Erste Beziehungen zwischen West und Ost

Weltgeschichtliche Betrachtung verlangt, dass die Gesamtheit der antiken Ökumene in ihren Zusammenhängen gesehen werde. Bei den Beziehungen, die in der Überschrift genannt sind, bildet China die äußerste Begrenzung der Alten Welt nach Osten. Hellas hingegen kann die gleiche Stellung im Westen nicht beanspruchen, zumindest nicht im geographischen Sinn. Will man in ihm gleichwohl den westlichen Grenzpfeiler des hier gemeinten Raumes erblicken, so hätte man den weiter ausgreifenden Wirkungsbereich griechischer Kolonisation und griechischer Kultur einzubeziehen, der sich über ganz Italien und Südgallien, über Sizilien und in geringerem Maß auch über Karthago, Sardinien und die spanische Ost- und Südküste erstreckt. Damit wäre man in der Tat zu den Säulen des Herakles, dem westlichen Ende der damaligen Welt, gelangt. Hellas und China sind indessen nicht nur Grenzbezirke. Sie dürfen gleichzeitig als die beiden Hochkulturen gelten, die sich völlig ausgeprägt haben; beiden war beschieden, ganz sie selbst zu sein und alle ihre geschichtlichen Möglichkeiten zu durchleben. Sie haben jedoch Kulturen geschaffen, die allenfalls nach Höhe und Umfang den Vergleich miteinander aushalten. Hier wie dort hat man zwar von außen vieles und vielerlei übernommen. Doch alles wurde restlos der eigenen Form eingeschmolzen, zuweilen in solchem Maß, dass den fremden Ursprung zu ermitteln nur dem Zufall gelingt. Die Kulturen zwischen Hellas im Westen und China im Osten, soweit sie ebenfalls als Hochkulturen gelten können – die der semitischen Völker, Irans und Indiens -, lassen sich nicht im gleichen Atemzug nennen. Sie sind entweder nach dem Auftreten des Hellenentums in ihrem Ablauf gestört, zumindest beeinträchtigt worden. Oder sie haben, wie die Kulturen des indischen Subkontinents, im behandelten Zeitraum sich auf den eigenen Bereich zurückgezogen und zunehmend darauf verzichtet, auf die Gesamtheit der antiken Welt zu wirken. Daneben gibt es solche Kulturen, die Höhe im Sinn einer vollen Entfaltung zu jener Zeit noch nicht erreicht haben. Das gilt etwa von Kelten und Germanen, deren große Zeit noch bevorstand. Eine ähnliche Stellung nehmen die Nomaden des nördlichen Eurasiens ein, jenes Gürtels von Ebenen und Steppen, der sich nördlich der Wüstenzone und der Ausläufer des zentralen Gebirgsmassivs von der Gobi bis zur Donau, Weichsel und Oder hinzieht. Diesem Gürtel wird sich die Betrachtung zunächst zuwenden. Denn auf ihn gehen die umfassenden Bewegungen zurück, die sich in den frühen Jahrhunderten des Altertums abzeichnen. Ausgegangen sei von der Erfindung, die noch dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend angehört: dem zweirädrigen Streitwagen. Er ist bis zur Wende zum ersten Jahrtausend und teilweise in dessen erster Hälfte das Gefährt des vornehmen Kämpfers. Man begegnet dem Streitwagen in China unter den Shang (1523-1028) und den Ghou (1027-256), bei den vedischen Indern, bei Babyloniern und Hethitern, in Ägypten unter dem Neuen Reich und bei den mykenischen Griechen. Im indischen und iranischen Raum hat er sich bei den Göttern und Helden des Mahäbhärata, den Hymnen des jüngeren Avesta und als königliches Gefährt bei den Achaimeniden, alsdann bei Assyrern und homerischen Griechen, im alten Italien (bei Etruskern und in Picenum, innerhalb der frühesten Kultordnung Roms) und schließlich bei den ältesten Germanengöttern gehalten. Noch der letzte Achaimenide tritt in den Schlachten bei Issos (333) und Gaugamela (331) auf dem Streitwagen dem zu Pferde anstürmenden Alexander entgegen. Wo immer die Heimat des Streitwagens zu suchen ist, er kann nur auf weiten Ebenen, die allein seine Verwendung gestatteten, erfunden und gebraucht worden sein. Ob er von den indogermanischen Streitaxtleuten verbreitet wurde, bleibe unentschieden. Denn im Folgenden geht es um eine Kampfesweise, die den Wagenkämpfer zusehends verdrängte. Sie bediente sich des gerittenen Pferdes. Das Reiten ist nicht nur eine späte Entwicklung, es ist auch nicht auf wenige beschränkt und niemals so vornehm wie das Fahren gewesen. Gewiss stand es Gott, Herrscher und adligem Herrn ebenso zu wie der Besitz eines Streitwagens. Da aber das Reitpferd weit weniger kostete als der Wagen mit seinen zwei, gelegentlich vier Zugpferden, war von vornherein dem Reiten die größere Verbreitung gewährleistet. Während das Gefährt immer nur wenigen Auserwählten Vorbehalten blieb, gab es von Anfang an Reiterhorden und Reiterheere, Reiterstämme und -Völker. Reiten und reiterliches Kämpfen vermochten ein ganzes Volk zu prägen, und man hat sich daran gewöhnt, von den Reiternomaden Mittelasiens oder des nordeurasischen Raumes zu sprechen. Mag es sich um Skythen oder Saken, um Sarmaten oder Massageten (Angehörige also nordiranischer Stämme) oder mag es sich um die gleich zu nennenden Hsiung-nu gehandelt haben, sie alle sind in ihrer Lebensform vom Reiten her bestimmt gewesen und haben als Reiterkrieger Geschichte gemacht. Dem Reiten begegnet man erstmals bei jenen in ihre nachmalige Heimat einwandernden Iraniern, die von Südrußland aus über den Kaukasus, also von Nordwesten, kamen. Auf Bronzeblechen der Nekropole von Sialk in Medien sind Reiterkrieger dargestellt (Beginn des ersten Jahrtausends). Und in der Folge sollten Reiterei und reiterliche Fechtweise den Heeren des Kyaxares (625-585) und des Kyros (559-530), überhaupt denen der Achaimeniden einen Kampfeswert verleihen, den das persische Fußvolk gegenüber dem griechischen Hopliten nicht zu erreichen vermochte. Der persische und medische Adel zu Pferd, die Reiterscharen des iranischen Nordens und Ostens, Hyrkanier und Baktrer, die Skythen in persischen Diensten haben bis zuletzt ihren Mann gestanden Die umwälzende Wirkung, die vom Reiten des Pferdes ausgeht, zeigt sich zunächst an Kampfesweise und Bewaffnung. An die Stelle der Einzelkämpfer, die von ihrem Gefährt herab fochten oder, nachdem sie abgestiegen waren, sich im Zweikampf bewährten, tritt jetzt der reiterliche Masseneinsatz. Dazu gehören das Ausschwärmen der berittenen Bogenschützen, deren Pfeilhagel dazu bestimmt ist, die gegnerischen Reihen zu verwirren und zu erschüttern, der Angriff in geschlossenem Geschwader oder die »verstellte Flucht«, in der sich plötzliches Weichen mit nicht minder plötzlichem Standhalten und Vorprellen verbindet. Zu den Waffen des Wagenkämpfers, Lanze und Bogen, treten nun das lange, breite Hiebschwert und der Lasso; der große, den Mann deckende Rundschild wird von einem kleineren Durchmessers ersetzt, der sich zu Pferd handhaben lässt. Alsdann beginnt die typische Reitertracht – Hose als Schenkelschutz und hoher Lederstiefel, Ärmelrock und Gürtel, zuweilen noch der kurze Radmantel – sich neben dem langen, im gegürteten Gewand, der Sandale oder dem weichen Schuh Daseinsrecht zu erobern. Das Ausmaß der Umwälzung verdeutlichen die spätassyrischen Reliefs, die die von den Medern übernommene, neugeschaffene Reitertruppe darstellen. Obwohl das homerische Epos das Reiten nicht kennt oder nicht kennen will, hat es sich im gleichzeitigen Griechenland bereits durchgesetzt. Spätgeometrische