtschaftsform übergingen. Das ist deshalb wichtig, weil dadurch mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, dass etwa eine bereits vollentwickelte neue Wirtschaftsweise von Neuankömmlingen auf diesen Platz übertragen wurde. Um oder kurz nach 7000 trat an dieser Stelle ein Wandel ein. Die ganze Anlage wurde mit einer großen Steinmauer umgeben, der ein mächtiger Steinturm von etwa neun Meter Durchmesser und ungefähr gleicher Höhe angefügt wurde. Ein Eingang führte zu ebener Erde in den Turm, dort zu einer kleinen Kammer und über eine Treppe im Inneren auf die Plattform des Turmes empor. Diese eindrucksvolle Befestigung umspannt ein Gebiet von über vier Hektar, dessen Innenraum dicht mit gutgebauten Rundhäusern bedeckt war. Das Steingeräteinventar knüpft in seinen Formen und im Bestand an Werkzeugen an die vorhergehende Stufe an, lässt also eine grundsätzliche Kontinuität der Besiedlung vermuten. Mühlsteine, Mörser und Stößel sprechen für das Vorhandensein von Körnernahrung, wenn auch die aus diesen Schichten stammenden organischen Reste noch nicht daraufhin untersucht worden sind, welche Arten in dieser Zeit angebaut wurden. An gezähmten Tieren gab es Hund, Katze und Ziege, die Ziege aber so spärlich, dass sie nicht den Fleischbedarf gedeckt haben kann. Dieser erfolgte vielmehr überwiegend durch Jagd, und zwar vornehmlich auf Gazellen, Wildrinder und Schweine. Entweder haben die Bewohner dieser Ansiedlung selbst in großem Umfange noch Jagd betrieben, oder sie haben erlegte Jagdtiere von umwohnenden Jägerstämmen eingetauscht. Keramik war unbekannt, an ihrer Stelle wurden sorgfältig hergestellte Steingefäße benutzt, deren Verfertigung eine beträchtliche handwerkliche Geschicklichkeit anzeigt. Das Auftreten von Geräten aus Obsidian lässt einen weitreichenden Handel mit diesem Material vermuten. Die Toten wurden in der Siedlung bestattet. Beisetzungen abgetrennter Schädel, wie sie auch in Eynan begegnet waren, kommen verschiedentlich vor. In den Bereich der Religion fuhren offenbar kleine weibliche Figuren und solche von Tieren, die ähnlich wie in Jarmo von Vorstellungen zeugen, wie sie später im Vorderen Orient in der Verehrung einer Muttergottheit wieder auftauchen. Mit dieser ersten vollentwickelten neolithischen Schicht noch ohne Keramik vollzog sich aber ein grundlegender Wandel. Eine schon vorher neben der Quelle sesshaft gewordene Bevölkerung nahm sprunghaft zu, ihre Zahl stieg nach Annahme der Ausgräber auf etwa zweitausend Menschen an. Der großartige Befestigungsbau mit seiner hohen Steinmauer, dem tiefen, in den Fels gesprengten Graben und dem mächtigen Rundturm zeigt ein erhöhtes Schutzbedürfnis und das Vorhandensein einer sozialen Organisationsform an, die es gestattete, große Teile der Bevölkerung zu einer Gemeinschaftsarbeit einzusetzen, wie sie der Bau dieser Befestigungsanlage erforderte. Das Überraschendste der letzten Grabungen aber war die Aufdeckung großer Wassertanks für eine künstliche Bewässerung in der ältesten Phase des Festungsbaues. Angebaut an den großen Rundturm und die an ihn angelehnte Befestigungsmauer wurden große rundliche Behälter mit dünnen, sauber verputzten Wänden gefunden. Die Höhe der Wände beträgt in einem Falle mehr als drei Meter. Die abweichenden Formen, die verschiedenartige Größe und Technik der Bauten und das Fehlen von Eingängen schließen die Annahme von Häusern aus. Dagegen spricht die Freilegung dünner, vom Wasser abgelagerter