Gespenster und Geistergeschichten aus der Spinnstube

Ursula
Bei einem Bildstock draußen vor unserem Dorf sollen im letzten Jahrhundert drei schöne, schlanke Bäume gestanden haben, die eines Nachts von einem Waldfrevler umgehauen wurden. Den Übeltäter hat man niemals herausgebracht, aber seit dieser Zeit soll es an der Stelle nicht mehr ganz geheuer sein. Viele Leute vom Ort und auch mein Großvater selber wollen dort abends einen schwarzen Hund gesehen haben. Der sei größer gewesen als alle anderen Hunde im Ort, und er habe sich, ohne anzuschlagen, oft quer über den Weg gestellt und die Leute erst nach langen Minuten angstvollen Wartens weitergehen lassen. Marianne
Bei uns gibt es eine Fichtenkultur, die zieht sich hinter dem sogenannten Silberbrünnlein hin. Dort soll man zu Beginn der Winterszeit sogar an Sonntagabenden das Geräusch von Sägen und Äxten hören. Wenn man dann tiefer in den Wald hineinschleicht, um die Waldarbeiter zu stellen, ist plötzlich wieder alles ganz still. Einer Sage nach sollen hier ein paar Ratsherren der nahen Stadt, die sich in einem früheren Jahrhundert das Waldstück durch einen Meineid angeeignet haben, als Holzfäller umgehen. Gerlinde
Bei uns zieht sich gleich hinter dem Dorf ein Wiesengrund hin, der früher einmal ein See gewesen sein soll. In den Sommernächten, so behaupten ein paar alte Leute noch heute, sollen sich dort allerlei Spukgestalten herumgetrieben haben: Nixen und Heinzelmännchen und ich weiß nicht was alles. Manchmal sangen die Spukgeister auch, und wenn ein später Wanderer den schönen Stimmen nachlief, sei er mehr als einmal plötzlich schon mit einem Fuß im Wasser gestanden. Bärbel
Die Geschichte, die ich zu erzählen weiß, ist ganz gewiss wahr. Es kommen auch gar keine Gespenster darin vor – aber gruselig ist sie dennoch. Meine Großmutter hat sie erst neulich wieder einmal erzählt. Hört zu: Da war vor etwa einem halben Jahrhundert in unserem Krankenhaus die Nachtschwester an der Kammer vorbeigekommen, in der eine Tote lag. Die Frau war einem Herzanfall erlegen, wie der Arzt als Todesursache festgestellt hatte. Für den nächsten Morgen war bereits der Leichenwagen der Heimatgemeinde bestellt. Könntest ein Vaterunser für sie beten, dachte die Schwester, die ausnahmsweise eine ruhige Nacht hatte, und blieb vor der Tür stehen. Da hörte sie drinnen plötzlich ein Geräusch. In der Sorge, es sei vielleicht eine streunende Katze durch das geöffnete Fenster eingestiegen, machte die Schwester die Tür auf. In diesem Augenblick sagte jemand im Raum: »Ein Glas Wasser bitte!« Es war die Stimme der für tot erklärten Frau. Sie war nur scheintot gewesen und erholte sich langsam wieder. Meine Großmutter behauptet, sie habe noch ein paar Jahrzehnte gelebt. Margarete
Das erinnert mich an ein Vorkommnis, von dem meine Tante aus Dublin berichtete. In ihrer Nachbarschaft steht ein Altersheim, in dem schon über eine halbes Jahrhundert eine Schwester alte und gebrechliche Leute umsorgt. Manchmal, wenn einer ihrer Patienten in recht hoffnungsloser Stimmung ist, erzählt sie ihnen, wie sie ihren eigenen Tod überlebt hat. Als junges Mädchen war sie einmal schwer krank gewesen, und eines Morgens stellte der Arzt ihren Tod fest. Die ältere Schwester, die von auswärts zur Beerdigung kam, wollte die Tote noch einmal sehen. Der Sarg wurde geöffnet, und da stellte man dann fest, dass das Mädchen noch lebte. Meine Tante meinte, die so wunderbar Gerettete habe später aus lauter Dankbarkeit den Beruf der Krankenschwester gewählt. Edgar
