Das Goldene Beinchen

Ich selber kann mich nicht mehr an ihn erinnern, aber mein Vater hat ihn noch gekannt. Er muss ein etwas seltsamer Kauz gewesen sein, den die wirre Zeit damals buchstäblich über Nacht in unser Dorf hineinschwemmte. Zufällig war gerade die Kirchenuhr zu reparieren, und weil er den Schaden schnell behob und sich so als Mann vom Fach auswies, trug man ihm schon bald nicht nur von den umliegenden Höfen, sondern aus der ganzen Gegend die schadhaften Uhren hin. Und der Uhrenlorenz, wie man ihn allgemein nannte, brachte sogar die goldene Sprungdeckeluhr des Donnerbauern, die diesem beim sonntäglichen Gang zur Kegelbahn aus der Tasche und in die Jauche gefallen war, wieder in Ordnung. Über seine Vergangenheit erzählte der Lorenz nie etwas. Lediglich das eine wusste man von ihm, dass er ein goldenes Schlüsselbein hatte, nachdem ihm bei einem Raufhandel das eigene, echte zersplittert worden war. Er sagte das einmal beiläufig, als ihn einer der Bauern fragte, ob er nicht beim Aufsetzen der Dachbalken auf seine neue Scheune behilflich sein wollte. Welcher Art jener Raufhandel war und wieso er, ein armer Schlucker, zu einem Knochen aus Gold gekommen war, verriet er jedoch nicht, und bald waren die meisten im Dorf der Ansicht, dass der Uhrenlorenz schon einmal bessere Tage gesehen haben musste – vielleicht war er ehemals sogar einer von den ganz reichen Leuten gewesen. Das Gerücht hielt sich bis zu seinem Tod, ja es bekam an jenem Tag, da man ihn ins Leichenhaus trug, neue Nahrung. So konnte es nicht ausbleiben, dass auch jener Landstreicher davon erfuhr, der sich seit einigen Tagen in der Gegend herumtrieb. Ein Taugenichts war es, der den Bauern frech ins Gesicht lachte, wenn sie ihn einluden, sich ein kräftiges Vesper und die Nachtruhe im Heu durch einen Arbeitstag auf dem Kartoffelacker zu verdienen. Er wollte nicht arbeiten; lieber bettelte er, und der Donnerbauer erwischte ihn gleich zweimal hintereinander beim Stehlen. Dieser Herumtreiber also konnte das Geraune über das goldene Beinchen nicht mehr vergessen. Er sagte sich, wer goldene Knochen hat, bei dem ist sicher auch etwas in der verwaisten Kammer zu holen. Und so stattete er gegen Mitternacht der kleinen Wohnung, in welcher der Uhrenlorenz ohne Weib und Kind gehaust hatte, einen Besuch ab. Was sich hierbei ereignete, haben die Leute später zur Hälfte erraten müssen, denn der Landstreicher selber brummte, nachdem man ihn befreit hatte, nur allerhand unzusammenhängendes Zeug vor sich hin. Aber ich muss wohl der Reihe nach erzählen, und wie ich’s erzähle, so oder ganz ähnlich muss es sich zugetragen haben. Der Landstreicher war lautlos in die fremde Wohnung geschlüpft, wo ihn das vielfältige Ticken der Uhren empfing, die aufs Abholen oder – nunmehr freilich vergebens – auf die Reparatur warteten. Der nächtliche Besucher wurde ganz nervös bei dem geräuschvollen Durcheinander, denn von allen Wänden her tickte es: leiser und lauter, rascher und langsamer, dunkler und heller. Manchmal drehte sich auch ein Rad, glitt ein Gewicht um die Breite eines Zackens am Zahnrad tiefer, seufzte das ausgedörrte Holz eines Gehäuses. Der Landstreicher wusste nur zu gut, dass mit alten Uhren kein Geschäft zu machen war, und deshalb strengte er die Augen an, ob er den Tisch erkennen könnte, wo vielleicht das Geld in der Schublade läge. Eine Kerze anzuzünden, getraute er sich nicht. Wie leicht hätte man den Schein von der Gasse her beobachten können! Während er so in dem stockfinsteren Raum stand und darauf wartete, dass wenigstens die Umrisse deutlich hervorträten, gewahrte er plötzlich vor sich einen helleren Schein. Es war ein länglicher, schmaler Gegenstand, der von irgendwoher spärliches Licht auffing und golden widerspiegelte. Gold! Vielleicht hatte der Einbrecher das Wort halblaut ausgesprochen. Jedenfalls ließ ihn der Gedanke an den möglichen Reichtum nicht mehr los. Was da vor ihm leuchtete, lang, schmal, ein wenig unregelmäßig geformt, glich das nicht einem goldenen Beinchen? Einen Atemzug lang kam dem Landstreicher die Sache nicht recht geheuer vor, doch dann sagte er sich: Warum soll jemand, der ein goldenes Beinchen hat, nicht auch derer zwei besitzen? Als Ersatz gewissermaßen? Und der Einbrecher tastete sich in die Richtung des sanft strahlenden goldenen Beinchens. Als er dem Kleinod schon ganz nahe war, fühlten seine ausgestreckten Hände hölzerne Streben. Stand er vor einem Regal? Einem offenen Schrank? Wie dem auch war, er musste das goldene Beinchen haben! Gierig streckte er die Hände danach aus, streifte dabei, ohne sich weiter Rechenschaft darüber abzulegen, an kaltem Metall entlang, beugte sich schließlich weit in das dunkle Fach oder was es sein mochte und hätte wenig später auch sicher die Beute in Händen gehalten, wenn nicht in diesem Augenblick zwei, drei, nein, noch mehr Uhren zu schlagen angefangen hätten. GoldDas goldene Beinchen Der Einbrecher verhielt sich regungslos in seiner Stellung. Wimmernd hoch, grollend tief, frech wie Hohnlachen und geheimnisvoll, als würde unweit von ihm ein zweiter durch die Stube schleichen, so klangen die Stundenschläge, und der Einbrecher zählte mit zusammengepressten Lippen jeden Schlag: … sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf.
