Das Gespenst der Kloster

»Wenn ihr damit fertig seid«, sagte der Bruder Sakristan und deutete zur Kommunionbank, »dann könnt ihr euch mal übers Ewige Licht machen. Aber blitzblank! Die goldene Ampel muss nur so funkeln!« Daran hatten wir uns bis jetzt noch nie wagen dürfen. Das war etwas Neues. Und wir drei waren uns wortlos einig, gleich mit dieser weit reizvolleren Arbeit zu beginnen. Schließlich konnte es dem Küster sonst auch einfallen, die Ampel, die jetzt fast auf den Steinfließen streifte, vom Kirchenspeicher – wir kannten uns dort droben recht gut aus! – wieder hochzuziehen. »Schaut mal!« wies Theo, während wir die mächtige, herrlich gearbeitete Ewig-Licht-Schale bewunderten, auf etwas Blitzendes, das unter der Kugel hing, in der die drei schweren Halteketten zusammenliefen. »Schaut mal, ein ganz kleines goldenes Figürchen!« »Ein Engel!« meinte Otto. »Aber er hat weder Flügel noch lange Haare«, stellte Theo sachlich fest. »Vielleicht ein Hirtenjunge aus einer kostbaren Krippendarstellung«, riet ich, um auch etwas zu sagen. »Aber warum hängt er denn verkehrt herum? Mit dem Kopf nach unten?« Darauf wusste ich nun auch keine Antwort. Da machte Otto auf das Spruchband aufmerksam, das dem kleinen goldenen Knaben aus der linken Faust herausflatterte. Wir entzifferten gemeinsam die winzigen Buchstaben, die hineingeätzt waren: »Inoboedientia semper perrumpit.« Und dann noch ein paar große Buchstaben, die aber überhaupt kein lesbares Wort ergaben. »Es ist Latein!« jubelte Theo, der in die erste Klasse des Gymnasiums ging und sich nicht wenig freute, wenigstens die Gattung der fremden Sprache herausgefunden zu haben. »Semper heißt immer!« wusste Otto. »Aber perrumpit? Und inoboedientia? Das ist vielleicht ein Name!« Ich wusste auch nichts Bestimmtes. Also sagte ich, was ich oft von meinem Lateinlehrer zu hören bekam: »Na, klassisches Latein ist das aber auch nicht!« »Was habt ihr drei denn für lateinische Sorgen?« ertönte da halblaut hinter uns eine tiefe Stimme. Wir fuhren herum. Der Pater Prior! Wir grüßten so artig, wie wir nur konnten. Und dann zeigten wir ihm unsere Entdeckung. »Hm, hm«, machte der hochwürdige Herr und strich sich mehrere Male über den dichten, schönen Mönchsbart, »das hatte ich nun auch noch nie gesehen.« Er beugte sich und studierte die Inschrift genauer. »1721 also«, murmelte er dann und legte den Finger auf die sonderbaren Buchstaben am Schluss, die offenbar eine Jahreszahl ergaben. Aber wir hätten doch gar zu gerne gewusst, was die drei Worte bedeuteten! Jedoch der Klosterobere verriet es uns noch nicht. »Übermorgen nach der Nachmittagskirche könnt ihr einmal dableiben; die anderen natürlich auch. Vielleicht kann ich euch dann mehr dazu sagen. – So, und jetzt brecht mir nichts ab beim Putzen!« Damit ließ er uns mit der goldenen Ampel und den weichen Poliertüchern allein. Wir konnten kaum den nächsten Sonntagnachmittag erwarten. Sonst waren wir immer gleich nach der Andacht auf dem Klosterspeicher verschwunden, wo wir unser Reich hatten. Es war dort oben immer ein wenig düster, ja geheimnisvoll unter dem alten, staubigen Dachgebälk. Aber das liebten wir, und dass der Speicher für uns verboten war, erhöhte nur seine Anziehungskraft. Er lockte uns wie ein Abenteuer. Heute jedoch verzichteten wir auf unseren gewohnten Besuch im Dämmerreich von Balken, Brettern, Ziegeln und Kaminen. Nicht aus plötzlichem Gehorsam etwa, sondern aus Neugierde, was der Pater Prior wohl über das kleine goldene Figürchen an der Ewig-Licht-Ampel zu erzählen hatte und wie wohl die Inschrift hieß, die auch Franz, unser bester Lateiner, nicht übersetzen konnte, weil die Schale längst wieder in ihrer gewöhnlichen Höhe hing und wir drei Entdecker die schwierigen Worte – außer semper – nicht mehr richtig zusammenbrachten. Hei, da stand ja schon der Klosterobere unter der Sakristeitür und winkte. Er ging uns in den großen Saal voraus; das war die Bibliothek. Keiner von uns Ministranten war schon da drinnen gewesen. Wir staunten: An allen Wänden Büchergestelle bis zur Decke. Richtige hohe Leitern davor. Wo man auch hinsah: Bücher und nochmals Bücher! War dieser Saal nicht noch düsterer als unser Speicher? Wer diese Bücher alle geschrieben hatte? Und erst wer die alle lesen musste! Mir gruselte … Mittlerweile war der Pater Prior an einen Tisch auf der Fensterseite getreten. Ein riesiges Buch, schwerer als ein Messbuch, wie Theo feststellte (und er musste es genau wissen, denn er war schon zweimal mit dem Messbuch hingefallen), lag dort aufgeschlagen. Da hinein deutete Pater Prior, und wir lasen über seinem Finger: »1721 – 3. Februar.