Schuttplatz des Atlantiks: Sargasso-See

Gerne erzähle ich nicht davon, weil da oft so ein Naseweis dabeisitzt, der mir nicht glauben will. Aber hier in unserem Kreis ist das wohl anders. Jeder von uns kennt die Sargasso-See – und im übrigen wollte man seinerzeit auch Columbus keinen Glauben schenken, als er und seine Besatzung von den seltsamen, schwimmenden Wiesen erzählten, die sie auf ihrer Fahrt nach Amerika entdeckt hatten. Da hörte nämlich mit einem Mal die Wasserwüste des Atlantischen Ozeans auf, und ein grüner Teppich von Schling- und Tangpflanzen breitete sich aus, wie man ihn in ähnlicher Dichte noch nie zuvor gesehen hatte. Diese schwimmenden Wiesen waren von unbekannten und unheimlichen Tieren belebt, und in der Nacht leuchteten sie zauberhaft und unheimlich. In der alten Welt wollte man dergleichen nicht für möglich halten. Man sprach von Einbildung, von Aufschneiderei, von Gespensterglaube. Aber heute sind jene schwimmenden Wiesen auf den Seekarten genau verzeichnet. Die amtliche Bezeichnung lautet Sargasso-See, wir Seeleute sagen »Schiffsfriedhof« dazu. Ja, diese Wiesen, die immerhin ein Gebiet so groß wie West- und Mitteleuropa bedecken, sind schon wer weiß wie vielen Schiffen zum Verhängnis geworden. Der Beerentang, aus dem sie größtenteils bestehen, ist eine Wasserpflanze, die kaum einen halben Meter hoch wird. Dann neigt sie sich seitwärts über die Schicht der früheren Pflanzen, und neue Triebe wachsen nach oben, neigen sich und bilden mit den alten Pflanzen ein wirres, schwimmendes Gespinst. Heute hält die chemische Industrie Mittel bereit, die Tang und Algen zum Absterben bringen, sodass sie auf den Grund des Meeres hinuntersinken. Eigene Räumungsschiffe sind unterwegs, um die verschiedenen Fahrstraßen offenzuhalten, denn der moderne Übersee-Schnellverkehr kann sich nicht mehr die alten Umwege leisten. Einmal habe ich es erlebt, wie ein Schiff sich in den grünen Teppich hineingewühlt hatte. Unser Dampfer musste es in Schlepp nehmen, weil es sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte. Das Rettungsmanöver während der Nacht musste nach mehreren vergeblichen Versuchen abgebrochen werden. Unser Kapitän beschloss, den Morgen und das Tageslicht abzuwarten. So nah hatte ich die Wiesen noch nie gesehen, und ich wurde nicht müde, von der Reling aus das seltsame Schauspiel der leuchtenden Insekten zu beobachten. Milliarden von winzigen Lebewesen strahlten in den verschiedensten Farben auf und tauchten die Wiesen in das unruhige Licht, wie man es etwa vom Flugzeug aus beim nächtlichen Überfliegen einer Großstadt erlebt. In Büchern hatte ich gelesen, dass manche dieser leuchtenden Lebewesen sich zu einem riesigen Heerhaufen sammeln und auf den offenen Atlantik hinausziehen; dort liegen sie dann auf dem Wasserspiegel wie ein glühender Teppich. Wenn sie zu ihren Inseln zurückkehren, kommen sie nur heim, um zu sterben. Ich hatte auch von den anderen Tieren gelesen, die sich hier tummeln: von Spinnen- und Tintenfischen, von großen Quallen und Krebsen, von hunderterlei Insekten. Und plötzlich packte mich die Leidenschaft des Forschers: Ich wollte ein wenig tiefer in diese geheimnisvolle Welt eindringen. Ich wusste, dass man auf den Wiesen stellenweise laufen konnte wie auf einem richtigen Teppich. Wenn ich vorsichtig war und rechtzeitig umkehrte, konnte mir nichts passieren! Warum sollte ich es also nicht wagen? Mit