Kurze Gespenstergeschichten aus aller Welt

Amsterdam
Die Bewohner eines Grenzdorfes freuten sich schon auf jeden Sonntagvormittag, wenn sie nach dem Kirchgang ihr Radiogerät anschalten konnten. Dann hörten sie nämlich »ihren« Sender. Er brachte ein ganz einmaliges Programm, eigens für das Dorf zusammengestellt. Meistens handelte es sich um Schallplattenübertragungen, die man sich in der Woche vorher – jede einzelne Programmnummer fünfundzwanzig Cent! – selber wünschen konnte. Einige »Äther-Piraten« mit nicht genehmigten Sendeanlagen machten so ein kleines Geschäft und ein großes Vergnügen. Wie aber staunten die Leute, als eines Sonntags aus den Lautsprechern der unheimliche Hilfeschrei eines Jungen ertönte: »Papa, Papa, hilf mal schnell!« Die Erklärung dieses ungewöhnlichen Vorkommnisses sickerte schon bald durch. Unter den fünf Schwarzsendern war man sich wegen der Sendezeiten uneins geworden. Und weil der eine Sender dem anderen ins Programm funkte, fuhr man von dort kurzerhand ins Sendehaus des Konkurrenten, wo gerade der Sohn Schallplatten auflegte und nun die seinem Vater zugedachten Hiebe einstecken musste. Es waren also weder Mörder noch Gespenster unterwegs gewesen – wohl aber wenig später einige Polizisten, die prompt alle Sendeanlagen beschlagnahmten. Tokio
Eine Expedition, die auf Niederländisch-Neuguinea seltenen Pflanzen und Tieren nachspürte, stieß unvermutet auf vier Japaner, die der Krieg dorthin verschlagen hatte. Das wäre freilich nicht des Erzählens wert, denn das war schließlich das Schicksal Tausender. Geradezu unheimlich mutete jedoch an, dass diese Männer mehr als ein halbes Jahrzehnt nach Ende des Krieges noch nichts von diesem Ende wussten. Sie wurden mit einem Flugzeug in die Heimat gebracht, in eine Heimat, deren Entwicklung und Veränderung ihnen nicht weniger unheimlich vorkommen mussten. Lübeck
Wer in den ersten Maitagen durch die öffentlichen Anlagen der Stadt schlenderte, konnte einem seltsamen Arbeitstrupp begegnen. Es waren Gärtner, die an den Tulpenbeeten standen und sich an den Blüten zu schaffen machten. Ein Fremder, der nicht Bescheid wusste, und diesen Leuten in der Dämmerung begegnete, nahm schnell Reißaus, als er erkannte, dass sie mit Messern bewaffnet waren und von jeder einzelnen Blüte ein Blütenblatt abschnitten. Der Fremde bekam es mit der Angst zu tun, so unheimlich erschien ihm dieser Vorgang. Das städtische Gartenamt freilich hatte gute Gründe für diese Anordnung; es wollte mit der Schutzmaßnahme den Blumendiebstählen vorbeugen, die in den öffentlichen Grünanlagen auf den Muttertag hin regelmäßig in großem Ausmaß einsetzten. Die Gärtner hatten allerdings dreißigtausend Blüten zu »zinken«. Putnam
Das Hochwasser, das durch Wolkenbrüche verursacht war, setzte die Stadt eine Nacht lang in Schrecken. Dabei war das Wasser nicht einmal die schlimmste Überraschung! Vor der Stadt war vielmehr infolge der Überschwemmung eine Magnesiumfabrik in Brand geraten, und nun trieben mehr als hundert Tonnen Magnesium in Fässern den reißenden Fluss herunter, mitten durch die Stadt. Mit Stichflammen, die fünfzigundsiebzig Meter hoch waren, bot das Treibgut ein gespenstisches Feuerwerk, so schauerlich schön, dass den Menschen der Atem stockte. Manchester
Rote Alarmlichter. Heulende Sirenen. Rettungskolonnen. In der Bradford-grube vor der Stadt war im Maschinenhaus ein Feuer ausgebrochen. Ein paar überhitzte Kabel trugen die Schuld. Und nun stürzten zwei Fahrkörbe durch den Schacht in die Tiefe und zerrissen Licht- und Signalleitungen. Rote Alarmlichter. Heulende Sirenen. Vierhundert Bergleute in der Grube eingeschlossen! Das Gespenst der Schlagenden Wetter, des Rauches und des Feuers, der Atemnot und des Durstes hockte im Dunkeln. Aber die verzweifelten Angehörigen, die zur Unglücksstätte gejagt waren, konnten aufatmen. Auf Umwegen erreichten die Bergleute einen anderen Schacht und konnten die Grube verlassen. Rangun
