Mitternacht auf den Friedhof

Es ist schon an die hundert Jahre her, aber ganz sicher ist es wahr; denn meine Tante hat es von ihrer Großmutter erzählt bekommen, und diese wieder weiß es von jemandem, der dabeigewesen war. Da wurde in einer Spinnstube just auch eine Geschichte wie die vom Uhrenlorenz erzählt, als die Kleinmagd, die sich gern mit kecken Reden hervortat, das erste Schweigen, das der Erzählung gefolgt war, mit angeberischen Worten durchbrach: Sie würde sich nie fürchten! Auch nicht in der Gespenster- Zombie- oder Geisterstunde! Und überhaupt sei Furcht eine Sache der Burschen. »Oha!« rief da der Knecht vom Hof. »Mit dem Mund kann jeder tapfer sein! Aber wenn’s drauf ankommt, bist du die erste, die davonläuft und schreit!« Die anderen in der Stube lachten, aber die Kleinmagd fühlte sich nun an der Ehre gepackt. »Ich nicht!« schrie sie. »Ich geh’ sogar um Mitternacht auf den Friedhof, wenn du’s haben willst!« »Abgemacht!« sagte da der Knecht. »Und weil wir anderen gar keine Lust haben, jetzt in die Kälte hinauszugehen, brauchst du uns nur vom Grab des alten Schäfers das Holzkreuz herzubringen. Die Erde dort ist noch ganz frisch aufgeworfen – es kostet dich also wenig Mühe.« »Bleib da, Kind!« ließ sich in diesem Augenblick die Mutter des Bauern vernehmen; sie kam gern zur abendlichen Runde, wenn es die Gicht, die sie ab und zu plagte, ihr erlaubte. »Bleib da! Mit solchen Dingen treibt man keinen Spaß!« Aber da war die Kleinmagd, die sich nicht hänseln lassen wollte, schon aufgestanden. Ohne noch einmal zurückzuschauen, ging sie hinaus. Ums Haus herum heulte der Sturm – es war November -, und die in der Spinnstube fröstelten, als die Tür schon längst wieder zugeschlagen war. Es trug wohl nicht nur der kalte Luftzug die Schuld daran, dass sie alle ein wenig die Schultern hochzogen. Der Friedhof lag nicht weit, und so vergingen keine fünf Minuten, bis die Kleinmagd wieder die Tür aufstieß. Sie trat jedoch nicht über die Schwelle, sondern deutete lediglich mit einer Kopfbewegung auf das Holzkreuz, das sie vor sich auf den Boden gestellt hatte. Die Schwarzen Bretter hoben sich im Lichtschein, der aus der Stube fiel, scharf von der hellen Schürze des Mädchens ab. »Oha«, sagte der Knecht, »aber nun trag’s nur wieder zurück! Das gehört noch zu deiner Aufgabe dazu!« Die Kleinmagd schüttelte stumm den Kopf. »Oha!« ließ sich da der Knecht wieder vernehmen, und der Spott in seiner Stimme war unverkennbar. »Jetzt hat es unserer Heldin aber die Sprache verschlagen! – Na, gib es schon zu, dass du dich fürchtest, dann bring ich schon selber dem Schäfer das Kreuz zurück!« Doch die Kleinmagd schüttelte zum zweiten Mal den Kopf. Langsam drehte sie sich um, ganz langsam. Sie zögerte noch immer. Aber wie sie dann das Lachen des Knechtes hinter sich hörte, raffte sie mit einer hastigen Bewegung das Grabkreuz auf und rannte in die Dunkelheit zurück. Die Tür ließ sie sperrangelweit offen. Der Knecht erhob sich gemächlich von der Bank und ging zur Tür. Er schloss sie aber von außen. In der Stube war es so still, dass einer die Atemzüge des anderen hörte. Und dann vernahm man, wie der Knecht vor der Türe unruhig von einem Bein auf das andere trat und wie die alte Großmutter tief aufseufzte. »Wir hätten sie nicht weggehen lassen sollen!« klagte sie. Es saß wohl keiner in der Runde, der ihr nicht innerlich recht gab. Allein, jetzt war es für solche Gedanken zu spät. Der dumme Scherz musste zu Ende gespielt werden. Doch dieses Ende war anders, als man es sich hätte vorstellen können. Der Knecht riss plötzlich die Tür auf. »Schnell!« rief er. Seine Stimme klang fremd. »Es muss ihr etwas passiert sein! Ich habe sie schreien hören!« Und schon rannte er allen anderen voraus zum Friedhof. Die eiserne Gittertür stand offen. Er schlug die Richtung auf das Grab des verstorbenen Schäfers ein – und da entdeckte er die Kleinmagd am Boden. Sie kniete da, nach vorne gekrümmt, hielt den Schaft des Grabkreuzes in der Hand und wimmerte. »Er lässt mich nicht mehr los! – Er lässt mich nicht mehr los!« verstand der Knecht. Er wollte das Mädchen hochziehen – aber es ging nicht. Da war wirklich etwas, das die Kleinmagd an der Erde festhielt. Im Schein der Sturmlaterne, die der Sohn des Bauern mittrug, erkannten sie es dann alle: Die Kleinmagd hatte das Holzkreuz in die lockere Erde zurückgesteckt und dabei ihre Schürze mit hineingebohrt. Sie hatte das aber erst bemerkt, als sie sich wieder aufrichten wollte, und die Angst, die furchtbare Angst des kleinen, naseweisen und jetzt so weltverlassenen Mädchens hatte ihr eingegeben, es sei der Tote, der hier begraben lag, der sie nicht mehr loslassen wolle. Viele Wochen lang lag die Kleinmagd krank in ihrer Kammer. Und als sie auch schon wieder aufstehen und im Haus und Hof herumlaufen durfte, ging sie vornübergebeugt und war blass wie eine verwelkende Blume. Aber von einem Tag an wurde das anders. Sie bekam ihre frische Farbe und ihre junge Kraft zurück – man meinte die Veränderung von Stunde zu Stunde messen zu können. Es war an dem Tag, da der Knecht ihr unter vier Augen gesagt hatte, dass er sie lieb hätte. Und leise hatte er dann noch gefragt, ob sie ja sagen würde, wenn er im nächsten Jahr die Hochzeit bestellen wolle. »Mutproben bei denen der gesunde Menschenverstand und der Humor weggeschickt werden, haben nichts mit Mut zu tun. Und wenn andere auch hänseln – wir lassen uns nicht in ein Abenteuer schicken, das der Leichtsinn diktiert. Unter dem Spott der anderen ruhig und sicher zu bleiben, gerade das verlangt wirklichen Mut!«
Der diese Zeilen in sein Tagebuch schrieb, war bei dem furchtbaren »elften Sturz« Cadbens im Zirkuszelt gesessen. Cadben – wenn dieser Name auf dem Programm stand, waren die Vorstellungen ausverkauft. Er sprang aus zwanzig Meter Höhe ab – mit dem Kopf zuerst! Zehnmal ging es gut. Nur zehnmal …

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Info 22.09.2017 - 15:17
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