Bronzen und bemalte Terrakotten derselben Zeit stellen den Reiter dar. Boioter, Thessaler und Makedonen – Stämme also mit illyrischen oder thrakischen Bestandteilen – durften sich von Anfang an ihrer Reiterei rühmen. Vor allem die Thraker waren ein Reitervolk und kannten gleich den Skythen, die jenseits der Donau bis zum Don und im nördlichen Mittelasien nomadisierten, den berittenen, mit dem weittragenden Reflexbogen bewaffneten Bogenschützen. In Italien wusste die aus Mitteleuropa einwandernde Italikergruppe, die die Felszeichnungen (ab 800 v. Chr.) und Felsinschriften (ab 350) der Valcamonica (nördlich des Iseo-Sees) geschaffen hat, vom Streitwagen nichts mehr. Man stellt allein den Reiterkrieger mit Schild, Schwert und Lanze dar. Auch bei Kelten und Germanen drang das Reiten ein, und unter den Göttern war Wodan der erste, der zu Pferd vorgestellt wurde. Schon diese Hinweise zeigen, dass die Heimat des Neuen nicht im mittelmeerischen Süden zu suchen ist. Im Gegenteil: wenn irgendwo, so hat sich hier die ältere Form, der Wagenkampf, am zähesten behauptet. Als Ausdruck des gesellschaftlichen und herrscherlichen Anspruchs, in Kult und Dichtung ist sie bis zur Mitte des ersten Jahrtausends geblieben. Umgekehrt wird das Reiten von solchen gebracht, die mit den Nomaden der eurasischen Tiefebene und deren Ausläufern an Theiß und Donau, an Oxos und Iaxartes in Berührung stehen oder ihnen geradezu entstammen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass das Reiten und seine kriegerische Verwendung dort erstmals aufgekommen sind. Dies bestätigt sich an China, wo der Übergang vom Fahren zum Reiten und die damit verbundene Revolutionierung der Kampfesweise sich nicht in der Frühzeit, sondern im vollen Licht der Geschichte vollzog. Bis zum Jahr 300 v. Chr. hielt China an dem fest, was man von den Shang empfangen hatte. Noch immer bildete eine Macht von angeblich tausend Streitwagen den Rückhalt des Heeres. Aus dieser Stellung wurden sie verdrängt, als sich die Erkenntnis durchgesetzt hatte, dass sie nicht mehr genügten, den Kampf gegen die nördlich angrenzenden Nomaden zu bestehen. Die Kriegskunst Chinas sah sich genötigt, um mit Erfolg dem gefährlichen Feind zu begegnen, von diesem zu lernen. Als erster bewirkte König Wu-ling von Chao (325-298) den Umschwung. Sein Heer nahm die Kleidung der Hsiung-nu, Gürtelrock und Hose, an und übte das Bogenschießen vom Pferde aus. Danach vernichtete es den Gegner im 26. Jahr von Wu-lings Regierung. Diese Hsiung-nu, möglicherweise altaischen Ursprungs, aber schwerlich von einheitlichem Stamm, waren Nomaden. Ihr Bereich erstreckte sich vom Ordosgebiet (im Bogen des Huang-ho) und dessen Nachbarschaft bis in die Äußere Mongolei. Sie hatten von den nordiranischen Stämmen, den Massageten und Saken, deren Waffen und Tracht, vielleicht sogar das Reiten selbst übernommen. Gründer eines Großreichs der Hiung-nu, das sich bald von Korea bis zum Balkasch-See erstreckte, war Mao-tun (um 209-174). Unter ihm beobachtet man erstmals an Stelle der regellos angreifenden Schwärme eine geordnete und gegliederte Reiterei. Neben den berittenen Schützen begegnen Reiter, die mit Lanzen und Hellebarden bewaffnet und zuweilen von Panzern geschützt sind; auch diese Neuerungen mussten die Chinesen übernehmen, wie sie es zuvor mit den Bogenschützen getan hatten. Die Aufstellung dieser Reiterwaffe war der Tatkraft des Kaisers Wu-ti (141-87) und seiner Generäle zu verdanken. Man führte das Hiebschwert ein; an die Stelle des Speers trat die Reiterlanze. Auch Holzsattel und Steigbügel entlehnte man den Nomaden. Von Anfang an war der neuen Truppe Erfolg beschieden. Ihr Organisator Hokü-ping schlug die Hiung-nu nacheinander in sechs Feldschlachten. Doch erst im Jahre 58 v. Chr. gelang die Bezwingung des Feindes. Die Reichsgründung Mao-tuns, die Auseinandersetzung Chinas unter den kämpfenden Staaten (480-221) und der älteren Han-Dynastie (206-9) mit den Hiung-nu werden nochmals begegnen. Waren sie im vorangegangenen Endpunkt einer Entwicklung, die anderswo früher und rascher durcheilt worden war, so werden sie später den Ausgangspunkt einer Kette von Ereignissen bilden, die ganz Asien und Osteuropa in sich begreifen. Zuvor gilt es, die Summe dessen zu ziehen, was bisher betrachtet wurde. Die führende Rolle der Nomaden hat sich, was das Reiten angeht, bestätigt. Sie ist die gleiche im Osten wie im Westen. Damit ist die eingangs aufgeworfene Frage einer Antwort nähergebracht. Nordeurasien mit seiner Nomadischen Lebensform verdient zweifellos nicht den Namen einer Hochkultur in dem Sinn, wie ihn Hellas und China, dann Indien, Iran und die semitischen Völker verdienen. Gleichwohl spielt die nomadische Welt eine Rolle, deren Bedeutung sich schwerlich überschätzen lässt. Man ist dort in der Lage, Formen zu liefern, die anderswo und aus freiem Antrieb niemals entwickelt worden wären, die sich aber im Siegeszug durchsetzen. Ein zweites tritt hinzu. Ohne wesentliche Grenzen spannt sich von Altai und Wüste Gobi bis zu Donau und Oder der nordeurasische Gürtel. Seine Südgrenze berührt das Gebiet fast aller Hochkulturen. Damit wird das nördliche Eurasien – nicht unmittelbar, aber durch eine überall sich äußernde Beeinflussung – zu einem Band, das die Hochkulturen miteinander verknüpft. Die Ebenen und Steppen nördlich des Schwarzen Meeres, des Kaspischen Meeres und des Aralsees, von Pamir, Tienschan und Altai schaffen eine Einheit, der sich weiter südlich vorerst nichts Ähnliches zur Seite stellen lässt. Es war keine Straße, die dort hindurchführte und Verbindungen schlug, sondern ein breites Bett für alle Strömungen, Bewegungen und Völkerstürme, die nach Osten oder Westen strebten. Das Gesagte bestätigt sich, sobald man die Anfänge des Tierstils ins Auge fasst. Die Reliefkunst des östlichen Kleinasiens und des nördlichen Syriens (Aladscha Hüyük, Karkemisch, Sendschirli), dem engeren oder weiteren Bereich der hethitischen Kunst angehörig, zeigen erstmals Reihen gehender und stehender Tiere. Diese Tierfriese werden von da ab ein bevorzugtes Motiv jenes Stiles bilden. Daneben erscheint ein zweites, das ihn kennzeichnet: der Tierkampf, vor allem im Teil Halaf. Manches mag noch dem 11. Jahrhundert angehören, doch die Masse der Darstellungen fällt bereits ins erste Jahrtausend. Es drängt sich auf, dass der Hirsch zunehmend von der Antilope ersetzt wird, überhaupt, dass die südliche Fauna das Übergewicht bekommt, obwohl daneben zuweilen noch eine solche nördlicher Herkunft erscheint. Der Antilope, die vom Luchs oder einer Raubkatze gerissen wird, geht eine Darstellung voran, darauf statt der Antilope der Elch, statt des Luchses der Vielfraß begegnet. Elch und Vielfraß sind in Vorderasien unbekannt: sie verweisen auf den nordeurasischen Waldgürtel als ihre Heimat. Mitgebracht wurden sie von den Mitanni, Angehörigen indischer Stämme, die von Südrußland aus über den Kaukasus nach Süden drangen und im nördlichen Syrien und Mesopotamien über einer churritischen Untertanenbevölkerung eine kurzlebige Herrschaft gründeten (um 1600-1400). In den Sprachen der ugrischen Stämme, die in Südrußland einstmals in Nachbarschaft der Indo-Iranier lebten, hat sich neben zahlreichen anderen Lehnwörtern der indische Name des Elches erhalten. Und von dessen Erlegung durch den Vielfraß oder den »Vielfraßmenschen« künden die Gesänge der gleichen Stämme, vornehmlich der Wogulen und Ostjaken. Erneut ist man auf den nordeurasischen Bereich verwiesen, dem auch der Tierstil entstammt. Hier hat dieser Stil bei den Skythen Meisterwerke geschaffen, deren älteste noch ins 6. Jahrhundert gehören. Wieder begegnet der gejagte oder erlegte Elch als bevorzugter, wenn auch keineswegs als einziger Gegenstand. Daneben erblickt man weitere Cerviden sowie Pferd, Wolf und Adler, Wasservögel und Fische. Vorstöße der Kimmerier und Skythen haben diese Kunst nach dem östlichen Mitteleuropa und ins Donaugebiet, dann, im Gefolge der Meder und Perser, nach Iran gebracht. Die Bronzen Luristans (im Zagros: 7.