« »Aber das ist ja alles mit Tinte geschrieben!« wunderte sich Heinz. »Ganz recht«, erklärte der Pater, »das ist nämlich ein Band aus unserer Klosterchronik. Und darin habe ich auch das Geheimnis um unsere Ewig-Licht-Ampel und den goldenen Knaben gefunden. Aber ich will es euch erzählen, wie sich alles nach den Berichten zugetragen hat.« Wir durften uns auf mehrere Kisten und einige große Bücher mit starkem Ledereinband setzen und hörten bestimmt aufmerksamer zu, als wenn der gute Pater von der Kanzel herunter gepredigt hätte. »Vor mehr als zweihundert Jahren standen hier schon Kloster und Kirche. Das Gotteshaus freilich war damals zum Teil niedergebrannt gewesen und die Bauarbeiten noch nicht ganz fertig. Selbstverständlich gab es auch damals Ministranten in unserer Klosterkirche, und die waren halt vom gleichen Holz geschnitzt wie ihr – oder nicht? Jedenfalls stellt euch vor -« dabei sah uns der Pater der Reihe nach an, »die gingen damals immer wieder heimlich auf den Klosterspeicher hinauf, obwohl es ihnen streng verboten war!« Der Pater Prior machte eine kleine Pause, und von uns dachte jeder: »Allerdings, Kerle wie wir!« Und wir schauten dabei schnell irgendwo anders hin, nur nicht dem Klostervorsteher ins Gesicht. Der führ schon weiter:
»Damals besaß der hiesige Klosterspeicher sogar einen Anziehungspunkt mehr als heute, nämlich – ein Gespenst! Die Leute in der Stadt erzählten es sich wenigstens so: Wissen Sie schon …? Haben Sie das noch nicht gehört? Im Klosterspeicher geht es um! Ja, ganz bestimmt, ein toter Pater geht dort um! Und ihr habt es vielleicht auch schon erfahren: Nichts wird von manchen Leuten so leicht geglaubt wie eine Spukgeschichte. Nun, für die damaligen Ministranten war es nur ein Grund mehr, den abenteuerversprechenden Kirchenspeicher aufzusuchen. Eines Spätnachmittags tummelten sie sich wieder einmal oben. Es war im Jahre 1721, genau einen Tag nach Maria Lichtmess. Einer von den Jungen – wir wissen sogar seinen Namen aus der Chronik; er hieß Johannes und ging etwa in die letzte Volksschulklasse – musste seine Kameraden suchen, die sich in die dunklen Speicherwinkel oder auf schräge Dachbalken oder unter die Bretter versteckt hatten, die damals, allerdings nur zur Hälfte erst, über dem Steingewölbe der Kirche lagen. Ja, dort, wo das Ewig-Licht-Seil durch die Decke ging und das Gewölbe fast einen Meter weit durchbrochen war, war nur eine leichte Stuckverzierung angebracht, die nach unten hin das Lüftungsloch so verdeckte, dass die verbrauchte Kirchenluft noch durch die Spalten abziehen konnte. Diese Stelle nun … aber ich will ja der Reihe nach erzählen! Unser kleiner Johannes hatte also bis dreißig gezählt, laut und langsam, wie es die Spielregel erforderte. Jetzt drehte er sich um, ob er irgendeinen der versteckten Kameraden erspähen könne. Ah, da vorne! – Aber nein! Was Johannes durch die verschiedenen offenen Zwischentüren hindurch kommen sah, war – ein Mönch! Der Junge schreckte zusammen. Schon deswegen, weil es ja verboten war, den Klosterspeicher zu betreten. Noch mehr aber, weil der Mönch, der da langsam näher kam, so sonderbar aussah. Man konnte nämlich gar kein Gesicht erkennen. Er trug die Kapuze tief über dem Kopf. Jetzt jagte dem erregten Knaben ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf: Das ist sicherlich … Der Geist! schrie er auf und stürzte mit einem Angstschrei davon. Er wollte über das Loch springen, von dem ich euch eben erzählt habe, stolperte in der Aufregung und – sprang mitten hinein. Natürlich hielt die dünne Gipsverzierung nicht. Polternd krachte sie mit dem Jungen in das Kirchenschiff hinunter.« GespenstDas Gespenst im Kirchenspeicher Wir saßen atemlos gespannt. Warum dieser kleine Johannes aber auch … Da begann der Pater Prior aber schon wieder weiterzuerzählen.