Der Pilot der Verkehrsmaschine, die von Rangun gestartet war und in Akyab landen sollte, meldete sich fünfzehn Minuten nach dem Start noch einmal beim Kontrollturm. Dann trat eine dreistündige Funkstille ein. Als er dann wieder mit dem Heimathafen Funkverbindungen aufnahm, konnte er eine Geschichte auftischen, die sich wie eine Spukgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts anhörte. Mitten im friedlichen Flug spürte der Pilot plötzlich einen Pistolenlauf im Nacken. Der Pilot dachte an die vierzehn Passagiere und drei Besatzungsmitglieder, deren Leben ihm anvertraut war, und deshalb fügte er sich dem Befehl der vier Luftbanditen, die ihn zu einer Landung an einer unzugänglichen Bucht in der Nähe von Bassein zwangen. Zwanzig Kisten eines Geldtransportes, den die Verkehrsmaschine mit sich führte, wurden ausgepackt; dann durfte der Pilot wieder starten. Die Räuber aber hatten Geld im Werte von über zwei Milliarden Euro erbeutet. Paterson
Die Polizeistreife traute ihren Augen nicht. Da ging am helllichten Tag ein Mann über die Straße, der einen riesigen Cowboyhut aufhatte und an dessen Gürtel drei, vier, nein sechs Pistolen baumelten! Der Polizist trat auf die Bremse seines Motorrades, sprang vor den Mann und forderte ihn auf, mit zur nächsten Polizeiwache zu kommen. Der Schwerbewaffnete leistete keineswegs Widerstand, und auf der Wache musste man ihn schleunigst wieder freilassen. Es handelte sich um den Besitzer eines gutgehenden Restaurantes, der seine letzten Einnahmen in Höhe von knapp zehntausend Dollars zur Bank tragen wollte. Weil er so oft von Raubüberfällen gehört hatte, beschloss er, sich selber um die Verteidigung seines Besitzes zu kümmern. Dabei achtete er sorgsam darauf, keines der Gesetze von New Jersey zu übertreten. Eines verbot das Waffentragen für rechtswidrige Zwecke – nun, er hatte einen sehr gerechten Zweck im Auge! Ein anderes Gesetz verbot das »versteckte« Waffentragen – nun, er trug seine sechs Pistolen ganz offen zur Schau! Ein drittes Gesetz schließlich verbot das Waffentragen innerhalb eines Wagens – nun gut, darum ging er eben zu Fuß! Freilich musste er, ehe er seinen Weg zur Bank fortsetzte, den Polizisten zugeben, dass sein Anblick ziemlich gespenstisch wirkte. Los Angeles
Hier raste ein Wagen durch die Stadt, der sich um keine einzige Kreuzung zu kümmern schien – und dennoch passierte kein Unglück. Es war geradezu gespensterhaft, wie diesem Wagen, von welcher Seite er immer in die verschiedenen Kreuzungen hineinfuhr und wie sehr er auch seine Geschwindigkeit veränderte, das grüne Licht für freie Fahrt zufiel.
Das war jedoch keineswegs Zufall! Es handelte sich vielmehr um einen Versuchswagen der Polizei, der mit einem Funkschaltgerät ausgerüstet ist, das alle Verkehrsampeln selbsttätig schon in einer Entfernung von einem halben Kilometer auf »Durchfahrt« schaltet. Sobald der Wagen die Kreuzung passiert hat, arbeitet die Signalanlage wieder normal weiter. Boston
Die drei maskierten Bankräuber trauten ihren Ohren nicht! Nun hatten sie alles so fein eingefädelt! Sie hatten für ihren Raubüberfall eine Stunde gewählt, in der sich nur wenige Angestellte und noch weniger Kunden in der Schalterhalle befanden. Und diese hatten sie mit ihren Pistolen mühelos in Schach gehalten. Keiner von den Anwesenden hatte sich auch nur bewegt, geschweige denn um Hilfe gerufen. Übrigens war die Telefonleitung durchgeschnitten und die einzige Tür zu den übrigen Räumen der Bank geschlossen und versperrt. Es konnte also niemand die Polizei alarmiert haben – und doch heulte draußen ihre Sirene auf. Und jetzt – tatsächlich, da sprangen schon die ersten uniformierten Beamten in die Halle: »Hände hoch!«
Die Bankräuber ließen sich, ohne Widerstand zu leisten, abführen. Nur einer fragte erschüttert: »Wie war das nur möglich!«
»Ganz einfach, mein Herr«, erwiderte ihm der Direktor der Bank, den selbst in diesem Augenblick nicht die Höflichkeit verließ. »Ganz einfach! Wir haben schon vor einigen Monaten ein drehbares Fernsehauge im Schalterraum eingebaut, das alle Vorgänge auf Fernsehapparate überträgt, die in anderen Räumen unseres Betriebes stehen. Auf diese Weise können wir den Alarm auslösen, ohne durch Waffen daran gehindert zu werden.«

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Info 20.11.2017 08:54
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