-6. Jahrhundert), die Schätze von Sakiz (7. Jahrhundert) und von Achalgori im Kaukasus, Funde vom Oxos im Britischen Museum, die beiden letzten aus achaimenidischer Zeit, verdeutlichen den Rang des iranischen Tierstils. Eine weitere Provinz dieses Stils bilden die Werke der orientalisierenden Periode in Griechenland (ab 750). Die Tierfriese der protokorinthischen und korinthischen Keramik oder der rhodischen Kannen sind ohne Einwirkung des Tierstiles nicht denkbar. Freilich muss noch ein anderes beachtet werden. Diese Schöpfungen der griechischen Archaik sind nicht nur einer fremden Welt verpflichtet. Sie sind darüber hinaus ausgesprochen griechisch und nur als Werke griechischer Gestaltungskraft verständlich. Wie immer, so wird auch hier die Frage nach der Originalität einer Schöpfung nicht mit der Feststellung beantwortet, dass ihre Motive übernommen seien. Sie entzieht sich überhaupt einem allein auf Gegenstände und Inhalte gerichteten Blick. Entscheidend ist, ob es gelang, Übernommenes und Überkommenes derart der eigenen Form einzuverleiben, dass es zu deren wesentlichem Bestandteil wurde. Dies gilt vor allem von dem, was die Archaik dem Tierstil verdankt. Auch daran mag erinnert werden, dass die vollendetsten Stücke des skythischen Stils nicht von dem Volk geschaffen wurden, nach dem es heißt. Griechische Werkstätten in den Kolonien am Schwarzen Meer haben sie hergestellt, und indem sie für die Bedürfnisse ihrer nomadischen Auftraggeber arbeiteten, haben sie dem, was den Fremden vorschweben mochte, erst die überzeugende Formung verliehen. Auch nach China ist der Tierstil in früher Zeit gelangt. Er begegnet auf dem bronzenen Gerät und den gleichfalls bronzenen Waffen, die unter den Shang und den frühen Chou angefertigt wurden. Ihr hauptsächlicher Fundort ist An-yang und seine Umgebung im nördlichen Honan, jenseits des Huang-ho. Keine der Funde mögen früher als ins 12. Jahrhundert zu datieren sein. Diese nie wieder erreichten Meisterwerke wurden unter den Bauern und Städtern angefertigt, denen die Shang geboten. Indes enthält die Ornamentik Hinweise auf eine davon verschiedene Welt, denen manche der Motive und Formen entstammen. Und diese Hinweise, so überraschend und teilweise verwirrend sie sein mögen, müssen in Kürze verhört werden. Unter den Waffen gibt es Stücke, deren Verwandtschaft mit Klingen aus den vorgeschichtlichen Fundstätten Russlands und Sibiriens ins Auge fällt. Diese »nördlichen« Typen weisen somit auf den Bereich, daraus der Tierstil hergeleitet wurde. Doch gerade auf ihnen fehlt dieser Stil, den man doch erwartet hätte. Auch die Tiere, die auf den sakralen Bronzegefäßen als die machtvollsten entgegentreten – Tiger, Wasserbüffel, Elefant, Nashorn, vielleicht der Alligator -, kommen nördlich von An-yang kaum vor. Auf der anderen Seite sind die ebenfalls dargestellten Hirsche und Rentiere Bestandteile der nördlichen Welt, ihrer Jäger und Nomaden, ihres Tierstils. Ihnen zur Seite erscheint das Argali, Wildschaf der Berghalden Mittelasiens und des Altai. Hund und Hausschaf hingegen, Rind und Schwein, alles Haustiere des Bauern, fehlen in der Fauna der Sakralbronzen gänzlich. Der Tierstil der Shang ist demnach dem Zusammenwirken einer nomadischen mit einer städtischen Bevölkerung erwachsen, vielleicht dort, wo beide Bereiche sich berührten. Er lässt den Zusammenhang mit den Nomaden noch erkennen, ist aber als Ganzes bereits eine Schöpfung der chinesischen Kunst. Er ist ihre »Antwort« auf die »Aufforderung«, die vom Nomadentum ausging, vergleichbar dem, was zuvor im nördlichen Syrien und Mesopotamien, mehr noch bei den Griechen festgestellt wurde. Bedeutung und Leistung der nomadischen Welt stehen außer Zweifel. Überall zeigen sich Verbindungen, die nach Süden verlaufen; sie reichen von der Einwanderung bis zur Übernahme bestimmter Lebens- und Stilformen. Und neben einer Bewegung in nord-südlicher Richtung steht eine solche, die man als Ost-West-Linie bezeichnen könnte. Nördlich der mittelmeerischen Kulturen verlaufend und dem, was sich nach Osten in Iran, Indien und China anschließt, umgreift sie gleich einer gewaltigen Klammer die Gesamtheit der Alten Welt. Es war deutlich geworden, dass man im Süden Anregungen vom eurasischen Nordgürtel zwar aufnahm, jedoch durchaus imstande war, sie dem eignen Wesen einzuverleiben. Erhaltenes und Übernommenes wurden Bestandteil einer inneren Form, die der Gegenwelt zugehörte. So nimmt es nicht wunder, dass zu Ende des Zeitraumes, der bisher betrachtet wurde, die Hochkulturen sich ihrerseits in einer Bewegung zusammenfinden, die sie alle erfasst – und erstmals auch Indien einschließt, das sich zuvor weitgehend außerhalb gehalten hatte. Von Reiten und reiterlicher Kampfesweise, vom Tierstil wendet sich der Blick den Propheten und Denkern zu, darunter an erster Stelle dem, der gleichsam den Vorposten gegenüber der eurasischen Welt bildet: Zarathustra. Die Hinterlassenschaft dieses Mannes kündet von dem, was gegen die Grenzen seiner ostiranischen Heimat anbrandete. In Baktrien wusste man vom räuberischen, gesetzlosen Nomaden, vom blutigen Tieropfer und vom Rauschtrank, den man dabei genoss. Man kannte die Raub- und Wildtiere, in deren Darstellung sich der nomadische Tierstil gefiel. Zarathustra hat dem die Pflege des Rindes als Ausdruck einer friedlichen und gottgefälligen Gesinnung entgegengesetzt. Er hat das nährende, spendende und ganz für den Menschen lebende Haustier zur Verkörperung des »Guten Sinnes« werden lassen. Auch dies enthielt eine Antwort auf das, was auf der anderen Seite als Aufforderung, mehr noch: als Herausforderung auftrat. Und es geht noch um ein anderes: um die zeitliche Einordnung Zarathustras und die Folgerungen, die man aus ihr zu ziehen hat. Zarathustras Lebenszeit liegt heute fest. Statt vager Ansetzungen, die sich zwischen der Jahrtausendwende und dem 7. Jahrhundert bewegten, weiß man heute, dass er 599/8 geboren wurde, seine erste Offenbarung 569/8 erhielt und 522/1 starb. Er war demnach jüngerer Zeitgenosse Jeremias und älterer des Deuterojesaia; zeitlich steht er zwischen den Männern, die den Höhepunkt jüdischen Prophetentums verkörpern. Prophetie in Ostiran und Prophetie in Juda bilden zwei Aspekte derselben geschichtlichen Erscheinung. Es sei hinzugefügt: im benachbarten Indien war Buddha jüngerer Zeitgenosse Zarathustras, und in China fallen Konfuzius Wirken und die Niederschrift von Lao-tzus tiefsinnigem Buch in dieselben Jahre. Für Griechenland bietet sich als gleichzeitiges Ereignis das Auftreten der älteren Vorsokratiker an. Zeitlicher Zusammenfall ist selten bedeutungslos. Häufung von Gleichzeitigkeit, große Namen in sich begreifend, bezeugt eine Epoche schöpferischer Entscheidungen. Unzureichende Kenntnis des Geschichtlichen und rasche Verallgemeinerung haben dazu geführt, dass man solch »geistige Achsenzeit« über Jahrhunderte sich erstrecken ließ. Man darf die Begründung, soweit sie versucht wurde, beiseite lassen. Die unmittelbare zeitliche Zusammengehörigkeit ergänzt die wesensmäßige. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als die Geburt der moralischen Forderung. Vorab darf nicht übersehen werden, dass zwischen den Genannten beträchtliche Unterschiede bestehen. Schon von Konfuzius zu Lao-tzu lässt sich schwer eine Brücke schlagen. Während dieser sich von bloßer Macht abwendet und in der Anschauung des Weltganzen und dessen innerer Gesetzmäßigkeit sein Genüge findet, sucht sein Zeitgenosse Macht mit sittlicher Haltung, Ausübung der Herrschaft mit brüderlicher Gesinnung zu verbinden. Buddhas Selbstläuterung und Verzicht auf individuelles Dasein hat wenig gemein mit dem unablässigen Kampf wider das Böse, dem aktiven Eintreten für das Gute, denen Zarathustras Forderungen gelten. Oder mit dem mahnenden und richtenden Ruf der jüdischen Propheten, deren Gottesglaube ständig ins öffentliche Leben eingreift, um es zu reinigen und zu durchdringen. Auch die griechischen Denker waren weit entfernt, sich von einer Welt abzuwenden, die sie vielmehr zu verstehen und zu gestalten bemüht waren. Gleichwohl dürfen sie alle in einem genannt und zusammengesehen werden. Ihnen war gemeinsam, dass sie in einem Gegensatz zu den vorausgegangenen Jahrhunderten großer Religionsschöpfungen standen. Nach der Jahrtausendwende, nach dem Abschluss umfassender Völkerverschiebungen erwuchsen Götterwelten, die in Epos und Hymnik ihren gestalteten Ausdruck fanden. Die Götter des homerischen Epos und der Veden, das Pandämonium der Shang- und frühen Chou-Zeit, ihre Schamanen und Orakel; die Jahve-Religion Davids und Salomons; die üppig wuchernde Mythologie Ras Schamras -sie alle sollten für die Folge ihre Bedeutung nicht einbüßen. Und doch ist der Gegensatz da. Weder Buddha, Konfuzius, Lao-tzu, die Vorsokratiker noch Zarathustra und die jüdischen Propheten leugnen die ihnen überkommenen Mächte. Aber sie suchen die Vorstellungen, die sich damit verbanden, zu vertiefen und zu reinigen. Sie wünschen den Emst an die Stelle göttlichen Spiels, des Genusses himmlischen Daseins und der Opfer, die man bereitwillig entgegennahm, zu setzen. War es bisher so, dass jene Welt durch Glanz und Glückseligkeit sich auszeichnete, sich als Gleichnis irdischen Königtums gebärdete, so wünscht man jetzt eine Rechtfertigung; und dieses Verlangen macht vor dem Göttlichen nicht halt. Kennzeichen der neuen Haltung waren Entmythisierung der göttlichen Fabelwelt, gereinigte Gottesvorstellung, Gründung im Sittlichen, begriffliche Klarheit an Stelle der Bilder und vor allem prophetische Verantwortung. Diese Merkmale traten nicht immer in gleichem Umfang und in gleicher Dichte hervor. Aber im Grundsätzlichen ist die Einheitlichkeit überall zu greifen. Genug: in jener Zeit hatte eine Bewegung die Länder zwischen Mittelmeer und China vereint. Sittliche Forderung wurde ergänzt durch begriffliche Einfachheit und Absehen vom Mythos; und wer solche Forderung erhob, wagte es, weil er sich als Künder und Sprachrohr Gottes fühlte. »Innerhalb weniger Menschenalter traten fast gleichzeitig in Ost und West die neuen Formen der Besinnung des Menschen auf sich selber hervor, die seither das geistige Leben der Menschheit bestimmen« (Hans Heinrich Schaeder). Gegenüber dieser Großtat verblasst alles, was die Folgezeit gebracht hat. Immerhin stand man auch in anderem Bereich vor umfassenden Schöpfungen. Im 7. Jahrhundert war die assyrische Macht zur Entfaltung gelangt und zusammengebrochen (Zerstörung Ninives 612). Das Zeitalter der Weltreiche war damit eingeleitet worden, und dem, was die Assyrer geschaffen und verloren hatten, war nach drei Menschenaltern die Herrschaft der Achaimeniden gefolgt (Abschluss: 525 Eroberung Ägyptens); ihr wiederum nach weniger als zwei Jahrhunderten der Eroberungszug Alexanders, der erst am Hyphasis sein Ende fand (326). Beiden Weltreichen war gemeinsam, dass sie im Nordosten Irans nicht über den Iaxartes, in Indien nicht über Punjab und Indus hinauskamen. Innerhalb dieser Grenzen hat sowohl die persische wie die griechische Kultur gewirkt, aber im Gegensatz zu dem Halt, das die politische und militärische Macht traf, hat die kulturelle Wirkung weiter ausgegriffen. Unter Dareios I. (521-485) hat in königlichem Auftrag der Grieche Skylax von Karyanda das Industal vom Oberlauf an erforscht. Er hat damit eine Schiffsverbindung ermöglicht, die von der Mündung des Flusses bis ins Rote Meer reichte. Von dort ab führte ein Verbindungskanal zum Nil, von Pharao Necho (609-594) angelegt, aber inzwischen verfallen. In einer Inschrift, die Dareios unfern des heutigen Suez hat setzen lassen, rühmt er sich der Herstellung des Kanals, durch den Schiffe nach »Persien«, also bis in den Indischen Ozean, gefahren seien. Unterwerfung des indischen Nordwestens, See- und Landverkehr dorthin haben bewirkt, dass sichtbare Spuren der persischen Herrschaft und ihrer Kultur sich dem ganzen Norden des Landes eingeprägt haben. Noch ein Jahrhundert nach dem Tod des letzten Achaimeniden (330) zeichnete man im indisch-iranischen Grenzland Inschriften in der aramäischen Verwaltungs- und Kanzleisprache des Reiches auf (Taxila-Sirkap, Pul-i Daruntah). In Indien selbst wurde eines der nationalen Alphabete, die Kharoshthi, aus dem Aramäischen abgeleitet und zur Vokalschrift weitergebildet. Alsdann wurde der persische Palastbau, der in Susa, Ekbatana und Persepolis seine großartigen Denkmäler hinterlassen hat, für ähnliche Anlagen im nordindischen Reich der Maurya (321 bis um 185) maßgebend. Die Pfeilerhalle des Königspalastes von Pätaliputra (heute Patna am Ganges) ahmt das achaimenidische Vorbild nach. Auch das berühmte Kapitell von Särnäth steht in solcher Nachfolge, sowohl in der Gesamtform wie in den Tierdarstellungen, die es schmücken. Alexanders Eroberungszug hat sich in Indien und Mittelasien weniger ausgewirkt als die über zwei Jahrhunderte währende Herrschaft eines Nachfolgestaates, des griechischen Königtums in Baktrien. Es sei daran erinnert, dass Seleukos I. 304 die indischen Provinzen aufgegeben hatte und seine Nachfolger keinen Anlass sahen, diesen Verzicht rückgängig zu machen. Man ließ sogar geschehen, dass der zweite Herrscher der Maurya-Dynastie, Ashoka (etwa 355-325), auch Arachosien, jenseits des Hindukush, besetzt hielt. Erst das ab 250 v. Chr. selbständig gewordene griechisch-baktrische Königtum nahm die Eroberung des nordwestlichen Indiens wieder auf (etwa 185) und behauptete dort