»Einmal versuchte sich Johannes noch am Seil, das die schwere Ampel trug und an einem Dachbalken festgemacht war, anzuklammern, er musste aber gleich wieder loslassen, bekam es nochmals zu fassen und vermochte sich wiederum nicht zu halten. Er stürzte auf die Steinfliesen zu … Im letzten Moment dann blieb er mit der Jacke an einem Zacken des Ewigen Lichtes hängen, von wo ihn der erschrockene Bruder Sakristan wie einen reifen Apfel abpflückte.«
Gott sei Dank! Das war ja noch gut abgegangen! Mäuschenstill war es in dem großen Bibliothekssaal. Wir Buben hielten wohl alle ein wenig Gewissenserforschung. Nach einer Weile fragte Otto, der immer sehr praktisch eingestellt war: »Ist er dann noch bestraft worden?« »Das weiß ich nun nicht«, antwortete der Prior mit leisem Schmunzeln.
»Ich denke, der Schrecken hat ihm genügt. Er wird künftig sich ein bisschen mehr um Gebote und Verbote gekümmert haben!«
»Und der Mönch – war das wirklich …«
»Das war natürlich kein Gespenst, sondern ein richtiger lebendiger Pater, der, in seinem Studium gestört, einmal im Speicher nach dem Rechten sehen wollte.«
»Aber die Kapuze!«
»Die hatte er sich fest über die Ohren gezogen, denn es war ein empfindlich kalter Februartag.«
Wir schnauften auf. Jetzt wussten wir also die Geschichte.
»Aber der lateinische Satz mit … semper!« erinnerte Theo.
»Kommt gleich«, tröstete der Pater. »Da schaut nochmals in die Chronik!«
Er überschlug einen dicken Pack Blätter und deutete auf einen Absatz. Franz, als der Älteste von uns, durfte vorlesen, und der Prior half ihm dabei:
»Heute erschien der Goldschmiedegeselle Johannes Tegener, der zuletzt in Augsburg bei dem berühmten Meister Thellot gelernt hat, und überbrachte sein Gesellenstück: eine zierliche, aus Gold getriebene Figur eines Knaben. Er bat, diese bei der Ewig-Licht-Ampel unserer Klosterkirche aufzuhängen, zum Andenken an seine Rettung vor drei Jahren, wo er als Ministrant durch den Speicherboden gebrochen und an der Ampel hängengeblieben war. Dem Figürlein hat er nach eigenem Entwurf ein gleichfalls goldenes Spruchband in die linke Faust gegeben mit den Worten: Inoboedientia semper perrumpit.«
»Und was heißt das auf deutsch?« fragte uns der Pater Prior.
Da wir kleinen Lateiner aber alle beharrlich schwiegen, sogar der gescheite Franz, übersetzte er es uns selber:
»Merkt es euch gut«, sagte er, und dabei schaute er uns wieder sehr eindringlich durch die dunkle Brille an, »merkt es euch recht gut, ihr Schlingel: Ungehorsam bricht allemal durch!«

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Info 24.09.2017 - 03:17
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