Schlammschichten in einem Kanal, der zwei solcher Behälter verbindet, überzeugend für große Wassertanks. Für die Wasserversorgung der befestigten Ansiedlung waren sie unnötig, da die Quelle selbst dafür zur Verfügung stand. Einen Sinn haben sie nur als Anlagen zur Landbewässerung. Wie sie gefüllt wurden, bleibt unklar, entweder handelte es sich um Zisternen, in die das Regenwasser geleitet wurde, oder sie wurden im Handbetrieb von der Quelle her aufgefüllt. Nach kurzer Zeit wurden sie mit Schutt angefüllt und neue Tanks in einem höheren Niveau in gleicher Technik und Größe gebaut. Nachdem auch diese verschüttet und durch neue, noch höher liegende Behälter ersetzt wurden, lagen die Tanks fast neun Meter über dem Austritt der Quelle. Der Sinn dieser Maßnahmen ist leicht einzusehen. Unter Ausnutzung des natürlichen Gefälles konnten von der Quelle aus nur verhältnismäßig kleine Areale im Osten und Südosten bewässert werden. Von den hochstehenden Wasserbehältern aus aber erreichte die künstliche Bewässerung auch weiter entfernt liegende Flächen im Westen und Süden der Quelle, wodurch sich das für den Anbau in Betracht kommende Gelände beträchtlich vergrößerte. Zugleich war der einzig empfindliche Teil der Bewässerungsanlage innerhalb der mächtigen Befestigung gut geschützt. Und um noch einen wesentlichen Zug bereicherten die Ausgrabungen das Bild. Schon in der untersten Schicht der Behälter befand sich einer, der von den andern getrennt lag und als Speicher für Körner gedeutet werden musste. Bei der Größe dieser Anlage kann es sich schwerlich um den Speicher eines Einzelnen gehandelt haben, sondern wohl nur um eine öffentliche Anlage. Auch in den höheren Schichten wurden außer den Wassertanks solche Speicher festgestellt. Über ihren Inhalt ist noch nichts bekannt. Fasst man alle diese Einzelheiten zusammen, so rundet sich das Bild trotz aller Lückenhaftigkeit der Ergebnisse gut ab. Um oder kurz nach 7000 entstand an der Quelle von Jericho auf dem Platz einer kleineren älteren Ansiedlung dörflichen Charakters eine bedeutende, von etwa zweitausend Menschen bewohnte Siedlung. Der Bau einer großangelegten Befestigung mit tiefem Graben, hoher Steinmauer und mächtigem Rundturm lässt die Existenz einer entwickelten sozialen Ordnung erkennen, wofür auch die in diesem frühen Zustand überraschend großartige Bewässerungsanlage spricht. Hier entstand an einer Quelloase zur selben Zeit, als sich am Westhang der Zagroskette im Gebiet des Regenfeldbaus das Bauerndorf in Jarmo entwickelte, eine Ansiedlung ganz andern Charakters. Sie wurde aufgegeben, ein Bachlauf fraß sich an einer Stelle in den Teil ein und spülte Teile alter Bauten fort, auf der Oberfläche trat durch Niederschläge und Wind eine Erosion ein. Das alles deutet daraufhin, dass die Ruinenstätte eine Zeitlang verlassen liegenblieb, bis am Ende des siebenten oder zu Beginn des sechsten Jahrtausends neue Ansiedler den Platz besetzten. Wieder entstand auf dem Schutthügel eine befestigte stadtartige Besiedlung, wieder wurde der von einer Mauer umschlossene Innenraum dicht bebaut, diesmal in anderer Form als früher, nämlich mit mehrräumigen rechteckigen Bauten, zu denen auch Hofanlagen gehörten. Nicht nur die Form der Grundrisse, sondern auch die Art des Baues und die Form der verwendeten Ziegel unterschieden sich von der Ansiedlung der älteren Zeit. Wände und Fußböden wurden sorgfältig verputzt. Wie ihre Vorgänger, so kannten auch die neuen