größere Gebietsteile bis zuletzt. Zwar hat sich bisher keine griechische Inschrift gefunden. Aber griechische Münzen mit griechischer Legende kamen in Umlauf und behaupteten sich über den Untergang der Fremdherrschaft hinaus. Griechische Lehnwörter drangen ein, und an Erwähnung der Griechen in der Sanskrit-Literatur fehlt es nicht. Wie im nordöstlichen Ostiran (Kunduz am Oxos) und Muntschak-Tepe sich Reste korinthischer Tempel gefunden haben, so im nordwestindischen Taxila die ungleich größeren eines ionischen. Und von einem der Griechenkönige, dessen Herrschaftsbereich sich zwischen Indus und der Gangesebene erstreckte, glaubte man zu wissen, dass er sich zu Buddhas Lehre bekannt habe. Das in der Sprache des südlichen Kanon, in Päli, abgefasste Buch von König Milinda (Menandros, um 160-142/1) wusste zu berichten, wie er in Taxila sich mit buddhistischen Weisen besprach. Nicht anders, als es einst Alexander mit den indischen Gymnosophisten getan haben soll. Oder wie es König Ptolemaios II. (285-247), dem Aristeas-Brief zufolge, mit den jüdischen Schriftgelehrten hielt, die er zur Übersetzung der Thora nach Alexandreia hatte kommen lassen. Sowenig wie in Ostiran hat im nordwestlichen Indien griechische Plastik zu dieser Zeit Spuren hinterlassen. Die Werke des Gandhära-Stils beginnen erst unter den Kushan, vereinzelt auch früher, also in den Jahrhunderten der frühen Kaiserzeit. Dementsprechend bildete auch kein Werk aus hellenistischer Zeit das Vorbild; erst die Schöpfungen der kaiserzeitlichen Kunst, originale und Kopien, wie man sie damals liebte, übten ihren Einfluss aus. Griechische Münzprägung sodann konnte sich auf indischem Boden nicht behaupten, geschweige denn, dass sie das einheimische Schaffen berührte. Darstellung und Schrift begannen gleich üppigem Pflanzenwuchs die Münzfläche zu überziehen. Organischer Aufbau wurde ersetzt durch ein Wuchern, das die plastische Form in Ranken und Blüten auf löste. Selbst der so klaren und disziplinierten griechischen Schrift scheint sich die Formlosigkeit der einheimischen Kharoshthi mitzuteilen. Die Reliefs auf dem Stupa von Bharhut, die dem 2. Jahrhundert v. Chr. angehören, nehmen der griechischen wie der indischen Plastik gegenüber eine Sonderstellung ein. Kultische Starrheit, durchgeführte Frontalität und die Isolierung der Einzelfigur in der Fläche sind am ehesten Kennzeichen dessen, was man als parthische Kunst zu bezeichnen pflegt. Manche Wandgemälde aus dem parthischen Dura-Europos lassen sich vergleichen. Neben der Festsetzung im nordwestlichen Indien wird von einem zweiten Vorstoß der baktrischen Griechen berichtet. Er brachte sie, wenn auch nicht in unmittelbare Berührung, so doch in den weiteren Bereich des aufstrebenden und allseitig ausgreifenden Chinas, der frühen Han. Worauf die Griechen stießen, war das »Seidenvolk« der Serer, und diese Verbindung sollte sich folgenreich auswirken. Roshan im Pamir (Rhoxanake), Endpunkt der späteren »Seidenstraße«, war in ihrer Hand. Wie weit man von dort nach Osten gekommen ist, bleibt vorerst eine ungelöste Frage. Indes sollte die Zeit nicht ferne sein, da man von chinesischer Seite einen Vorstoß unternahm, der Baktrien erreichte. Immerhin mag eine erste Berührung vermerkt werden. Um 300 beginnen Tauschierarbeiten im China des »Streitenden Reiches« aufzutreten, Gold und Silber sind in die dunkle Bronze der Gefäße eingelegt. Auch die Kleinkunst bedient sich – auf Spiegeln, Agraffen und an Stangenaufsätzen – der gleichen Technik. Unter den Han setzt sich diese Kunstübung fort und erreicht ihren Höhepunkt. Schon immer hat man mit dieser Schöpfung die Nachricht in Verbindung gebracht, wonach es in einem Tempel des nordwestindischen Taxila eine Darstellung der Schlacht zwischen Poros und Alexander gegeben habe. Wieder war Gold in Bronze eingelegt: die malerische Ausführung, die Verkürzungen der Körper und die Verschmelzung der Farben wurden gerühmt. Die sowjetischen Ausgrabungen haben die Zwischenglieder erbracht. Man kennt ein griechisch-baktrisches Silberblech, mit Gold tauschiert: ein Brustbild der Göttin Artemis aus den Anfängen des 2. Jahrhunderts. Daneben stehen einheimische Arbeiten, vor allem aus Chwarezm am unteren Oxos. Noch in späteren Jahrhunderten waren die dortigen Tauschierarbeiten hoch-geschätzt; man glaubte gar zu wissen, der Sagenkönig Yima habe sich bereits seinen Thron mit Gold und Silber einlegen lassen. Das griechische Baktrien bildete einen äußersten Vorposten in Mittelasien. Der Wagemut seiner Herrscher blieb eine Ausnahme, und dasselbe darf vom Willen seiner Untertanen gelten, sich in einer fremden Welt zu behaupten. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts befand sich, weiter im Westen, das seleukidische Reich im Abstieg. Baktrien war allein gelassen, und wie immer wirkte sich der Bruderkampf in den eignen Reihen nachteilig aus. Die Entscheidung kam indessen von Norden. Von Chinas Nordgrenze bis zur Donaumündung zeichnete sich eine neue und umfassende Bewegung der Nomaden ab. Hier muss nochmals der Aufrichtung des Großreichs der Hsiung-nu und seines Gründers Mao-tun gedacht werden. Unter den Stämmen, die er noch unterwarf, begegnen die Yüe-chih. Sie waren eins mit den von den griechischen Autoren so genannten Tocharern. Unter Mao-tuns Sohn Lao-shang wurden diese nochmals von den Hsiung-nu besiegt (kurz nach 174) und begannen nach Westen zu wandern. Dabei verdrängten sie die Saken, die in Ferghana zusammen mit anderen nordiranischen Nomaden gewohnt hatten. Das Land wurde den Ankömmlingen überlassen. Doch auch die Yüe-chih hielt es nicht lange in den neugewonnenen Sitzen. Von einem weiteren Nomadenstamm, den Wu-sun geschlagen, zogen sie weiter nach Westen. Sie wohnten jetzt nördlich des Oxos, und (so wird hinzugefügt) das weiter südlich gelegene Baktrien war ihnen untertan. Anders ausgedrückt: die Yüe-chih hatten zunächst den Iaxartes überschritten, hatten sich dann im Gebiet zwischen diesem und dem Oxos niedergelassen und bei dieser Gelegenheit nicht verabsäumt, sich auch das weiter südlich gelegene Land untertan zu machen. Betroffen war das griechisch-baktrische Reich, dessen Kernlande, die Sogdiane und Baktrien, ihm entrissen wurden. Apollodoros, Geschichtsschreiber dieses Reichs, berichtet als einziger von diesem ins Jahr 129/8 fallenden Vorgang. Auch er weiß vom Einbruch der Nomaden, und unter diesen werden neben anderen skythischen Stämmen »aus dem Sakenland jenseits des Iaxartes, welches den Saken und Sogdianern gegenüberliegt«, auch die Tocharer genannt. Bereits in Ferghana waren diese Eroberer mit Parnern und Dahern, also mit Vettern der nachmaligen Parther, zusammengestoßen. Diese hatten hundert Jahre zuvor am Nordrand Irans sich festgesetzt und waren trotz wiederholter Versuche der Seleukiden, sich ihrer zu entledigen, nicht wieder vertrieben worden. Unter Mithridates I. vermochten die Parther ihrerseits die Seleukiden aus Medien und Babylonien zu vertreiben und eine ganz Iran umfassende Herrschaft zu errichten (141-139). Schon damals hatte sich die Gefahr in ihrem Rücken gezeigt, die das Nachdrängen der nomadischen Vettern hervorrief. Mithridates