Spukschloss: Das Gespenster gespenst

In Schloss Euleneck ging es um.
Wirklich. Da vorne! Weißgraue Gestalten! Und jetzt – pst! – ganz leis!
Wo die ausgetretene Wendeltreppe sich ächzend aus den Kellergewölben hochschraubt, klirrte eine Kette. Hu! GespensterDas Gespenster gespenst Ausgerechnet in diesem Moment mussten sich draußen die dummen Wolken so nah um den Vollmond drängen! Dass man nicht deutlicher – pst!
»Ritter Hannes von Rasselbund!« tönte es hohl durch den Gang. »Ich glaube, es hat längst Mitternachtsstunde geschlagen.«
»Nicht schlimm, Ritter Elmar von Zitterbein«, flüsterte es schaurig-näselnd als Antwort. »Wir kriegen die Bande schon wach; ich schlag’ mit der Kette einen Höllenradau!«
»Und wenn sie aufgewacht sind, schock’ ich – Mensch, Hannes – jetzt hab’ ich meinen Kopf im Keller liegen lassen!«
»Ohne’ wirkst du noch viel gespenstischer!«
»Radieschen! Nicht meinen eigenen, sondern den aus Holz, mit dem ich Fangerles spielen will, wenn die andern erst einmal hochgeschreckt sind!«
»Dann hol’ ihn halt schnell; ich wart’ hier so lange.«
»Wwwww – willst du nicht lieber mitkommen?«
»Fürchtest du dich?«
Angst? das durfte ein Ritter von Zitterbein sich nicht nachsagen lassen, erst recht nicht von seinem besten Freund! So zottelte Elmar denn allein zurück.
Den düsteren Gang entlang. In der Linken krampfhaft das Kerzen stümpfchen haltend. Wild flackerte die kleine Flamme.
Es war nicht der erste Streich, aber doch der gruseligste, den sich die zwei Dreizehnjährigen ausgedacht hatten, die mit dreißig ihresgleichen auf Schloss Euleneck(Spukschloss) ein paar Ferienwochen verbrachten. Gestern, das mit der Schnitzeljagd war auch toll gewesen: Willi, der Jüngste vom Schlossverwalter – er war etwas älter als sie – hatte ihnen einen Weg verraten, den die anderen unmöglich … halt! Bewegte sich da vorne nicht etwas? An der Ecke des Ganges?
Elmar blieb stehen. Nein, hinter ihm war es! Er fuhr herum. Ach, bloß die lange Bettuchschleppe war über den Boden gerutscht. Das Bubengespenst raffte den Umhang hoch und schlich auf Wollsocken weiter; lediglich die neugierige rechte große Zehe klatschte ungeschützt auf die Steinfliesen auf.
Da! Schon wieder! War das nicht ein Lichtschein gewesen? – Alles blieb still. Nun ja, es konnte vielleicht auch nur der Vollmond sein Spiel getrieben haben. Schlotternd schlich das Gespenst, das heute Nacht dreißig Jungen erschrecken wollte, dicht an der Wand entlang weiter. Die enge Wendeltreppe hinunter. Ins erste Kellergewölbe hinein. Dort lag der Holzkopf, der von irgendeiner morschen Museumsfigur herrühren mochte.
Was grinste der Kopf nur so abscheulich? Elmar hielt Kriegsrat mit sich selbst, ob er nicht lieber ohne Holzkopf umkehren sollte. Aber Hannes, sein Freund, der vor dem Schlafsaal auf ihn wartete, würde ihn dann sicherlich auslachen. Und das durfte nicht sein!
Also hin und den Holzkopf gepackt!
Hu! – Elmar ließ fast die Kerze fallen – Hatte der Kopf nicht eben gehustet?
Jetzt wieder!
Nein, das kam ja vom Eingang her! Elmar sah hin – und erstarrte: Unter der offenen Tür stand – ein Gespenst! Aber ein richtiges! Das sah Elmar gleich.
Nun war auch das Schicksal des Kerzenstummels endgültig entschieden: Er fiel auf den Boden und verlöschte nach einem vergeblichen Zucken. Dunkel war es jetzt in der Gruft, stockdunkel.
Eine Weile rührte sich nichts. Elmar konnte nicht verhindern, dass ihm die Knie zitterten wie angeschlagene Klampfensaiten. Ob er schreien sollte? Aber wer würde ihn schon hier unten hören? Nicht einmal Hannes.
Zu dumm auch, dass er die Kerze hatte fallen lassen! Jetzt konnte er das Gespenst nicht einmal beobachten! Ob es nicht vielleicht schon dicht vor ihm stand? Der Bub starrte in die Kellernacht hinein. Nichts! Oder lauerte es gar schon dicht hinter ihm? Er fuhr herum. Starrte. Nichts!
Da traf ihn ein Lichtstrahl wie ein Peitschenschlag, grell und scharf. Und neben sich spürte er einen riesigen Schatten.
Ach so, bloß der eigene war es!
Es musste eine ganz frische Batterie sein, die das fremde Gespenst in seiner Taschenlampe trug. »Ein modernes Gespenst!« wagte Elmar mit Galgenhumor zu denken.
Als hätte der Spukgeist Elmars Gedanken erraten, hielt er eine silberfunkelnde Taschenuhr in den Lichtkegel hinein. »Schon dreißig Minuten über zwölf!« schrie er dabei.
Elmar wurde blass bei der Gießkannenschepperstimme dieser Nachteule.
Da sprach diese auch schon weiter: »Was stehst du noch untätig hier herum, statt Menschen zu erschrecken, wie es sich für uns Gespenster in der Mitternachtsstunde geziemt?«
Elmar wagte kaum noch zu atmen. Jetzt lachte die schreckliche Spukgestalt höhnisch, dass es im Gewölbe nur so widerhallte: »Bist du vielleicht gar kein richtiges Gespenst?«
»Ich – ich – ich -«, stotterte Elmar.