Ansiedler auf dem Teil noch keine Keramik. Auch sie bedienten sich der Steingefäße. Das mit ihnen neu auftretende Inventar an Steingeräten lässt sich mit dem ihrer Vorgänger auf dem Teil nicht vergleichen. Darin deutet sich ähnlich wie in der ganz anderen Architektur der Häuser ein tiefer Bruch der Bevölkerung an. Konnte man die Bewohner der unteren präkeramischen Schicht von Jericho noch mit ihren Vorläufern ah diesem Orte oder in der näheren Umgebung in Verbindung bringen, so scheint hier ein Bevölkerungsbruch deutlich zu werden. Woher die neuen Ansiedler kamen, ist noch unklar, aus einer örtlichen Wurzel sind sie jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit nicht herzuleiten. Sorgfältig hergestellte Steingefäße lassen ein Handwerk, Obsidiangeräte einen Handel erkennen. Die Tierhaltung entspricht, soweit der derzeitige Stand der Fundbearbeitung einen Schluss zulässt, dem der alten Siedlung mit Rundbauten. Die Frage des Anbaus von Getreide und Hülsenfrüchten ist noch nicht geklärt. Jedenfalls wird man neben Getreide auch andere pflanzliche Nahrung, besonders Hülsenfrüchte, anzunehmen haben. Unter den bisher freigelegten Häusern fällt ein Gebäude auf, in dem in einer Nische ein Steinsockel gefunden wurde. Darauf hatte offenbar eine in der Nähe gefundene sechsundvierzig Zentimeter hohe Säule aus vulkanischem Gestein gestanden. Dies deutet offenbar auf einen Kultbau hin, wofür auch der andersartige Grundriss des Baues mit First, Steinsockel und Säule spricht. Auch an einer anderen Stelle fand sich ein rechteckiger Bau, der vermutlich als Tempel oder öffentliches Gebäude anderer Art gedeutet werden darf, da er in seinem Grundplan so vollständig von den sonst üblichen Wohnbauten abwich. Wohl das bemerkenswerteste Phänomen dieser Siedlungsschicht waren die Bestattungen. Sie lagen wie in der älteren Ansiedlung in oder unter den Häusern. Neben vollständig bestatteten Toten fielen Skelette auf, denen der Schädel fehlte, während die Unterkiefer meist noch beim Skelett lagen. Die Schädel fanden sich an anderer Stelle einzeln oder in größerer Zahl zusammengelegt, die Gesichtsteile mit Stuck übermodelliert, die teilweise sorgfältig geformte individuelle Züge erkennen ließen, die Augen waren mit Muscheln nachgebildet. Diese offenbar Porträtähnlichkeit anstrebende Plastik stellt etwas völlig Neues dar. Sie ist kaum als »Kunst« aufzufassen, denn die Schädel wurden offenbar wieder beigesetzt. Dass hier aber eine religiöse Vorstellung waltete, nach der der Schädel als Sitz besonderer Kräfte einer eigenen Behandlung unterzogen wurde, ist sicher. In diesem Kult der Schädel muss auch das Streben nach Wiederherstellung des individuellen Aussehens der Toten eine Rolle gespielt haben. Ob es sich bei den so behandelten Toten um getötete Feinde oder um eigene Ahnen gehandelt hat, ist viel diskutiert worden. Nimmt man alle für die Entscheidung dieser Frage zur Verfügung stehenden Indizien zusammen, so ist die auch von der Ausgräberin gegebene Deutung dieser Totenbehandlung als Ahnenkult wahrscheinlicher als die andere Erklärung. Kultbauten und Totenbehandlung lassen jedenfalls ausgeprägte und fest umrissene religiöse Vorstellungen erkennen, die sich auch in einem anderen Fund ausdrücken. Garstang hatte 1935 Trümmer dreier fast lebensgroßer Figuren mit rotbrauner Bemalung gefunden, die als Augen eingesetzte Muscheln aufwiesen. Aus der Fundlage konnte damals ein genaues Alter nicht erkannt werden. Es