Gorro der Villenknacker

»Und wenn Du einmal durch unser Städtchen kommst, dann kannst Du ruhig bei uns übernachten!« So hatte es deutlich in dem Brief von Onkel und Tante gestanden, als sie sich für das Glückwunschgedicht zu ihrer Silberhochzeit bedankten. Weil Onkel doch so ein großer Musikfreund ist, hatte ich sogar Noten über meinen Vierzeiler geschrieben; mein Bruder behauptete allerdings, dass sie höchstens von einem stockheiseren Bariton gesungen werden könnten. Egal, Onkel hatte sich darüber gefreut, denn sonst hätte er mich ja nicht eingeladen. Zwar nicht für vierzehn Tage, wie ich es mir heimlich erträumt hatte, aber doch immerhin für eine Übernachtung. Und nun lag ich also im »guten« Zimmer auf der Couch – und schwitzte vor Aufregung. Denn aufregend war es ganz gewiss, was sich bis jetzt ereignet hatte … Wegen einer Panne an meinem Fahrrad war ich erst spät abends angekommen; es mochte so gegen elf Uhr gewesen sein. Tante hatte mir noch einen Imbiss gerichtet und dann das Licht ausgeknipst. »Der Schalter ist nicht mehr ganz intakt«, hatte sie gesagt, »und die Laterne drüben macht ja hell genug!« So war es dann auch wirklich gewesen. Die Wohnung lag im Hochparterre, und genau meinem Fenster gegenüber, auf der anderen Seite der Gasse, brannte eine Laterne. Es war – ich sah es, als ich kurz vor dem Schlafengehen das Fenster öffnete, ganz genau: Es war eine Gaslampe auf einem altmodischen, verschnörkelten Wandarm, der sich nachts für eine Kunstschmiedearbeit ausgab, aber bei Tag besehen doch nur ein gewöhnliches Stück Gusseisen war. Ich sah das verschlungene Muster auch jetzt noch ganz deutlich vor mir, während ich unter der Decke lag und schwitzte. In meinem Zimmer war es stockfinster. Die nachbarliche Laterne war erloschen – und wahrscheinlich hatte man sie sogar absichtlich ausgemacht, denn ich war von irgendeinem Geräusch wach geworden und hatte dann Schritte gehört, die sich eilig entfernten. Ein paar Wochen zuvor hatte ich in einem Heftchen von »Gorro, dem Villenknacker« gelesen, dass er immer zuerst im nächsten Umkreis die Straßenlaternen auslöschte, ehe er einen Einbruch wagte. Das fiel mir in diesem Augenblick wieder ein. Gorro saß zwar, wenn man sich auf das bunte Heftchen verlassen konnte, augenblicklich hinter Schloss und Riegel. Aber konnte ein so gewiegter Einbrecher nicht ganz schnell auch einmal ausbrechen? Auf jeden Fall schien es mir ratsam, auf der Hut zu sein – zumal mir plötzlich siedeheiß die Erinnerung kam, dass ich ja das Fenster sperrangelweit aufgemacht hatte! Holla! Kamen da nicht schon schleichende Verbrecherschritte die Gasse her? Ein harmloser Heimkehrer? Nein, der hielt nicht so plötzlich an. Jetzt schien er etwas abzustellen. Eine Leiter? Es kratzte leise an der Mauer. Schob er jetzt den Haken (den mit der Strickleiter!) zum Fensterkreuz hinauf? Kein Zweifel, hier war Gorro, der Villenknacker, am Werk! Offenbar schien er von den Villenvierteln in die Innenstädte übergewechselt zu sein. Mir brach der Schweiß aus allen Poren. Was sollte ich tun? Schreien? Und wenn schon einer bei mir im Zimmer stand? Wenn ich zu spät aufgewacht war? Ich lauschte ins Zimmer. Ich starrte in die Dunkelheit. Ich vergaß für Augenblicke das, was draußen auf der