An Bord der Segelschiffes – Rette sich wer kann!

An Silvester war es gewesen. Ich befand mich damals an Bord eines Segelschiffes. Wir fuhren im Kanal. Es war eine sternklare Winternacht. Wir hatten günstigen Wind und machten gute Fahrt. Mich hatte die Hundswache getroffen, also die Wache von Mitternacht bis morgens vier. Auf der Brücke tat als Stellvertreter des Kapitäns der Erste Offizier Dienst. Ich hatte mich vorschriftsmäßig bei ihm gemeldet. Wir waren schon manches Jahr miteinander gefahren und verstanden uns gut. Wir wechselten ein paar allgemeine Worte von »Jahreswende« und »alles Gute«; sie waren aber von jedem recht herzlich gemeint. Die erste halbe Stunde verlief wie hundert Wachestunden zuvor. Und auch als ich den großen Dampfer ausmachte, der in schneller Fahrt näherkam, deutete noch nichts darauf hin, dass diese Nacht die gespenstischste meines Seemannslebens werden sollte. Ich meldete vorschriftsmäßig: »Ein Strich Backbord ein Dampfer!« Der Erste Offizier dankte, aber mir war nicht entgangen, dass er ein wenig besorgt zu den fremden Signallichtern hinüberstarrte. Der Dampfer kam rasch auf uns zu. Eigentlich hätte er schon längst seinen Kurs ändern müssen! Aber freilich, es war noch Zeit zum Ausweichen. Ich wusste natürlich, dass bei einer Begegnung von Segelschiff und Dampfer das Segelschiff seinen Kurs unverändert fortzusetzen hatte, wogegen der Dampfer zum Ausweichen verpflichtet war; der Marinekodex befahl es so. Und er verbot dem Segler ausdrücklich, dass er in einem solchen Augenblick manövrierte. Gleichwohl wäre es mir in diesem Augenblick lieber gewesen, wenn wir unseren Kurs hätten ändern dürfen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass diese Begegnung nicht glatt verlaufen würde. Der Dampfer war inzwischen so nahe herangekommen, dass man das Dröhnen seiner Maschinen hören konnte. Sie mussten auf Volldampf arbeiten, so laut klang es einem in die Ohren. Und immer noch keine Anstalten, den Kurs zu wechseln! Mir jagte der Gedanke an den Fliegenden Holländer durch den Kopf, aber der Dampfer hier konnte kein Geisterschiff sein, das unbemannt über die Meere zog. Die Lichter waren vorschriftsmäßig gesetzt, und der Lärm der Motoren vertrug sich schlecht mit den Gestalten einer Sage. Und doch bot der fremde Dampfer mit jeder Sekunde ein schauerlicheres Spukbild, wie er in rasender Fahrt immer größer vor uns aufwuchs und den Kurs auch nicht um einen einzigen Grad änderte. Von Neuem war ich versucht anzunehmen, der Kasten sei unbemannt – aber in Wirklichkeit waren sicher ein paar Hundert Menschen an Bord. Sah uns denn keiner? »Alle Mann an Deck!« schrillte plötzlich das Kommando des Ersten, der nun selber eingesehen hatte, dass das fremde Schiff uns nicht ausweichen würde. Schrillende Bootsmannspfeifen. Lärm der Schiffsglocken. Der Kapitän war bereits auf der Brücke und übernahm das Kommando. Lichtsignale und Rufen zu dem fremden Dampfer hinüber. Alles ohne Erfolg. Für unser Segelschiff war es zu spät, noch irgendein Wendemanöver auszuführen. »Rette sich wer kann!« war das letzte Kommando unseres Kapitäns. Sekunden später erfolgte der Rammstoß. Der gespenstische Dampfer schnitt unser Segelschiff mitten entzwei. Als ich zu mir kam, befand ich mich an Bord des Dampfers. Der starke Anprall hatte mich wie einen Spielball hochgeschleudert. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich zurechtfand, bis ich sah, dass das unersättliche Unglücksschiff, das nicht gefährlich beschädigt war, seinen Weg fortsetzte, als sei überhaupt nichts geschehen. Ich raffte mich auf, packte den Nächstbesten bei den Schultern – und stieß ihn beiseite. Er war betrunken. Ich sprang auf einen anderen zu. Er torkelte, und ich sprach ihn gar nicht erst an. Ich fand mich plötzlich vor der Kapitänskajüte, riss die Türe auf – auch der Kapitän war betrunken. Ich dachte an meine Kameraden, die im Wasser schwammen, und beschwor ihn, zu helfen. Ob ihr’s mir nachfühlen könnt, weiß ich nicht; aber diese Sekunde war für mich die gespenstischste. Der Kapitän lachte mich aus, so betrunken war er. Was soll ich noch viel erzählen: Er verlor wegen schwerer Vernachlässigung seiner Dienstpflicht sein Patent. Von unserer Besatzung aber wurde nur ein kleiner Teil gerettet. Dies hat sich wirklich zugetragen
Der Nebel kam jäh und so dicht, dass man kaum noch die Hand vor den Augen sah. Die Schiffe, die bereits im Hafen festgemacht hatten, waren jetzt gut daran; wer in dieser Stunde noch vor der englischen Küste kreuzte, konnte von Glück reden, wenn er nicht irgendwo anrammte. Auch der Kapitän eines griechischen Dampfers wünschte sich und sein Schiff hundert Seemeilen weit weg, bis die Sicht sich wieder gebessert hätte. Er lag im Nebel fest, und der Nebel schien immer noch steifer zu werden. Schließlich ließ der Grieche eines der Rettungsboote abstoßen. Die drei Mann Besatzung sollten die Lage peilen. Die Silhouette des Bootes verlor sich schon nach Sekunden im Nebel. Man wartete und wartete, aber die kleine Expedition kam nicht mehr zurück. Da befahl der Kapitän neun Mann in ein zweites Rettungsboot. Auch dieses Boot verschwand hinter der Nebelmauer und – war denn hier alles verhext? – ward nicht mehr gesehen. Der Kapitän wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als ein englisches Seenotboot herbeizurufen. Und dieses stöberte die beiden Ausreißer schon bald auf: Die zwölf Mann Besatzung hatten auf bessere Zeiten gewartet und hielten sich inzwischen, da sie der Nebel wie eine Mauer umgab, an einer Leuchtboje fest.

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Info 19.11.2017 11:28
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