Kapitän Meck und die unheimlichen Geräusche

Ein Schiff lag im Hafen, ein altes Schiff mit halbmorschen Planken. Es hatte zweiunddreißig schwere Stürme erlebt – die Anzahl der kleinen wusste nicht einmal der Kapitän – und war im letzten Winter in der Biskaya fast zu den Fischen hinuntergestoßen. Aber auch damals hatte die Kaltblütigkeit von Hein Meck, dem Kapitän, das Schlimmste verhütet. Um so Verwunderlicher war es, dass Kapitän Meck an diesem Abend vor der neuen Ausfahrt verstört aus seiner Kajüte gelaufen kam und den langen Larsen, den Steuermann, zu sich winkte. »Larsen«, sagte er halblaut, und seine Stimme klang belegt, als habe er Meerwasser getrunken. »Larsen, bei mir stimmt nicht mehr alles!« Als er das anzügliche Grinsen auf dem Gesicht des anderen wahrnahm, fügte er schnell hinzu: »Ich meine, bei mir in der Kajüte! Da stimmt nicht mehr alles! Und zum Donnerwetter, getrunken habe ich heute noch kein einziges Glas!« So ging also der lange Larsen, dessen Unerschrockenheit in den Hafenkneipen nicht weniger gerühmt wurde als die Kaltblütigkeit von Hein Meck, mit seinem Kapitän in dessen Kajüte hinunter. Es war das ein enger Raum, in dem außer einer Koje und einem eingebauten Schrank nur ein Spiegel und ein Bücherbrett so etwas wie Luxus vortäuschten. GeräuschKapitän Meck und die unheimlichen Geräusche Die beiden Männer verhielten sich still. Leise hörte man draußen die Wellen gegen die Schiffsplanken schlagen, und auch vom Maschinenraum her drang hin und wieder ein gedämpftes Geräusch, denn der Heizer war schon seit Stunden bemüht, die Kessel gut über Feuer zu halten. Bisweilen knackte es auch einmal in den Rohren, die an der schmalen Seitenwand auch durch die Kapitänskajüte liefen. Sonst aber – sonst war alles still und friedlich wie je. Da fingerte Kapitän Meck, ohne sich umzuwenden, nach dem Lichtschalter an der Türe. Klick, machte es, und die beiden Männer standen im Finstern. Die Dunkelheit schien die Geräusche von vorhin noch zu verstärken, aber sonst blieb alles – nein, plötzlich kam da ein neues Geräusch hinzu! Tapp, tapp, machte es irgendwo in dem engen Raum und gleich darauf pff, pff. Und wieder tapp, tapp und pff, pff. Auch wenn ihm Hein Meck den Ellbogen nicht so verrückt in die Hüfte gebohrt hätte, würde der lange Larsen sofort gewusst haben, dass die Verwirrung seines Kapitäns eben mit diesem Geräusch zusammenhing. Tapp, tapp-pff, pff.
Und wieder: Tapp, tapp – pff, pff. Larsen drehte sich um. Der Lichtschalter knackte. Der Raum, der nun wieder in mattem Lichtschein lag, sah nicht anders aus als zuvor. Das seltsame Tappen und Blasen war jedoch verstummt. Larsen machte nicht gerade ein geistreiches Gesicht, als er sich jetzt achselzuckend zu seinem Kapitän umwendete. Der nickte vielsagend und schaltete das Licht wieder aus. Sein Steuermann hatte nicht einmal Zeit, mit dem Finger in die Ohrmuschel zu fahren, da waren die unheimlichen Geräusche von neuem zu hören: Tapp, tapp. Und dann: Pff, pff. Tapp, tapp. Und dann: Pff, pff.
Tapp, tapp – pff, pff. Der lange Larsen war nahe daran davonzulaufen. Saß hier vielleicht im Winkel der Klabautermann, von dem so viele Seemannslieder erzählten, und wollte er sie necken? Aus der linken Ecke bei den Rohren waren die verdächtigen Geräusche jedes Mal gekommen! Larsen schaltete erneut das Licht an und beugte sich blitzschnell nach vorn.
Da sah er es.
Er sah es und konnte nur noch den Kopf schütteln, ehe er erschöpft auf die harte Koje sank. Und nun schaute auch Hein Meck genauer hin. Und was er gewahrte, trieb ihm schier das Wasser in die Augen. Da saß auf einem der heißen Rohre ein Mäuschen! Im Dunkel war es jedes Mal spazieren gegangen, und dabei hatte es tapp, tapp gemacht. Weil aber das Rohr doch gar so heiß war, hatte das Mäuschen nach zwei Schritten immer wieder inne gehalten und sich die Pfoten kühlgeblasen – und daher stammte das pff, pff!

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Info 24.11.2017 14:16
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