Straße vor sich ging, und beobachtete nur den Raum, von dem ich jetzt in der Dunkelheit gar nicht recht wusste, wo Tisch und Schrank und Klavier standen und wo die Tür zu suchen war. Nur die viereckige Öffnung des Fensters hob sich, um eine Kleinigkeit heller, von der übrigen Wandfläche ab. Doch im Zimmer blieb alles ruhig und regungslos. Da wagte ich es, mich sachte von der Couch herunterzuschieben. BrotmesserGorro mit dem Brotmesser Auf den Zehenspitzen schlich ich zum Fenster hin. Sobald ich den metallischen Haken spüren würde, mit dem Gorro seine Strickleiter am Fensterkreuz zu befestigen pflegte, wollte ich ihn weit in die Gasse hineinschleudern, das Fenster zuschlagen und Onkel und Tante und das ganze Stadtviertel alarmieren! Ohne ein Geräusch zu machen, tastete ich das Fensterbrett ab. Hier – nein, das war nur eine der eisernen Schlaufen für die kleinen Fähnchen, mit denen die Tante an Festtagen die Straßenfront zu schmücken pflegte. Der eiserne Haken von Gorro war noch nicht … »Hilfe!« jäh geblendet schloss ich die Augen. Ganz plötzlich war die Laterne von gegenüber wieder aufgeflammt. »He, du wirst mir doch kein Schlafwandler sein!« ließ sich da eine Stimme von der Straße her vernehmen. Ich erkannte, immer noch ein wenig geblendet, den Mann nicht, der es halblaut zu meinem Fenster heraufgerufen hatte. War es Gorro gewesen? Hatte er mich am Fenster bemerkt und deshalb die Laterne schnell wieder angezündet? Ich war unfähig, eine Antwort zu geben. Ich wankte nur schleunigst zu meiner Couch zurück. Aber nicht weit. Denn plötzlich sah ich ihn. Oder vielmehr – seinen Schatten. Wie er so schnell zum Fenster herauf und ins Zimmer hereinkommen konnte, war mir schleierhaft. Mir war überhaupt vieles schleierhaft in diesem Augenblick. Denn von Gorro hatte ich gelesen, dass er seine Opfer nur immer mit einem kurzen Taschenmesser bedrohte. Der hier aber hielt das reinste Brotmesser in der Hand! Ich bewegte mich nicht. Und auch er stand ganz starr hinter mir, weitausholend mit der Hand, die das tödliche Messer umklammert hielt. Mit angehaltenem Atem stand ich zwei, drei Sekunden regungslos da; dann hielt ich das nervenzermürbende Warten nicht länger aus. Mit einem schrillen Aufschrei drehte ich mich um und warf mich ihm entgegen. Und schlug ihn zu Boden. Nachtrag: Bei diesem aufregenden Abenteuer wirkten außer meiner Heldenperson noch mit: zwei Studenten, die mutwillig die Straßenlaterne ausgelöscht hatten, was jedem von ihnen – ein Schutzmann hatte sie beobachtet – einen Strafzettel eintrug. Ferner der städtische Laternenanzünder, der vom gleichen Schutzmann geschickt worden war, die Laterne wieder zum Brennen zu bringen. Und schließlich noch die Gipsbüste eines bekannten Geigers, die mein Onkel von seinem Gesangverein zur Silberhochzeit geschenkt bekommen hatte und die im Zimmer auf dem Klavier gestanden hatte. »Dass du sie mir kurz und klein geschlagen hast, könnte ich dir ja noch verzeihen«, meinte der Onkel, als ich mich am nächsten Morgen ziemlich kleinlaut verabschiedete, »aber dass du den Schatten des Geigenbogens für den Schatten eines Brotmessers angeschaut hast – also da kann man nur sagen: Wie ein so hochmusikalischer Onkel nur einen so unmusikalischen Neffen haben kann!«