Hotelzimmer 117

Der Portier sah mit einem schnellen Blick zum Geschäftsführer hinüber, der gerade am Eingang zum Fahrstuhl stand. Ich fühlte es mehr, als dass ich es erkennen konnte, wie der Geschäftsführer nickte. Und dann wandte sich der Portier auch schon wieder mir zu und erklärte freundlich: »Ja, mein Herr, ein Zimmer haben wir gerade noch frei!« Aber das Lächeln stand ihm wie eine Maske. »Zimmer 117!« rief er zum Liftboy hin. Der Junge holte den Schlüssel aus dem Wandregal, nahm mir meinen kleinen Koffer ab und deutete mit einladender Geste auf den Fahrstuhl. Ich sah, wie er am Schaltbrett den schwarzen Knopf drückte, neben dem eine römische Vier auf die Aluminiumplatte eingraviert war. Vierter Stock, überlegte ich. Ziemlich hoch also! Aber was macht das schon aus, wenn ich nur überhaupt heute ein Dach über dem Kopf habe! – »Viktoria« war nämlich bereits das sechste Hotel gewesen, wo ich seit meiner Ankunft am Mittag nach einem Zimmer gefragt hatte. Die große internationale Ausstellung, die einen Tag später begann, hatte die Stadt mit Fremden überflutet; alle Hotels waren überbelegt – bis auf mein Zimmer Nummer 117 im fünften Stockwerk. Ob es eine besondere Bewandtnis mit meinem Zimmer haben mochte, weil der Portier so eigentümlich dreingeschaut hatte? Und beobachtete mich jetzt nicht auch der Liftboy ganz verstohlen von der Seite? Gerade so, als würde er mich abschätzen, ob ich stark genug sei? Aber warum und wozu? Sollte mit Nummer 117 vielleicht nicht alles stimmen? Ich hatte einmal eine Geschichte gelesen, wo es in einem Hotelzimmer spukte … Ach was, Hirngespinste! Wo gab es denn so etwas im zwanzigsten Jahrhundert! »Bitte sehr, der Herr!« der Liftboy riss die Kabinentüre auf. »Nach rechts bitte!« Rechts führte eine Treppe noch ein Stockwerk höher. Hm, da lag mein Zimmer also direkt unter dem Dach? Egal. Die Treppe war reichlich ausgetreten; daran konnte auch der grellrote Kokosläufer nichts ändern. Die einzelnen Bretter stöhnten, als wir jetzt Stufe um Stufe höherkletterten. Das Linoleum in dem schmalen Gang, den wir jetzt betraten, wies ein abscheuliches gelbbuntes Muster auf. Lauter ineinander verschlungene Schlangen erkannte ich, und es lief mir zum ersten Mal kalt den Rücken hinunter: Wenn das nur gut ausging! Zimmer 117 lag am anderen Ende des Ganges. Es war ein kleines überraschend freundliches Zimmer mit einem frischüberzogenen Bett, dessen Leinen knisterte, so steif war es gebügelt. Neben dem Bett stand ein kleiner Nachttisch, links vom Fenster ein größerer viereckiger Tisch zum Schreiben, daran stieß ein Sessel, dessen Polster schon leichte Falten warf. Dann kam der Schrank mit einem Spiegel, der einen dick und hässlich machte, und hinter der Tür war der Heizkörper angebracht, der zu dieser späten Stunde eine unerträgliche Hitze aussprühte. Gleich am Eingang befand sich auch noch das Waschbecken, groß und sogar mit einem eigenen Hahn für heißes Wasser. Alles in allem, ein ordentliches Hotelzimmer, in dem man bequem und – wie ich aus dem Preisschild neben dem Lichtschalter ersah – verhältnismäßig billig übernachten konnte. Der Liftboy – das wurde mir erst jetzt bewusst – hatte mich die ganze Zeit, während ich mich im Zimmer umblickte, von der Seite angeschaut. »Wünscht der Herr noch etwas?« fragte er jetzt, und ich meinte, ein Aufatmen aus seinen Worten herauszuhören. Hatte ich vielleicht etwas übersehen, wovor er Angst gehabt hatte, dass ich es entdecken könnte? »Danke«, sagte ich langsam, »stellen Sie den Koffer nur dort auf den Stuhl.« Und ich schaute nochmals schnell in alle Winkel; aber nichts Verdächtiges war zu erkennen. »Ich wünsche dem Herrn eine angenehme Nachtruhe!« Der Boy verbeugte sich elegant und trat einen Schritt zurück. Aber während er die Tür hinter sich zuzog, schaute er nochmals in mein Zimmer, und zwar auf eine ganz bestimmte Stelle. Er machte dabei ein Gesicht, dass man sich fürchten konnte. Daran mochte jedoch, wie mir noch rechtzeitig einfiel, allein der Spiegel schuld sein; denn ich hatte den Boy nur im Spiegel beobachten können, in diesem Spiegel, der einen dick und hässlich machte. Wo hatte der Junge aber nur so angestrengt hingestarrt? Ich stellte mich selber an die Türe und probierte die verschiedensten Richtungen aus. Es gab keinen Zweifel: Dort zwischen Fenster und Schreibtisch musste es sein – wenn es in diesem Zimmer überhaupt etwas Besonderes gab. Auf