Da war neulich ein Fernfahrer bei uns abgestiegen – na, der konnte erzählen! Sein gruseligstes Abenteuer erlebte er in der Nähe von Stuttgart. Zugmaschine und Anhänger waren mit Bananen beladen. Es war kein geschlossener Wagen, sondern einer mit einer Abdeckung aus Zeltplanen. Die Sonne schien an diesem Tag ziemlich heiß, und der Fahrer hatte ein flottes Tempo gewählt, um bis zum Mittag an Ort und Stelle zu sein. Plötzlich sah er im Rückspiegel eine Bewegung, die er sich nicht gleich erklären konnte. Es schien, als hätte sich eines der Bänder, mit denen das Zelttuch an der Bordwand befestigt war, losgerissen. Aber dann musste es doch der Fahrtwind nach hinten flattern lassen! Allein, dieses Band kam ja immer weiter nach vorn! Und das war ja auch kein Band! Das war ja – »Kurt«, schrie der Fahrer seinem Begleiter zu, »eine Schlange!« Der hatte gerade Brotzeit machen wollen und hielt sein Messer in der Hand. Er kam der Giftschlange, die es auf den Hals des Fahren abgesehen hatte, um ein paar Sekunden zuvor. Nach dem Kampf stellten die beiden ihren Lastzug erst einmal am Straßenrand ab und setzten sich für eine kurze Viertelstunde ins Gras. »Mir war so schwach in den Kniekehlen wie noch nie in meinem Leben!« hatte der Fernfahrer ehrlich bekannt. Werner
Mein Onkel weilte gerade in Paris, als dort die Sache mit der »Röhre des Todes« passierte. Da wurde eines Morgens die Hauptstadt mit einer Warnmeldung alarmiert. Aus einem Betrieb am Stadtrand war in der Nacht ein Bleizylinder abhanden gekommen. Man vermutete, dass ein Altmetallsammler seine Hand im Spiel hatte, denn dieser Zylinder wog immerhin einen Zentner! Aber es war keineswegs der Materialwert, der die Polizei so fieberhaft suchen ließ, sondern der Inhalt, vor dem der Bleimantel nur schützen sollte: eine lebensgefährliche Menge Radium nämlich. Mit Geigerzählern ausgerüstet, suchten Spezialtrupps pausenlos das nähere und weitere Gelände ab. Rundfunk und Lautsprecherwagen riefen den Leuten in Paris die Warnung zu: Eine Berührung mit dem gefährlichen Stoff kann tödlich sein! Aber wo, wo befand sich diese »Röhre des Todes«? Zwei Tage später entdeckte man sie auf einem unbebauten Grundstück in der Nähe des Ortes, wo sie gestohlen worden war. Ob sie die unbekannten Diebe bereits mit einer gefährlichen, vielleicht todbringenden Strahlenmenge überschüttet hatten? Niemand weiß es mit Bestimmtheit zu sagen. Tür die Diebe aber fing in jedem Fall mit dem reumütigen Abliefern der Beute erst die Aufregung in ihrem ganzen gespenstischen Ausmaß an. Ernst
In unserem Stadtviertel ist es vor einigen Jahren passiert, dass ein Geschäftsinhaber begeistert und dankbar hinter der Theke hervorgeschossen kam, als ein Kunde eine Ware zurückbrachte, weil sie ungenießbar sei. Die Ware – und das scheint nun noch sonderbarer – war eine Schokoladentafel, der Kunde, ein zehnjähriger Junge – mein Bruder, wenn’s einer genau wissen will. Er bekam zum Ersatz nicht nur eine neue Schokoladentafel, sondern einen Karton Pralinen kostenlos obendrein. Ja, und die Erklärung für diese