handelte sich um die plastische Darstellung eines Mannes, einer Frau und eines Kindes. Nur von der Frauenfigur ließen sich große Teile zusammensetzen, so dass man einen Eindruck von dieser Plastik gewinnen konnte. In der letzten großen Grabung des Jahres 1958 gelang es, ähnliche, nur stärker stilisierte, fast lebensgroße Figuren zu finden, und zwar diesmal in gesichertem Zusammenhang mit den oberen präkeramischen Schichten, die durch ein Radio-Karbon-Datum in der ersten Hälfte des sechsten Jahrtausends angesetzt werden. Damit ergibt sich auch für die aus der älteren Grabung Garstangs stammende Figurengruppe eine Datierung in die obere präkeramische Schicht, und das heißt in den Beginn des sechsten Jahrtausends. Beim Fehlen des erläuternden geschriebenen Wortes wird es wohl immer unmöglich bleiben, diese Figuren wirklich zu deuten. Dass sie aber der sakralen Sphäre angehören, ist sehr wahrscheinlich. Mag es sich bei ihnen um Ahnendarstellungen oder personifiziert gedachte und verehrte Gottheiten handeln, in jedem Falle zeigen sie entwickelte religiöse Vorstellungen an. Neben den kleineren Figürchen einer Frau und verschiedener Tiere, wie sie schon in Jarmo und im ältesten Jericho begegneten, treten hier die ältesten Beispiele statuarischer Kunst auf. Das schon für die ältere Ansiedlung gewonnene überraschende Bild einer stadtartigen Ansiedlung wird in dieser jüngeren Schicht des präkeramischen Jerichos aus dem Anfang des sechsten Jahrtausends um einige wesentliche Züge bereichert, die in den Kultbauten und den fast lebensgroßen Statuen entwickelte geistig-religiöse Vorstellungen erkennen lassen. Um 5000 etwa fand auch diese Siedlung ihr Ende. Ihr folgte nach einiger Zeit, in der der Teil als Ruine dalag, eine neue Ansiedlung neolithischer Siedler, die Keramik mitbrachten. Im Unterschied zu den beiden älteren Stadien der Besiedlung handelte es sich um nomadenhaft lebende Bewohner, die die Tradition der älteren stadtartigen Ansiedlung nicht weiterführten. Dieser Charakter der Ansiedlung erlosch für fast zwei Jahrtausende; erst gegen Ende des vierten Jahrtausends gewann der Platz wieder als stadtartige Ansiedlung neue Bedeutung. Das hier entwickelte Bild einer unerwartet frühen stadtartigen Siedlung des siebenten und sechsten Jahrtausends schließt sich eng an die vorläufigen Berichte der Ausgräber an. Es gründet sich auf Ergebnisse von Ausgrabungen, die nach ihrem Umfang, gemessen an dem Areal der ganzen Ruinenstätte, nur als Voruntersuchungen gewertet werden können. Eine völlige oder doch weit umfangreichere Abdeckung dieses wichtigen Platzes lag nicht in den Absichten der Ausgräber, ginge auch mit ihren riesigen Erdbewegungen über die der Forschung heute noch gesetzten Grenzen hinaus. Das, was sich aus den bisherigen Untersuchungen an neuen Erkenntnissen ergibt, ist aber auch so schon höchst eindrucksvoll. Die ältesten Funde beleuchten das allmähliche Sesshaft werden einer von Jagd und Sammelwirtschaft lebenden »mesolithischen« Bevölkerung an einer von der Natur bevorzugten Quelle und lassen damit einen Vorgang erkennen, wie er sich ungefähr gleichzeitig auch an den Westhängen der Zagroskette abspielte. Ein entscheidend neuer Schritt aber vollzog sich um 7000, als an der die Oase speisenden Quelle eine stadtartige, fest ummauerte Ansiedlung mit einer großen Bevölkerung erwuchs. Der Zwang, für die steigende Menschenzahl zu sorgen, spiegelt sich in dem Beginn einer der Tendenz nach