Spuk am Korallenriff

Das war bei meinem ersten Ohne-Kombi-Tauchen die größte Überraschung: Ich spürte nicht, dass ich nass war! Ich hatte damals im Hafen von Adelaide die »Northampton III« auf Hebemöglichkeiten zu untersuchen. Es handelte sich dabei um einen mittleren Frachter, den man bei einem Sturm wenige Tage zuvor hatte auf Grund setzen müssen. Meine ganze Ausrüstung bestand aus Schwimmanzug, Gummischuhen, Taucherhelm und einer starken, wasserdichten Lampe. Die »Northampton III« hatte nämlich gefährliche Ladung an Bord, und so schien mir diese Art des Tauchens angebrachter als das schwerfällige Hinabgeschleustwerden in einer starren, wasserdichten Kombination. Hier brauchte ich ja nur unter dem Helm hervorzuhechten, um mit wenigen Stößen hochzutauchen. Als ich die Strickleiter, die man von dem kleinen Motorboot aus langsam tiefer gelassen hatte, verließ und wieder festen Boden unter die Füße bekam, erkannte ich also staunend, dass ich ja gar nicht nass geworden war. Oder richtiger: dass ich die Nässe nicht fühlen konnte! Nun wusste ich zwar vom Schwimmen und Tauchen, dass man der Nässe um so weniger gewahr wird, je weniger der Körper der Luft ausgesetzt ist. Aber dieses Gefühl, überhaupt nicht unter Wasser zu sein, war für mich so stark und neu, dass ich einige Zeit brauchte, um mir des Abenteuers unter Wasser richtig bewusst zu werden. – Allerdings belehrten mich später die Waschfrauenrunzeln an den Händen, wie sehr ich tatsächlich dem zehrenden Salzwasser ausgesetzt war. Eine andere Erscheinung, die dem Neuling sonst schwer zu schaffen macht, war mir damals schon hinreichend vertraut: die Unsicherheit im Gehen und Greifen. Selbst wenn kein starker Wellengang ist, bleiben die oberen Schichten des Wassers keineswegs ruhig. Man muss sich schon wacker halten, um nicht hin- und hergeschoben zu werden. Doch langsam erlangt man die Fertigkeit eines Straßenbahnschaffners, der sich auf ausgeleierter Bahn und auch in einem überfüllten Wagen höflich in der Mitte hält. Auch das Entfernungsschätzen unter Wasser – es ist dies ja die Voraussetzung, um etwas mit den Händen sicher greifen zu können – muss die Erfahrung langsam korrigieren. Weit lästiger erschien mir lange Zeit die Verringerung des Gesichtsfeldes durch den Helm. Es bleibt kaum ein Viertel dessen, was man normal überschaut. Und nun ist man doch neugierig und – zumindest in gefährlichen Situationen – vorsichtig genug, um stets wissen zu wollen, was zu beiden Seiten und erst recht hinter einem vorgeht. Anfangs dreht man den Kopf wie die Unruhe einer Armbanduhr hin und her. Das macht aber schnell müde. Darum gibt man es bald auf. Man wird bedächtiger. Einmal allerdings war ich zu bedächtig! Wir drehten damals Unterwasser-Farbaufnahmen für einen großen australischen See-Film. Zwischen Tama und Erromanga (zwei Inseln der Neuen Hebriden) war es, wenn ich mich noch recht entsinne. Den Filmstreifen jenes Nachmittags – er hätte bestimmt Aufsehen erregt mit seinen unglaublichen Farbkontrasten, wie ich sie weder vorher noch nachher so schön zu Gesicht bekam! – diesen Streifen hat allerdings bis zur Stunde kein Mensch zu Gesicht bekommen, denn – aber der Reihe nach! KorallenriffSpuk am Korallenriff Ich war gerade dabei, die Lauffeder neu aufzuziehen, da tippte mir etwas auf die Schulter. Als Anfänger hätte ich mich wohl erschrocken herumgedreht, als »alter Hase« (wie heute) hätte ich sofort Gefahr gewittert – aber das erste war ich damals nicht mehr und das zweite eben leider noch nicht, wie sich später herausstellte. Nach kurzer Weile tippte mir jedenfalls wieder etwas auf die Schulter. Ich kniete gerade auf einer Korallenbank, nur wenige Meter unter dem Wasserspiegel der Südsee. Das wasserdichte Gerät hielt ich ziemlich tief vor mir und beugte mich leicht darüber. Wie ich mich nun langsam aufrichten will, langt mir etwas um meinen Hals. Ich denke, es ist ein Schlinggewächs und will es unwillig zur Seite zerren, da ergreife ich eine Knochenhand! Ich fahre, so schnell mir das unter Wasser und unter dem unförmigen Taucherhelm möglich ist, herum und erblicke schräg über mir (der Apparat entgleitet meinen Händen), erblicke schräg über mir (ich seh’ ihn auf einer Korallenspitze aufschlagen und zur Seite rollen), schräg über mir also (während mein kostbares Gerät in einem schwarzen Loch, das ich erst jetzt entdecke, langsam verschwindet), erblicke ich also, ja – ein – ein Totenskelett! Mit den Knochenfüßen hing es irgendwo zwischen den Korallen fest; ich konnte es nicht deutlich erkennen. So schwebte es wenige Meter unter Wasser und streckte die Arme nach mir aus. So schnell bin ich noch nie hochgetaucht wie damals. Als ich meinen Kameraden an Bord endlich sagen konnte, was mich heraufgejagt hatte, schauten die mich ziemlich erstaunt an, und schließlich meinte der leitende Ingenieur etwas verlegen: »Ich versteh’ nur nicht, Bao, wie sich dieses Gerippe im Wasser halten kann – ich meine, es hätte doch längst auseinanderfallen müssen, da die Knochen durch keine Sehnen und Muskeln mehr zusammengehalten werden …« Die anderen nickten. Mir schoss das Blut in den Kopf. »Meint ihr vielleicht, ich würde -« »Aber nein, Bao!« schnitt mir der Ingenieur das Wort ab. »Wir wissen alle, dass du kein Angsthase bist aber irgend etwas an dieser Geschichte kommt mir gespenstisch vor. Du musst doch selber zugeben …« Freilich, jetzt, wo ich wieder ruhiger geworden war, musste ich zugeben, dass das, was ich gesehen haben wollte, gar nicht existieren konnte. Wirklich! Wie sollten denn die einzelnen Knochen im Wasser zusammengehalten werden? Ich wollte Gewissheit haben und noch einmal hinuntersteigen. Bernd bot seine Begleitung an, er war immer ein guter Kamerad. Wir mussten nicht lange suchen, sobald wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Das Gespenstergerippe schien uns schon erwartet zu haben. Es hing mit den Fußknochen irgendwo zwischen den Korallen, aber es sah aus, als schwebe es uns langsam entgegen. Im Licht unserer Stirnlampen sahen wir es dann: Die einzelnen Knochen waren durch dünne, durchsichtige Plastikverbände zusammengehalten, wie man sie bei künstlichen Skeletten für Museen und wissenschaftliche Institute verwendet. Es war also gar kein richtiges Gerippe, sondern nur eine Nachahmung aus Kunststoff; das erklärte auch, warum das Skelett schwebte und nicht schon längst vollends zu Boden gesunken war. Später erfuhren wir, dass tatsächlich an jener Meeresstelle vor nicht allzu langer Zeit ein Schiff in Seenot einen Teil seiner Ladung verloren hatte. Die Ladung bestand größtenteils aus Ausstellungsstücken für eine Wanderschau über medizinische Fragen, hieß es.