Mitternacht!
In diesem Augenblick berührte ihn jemand hinten am Hals und drückte ihm den Kopf mit jäher Bewegung nach unten. »Das goldene Beinchen!« schrie der Einbrecher auf, der den Kopf nicht mehr zurückziehen konnte, so fest hielt ihn der andere gegen eine tieferliegende Querleiste gepresst. »Ich will es ja gar nicht, dein goldenes Beinchen! Ich will es ja gar nicht! Will es ja gar nicht! Will es ja …« Genau so hat es später der Donnerbauer im Wirtshaus geschildert, denn er war gerade die Gasse heraufgekommen, als der Einbrecher so jämmerlich schrie. Der Donnerbauer lief zuerst einmal in die Wirtschaft zurück, denn allein wagte auch er sich nicht in die Stube des Uhrenlorenz, in der es in dieser Mitternachtsstunde doch ganz offensichtlich spukte. Sechs oder sieben Männer und Burschen fassten sich schließlich ein Herz, nachdem sie – vor der Türe lauschend – drinnen in der Stube ein immer schwächer werdendes Röcheln vernommen hatten. Sie stießen die Tür auf und leuchteten mit Fackeln und Kerzen hinein – und kamen buchstäblich im letzten Augenblick, um den großen Zeiger der Kirchenuhr, die der Lorenz gerade wieder einmal in Reparatur gehabt hatte, hochzuheben und den eingeklemmten Landstreicher zu befreien. Der Lorenz hatte die Uhr auf ein paar Holzblöcke gestellt, um auch die Gewichte einhängen zu können. Wahrscheinlich wäre dem Landstreicher selber die Befreiung geglückt, wenn er gleich im ersten Augenblick den Zeiger mit den Händen nach oben geschoben hätte. Aber das schlechte Gewissen und die Angst hatten ihn ganz gelähmt. Er erholte sich wieder, nachdem man ihm in der Wirtschaft ein paar scharfe Schnäpse eingeflößt hatte, aber er sprach, wie gesagt, nur unzusammenhängendes Zeug. Der Wirt ließ ihn auf der Bank im Hausflur schlafen. Am nächsten Morgen war der Landstreicher jedoch schon sehr früh verschwunden. Später erfuhr man, er habe sich in einem der Dörfer überm Berg als Knecht verdingt; der Bauer dort sei recht zufrieden mit ihm. Der Wirt aber erzählte jedem, der es wissen wollte, dass er in jener Nacht die Tür zu seiner Schlafkammer vorsichtshalber nur angelehnt habe, und so habe er den Landstreicher noch mehrmals vor sich hinreden hören. Es wären immer die gleichen Worte gewesen: »Eine Viertelstunde ging die Uhr vor! Eine Viertelstunde! – – – Und es war doch sein zweites goldenes Beinchen!« In Wirklichkeit war es freilich der kleine Zeiger der Kirchenuhr gewesen, der ringsum vergoldet war und deshalb so geheimnisvoll strahlte. Wenn Du einmal noch spät unterwegs bist, darfst Du Dich nicht erschrecken lassen von den Stimmen der Nacht. Nicht vom Wind, der die Blätter bewegt und die Äste der Föhren aneinanderreiht, dass es sich anhört, als wimmere ein kleines Kind. Auch nicht vom Glucksen des Baches und dem leisen Regen dürrer Nadeln im Fichtenschlag. Und erst recht nicht von den nächtlichen Stimmen der Tiere! »Juik, juik, juik«, macht der Waldkauz, und der Ruf der Waldohreule ist ein pfeifendes Heulen, das zunächst ein wenig anhebt und dann jäh wieder abfällt. Die Waldschnepfe lässt sich in der Frühlingszeit mit einem dumpfen Kehlton hören, den der Jäger »Murksen« nennt, oder auch mit einem scharfen, hohen Pfeifton, der »Schiepen« heißt. »Bö! Bö, böbö!« ruft mit dumpfem, tiefem Laut der Rehbock, und wenn in einer kalten Winternacht lautes Bellen hörbar ist, ähnlich dem Bellen eines Hundes, kann es ein Fuchs sein, den Hunger und Kälte plagen. Wenn aber aus alten Gemäuern einer Ruine oder aus einem offenen Kirchturm speicher laute, langsame Atemzüge dringen, so, als ob dort jemand tief schlafe, wird es eine alte Eule sein.

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Info 20.11.2017 05:03
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