I. hatte diese Gefahr so ernst genommen, dass er persönlich zur Abwehr an die Nordgrenze geeilt war. Nach seinem Tod sollte man die Bewegung, die bis jetzt von Chinas Nordwesten bis nach Hyrkanien ausgriff, stärker zu spüren bekommen. Die Erschütterung, der das neuerstandene Partherreich nach Mithridates Tod (139/8) infolge eines neuen seleukidischen Angriffs ausgesetzt war, ließ einen Hilferuf des Nachfolgers, Phraates II. (138-128), zu den Skythen, will sagen: den Tocharern und ihren nomadischen Genossen, gelangen. Diese folgten dem Ruf, aber noch ehe sie ankamen, war Phraates des Gegners Herr geworden. Er verweigerte den zu spät Gekommenen den ausbedungenen Lohn, und diese begannen nun, plündernd das parthische Gebiet zu durchstreifen. Phraates, der ihnen entgegentrat, wurde geschlagen und fiel in der Schlacht. Für viele Jahre sah es so aus, als sei das Fortbestehen des Partherreiches in Frage gestellt. Die weitere Geschichte der Tocharer, Saken und Parther kann hier außer acht bleiben. Es genügt, dass diese Ereignisse sich als Bestandteile einer einzigen Welle verstehen lassen, die im Osten ihren Anstoß erhalten hatte. Da ist nun bemerkenswert, dass, noch vor dem Einbruch in Iran, auch weiter westlich die Nomaden in Bewegung gerieten. Herodot kennt östlich der südrussischen Skythen und ihrer Grenze, des Don, die Sauromaten. Ein mächtiger Nomadenstamm, hauste er nördlich des Kaukasus. Im Jahr 179 war er, nunmehr als Sarmaten bezeichnet, weit nach Westen vorgedrungen und stand im Begriff, sich über ganz Südrußland auszubreiten. Der Vorstoß machte der dortigen Skythenherrschaft ein Ende, und nur Reste von ihr behaupteten sich auf der Krim und jenseits der unteren Donau, in der Dobrudscha. Die Verbindung zwischen dieser und der zuvor genannten Bewegung bilden die Alanen oder die Ass, die unter den Namen Asier am Überschreiten des Iaxartes 129/8 beteiligt waren. Kurz danach schoben auch sie sich weiter und setzten sich in den ehemaligen Gebieten der Sarmaten nördlich des Kaukasus fest, die diese bei ihrem Vorstoß gegen Westen verlassen hatten. Eine Zeitlang wurden sie dort als Aorser bezeichnet, als »Weiße« oder Westliche, und bekundeten dadurch, dass sie äußerste Vorhut einer von Osten ausgehenden Bewegung waren. Dass es sich um eine zusammenhängende Wanderung handelte, bestätigt zunächst das Fundinventar der sarmatischen und alanischen Gräber. Die Kurgane (nomadische Grabhügel) des Kubangebietes enthalten schon in hellenistischer Zeit chinesische Spiegel der Han-Zeit und ihre Nachahmungen. Daneben begegnen in Gräbern der Wolgagegend zweirädrige Karren, die den Nomadenwagen Mittelasiens, bekannt von chinesischen Terrakotten und den Münzen ostiranischer Herrscher, gleichen. Auch die Schwertbügel aus Jade, die an der Wolga gefunden werden, sind in China und Korea beheimatet, dasselbe gilt für die Steigbügel aus den sarmatischen Gräbern. Diese Erfindung hatte die Kampfesweise zu Pferde wesentlich verbessert, da sie erstmals festen Sitz und damit die sichere Verwendung der langen Reiterlanze gestattete. Eben dieser Steigbügel war zuvor bei den Hsiung-nu und, von diesen entlehnt, in den Heeren der Han-Kaiser begegnet. Eine weitere Bestätigung bedeutet das Auftreten eines neuen Tierstils bei den genannten Nomadenstämmen. Mit dem Ende des 4. Jahrhunderts zeigt er eine neue Bewegtheit. Sie äußert sich weniger auf den Sakralgefäßen als in anderen Kunstgattungen, die jetzt in China hervortreten: in der Steinplastik und auf den eingelegten Bronzen, auf den Reliefbändern der großen Tongefäße und in den durchbrochenen Metallarbeiten. Überall beginnen sich die Tierkörper gleichsam aus der Erstarrung zu lösen. Sie werden erregt, leidenschaftlich, energisch bewegt; in pathetischen Kampfszenen zeigt sich eine bisher unbekannte Bereitschaft, sich von dieser Seite des tierischen Wesens ergreifen zu lassen. Neben der überkommenen Tierwelt tritt jetzt das Pferd auf. Ledig oder geritten, liegend oder in Bewegung – in immer neuen Bildern sucht man seiner habhaft zu werden. Es ist, als sei man staunend innegeworden, was es mit diesem Tier auf sich habe. Das Pferd ist nicht allein geblieben. Ihm zur Seite begegnen das Kamel, der Bär und, aus Iran übernommen, der Löwe. Damit ist die Frage nach der Heimat dieses »jüngeren« Tierstils berührt. Vor allem der Bär, dessen Kult zu den ältesten der mittel- und nordasiatischen Stämme gehört, führt wieder in jenen Bereich, aus dem der frühere Tierstil erwachsen war. Aber auch hinter dem Pferd und dem Kamel stand die nordeurasische Welt. Man stößt auf die große Bewegung der Nomaden im 2. Jahrhundert, die zuvor besprochen worden war. Dem entspricht die Verbreitung des neuen Stils. Aus Westsibirien brachten ihn die Sarmaten nach Südrußland; man findet ihn im Gebiet von Minussinsk und im Altai, in Transbaikalien und in der westlichen Mongolei. Hier spricht er sich in erster Linie in den Metallarbeiten aus, und als Verfertiger dieser »Ordosbronzen« (wie man sie nach ihrem ersten Fundort bezeichnet) kommen vornehmlich die Hsiung-nu in Frage. Prachtstücke dieser Art bilden die durchbrochenen und mit Reliefs verzierten Bronzeplatten, die als Gürtelschließen dienten. Phantastische Geschöpfe, aus Wolf und Adler zusammengesetzt, Drachen und Greifen bekämpfen einander oder reißen ein Pferd, eine Hinde. Tiger haben einen Yak erlegt und schicken sich an, ihm den Garaus zu machen. Daneben werden Eber und Rentier dargestellt. Entsprechende Motive begegnen in der Sagenwelt dieser Nomaden bis in neuere Zeit. Tierverfolgung und Tierverwandlung spielen eine große Rolle, und überall entsprechen einander Krieg und Jagd. Die verstellte Flucht war nicht nur den Hsiung-nu, sondern allen Reiternomaden geläufig. Wie für die Parther die Schlacht eine Jagd bedeutete, wie sie den umzingelten Feind gleich einem Wild zu Tode hetzten, sich in ekstatischer Erregung, entrückt und besessen, auf den Gegner warfen, so trug solche »schamanistischen« Züge auch die Kampfesweise der Hsiung-nu. Als künstlerische Form fand der jüngere Tierstil in China Eingang. Die Handwerker gingen daran, was sie auf den nomadischen Gürtelplatten und anderem Metallwerk sahen, nachzubilden. In die erste Hälfte des 3. Jahrhunderts gehören die berühmten Lackgeräte aus Chang-sha, mit ihrer in verschlungene Bänder sich auf lösenden Tierornamentik. In der Han-Zeit erhielten die Motive, vermehrt durch überkommene Bestandteile der Chou-Kunst, eine verfeinerte Gestaltung. Mit der veränderten Tracht des Heeres fanden neben den Gürtelplatten auch die hakenförmigen Schließen aus Bronze und Jade Beachtung; auch sie brachten Darstellungen im neuen Stil. Dasselbe galt für alles Gerät, das man sonst den Reiterstämmen entlehnt hatte: Hiebschwert, Zepter, Sattel und Standarte. Nur vollzog sich überall und stetig eine Umformung. Nicht nur wurden die Darstellungen technisch und künstlerisch verfeinert, auch die leidenschaftlichen Kampfszenen verschwanden, und es blieb die Bewegtheit geschmeidiger Tierleiber, die sich zu kunstvoll geordneten Gruppen zusammenschlossen. Was einst Ausdruck kriegerischer Haltung gewesen war, hatte sich ins Gefällig-Omamentale