einem Boot, das beim missglückten Rettungsmanöver zu Wasser gelassen worden war, ruderte ich vom Dampfer weg, quer über die Fahrstraße zum Strand der Tanginsel hin. Ich erwischte auch eine Anlegestelle, die fest genug war und den Schlägen mit dem Ruder nicht nachgab. Das Tau meines Bootes behielt ich um den Leib geschnürt – wo hätte ich mein Boot auch festmachen sollen? Vorsichtig wälzte ich mich vom Boot aus auf den gefährlichen Teppich. Ein, zwei Meter kroch ich, dann wurde ich leichtsinnig und stellte mich auf die Füße. Aber schon der erste Schritt brachte mich an eine Stelle, die dünner sein musste als das übrige Geflecht. Ich spürte jedenfalls, wie der Teppich unter mir nachgab und ich zu sinken begann. Instinktiv warf ich mich auf die Seite, um mein Körpergewicht auf eine größere Fläche zu verteilen. Schon glaubte ich mich gerettet, da spürte ich, dass ich weiter sank, nur ganz wenig, aber ständig. Irgendwie gelang es mir noch, das Ruder, das ich mit mir geführt hatte, unter das Tau zu schieben, an dem das Boot hing. Und das erwies sich als meine Rettung. Das Boot hatte sich am Rand der unheimlichen Insel in das Gewirr der Pflanzen geschoben und hing dort fest. Und auf meiner Seite konnte das Tau trotz der Belastung durch mein Gewicht nicht in den Teppich einschneiden – dafür verteilte das Ruder den Druck auf eine zu breite Stelle. AtlantikSchuttplatz des Atlantiks Langsam drehte ich mich ein wenig zur Seite. Ich fasste nach der Leuchtpistole, die ich in der hinteren Tasche trug. Hoffentlich hat sie noch keinen Schaden genommen! Denn ohne fremde Hilfe, das war mir klar, würde ich nie wieder herauskommen aus dieser unheimlichen Falle! Und ob mich der schwache Untergrund bis zum Morgen trug? So wie diesmal hatte ich noch nie zuvor gebebt, dass der Schuss doch wirklich losgehen möge. Ich hielt den Finger am Abzug, drückte durch – die Leuchtkugel stieg zischend in den nächtlichen Himmel. Jetzt musste die Wache munter geworden sein! Jetzt würden sie kommen. Ich atmete auf. Aber dann dauerte es doch noch schier eine halbe Stunde, bis ich geborgen war, denn wen die glitschigen, zähen Algen einmal gefangen haben, den geben sie nicht leicht wieder her. Na, mein Kapitän empfing mich nicht gerade freundlich. Ob ich vielleicht lebensmüde sei, schrie er mich an. Aber ich merkte doch, wie heilfroh auch er war, dass mein Abenteuer noch so gut abgelaufen war. Na, und für den Spott der Kameraden brauchte ich wirklich nicht zu sorgen. Nur einmal wurden sie sehr still. Da hatte mich Hein nämlich gefragt, welches denn die schlimmsten Sekunden auf meinem kühnen Ausflug gewesen wären. Er hatte wohl erwartet, dass ich sagen würde: Als ich merkte, dass ich sank. Aber nein, der schlimmste Augenblick war der, als ich so da lag und die Hände weit ausstreckte und plötzlich mit der linken Hand einen fremden Schuh ertastete … Oh, nun macht den Mund nur wieder zu: Da lag nämlich nicht etwa noch einer auf dem grünen Teppich, sondern die Wellen hatten, wer weiß von wo, diesen Schuh auf den Teppich getragen. Stürme und Meeresströmung schieben den auf der Wasseroberfläche treibenden Schutt vor sich her. Im Gebiet der Sargasso-See hört ihre Kraft auf, und der Schutt des weiten Atlantik sammelt sich auf, zwischen und unter dem Tang.

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Info 24.09.2017 - 03:16
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