immer großräumiger werdenden Bewässerung. Eine Gefährdung dieser Lebensgemeinschaft zeigt der Festungsbau an, der, wie auch die Schaffung der Bewässerungsanlagen, eine über die Sozialordnung einer frühen bäuerlichen Dorfgemeinde weit hinausgehende organisatorische Zusammenfassung der Menschen zur Voraussetzung hat. Das bei einem solchen Beispiel sicherlich sehr komplizierte Zusammenwirken zahlreicher Faktoren, wie klimatische Änderungen, wirtschaftliche Umstellungen und soziale Neuordnungen, in ihrer Kausalität zu erfassen geht leider über die Möglichkeit des Archäologen hinaus. Hier sind ihm enge Grenzen gesetzt, die er nicht zu überschreiten vermag und bei denen er das Fehlen des deutenden, geschriebenen Wortes ebenso bedauert wie der Historiker. Rückschlüsse aus späten Kulturen enthalten die Gefahr unzulässiger Typisierung historischer Vorgänge, die doch in der Einmaligkeit der individuellen Situation historisch wichtig sind. Man wird sich, so unbefriedigend das sein mag, mit der deskriptiven Analyse des Befundes begnügen müssen; doch auch sie schon ist im höchsten Maße interessant. Jericho als Vorstufe städtischer Hochkultur
Unternimmt man den Versuch, die in Jericho sichtbar gewordene Entwicklung in den eingangs skizzenhaft umrissenen Ablauf der frühen Menschheitsgeschichte einzuordnen, so muss man sich kurz die beiden markanten, in die Zeit Jerichos fallenden Zäsuren in das Gedächtnis zurückrufen. Die »neolithische Revolution« und die »städtische Revolution« stellen beide tief eingreifende Wandlungen dar. In ihrem Charakter allerdings weisen sie grundsätzliche Unterschiede auf. Der Übergang zur produzierenden Wirtschaftsform am Beginn des Neolithikums stellt primär eine Änderung im Verhältnis des Menschen zur Natur dar, wodurch er sich wirtschaftlich neue und große Möglichkeiten erschloss. Infolgedessen ist es kein Zufall, dass bei der Erforschung dieses Schrittes naturwissenschaftliche Disziplinen gleichberechtigt neben die Archäologie treten. In diesem Übergang änderte sich nicht nur die ökonomische Basis des Menschen grundlegend, sondern mit der Inzuchtnahme von Pflanze und Tier wandelte sich auch der natürliche Lebensraum des Menschen. Wenn im Zusammenhang mit dieser Umwälzung auch soziale Veränderungen eintraten, wie etwa die Entstehung bäuerlich-sesshafter Dorfgemeinschaften, so sind sie nur als Folgeerscheinung der sich zunächst ökonomisch auswirkenden Veränderung im Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt aufzufassen. Im Gegensatz dazu bedeutet die Entstehung der städtischen Hochkultur primär eine Änderung im Verhältnis der Menschen untereinander. Sie bringt grundsätzlich keine neuen natürlichen Hilfskräfte, sondern macht vor allem die menschlichen Potenzen nutzbar. Dieser Vorgang gehört also überwiegend in die soziologisch-historische Sphäre, für deren Durchdringung naturwissenschaftliche Forschungsmethoden von geringerer Bedeutung sind. Hier muss sich die Forschung vornehmlich auf archäologisch-historische Beobachtungen und Methoden stützen. Wenn sich im Gefolge dieses großen Wandels auch Neuerungen wirtschaftlicher Art einstellten, so sind sie als Folgen einer Veränderung der sozialen Struktur, also des Verhältnisses der Menschen und Menschengruppen zueinander, zu verstehen. Hier stellt sich dem Forscher die Frage, wie sich die neuen Erkenntnisse in Jericho in diese Vorstellung einfugen und in welcher Richtung sie sie bereichern. Das sich allmählich