Totenwache: Wie der Tote mich ansah

Sie werden mir meine Erzählung kaum glauben, aber was sonst sollte der Grund sein, dass ich in der Dunkelheit oft und ganz plötzlich friere? Ich muss da an die furchtbarste Nacht meines Lebens zurückdenken – und es schüttelt mich dann vor Frost. Ich war damals als junger Bursche auf Wanderschaft in die große Stadt gekommen, in der sich das Furchtbare zutrug. Den ganzen Tag hatte ich Werkstatt um Werkstatt besucht, aber nirgendwo hatte man einen Gesellen nötig. Ein wenig missmutig saß ich nun am Abend in einer Schenke und überlegte, welche Richtung ich am nächsten Morgen einschlagen sollte – ob es aussichtsreicher war in den Orten stromaufwärts oder in denen stromabwärts? Während ich so auf mein Glas Bier starre, setzt sich jemand an meinen Tisch. Sein Gesicht gefiel mir von Anfang an nicht recht, aber als er mir zutrank und sich angelegentlich nach meinen Sorgen erkundigte, glaubte ich doch, es mit einem Menschenfreund zu tun zu haben. Er wiegte den Kopf hin und her und meinte dann:
»Eine großartige Hilfe kann ich Ihnen ja auch nicht bieten, aber – nun, 150 Euro könnten Sie sich schon verdienen, wenn Sie nicht allzu ängstlich sind.«
»Ängstlich? Warum denn?« entgegnete ich und sah meinen Tischnachbarn fragend an.
»Je nun«, sagte er, und ich merkte ihm eine Verlegenheit an, »es ist eine etwas sonderbare Angelegenheit. Sie brauchten nur Wache zu halten die Nacht.«
»Wenn’s weiter nichts ist!«
»Doch – es ist nämlich keine gewöhnliche Wache, sondern eine – Totenwache«, fuhr mein Nachbar fort.
»Tot, Geister, Zombies, Gespenster oder Paranormal braucht man doch nicht Angst zu haben!« sagte ich hierauf. Ich hatte in meinem Wanderleben schon in den sonderbarsten Situationen geschlafen, aber nie hätte ich gedacht, neben einem Sarg einschlafen zu können. Aber mit einmal war ich es doch, denn ich wachte plötzlich auf. Noch im Aufwachen kam es mir zum Bewusstsein, dass da eben irgendein unerklärliches, alarmierendes Geräusch gewesen war. Ich war sofort hellwach und suchte den Raum womöglich mit einem einzigen Blick zu umfassen. Aber ich gewahrte nichts Verdächtiges – nur die Kerzen flackerten unruhiger als zuvor. Doch das konnte auch von meiner jähen Kopfbewegung verursacht worden sein. Mein Herz, das ein bisschen schneller geschlagen hatte, beruhigte sich schon wieder, da entdeckte ich etwas, was mir den Schweiß auf die Stirn trieb: Der Sargdeckel begann sich langsam zu heben. SargTotenwache Alle möglichen Geschichten von Scheintoten fielen mir ein, und ich wollte schon all meinen Mut zusammennehmen und den im Sarg ansprechen, als plötzlich der zur Seite gerutschte Sargdeckel mit lautem Getöse zu Boden fiel und der Mann im Sarg sich mit einer schnellen Bewegung aufsetzte. Aber – aber – das war ja – das war nicht das bleiche, eingefallene Gesicht eines Toten oder Scheintoten, sondern es war – ein richtiger Totenkopf, der mich aus leeren Augenhöhlen ansah. Wie ich an den Tisch gekommen bin und die Pistole in die Hand bekommen habe, weiß ich nicht mehr. Ich kam erst wieder einigermaßen zu mir, als der Schuss durchs Zimmer peitschte. Die kalte Waffe in der Hand gab mir ein Gefühl der Sicherheit zurück – aber nur für eine Sekunde. Ich hätte nie geglaubt, dass die Unheimlichkeit dieses Augenblicks noch gesteigert werden könnte. Aber sie wurde es! Der im Sarg sank nämlich keineswegs zurück, sondern griff mit der Knochenhand in blitzschneller Bewegung in die Luft, als würde er etwas auffangen wollen – und da – da warf er mir wahrhaftig die Pistolenkugel mit lässiger Gebärde zurück. In diesem Augenblick drückte ich den Abzug erneut durch. Das ganze Magazin schoss ich leer. Aber der unheimliche Geselle im Sarg warf mir auch diese Kugeln in stummem Hohn zurück. Da jagte ich schreiend die Treppe hinunter und auf die Straße, einem Nachtwächter direkt in die Arme. Erst als ich seine Hände, die mich auffingen, schmerzlich spürte – er hatte mich zunächst für einen Betrunkenen gehalten und nicht allzu behutsam zugegriffen -, verlor ich die Besinnung. Der Nachtwächter besuchte mich am nächsten Tag in dem Spital, in das er mich gebracht hatte, aber ich redete noch immer wirr und erkannte ihn nicht. Er musste mich noch viele Tage besuchen, ehe ich das erste Mal die Augen aufschlug und wieder klar um mich blickte. Von ihm, der sich meiner so treu annahm, habe ich ein paar Tage später erfahren, was eigentlich geschehen war. Ein paar leichtsinnige junge Männer hatten sich einen gruseligen Streich ausgedacht; jener Tote im Sarg war nämlich nur maskiert gewesen und sollte mich erschrecken. In der Pistole aber steckten gar keine richtigen Kugeln – die hielt der Maskierte von Anfang an in der Hand. Aber das konnte ich ja nicht ahnen! Die jungen Leute hatten übrigens durch einen Riss in der Wand von der Nachbarkammer aus alles mitangesehen. Sie meinten es wohl auch gar nicht so böse, aber der Richter hatte kein Verständnis für ihren Scherz, der, wie er kopfschüttelnd betonte, ebensoviel Leichtsinn wie Geschmacklosigkeit bewiesen hätte. Sie sollten mir eine hübsche Summe als Schmerzensgeld zahlen, aber ich wollte das Geld nicht haben. Ich wollte nicht mehr an diese furchtbare Nacht erinnert werden. Da kam der Richter auf den schönen Gedanken, ihnen zur Auflage zu machen, auf die Dauer von zehn Jahren einen Freiplatz für durchreisende Wanderburschen in jener Schenke zu stiften, in der mein unheimliches Abenteuer begonnen hatte. Ich selber bin seither nie wieder in die große Stadt gekommen. Wenn ich aber an jene Nacht erinnert werde, fröstelt es mich – selbst wenn ich neben dem Ofen sitze.