»Mir scheint«, fiel ihm das Ungeheuer an der Tür in die Rede, »mir scheint, du bist einer von den Taugenichtsen, die seit vierzehn Tagen mein Schloss unsicher machen? Na, warte nur, Bürschchen!«
Hier änderte das Gespenst plötzlich seinen Ton und fragte den zitternden Buben barsch: »Was wolltest du hier unten?«
Elmar hatte es die Sprache nun ganz und gar verschlagen. Bebend deutete er auf den Holzkopf, der immer noch auf dem Boden lag und tückisch grinste, als wollte er sagen: »Hähähä! Das hab’ ich kommen sehen!«
Das echte Gespenst ergriff den Kopf höchst unsanft bei der Nase, hob gleichzeitig mit der rechten Hand den heruntergefallenen Kerzenstummel auf und fragte, während es sich keuchend aufrichtete: »Wo steckt denn dein sauberer Genosse, der uns altehrwürdige Gespenster in lächerlichem Faschingsaufzug verhöhnen wollte? He?«
Da wurde Elmar mit einem Mal tapfer: »Das sag’ ich nicht!«
»Ei, das Menschenkind wird trotzig!« lachte das zornige Schlossgespenst.
»Na – das kriegen wir schon?«
Knall! Die Tür war zu.
Ratsch! Der Schlüssel knirschte.
Der Strahl der Taschenlampe, der durch einen schmalen Türritz spitzte, wurde schwächer und schwächer.
Das grausame Gespenst machte sich auf die Suche nach Hannes.
Dieser Hannes war schon etwas ungeduldig, weil Elmar so lange ausblieb.
Aber da kam er ja endlich um die Ecke! Mit der flackernden Kerze. »Los! Tempo!« winkte Hannes. Und nun kam sein Freund – wie er meinte – rasch herangeflattert. Dass er ein wenig größer geworden war und die Betttücher etwas anders umhängen hatte, fiel Hannes gar nicht auf. Wie hätte er auch an so etwas denken können, wo der andere doch den grinsenden Holzkopf in Händen hielt? Zudem machte das Kerzenlichtlein nicht sonderlich hell.
»Mach zu! Ich frier’ mir schon die Füße an!«
Der unechte Elmar nickte nur und folgte bis zur Schlafsaaltür. Hannes drückte sacht auf die Klinke. Nanu? Er rüttelte leise. Tatsächlich: abgesperrt! Er drehte sich nach seinem Begleiter um. Der nickte nur wieder.
»Ob die vielleicht was gespannt haben da drinnen?« Der vermeintliche Freund wackelte vieldeutig mit dem verhüllten Haupt.
»Was tun wir?«
»Zurückgehn!«
Hannes fuhr zusammen. Das war doch nicht Elmars Stimme gewesen?
»Du, Elmar!« bat Hannes.
Das zweite Gespenst nickte.
»Bist du’s?« bettelte der Bub.
Sein Begleiter schüttelte den Kopf.
»Du willst mich nur fürchten machen!«
Der andere nickte.
»Du Heini!«
Der andere schüttelte.
»Gehst du mit hinunter?«
Nicken.
»Herrschaft, werd’ doch vernünftig!«
Schütteln.
»Elmar!«
Nicken.
»Elmar!«
Schütteln.
Da packte den Hannes der Graus. Er lief davon. Doch das Gespenst hinterher. Den Gang entlang. Das Gespenst hinterher. Die Treppe hinunter.
»Doch nicht so rasch!« kreischte das Gespenst mit scheppernder Heringsdosenblechdeckelstimme.
Hannes raste nur um so schneller. Er lief wie um sein Leben. Drei, vier Stufen nahm er auf einmal. Fast wär’ er gestürzt. Er merkte erst unten, dass das Gespenst nicht mehr hinter ihm war.
Aber, waren heute denn alle Türen in Euleneck verhext? Die Tür zum Kellergewölbe, das ihm und dem verschwundenen Elmar als Gespenster-Ankleideraum gedient hatte, war jetzt gleichfalls verschlossen! Hannes fingerte am Schloss herum – der Schlüssel steckte.
Ratsch. Die Tür flog auf. Aber wie ein erstes schmales Bündel Licht vom Vollmond her in den dunklen Kellerraum fiel – prallte Hannes erschrocken zurück: Da stand schon wieder so ein furchtbares Gespenst!
»Hannes!« rief dieses.
»Elmar!« erkannte es dieser.
Und im nächsten Augenblick lagen sich zwei befreundete Gespenster in den Armen und schworen gegenseitig, nie wieder »Gespensterles« spielen zu wollen.
Als sie mit ihren Betttüchern unterm Arm endlich zum Schlafsaal hochschlichen, war dessen Türe – Potztausend! – wieder aufgesperrt. Immer noch die ausgestandene Angst in den Gliedern, kroch jeder der beiden Helden behutsam, dass er ja die anderen nicht aufweckte, in sein Bett und zog – man kann nie wissen! – die Zudecke bis über die Nase.
In der gleichen Minute legte sich einen Stock höher Willi, der Sohn des Verwalters, mit zufriedener Miene schlafen. Sogar jetzt, wo er nochmals ein Kreuz über sich machte, konnte er ein feines Lächeln nicht unterdrücken. Witz
Der kleinen Rosemarie ist beim Essen etwas in die unrechte Kehle gekommen. Sie muss fürchterlich husten und wird ganz rot im Gesicht.
»Na, was machst du denn für Sachen«, fragt der Vater besorgt, »hast du dich verschluckt?«
»I – nein!« ist die Antwort. »Ich bin schon noch da!«