gewandelt. In dieser denaturierten Form hat der Tierstil über die Han-Zeit hinaus fortbestanden. Auch sonst wahrte China seine Form, wenn es Fremdes übernahm. Seine Geschichte spielte sich zu der Zeit, um die es hier geht, im Norden, im Tal des Huang-ho, ab. Im Gegensatz zu dem leichtlebenden, phantasiebegabten und intelligenten Südmenschen ist der Nordchinese schwerfälliger, aber auch zäher und zuverlässiger. Er zeichnet sich gegenüber dem Südchinesen durch seinen schweren und straffen Körperbau aus; er erkämpft seinen Lebensunterhalt durch Genügsamkeit, Standhaftigkeit und Fleiß. Bauer, der er ist, steht er einer Natur gegenüber, die groß ist im Schenken, aber unbarmherzig in ihren Launen. Furchtbar sind die Wirkungen der Naturkatastrophen auf das menschliche Leben. Nur durch Zusammenhalten und Genügsamkeit, durch Standhaftigkeit und Fleiß kann ihnen begegnet werden. Einer Naturkatastrophe vergleichbar waren auch die Einbrüche der Hsiung-nu und die Verheerungen in ihrem Gefolge. Man beschloss, ihnen mit der gleichen Zähigkeit zu begegnen, und, wie sich gezeigt hat, man verschmähte nicht, vom Feind zu lernen. Doch Reitertaktik, von den Nomaden bezogen, bedeutete von vornherein etwas anderes. Sie war nicht auf chinesischem Boden gewachsen: durch bewussten Entscheid war sie zwar in ihrer fertigen Form übernommen. Sie wurde dann aber weiter ausgestaltet. Ererbte Formen wie die Kriegswagen bestanden fort, nur verstand man sie besser zu nutzen. Man wusste sie jetzt zur Wagenburg zu vereinigen, wie man auch Karrees und Igelstellungen zu bilden verstand. In der Armbrust schuf man sich eine Waffe, die nach mancher Richtung den Reflexbogen der Nomaden übertraf. Bisher hatten flüchtige Reiterschützen den schlanken, gefiederten Pfeil auf weite Entfernung hin ausgesandt. Der Armbrust aber bediente man sich zu Fuß. Ihre kurzen, gedrungenen Bolzen wurden auf nahe Entfernung, aber mit größter Durchschlagskraft abgeschossen. War der Bogen die Waffe des Verfolgers und Jägers gewesen, so galt die Armbrust dem Nahkampf und der Vernichtung. Sie wurde zum Symbol des sesshaften, bäuerlichen und städtischen Menschen, der nicht als geborener Krieger, wohl aber als disziplinierter Soldat gegen die Räuber antrat, die die Fluren und Siedlungen seiner Heimat mit Verwüstung und Brand bedrohten. Das Gegeneinander von Herausforderung und Antwort, das zuvor zwischen den Nomaden im Norden und den Hochkulturen im Süden festgestellt wurde, setzte sich also in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitwende fort. Allenthalben grenzte man an unruhig wogende, im Werden begriffene Nachbarstämme; den hochgezüchteten Kulturen und ihren Reichsbildungen trat eine noch gestaltlose, aber zukunftsträchtige Welt barbarischer Völker gegenüber. Deren bedrohliche Kraft zwang die Angegriffenen, neue Abwehrmittel zu ersinnen. Sie nahmen sie von ihren Gegnern, aber beschränkten sich nicht darauf, sondern bildeten das Übernommene um. Mehr noch: es gelang ihnen, indem sie auf ihr Innerstes Wesen zurückgriffen, Formen zu schaffen, zu denen der Feind niemals fähig gewesen wäre. Man ging dazu über, das eigne Gebiet durch ein System großartiger Sperren zu schützen. Vom Kansu im Innern bis zur Mündung des Yalu ins Gelbe Meer verlief die »Große Mauer«, die seit ihrer Erbauung durch Shih-Huang-ti (259-210) das Land der Mitte von den nördlichen Nomaden abriegelte. Als gegen Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. die Chinesen ihre Herrschaft weiter nach Westen erweiterten, wurde zunächst die dorthin führende Handelsstraße ausgebaut. Dann legte man Ackerbaukolonien und, zu deren Schutz, durchgehende Befestigungen an. Lou-lan, nördlich des Lob-nor an der hier vorüberführenden Handelsstraße erbaut, bildete den westlichen Abschluss der ganzen Anlage. Die Wallanlage selbst mit ihren eingebauten Wachttürmen, ihren Forts und Magazinen hat sich auf weite Strecken hin erhalten. Ein Wachdienst war eingerichtet: Signale und entzündete Feuer meldeten das Herannahen des Feindes. Begnadigte Strafgefangene, an die öde Nordwestgrenze des Reichs verbannt, oder barbarische Söldner bildeten die Besatzung. Lou-lan selbst, an den Ufern des Salzsees gelegen, wurde gleichsam aus dem Nichts geschaffen. Die Umgebung war menschenleer, das umgebende Land trug sparsamste Frucht. Die meisten Lebensmittel und sonstiger Bedarf mussten aus dem Innern Chinas herangeschafft werden. In Lagerhäusern speicherte man auf, was man benötigte: Getreide zur Nahrung, die Waffenvorräte der Besatzung, Filztuch und Pelze, um den mittelasiatischen Winter zu bestehen. Kolonnen von mongolischen Kamelen, von Eseln und Pferden standen als Tragtiere zur Verfügung. Über dem Ganzen waltete ein Beamtenstab, der nach chinesischer Weise alles dem Papier anvertraute: Art und Preis der durchgehenden Waren, den Einlauf der Post und ihren Abgang, das angelangte und verbrauchte Material; über jeden Halfterstrick wurde Abrechnung verlangt. Auch weiter westlich sind vom Ende des 3. Jahrhunderts ab solche Anlagen geschaffen worden. An erster Stelle ist der Aufbau einer Grenzverteidigung zu erwähnen, mit der sich das griechische Baktrien und die nördlich angrenzende Sogdiane gegen die nomadischen Sakenstämme schützten. Ihre Anfänge fallen in die Jahre der Eroberung durch Alexander (329/8). Das Land wurde mit befestigten Posten überzogen; den wichtigsten Stützpunkt bildete Alexandreia am Iaxartes, von vornherein als Sperrfeste gegen Einfalle jener Stämme gedacht. Die Stadt wurde an der Stelle von Alexanders Lager in kaum zwanzig Tagen erbaut; griechische Söldner, kampfunfähig gewordene Makedonen, Kriegsgefangene und Einheimische aus der Nachbarschaft bildeten die Bevölkerung. Die Oase Merv wurde von sechs Festungen geschützt. Die Tätigkeit der Seleukiden wirkte sich auch für Baktrien aus. Als Antiochos I. (281 bis 261) das von den Nomaden eroberte Merv wieder auf baute, umgab er die Oase jetzt auch mit einer Mauer. Außer Merv trug noch eine zweite Stadt Antiochos Namen, wenn man auch ihre genaue Lage nicht kennt. Die selbständig gewordenen Könige des griechischen Baktriens setzten fort, was ihre Vorgänger begonnen hatten. Sie sind die Zeitgenossen derer, die in China die entsprechenden Anlagen ausgebaut haben. Gemeinsamer Kampf gegen die Nomaden führte hüben und drüben zur Ausbildung von Formen, die eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen. Eine Besonderheit freilich bedeutete die dichte Besiedlung mit Griechen und Makedonen. Sie lagen nicht als landfremde Besatzung an der Nomadengrenze, sondern hatten dort eine neue Heimat gefunden. Sie haben denn auch nicht gezögert, das ihnen anvertraute Gebiet in ihrem Sinn zu formen. Noch in die letzten Jahrzehnte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts mag die griechische Inschrift von Surch Kotal im nordwestlichen Afghanistan gehören. Sie ist fehlerfrei geschrieben und nennt den griechischen Namen Palamedes. Erst zwischen 200 und 219 n. Chr. hat die griechische Beschriftung und die Darstellung griechischer Götter auf den Münzen der Kushan aufgehört. In Merv gab es, ausdrücklichem Zeugnis zufolge, im 3. oder 