den Zehenspitzen schlich ich hin. Ich brauchte den Vorhang, dessen giftgrüne Farbe mir erst jetzt auffiel, gar nicht zur Seite zu schieben. Dort, hinter dem Tisch, leuchtete es mir in Stuhlhöhe schon von der hellfarbenen Tapete entgegen: ein großer, roter Fleck. Blut! Einzelne Tropfen waren weit zur Seite gespritzt, und die ganze Stelle sah aus, als habe man versucht, das Blut mit Tüchern wieder abzuwischen; aber es war wohl schon zu tief in das Papier eingedrungen gewesen. Etwas nachgedunkelt sah mich der grausige Fleck an und schien zu sagen: Hüte dich! Dass es dir nicht auch so ergeht! Und zum zweiten Mal lief es mir kalt über den Rücken. Wenn ich nicht sicher gewesen wäre, in der ganzen Stadt kein freies Zimmer mehr aufzutreiben – ich wäre wahrlich noch im gleichen Augenblick aus Nummer 117 hinausgestürzt. Und wenn ich zu Fuß alle fünf Stockwerke hätte hinunterrennen müssen! In dieser Jahreszeit aber im Freien zu übernachten, schien mir doch noch unangenehmer, als neben einem Blutfleck auf der Tapete einzuschlafen. Der Schlaf, den ich in allen Gliedern spürte, gab den Ausschlag: Ich blieb. Während ich einiges aus meinem Koffer auspackte und mich wusch, überlegte ich, was hier eigentlich passiert sein mochte. Das Naheliegende war, an einen Mord zu denken. Man verspritzte ja sein Blut nicht zum Zeitvertreib! Und dass sich jemand beim Rasieren nur ein bisschen die Haut geritzt hatte, das konnte mir niemand weismachen; dafür war der Blutfleck an der Wand denn doch zu groß. Wie aber kam denn der ruchlose Mörder überhaupt in mein Zimmer, fragte ich mich weiter. Im Hotel sperrt man seine Tür bekanntlich von innen ab, um unbesorgt schlafen zu können. Vielleicht – oh, vielleicht hatte der Mörder unter dem Bett versteckt gelegen? Oder hatte er sich im Kleiderschrank verborgen gehalten? Ich ließ wie von ungefähr meine Seife fallen, und während ich sie wieder aufhob, schielte ich schnell unter das hochbeinige Bett. Da lag aber nur eine Schachtel darunter, die zu klein war, als dass sich jemand darin verstecken konnte. Also blieb nur noch die eine Möglichkeit: der Schrank! Aber halt! Köpfchen! Wenn ich jetzt die Tür aufsperrte, stürzte mir der Kerl womöglich mit gezogenem Messer entgegen! Schlau muss man sein, sagte ich mir und trug leise den Stuhl neben den Schrank. Dann stellte ich mich auf den Stuhl und öffnete die Schranktür, indem ich meinen mitgebrachten Kleiderbügel in den Schlüsselring steckte und langsam drehte. Das Schloss sprang zurück; die Türe ging mit leisem Wimmern ein Stück weit auf. Es war nur gut, dass ich das Schrankinnere im Spiegel, der über dem Waschbecken hing, vollständig, wenn auch reichlich verzerrt, sehen konnte. Ich atmete auf: Der Schrank war leer. Gedankenlos wickelte ich ein mitgebrachtes Butterbrot aus und fing an zu kauen, obwohl es mir gar nicht schmecken wollte. Ich redete mir jedoch ein, dass ich bei Kräften bleiben müsse, denn wer wusste schon, was mir zwischen den blutbesudelten Wänden noch alles bevorstand! Der Mörder weilte also nicht im Zimmer; das war fürs erste recht beruhigend. Aber konnte er nicht noch hereinkommen? Ich vergewisserte mich, dass die Tür fest verschlossen war. Obendrein schob ich noch den Riegel vor. Nun war es auch einem gewiegten Einbrecher unmöglich, von außen aufzumachen. Aber mein Zimmer hatte ja auch ein Fenster! Konnte man nicht vielleicht von dort …? Oder kauerte nicht schon einer hinter dem zugezogenen Vorhang? Ich tat, als würde ich meine mitgebrachten Hausschuhe anziehen – und warf dann blitzschnell meinen einen Stiefel gegen den Vorhang. Es gab ein Geräusch, wie wenn einem Besiegten die Puste ausgeht; aber dann war es doch nur der morsche Vorhangstoff gewesen, wie sich anschließend herausstellte, der sein Leben ausgehaucht hatte. Allein, der Riss war noch nicht das einzige Missgeschick! Fast gleichzeitig klirrte es nämlich, wie wenn Glas splitterte, und die innere Scheibe des Doppelfensters war entzwei. Schreck lass nach, stöhnte ich, das wird eine teure Übernachtung geben! Aber immerhin blieb mir die Gewissheit, dass niemand hinter dem Vorhang lauerte … Aber es wurde nicht nur eine teure Rechnung, sondern auch eine unruhige Nacht! Und dabei stellte sich dann am Morgen heraus, dass der rote Fleck nur von einer Tomate herrührte, die eine Dame Tags zuvor an die Wand geworfen hatte – aus Wut über den Spiegel, der einen so dick und hässlich machte.