Das Fluss- und Paddelgespenst

Konrad war mit seiner Gruppe zum ersten Mal auf Lager. Auf einer großen schönen Wiese, schräg gegenüber der fremden Stadt, hatten sie die drei Viermannzelte aufgeschlagen.
Eigentlich hätten ja auch zwei Zelte genügt, denn die Gruppe der Seeadler wie sie sich stolz nannte, war nur acht Mann stark. »Drei sehen besser aus!« hatte Dattes gemeint, und so hatten sie eben das dritte Zelt auch noch mitgeschleppt.
Dattes – kein Mensch wusste, warum er diesen komischen Spitznamen hatte, aber jeder meinte, dass er recht gut zu ihm passe – Dattes hatte den Ausspruch aber im Hinblick auf etwaige Lagerüberfälle gemacht, von denen er seit Wochen Tag und Nacht träumte. Dattes war nämlich ein wenig furchtsam oder – wie er selber von sich sagte – vorsichtig. »Besser ist besser!« hatte er von seinem Großvater als Wahlspruch gelernt, und der war Heftpflasterfabrikant gewesen.
»Die Wache von zwölf bis eins hat Dattes!« verkündete Konrad, der Gruppenführer, am ersten Abend. Dattes schrak zusammen. »Das geht doch nicht!« stammelte er, »so mitten in der Nacht!«
»Was denn! Die andern stehn doch auch!«
»Aber nicht von zwölf bis eins!«
Warte, mein Lieber, dachte Konrad still bei sich und tat heimlich einen feierlichen Schwur: Dir vertreib’ ich noch deine Hasenfüßigkeit! – Laut sagte er: »Gut, dann tauschst du heute mit Benno und stehst von elf bis zwölf!«
Das fiel den Seeadlern nicht wenig auf, denn es kam selten vor, dass ihr Gruppenführer so leicht nachgab! Dass er aber am nächsten Vormittag über die Brücke in die Stadt hinüberging, weil noch »Verschiedenes zu erledigen wäre«, nahm keinen wunder. Sie legten sich derweil alle faul in die Sonne, um möglichst braungebrannt nach Hause zu kommen; denn auch bei ihnen galt die Hautfarbe als Gradmesser für die Güte eines Lagers.
An diesem zweiten Abend traf die Wache für Dattes unwiderruflich von zwölf bis eins. »Ich denke nicht, dass du Angst vor Gespenstern hast«, meinte Konrad so obenhin.
Die großen Glocken der Stadt hörte man in der stillen Nacht bis zum Lager herüber. Eben schlugen sie Mitternacht. Benno übergab Dattes den Wimpelspeer. »Machs gut!«
Dattes klapperte mit den Zähnen. »Willst du nicht noch ein bisschen dableiben, Benno?« fragte er.
»Sonst nichts! Ich hab’ noch von gestern eine Stunde nachzuschlafen!«
Damit verschwand die abgelöste Lagerwache in das mittlere Viermannzelt.
Der neue Wächter aber hockte sich dicht neben das Feuer. Da war es wenigstens hell! »Wenn ich schon überfallen werde, dann hier!« war sein heldischer Entschluss.
Es raschelte – einmal hier und einmal da; dann wieder glaubte Dattes im Gebüsch Äste knacken zu hören oder schleichende Schritte hinter den Zelten. Jedes Mal riss der Junge die Augen weit auf und starrte angestrengt in die gefährliche Richtung; aber da sah er natürlich nichts! Selbst wenn wirklich etwas dagewesen wäre, hätte er es nicht bemerkt, weil er ja so ungeschickt im hellen Feuerschein saß, dass seine Augen geblendet waren.
Wieder drang ein Geräusch an sein Ohr. Diesmal klang es ganz eigenartig.
Hörte es sich nicht so an, als würde einer über den Fluss herüberrudern?
Ja, genauso war es!
Und wie vorsichtig der Kerl die Ruder ins Wasser tauchte! Oder waren es gar mehrere Kerle?
Dattes riss die Augen weit auf.
Und jetzt meinte er auch etwas zu erkennen. Ja, tatsächlich! Es kam jemand über den Strom gerudert! Wie ein verschwommener Schatten hob sich eine Gestalt gegen die Brücke mit ihren unregelmäßigen Lichtflecken ab. Ein Boot sah man nicht, dafür um so deutlicher den etwas helleren Oberkörper des Paddlers und sein Ruder, das er langsam und fast feierlich durchs Wasser zog.
Nun wäre das alles ja eigentlich gar nichts Besonderes gewesen! Es konnte doch auch einmal ein harmloser Städter eine Nachtfahrt unternehmen, vielleicht weil er nicht einschlafen konnte oder vom Arzt ein wenig Ausgleichssport verordnet bekommen hatte!
Aber da war eben noch etwas, und das verursachte bei Dattes beinahe Schüttelfrost: Der fremde Wasserfahrer, der übrigens genau auf die Wiese mit den drei Zelten zuhielt, sang. Oder vielmehr: Er sang nicht, sondern heulte! Heulen war vielleicht auch nicht das rechte Wort. Es war eher eine Mischung zwischen Radio-Rückkoppelung, Katzengebalge, Kleinkinderschluchzen und Eulenruf. Dazwischen rasselte hin und wieder eine Kette. Jetzt – jetzt stieß der Unheimliche ans Ufer.
Jetzt – jetzt stieg er an Land.
Jetzt – jetzt kam er langsam auf das Wachfeuer zu. Ganze dreißig Meter lagen noch zwischen ihm und dem Jungen.
Dattes fand gerade noch Zeit, bei sich zu schwören, dass er nie mehr auf Lager mitgehen und erst recht nicht während der Geisterstunde Wache stehen werde, da war der unheimliche Gast schon bis auf zwanzig Meter herangekommen.
Jetzt unterschied der Bub erst, was dieser unheimliche Besucher überhaupt meinte mit seinem Singen, Kichern, Flüstern und Stöhnen. Es war nicht etwa ein wirres Wortgemisch, sondern – leider! – etwas durchaus Sinnvolles. Immer näher und immer deutlicher hörte Dattes den Text:
Wennn ich nurrr wüsst’ – chuchachi
wooo einerrr ist – chuchachi
derrr sich grad hier – chuchachi
fürchtet vorrr mir – chuchachi;
deen mach’ ich gleichchch – chuchachi
ganz einfach bleichchch – chuchachi!

