Insel für einen halben Tag

Irgendjemand hatte zwar schon einmal in meiner Gegenwart davon gesprochen, aber mir war der Bericht wenig glaubwürdig vorgekommen. Ja, dass eine Insel vom Meer überspült und fester Boden von der Sturmflut weggerissen wurde, das hatte ich selbst miterlebt! Aber dass da heute irgendwo eine Insel aus dem Meer steigt, wo gestern noch keine war und morgen keine mehr sein wird – nein, das sollte man schon einem anderen weismachen als mir! Insel im MeerInsel für einen halben Tag So dachte ich. Wenigstens bis zu jenem 23. Februar. Oh, ich entsinne mich noch gut: Es war eine selten glatte See, und die Sterne standen klar und nah über dem Ozean, der den Beinamen »der Stille« in dieser Nacht wirklich zu Recht trug. Ich hatte damals auf einer Jacht angeheuert, die dem »silbernen Amerikaner« gehörte, einem schwerreichen Mann, der seinen Urlaub auf See verbrachte. Wir hatten erst eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit haltgemacht, und weil an diesem Abend gerade die Hälfte des Urlaubs vorbei war, sollte ein kleines Bordfest steigen. Was man dazu brauchte, von den Lampions angefangen bis zu den Rumgläsern, war ja alles an Bord. Wenn man wochenlang nur seine Maschine und die schwarzen Bärte der anderen sieht, tut einem so ein geselliger Abend doppelt gut. Und ich muss sagen, unser »Silberner« verstand es, ein Fest aus dem Stegreif zu gestalten. Wir tranken nicht mehr, als wir vertrugen; wir hörten ein paar Schallplatten an, sangen – und zwischendurch nahm der »Silberne« selber das Schifferklavier und spielte uns vor. Einmal sang er zum Spiel, wir wunderten uns alle über seine weiche Stimme, die nicht recht zu ihm und seiner eckigen Gestalt zu passen schien. Um Mitternacht schließlich ließ der »Silberne« ein paar Flaschen Sekt holen. Die hatten aber sicher nicht von Anfang an auf seinem Programm gestanden, denn er bedauerte, dass der Sekt nun allerdings ungekühlt sei. Aber da lachte Fred, der Koch, und meinte, der Fehler ließe sich schnell beheben; man müsse die Flaschen nur für ein paar Minuten in die See hängen. »Und wenn sie uns davonschwimmen?« warnte ich. Ich hatte bis dahin noch nicht einen einzigen Tropfen Sekt über die Zunge bekommen und wollte mir die Aussicht auf dieses Getränk nicht durch ein Experiment gefährden lassen. Aber Fred wies lachend auf das Stahlnetz, das noch vom nachmittägigen Fischfang neben der Trosse lag. »Das reißt bestimmt nicht!« tröstete er mich und machte sich auf den Weg, die Sektgläser zu holen. Wir anderen schoben derzeit die Flaschen in ihre Strohhüllen zurück und betteten sie sorgsam nebeneinander ins Netz. Dann ließen wir die Ladung feierlich, langsam und mit Gesang über Bord gleiten. Die Nacht war hell, und der Schein der Bordbeleuchtung reichte bis zum Wasserspiegel. Das Netz mit der kostbaren Fracht war schon zur Hälfte verschwunden, als Fred mit den Gläsern zurückkam. »Tiefer!« rief er. »Gönnt den Fischen doch die Freude, wenigstens um die Sektflaschen herumschwimmen zu dürfen, wenn sie schon nichts davon abbekommen -« »- was keineswegs so sicher ist!« ergänzte der »Silberne« und blinzelte mir zu. Ich hatte nämlich verraten, dass ich heute zum ersten Mal im Leben Sekt trinken würde. Schließlich trat der »Silberne« selber an die Bremse der Trosse, um die Flaschen noch tiefer hinunterzulassen, da – plötzlich war alle Lustigkeit aus seinem Gesicht verschwunden. »Was ist das?« fragte er halblaut. Wir anderen hatten gleich begriffen, was er meinte. Der Zug an der Trosse hatte plötzlich nachgelassen, das Tau führte nicht mehr straff in die Tiefe. Das Netz mit den Flaschen musste also irgendeinen Widerstand gefunden haben. Den Rücken eines mächtigen Fisches? »Raufziehen!« rief mich der »Silberne« an. Und: »Loten!« Das galt Fred. Zu zweit beugten sie sich nun bald über Backbord, bald über Steuerbord, und jedes Mal riefen sie geringere Zahlen! Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen! Ich hatte selber noch vorhin die Seekarte angeschaut. Wo wir haltgemacht hatten, war tiefes Wasser! Wie sollen da plötzlich – Hoppla! Eine Erschütterung lief durch unser Schiff, und mir wären beinahe die Flaschen in die See zurückgerutscht. »Schiff ist auf Grund!« hörte ich Fred noch rufen, da war ich schon auf der Treppe und jagte in den Maschinenraum hinunter. Aber alle Manöver blieben ohne Erfolg; unsere Jacht bekamen wir nicht wieder los. Es waren keine angenehmen Stunden, bis endlich der Morgen graute. Was uns am meisten bedrückte, war nicht die Sorge um unser Schiff – das würden wir schon wieder flottkriegen, sobald es erst einmal Tagesbeleuchtung gab. Nein, was uns unruhig machte, war diese rätselhafte Sandbank, auf die wir aufgelaufen waren. Genauer gesagt: die sich unter uns geschoben hatte! Denn wenn jede neue Messung geringere Tiefe zeigte, obwohl unser Schiff doch festlag, dann musste sich die Sandbank bewegt haben! »Nein«, sagten wir zueinander, »da doch lieber einen anständigen Sturm!« Der Morgen kam und mit ihm eine neue Überraschung. Die Sandbank, die uns festhielt, schaute backbord über den Wasserspiegel heraus. Es war eine Insel, eine richtige Insel! Angeseilt wagten Fred und ich eine Expedition auf dieses Neuland, das auf keiner Seekarte eingezeichnet war und das wohl noch nie eines Menschen Fuß betreten hatte. Ja, es war eine Insel, eine richtige Insel! Wir zogen die Schlingen unserer Sicherungstaue auf und liefen quer über das Neuland. Aber wir kamen nicht weit, da riss uns ein Schuss zurück. Eine rote Leuchtkugel stand sekundenlang über uns, ehe sie in schräger Bahn ins Wasser stürzte. Gefahr? Warum nur hatte unser »Silberner Amerikaner« geschossen? Doch ja! Jetzt erkannten auch wir es: Der Strand unserer Insel zog sich immer enger zusammen – unsere Insel wurde kleiner und kleiner. Das bedeutete: Sie sank wieder ins Meer zurück! Was jetzt kam, war das Unheimlichste an diesem ganzen gespenstigen Abenteuer: unser Wettlauf ums Leben! Ich glaube, wenn unser »Silberner« während unseres Ausfluges nicht pausenlos die Tiefe gemessen und uns rechtzeitig gewarnt hätte, sobald er merkte, dass die Insel wieder zu sinken begann, wir hätten – naja, wir haben jedenfalls später, als unsere Jacht wieder flott war, mit ihm die Sektflaschen geleert, die wir einen halben Tag zuvor kühlgestellt hatten.

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Info 24.11.2017 14:17
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