vollziehende Sesshaft werden nomadisierender Jäger an einer von der Natur besonders begünstigten Quelloase fügt sich einem großen Vorgang ein, der sich etwa zur selben Zeit auch an andern Stellen des »Fruchtbaren Halbmondes« vollzieht. Ungewöhnlich und aus dem allgemeinen Rahmen der Entwicklung herausfallend ist eine starke Bevölkerungszunahme schon vor dem Beginn des Festungsbaus in Jericho. Ob ihre Ursachen in der Veränderung natürlicher Gegebenheiten, etwa einer stärkeren Austrocknung, liegen oder ganz anderer Art sind, lässt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. Der Festungsbau selbst stellt mit der hinter ihm erkennbar werdenden Mobilisierung sozialer Kräfte etwas Neues dar und bleibt noch lange im Bereich der einfachen, bäuerlich organisierten Dorfgemeinden ohne echte Parallele. In die gleiche Richtung weisen die großzügigen Bewässerungseinrichtungen der frühen Zeit, die nicht nur – wie vielleicht der Festungsbau – eine unter dem Druck momentaner Bedrohung erfolgte Zusammenfassung menschlicher Leistungskraft zur Voraussetzung haben, sondern eine dauernd wirkende und an feste Regeln gebundene soziale Organisation erfordern, bei der sich der Einzelne den Bedürfnissen der Allgemeinheit auf die Dauer unter-oder doch einordnen muss. Die große Zahl von schätzungsweise zweitausend Bewohnern, der großartige Mauerbau und die überlegt angebrachten Bewässerungseinrichtungen sind primär in Veränderungen der sozialen Sphäre begründet. Den großen Steinturm als ein Zeichen der Herausbildung herrschaftlicher Kräfte oder Instanzen – nach Art etwa der späteren Zitadellen – zu deuten ginge über die Aussagekraft der bisher ergrabenen Quellen hinaus. Die Entwicklung von Kultbauten fügt sich aber dem Bild stärkerer sozialer Zusammenfassung gut ein. Zusammen mit dem Schädelkult und den ersten Versuchen einer statuarischen Kunst bezeugt sie eine Religiosität mit dem Bedürfnis für differenziertere Kulte und den Beginn einer neuen Kunstübung. Das Auftreten der sorgfältig gearbeiteten Steingefäße könnte auf eine Ausbildung spezieller handwerklicher Fähigkeiten, das Vorhandensein von Obsidian auf einen organisierten Handel hinweisen; beides sind aber doch Erscheinungen, die sich auch in Jarmo, also im Bereich bäuerlicher Siedlungen derselben Zeit, finden. Ob und in welchem Umfange eine Gliederung der verschiedenen sozialen Schichten oder Berufsstände in Jericho vorlag, lässt sich den bisherigen Grabungsergebnissen noch nicht entnehmen. Vergleicht man Jarmo und Jericho miteinander, so wird, gerade bei ihrer Gleichzeitigkeit, der große Unterschied beider Ansiedlungen klar. Die im wirtschaftlichen Bereich vollzogenen Neuerungen, die in Jarmo sichtbar wurden, bilden die Voraussetzung für eine Ansiedlung wie Jericho. Von jener unterscheidet sich diese durch Wandlungen im sozialen Bereich. Sie mögen im Einzelnen noch unklar sein, als allgemeine Tatsache muss man sie aus den ergrabenen Befunden folgern. Kann man so Jericho deutlich von der Gruppe der dörflichen Ansiedlungen bäuerlichen Charakters abgrenzen, so bleibt die Frage zu beantworten, wie es sich zu den Städten späterer Hochkultur verhält. Ähnlich wie die bäuerliche Wirtschaftsweise mit ihren kleinen Bauerndörfern erfasst diese stadtartige Siedlungs- und Gesellschaftsform die Flussoasen erst später. Der Übergang ist noch unklar, der dazwischenliegende Zeitraum nicht leicht zu überbrücken. Erst zu Beginn des vierten Jahrtausends sind ähnliche