Bei dem letzten Satz machte das tanzende Paddelgespenst eine nicht missverstehende Geste des Halsumdrehens. Dattes stockte fast das Blut in den Adern.
Fünfzehn Meter war die grässliche Spukgestalt nur noch entfernt und schon begann sie wieder von Neuem: »Wenn ich nur wüsst’ – chuchachi…« Aber sie brachte ihr Verslein nicht zu Ende. Bei der Zeile »… fürchtet vor mir« tat Dattes etwas, was ihm weder Konrad, noch irgendein anderer aus der Gruppe der Seeadler zugetraut hätte, etwas, was sogar das Gespenst überraschte.
Sagte ich »überraschte?« Erzittern machte! Denn mitten im Satz blieb ihm die Stimme stecken. Es guckte, als sei ihm selber ein Gespenst begegnet. Und dann machte es kehrt. Rannte in die Dunkelheit zurück. Ans Ufer. Ins Boot. Mit hastigen Ruderschlägen floh es aufs dunstige Wasser hinaus und verschwand schließlich hinter den noch schwärzeren Brückenpfeilern im Dunkel der Nacht.
Sprachlos starrte Konrad, der das Gespenst – einen alten Schulfreund in der Stadt – doch noch selber am Morgen »bestellt« hatte, aus dem Zelt.
Wortlos kamen die Seeadler, die bis auf Dattes allesamt eingeweiht waren, aufs Lagerfeuer zu. Sie hatten alles genau mitverfolgt und waren schon beim bloßen Anblick des Paddelgespenstes erschrocken, obwohl sie doch wussten, wie harmlos es war. Und Dattes lachte das Gespenst einfach aus?
Ausgerechnet Dattes, den sie bisher immer für einen Hasenfuß angeschaut hatten?
»Sag einmal, Dattes«, bestürmten sie ihn, »wie hast du das nur fertig gebracht, da noch zu lachen?«
»Oh«, meinte Dattes, »weil dieser komische Uhu vor mir gesagt hat, wo es doch vor mich heißen muss!«
Jetzt war die Reihe an Dattes, sich mächtig zu wundern, denn nun brachen die andern plötzlich in ein unbändiges Lachen aus!
Hoffentlich weißt Du, warum? Weil wir gerade beim Dativ sind
Hugo fühlte sich von seinen vielen Schularbeiten so mitgenommen, dass ihn seine Eltern zur Erholung in ein Ostseebad schickten. Dummerweise lehnte er sich auf der Fahrt zu weit über Bord und fiel ins Wasser. Ich frage euch jetzt: Ist er nun in der Ostsee oder in die Ostsee gefallen? In die? O nein, in der Ostsee muss es heißen, denn es ist Dativ (= da tief!).
Hugo hatte aber Glück und wurde von einem Dampfer, der nach Hamburg fuhr, gerettet. Er gab ein Telegramm an seine Eltern auf und bezog einstweilen Quartier in einem Hotel. Bescheiden nahm er mit einem Zimmer im fünften Stock vorlieb. Weil er sich aber auch hier einmal zu weit aus dem Fenster beugte, konnte es nicht ausbleiben, dass er das Übergewicht bekam und stürzte. Meine Frage: Ist er nun auf der Straße oder auf die Straße gefallen? Auf die? Nein, auf der Straße muss es heißen, denn es war doch der zweite (!) Fall.
Doch unser Hugo überstand auch diesen Sturz, und als die Antwort seiner Eltern eintraf, machte er sich auf die Reise in das neue Urlaubsziel, nämlich auf die Insel Norderney. Unterwegs fiel er jedoch nochmals über Bord. Fiel er nun in der oder in die Ostsee? Sie sagen: In die Ostsee? Leider völlig verkehrt! Er fiel nämlich weder in der noch in die Ostsee, sondern in die Nordsee!

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Info 19.11.2017 11:33
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