4. Jahrhundert noch Griechen, die ihre Götter verehrten. Dieselbe Stadt ist in spätsasanidischer Zeit zu einem Übersetzungszentrum geworden, wo nestorianische Missionare eine Auswahl aus Schriften griechischer Philosophen ins Syrische übertrugen. Die Namen Surch Kotal und Merv zeigen, dass die Besiedlung vor allem die nördlichen Grenzlande erfasst hat, wo die Bedrohung am unmittelbarsten sich auswirkte. Dabei gewannen unter Alexanders Nachfolgern die Militärkolonien vor den Städten den Vorrang. Weder Samarkand noch Baktra (Balch) sind zu Stätten griechischer Besiedlung und Kultur geworden. Wohl aber Merv, ein eigner Bezirk im Kleinen, der immer eine Vielfalt von Siedlungen und Festungen mit eingestreuten Feldern und Wiesen umfasst hat. Solche und andere Militärkolonien, die »Katoikien«, waren die Stützen der griechischen Herrschaft und besaßen vor den Städten, auch der Zahl nach, den Vorrang. Diese neue, von den griechisch-baktrischen Königen geschaffene oder doch nach Kräften geförderte Einrichtung gab den Herrschern ein krieggeübtes Heer, und sie sicherte ihnen den nötigen Ersatz, indem die Kinder der Soldaten bei Erreichung des dienstfähigen Alters sogleich ins Heer eintraten. Vorerst ein Schatten bleibt die Grenzwehr, die die makedonischen Könige seit dem Kelteneinbruch 279 aufzubauen begannen. Wo sie verlief, ist noch unbekannt. Weder Bodenfunde noch literarische Zeugnisse künden von ihr. Man weiß nur, dass die Abwehr der nördlichen Barbaren einen Großteil der Kraft Makedoniens unter den Antigoniden (276 bis 168) beansprucht hat. Dagegen besitzt man genauere Kunde vom bosporanischen Königtum auf der Krim. Dort waren die Reste der von den Sarmaten vertriebenen Skythen eingedrungen und hatten zeitweilig einen eigenen Staat gegründet. Zu ihrer Abwehr baute Asandros (47-16) eine Sperrmauer quer über die Halbinsel Kertsch, die alle zweihundert Meter mit zehn Türmen verstärkt war. Dahinter und auf der Halbinsel Taman, beiderseits des Ausgangs des Asowschen Meeres, lagen wieder die Militärkolonien. Zu den Grenzwehren trat die Anbahnung durchgehender Handelsstraßen hinzu. Unter dem Kaiser Wu-ti (141-87) begannen die Chinesen die Eroberung der »Westländer«, vor allem des Tarimbeckens. Man machte sich daran, die dorthin führenden Straßen auszubauen. »Es wurden Rasthäuser in festen Zwischenräumen errichtet, von Tunhuang (in Kansu) westwärts bis zum Lob-nor«, berichten die Jahrbücher der älteren Han. Die beiden Handelswege, die das Tarimbecken durchzogen, mussten gegen die Überfalle der Hsiung-nu gesichert werden. Rastlos waren die Heerführer und Beamten des Reiches tätig. »Die Ausdehnung des Landes, die Berge und Flüsse, die Könige und ihre Statthalter, die Zahl der Bewohner, die Entfernungen auf den Straßen wurden genau geprüft und aufgezeichnet.« Dazu richtete man Herbergen, Relaisstationen und einen Kurierdienst ein. Weiter nach Westen und Nordwesten drang der kaiserliche Gesandte Chang-kien vor. Auf zwei Zügen gelangte er nach dem bis dahin unbekannten Mittelasien und sammelte Kunde von dem Bestehen großer Reiche, hochentwickelter Kulturen und Länder. Seine Nachrichten umfassen Ferghana, Samarkand, Baktrien und die angrenzenden Teile Ostirans. Chang-kien brachte die Weintraube, die schwere Pferderasse iranischer Züchtung und den Alfalfa-Klee, den man zu ihrer Fütterung benötigte, nach China. Dort erkannte man die Bedeutung, die eine wirtschaftliche Berührung mit dem Westen gewinnen musste. Zunächst freilich verlegte man sich aufs Kriegführen. Um sich die wertvolle Pferderasse, die Chang-kien bekannt gemacht hatte, zu verschaffen, führte man zwei äußerst verlustreiche Feldzüge in Ferghana. Als man sich weiterer Exemplare dieser »blutschwitzenden Rosse«, der »Himmelsrosse des westlichen Weltendes« versichert hatte, begrüßte sie der Kaiser mit selbstverfasstem Gedicht. Doch bald folgte den Kriegszügen der friedliche Handelsverkehr. Im Jahr 106 ging die erste Karawane von Osten nach Westen. Die Silberprägungen der Münze von Seleukeia am Tigris zeigen, dass der Chinahandel seit 70 v. Chr. in vollem Gang war. Der Geschichtsschreiber Apollodoros von Artemita, der eben sein Geschichtswerk über Baktrer und Parther abgeschlossen hatte, kannte das Seidenvolk der Serer. Jene Beziehungen, die einst die griechisch-baktrischen Könige eröffnet hatten, waren erneut geknüpft, nur reichten diesmal die Handelsverbindungen vom Huang-ho bis nach Babylonien. Apollodoros, der mit den Banken und Handelsgesellschaften Seleukeias in enger Verbindung stand, ist selbst weit nach Osten gereist. Damit war denn die Verbindung zwischen dem Griechentum im Westen und dem Reiche der Han im Fernen Osten hergestellt. Was bisher nur den Nomadenstämmen des nördlichen Eurasiens und auch ihnen nur als Folge der Gunst ihrer geographischen Lage möglich war, hatten sich schließlich auch die Hochkulturen des Südens erkämpft. Der Handelsweg, der von Seleukeia ausgehend über Ekbatana und Rhagai in Medien bis nach Baktrien verlief, dann über den Pamir hinweg ins Tarimbecken führte und durch Kansu nach Chang-an und Lo-yang, Hauptstädten und Handelsmetropolen der Han, gelangte, war eine Vorwegnahme der späteren »Seidenstraße«. Trotz der Entfernung und ungewöhnlichen Geländeschwierigkeiten, die man zu überwinden hatte, knüpfte sich erstmals das Band zwischen dem Zweistromland, Iran und China, und dieses Band sollte sich in den nächsten Jahrhunderten als haltbar erweisen. Unter den Waren stand vermutlich von Anfang an die Seide an erster Stelle. Sie kam aus dem Innern Chinas und war eigens für die Ausfuhr in Rollen von bestimmter Größe gewebt; Preis und Herkunft waren daran verzeichnet. Die an der Straße liegenden Länder, der griechische Westen, und schon frühzeitig, die Kaufleute Indiens stellten sich als Abnehmer ein. Sie alle brachten die Erzeugnisse ihrer Länder zum Austausch heran. Holztäfelchen mit mannigfacher Beschriftung künden von der Anwesenheit der Inder in den Städten des Tarimbeckens, Glaswaren aus dem syrischen Antiocheia nahmen ihren Weg bis nach Korea. Die Ornamentik der aus den griechischen Städten eingeführten Wollstoffe wurde von chinesischen Seidenwebern übernommen und umgebildet. Umgekehrt versuchte man in den Städten Phönikiens und in Alexandreia die seltenen und kostbaren Seiden des Ostens nachzuahmen. Doch nicht nur wirtschaftlich war die Handelsstraße von Bedeutung. Wie der Krieger den Weg für den Kaufmann geebnet hatte, so ebnete dieser ihn für die Sendboten der großen Weltreligionen. Auf dem Weg über Baktrien erhielt China erstmals Kunde vom Buddhismus. Angeblich schon im Jahre 2 v. Chr. »erhielt ein Schüler der Hofgelehrten namens King-lu von einem Gesandten des Königs der Yüe-chih (der Tocharer) mündlich überlieferte Sutren des Buddha«. Später sollte sich die Religion des Erleuchteten anschicken, auf gleichem Wege China, dann die Mongolei, Korea und Japan zu erobern. Christen und Manichäer sollten ihr folgen, und selbst den Anhängern Mohammeds ist diese Straße nicht verschlossen geblieben.

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Info 22.09.2017 - 15:26
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