Erscheinungen in den stadtartigen Plätzen der Phase von el-Obed wieder deutlich zu erkennen. Hier nun besteht zunächst ein klarer quantitativer Unterschied. Die größte der bisher bekannten stadtartigen Ansiedlungen der Obed-Periode, der Teil Uqair, umfasst etwa sieben Hektar, eine frühdynastische Stadt wie Uruk-Warka aber ungefähr vierhundertfünfunddreißig Hektar mit einer entsprechend größeren Bewohnerzahl. In welchem Umfang diesen quantitativen auch qualitative Verschiedenheiten entsprochen haben, lässt sich nur schwer sagen, Das hat seinen Grund nicht nur in den Interpretationsschwierigkeiten der archäologischen Befunde, sondern auch in dem unzureichenden Forschungsstand. Aus der vorgeschichtlichen Zeit sind stadtartige Anlagen bisher nur angeschnitten, aber niemals ganz untersucht worden; bei den ältesten frühdynastischen Städten hat das Forschungsinteresse bisher vornehmlich den Sakralbauten gegolten. Bei den Sakralbauten zeigen sich nun deutlich formale Unterschiede und auch solche der Größenordnung, hinter denen die Entwicklung einer institutionellen Hierarchie sichtbar wird. Im Prinzip aber ist der Kultbau als integrierender Bestandteil schon in der stadtartigen Ansiedlung von Jericho vorhand Dass sich etwa Jericho von Uruk-Warka nicht nur in der Größe, sondern auch qualitativ in den Institutionen unterscheidet, wird man annehmen dürfen. Manches auf sozialem Gebiet aber, was in der frühdynastischen städtischen Hochkultur neu gegenüber den vorhergehenden bäuerlichen Gemeinschaften auftritt, ist in Jericho bereits vorgebildet. Die Herausbildung städtischer Hochkultur aus einem bäuerlichen Milieu, die lange Zeit in ihrer scheinbar ohne jede Voraussetzung erfolgenden Plötzlichkeit überraschte, wird durch die neuen Entdeckungen in Jericho ihres Charakters eruptiver Unmittelbarkeit entkleidet. Hier lassen sich schon drei bis vier Jahrtausende vorher Ansätze zur Entwicklung »städtischer« Erscheinungen erkennen. Die deutsche wissenschaftliche Terminologie gibt ohne gewagte Wortneuschöpfungen keine Möglichkeit, die Stellung einer Siedlung von der Art Jerichos zu den Bauerndörfern einerseits und zu den Städten auf der anderen Seite zu kennzeichnen, wie das im wissenschaftlichen angelsächsischen Sprachgebrauch durch die Reihe village-town-city üblich geworden ist. Wenn hier von »stadtartigen Siedlungen« gesprochen wird, so soll damit der Unterschied zum Bauerndorf und zur vollentwickelten Stadt der frühdynastischen Zeit angedeutet werden. Zugleich soll aber auch mit diesem Ausdruck ohne klar umschriebenen Begriffsinhalt deutlich werden, dass dieses Zwischenstadium in seinen Einzelheiten noch nicht näher definierbar ist. So viel aber lässt sich doch den bisherigen Befunden mit Sicherheit entnehmen. Die frühdynastischen Städte Mesopotamiens traten nicht als etwas völlig Neues am Ausgang des vierten Jahrtausends auf, sondern hatten in diesem Gebiet bereits Vorformen, die außerhalb der Stromoasen in Jericho ein sehr frühes Stadium erkennen lassen. In ihnen sind verschiedene »städtische« Faktoren schon deutlich vorgebildet. In welchem Umfange aber dem quantitativen Unterschied zwischen diesen Vorformen und den frühesten Städten der sumerischen Hochkultur auch qualitative Verschiedenheiten entsprechen, ist ein der Forschung gestelltes noch ungelöstes Problem.

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Info 20.11.2017 08:44
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