unheimliche Reaktion? Mein Bruder hatte sich Tags zuvor eine Tafel Schokolade gekauft. Ein Angestellter hatte ihm die nächstliegende hingereicht, die jedoch mit Gift gefüllt war und von einem Kunden abgeholt werden sollte, der damit seinen Ratten an den Pelz gehen wollte. Als die Verwechslung bemerkt wurde, benachrichtigte der Ladeninhaber sofort die Polizei. Mein Bruder freilich, der den ganzen Tag – wir hatten damals Ferien – beim Schwimmen war, hatte von den Warnmeldungen nichts gehört. »Ich habe die Schokolade nicht gegessen«, erklärte er, »weil sie so komisch roch!« Und der Ladeninhaber wusste nur zu sagen: »So ein gruseliges Gefühl möchte ich nicht nochmals haben!« Alfred
Was ich kürzlich in einem Bericht aus Australien gelesen habe, ist wirklich unheimlich. Da sollen auf einer Farm, in der Nähe von Perth, Steine aus dem heiteren Himmel geflogen sein. Reporter überzeugten sich an Ort und Stelle von der Wahrheit der Meldung, die ganz Australien tagelang in Atem hielt. »Das Rätsel der fallenden Steine«, so und ähnlich lauteten die großen Überschriften in den Tageszeitungen. Die Steine, die aus verschiedenen Richtungen kamen, flogen verhältnismäßig langsam und landeten mit einem weichen Platsch. Es war weder ein Flugzeug am Himmel, aus dem die Steine hätten geworfen werden können, noch war ein Mensch in der Nähe, der seine Hand im Spiel hätte haben können. »Die Steine verfolgen einen von uns, der verhext ist«, sagten die Eingeborenen. Die Wissenschaftler in der Stadt wussten es freilich besser. Sie erklärten, dass die Steine von »Willy-Willies«, den plötzlich hereinbrechenden Wirbelstürmen, in die Luft getragen würden, bis schließlich die Schwerkraft den Sog des Sturmes überwinde. Max
Man braucht gar nicht bis nach Australien zu reisen, um etwas Unheimliches zu erleben. Ich habe von einem Gespensterhaus in der Nähe von Düsseldorf erzählt bekommen, wo plötzlich Türen aufgehen, ohne dass jemand draußen steht; wo das Geschirr in den Schränken klirrt, und dabei ist niemand in der Küche; wo plötzlich die Bilder an den Wänden zu schaukeln anfangen, und es ist keinerlei Luftzug zu spüren. Auch da sind die Fachleute dem Spuk recht rasch auf die Spur gekommen. Unter dem Haus, das in einer sehr wasserreichen Gegend steht, befinden sich größere Hohlräume, die von Zeit zu Zeit abbröckeln. Diese »kleinen Erdbeben« sind an all den gespenstischen Erscheinungen schuld. Eberhard
Ich weiß sogar eine Stadt, in der sich ganze Häuserzeilen zur Seite neigen! Auf unserer letzten Sommerfahrt sind wir nämlich durch Lüneburg gekommen. Unter der Stadt befindet sich eine Saline, deren Salz die alte Hansestadt einst sehr reich gemacht hat. Die Hohlräume, die langsam zusammenbrechen, bedrohen ein Wohn- und Geschäftsviertel, das rund einen Quadratkilometer misst. In den betroffenen Häusern sieht es bisweilen wüst aus: Tapeten platzen über Nacht, und Fenster und Türflügel schließen nicht mehr dicht. In manchen Zimmern müssen backsteindicke Holzklötze unter die Tisch- und Schrankfüße geschoben werden, damit die Möbel einigermaßen waagrecht stehen. Ich schätze, dass sich dort »Gespenstergeschichten« am laufenden Band ereignen!

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Info 20.11.2017 08:41
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