Thema: Geister- und Gespenstergeschichten!

Wir saßen auf der Veranda der Jugendherberge beisammen. Kurt hatte uns eine Gespenstergeschichte erzählt, dass einem das Blut in den Adern gefrieren konnte. Nun mochten wir noch nicht in unsere Betten gehen.
Zunächst schwiegen wir eine Weile, dann warf einer eine Trage in den Kreis, und am Schluss hatten wir das schönste Rundgespräch. Thema: Gespenstergeschichten! Kurt, der sich in dieser Literaturgattung am besten auszukennen schien, reihte wahllos ein paar Höhepunkte aus »klassischen« Gespenstergeschichten aneinander. Das lautete etwa so:
»Hämisch grinsend, in der linken Hand ein Kerzchen, in der rechten so ein langes Messer! Nur noch zwei Schritte war sie entfernt, jetzt nur noch einen, und jetzt … jagte dem erregten Knaben ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf: das ist sicherlich … ›Der Geist!‹ schrie er auf und stürzte mit einem Angstschrei davon … Und dann – dann ging das Auge auf – langsam – ganz langsam – lauernd – oh, so lauernd … ›Wer hat mein goldenes Beinchen? Wer hat mein goldenes Beinchen?‹ wimmerte es währenddessen am Fenster … und wirklich, da vorne stand einer im Totenhemd; der winkte ihm …«
»Na, wem es da nicht gruselt!« nahm Oskar das Wort. »Aber man sieht doch schon aus diesen Beispielen deutlich, dass allein die Fantasie unserer Dichter und Geschichtenerzähler die Gespenster geboren hat!« Richard widersprach ihm sehr energisch. »Es gibt schon Gespenster!« behauptete er. »Freilich sehen die ein wenig anders aus, als wir es uns gewöhnlich ausmalen. Darf ich vielleicht dazu eine Geschichte erzählen?
In meiner Heimatstadt hatte eine Frau in der Lotterie gewonnen. Sie verwahrte das viele Geld auf der Sparkasse. Eines Abends nun saß die Trau in ihrer Stube – die Wohnungstür hatte sie fest verriegelt! -, da ging plötzlich die Zimmertür auf und herein sprang fauchend und polternd eine schwarze Spukgestalt. Unter Drohen befahl der unheimliche Gast der zitternden Frau: ›Schaff mir bis Morgennacht dein Geld zur Stelle. Sonst bring’ ich dich um!‹ Dabei ahmte er deutlich die Bewegung des Halsabschneidern nach.
In ihrer Angst versprach die Frau ihm alles. Doch am nächsten Morgen kamen ihr Bedenken, und sie meldete den Vorfall der Polizei. Daraufhin schickte man ihr heimlich einen Polizisten ins Haus, der sich hinter dem Ofenschirm versteckte.
Und wirklich! Spät am Abend erschien das Gespenst erneut und verlangte das Geld. Die Frau deutete auf eine Schachtel, die auf der Fensterbank stand. Unter Murmeln und Fauchen wollte sich der schwarze Geselle die Schachtel holen. Als er jedoch am Ofen vorbeikam, sprang der Polizist vor, packte den Unheimlichen und zerrte ihn in den Lichtkreis der Lampe. Da stellte sich nun heraus, dass es keineswegs ein höllischer Geist, sondern ein reichlich angerußter Einbrecher war!« »Ja, das gibt es natürlich auch«, ließ sich jetzt Rudi vernehmen, »dass Leute die Rolle eines Gespenstes spielen, um dadurch irgendeine Untat zu tarnen. Aber meistens wird es doch so sein, dass sie etwas anderes im Schilde führen, wenn sie sich schwarz anstreichen oder ein weißes Bettuch über den Kopf werfen. Auf unserer letzten Sommerfahrt hatten wir so ein Erlebnis. Wenn ihr es hören wollt?
Wir zelteten damals in der Nähe einer Schlossruine. Alfons, unser Gruppenführer, hatte ein paar Gespenstergeschichten erzählt und dann gefragt: ›Wer fühlt sich jetzt noch stark genug, um heute Nacht Wache zu stehn?‹ Natürlich wollte keiner von uns als Feigling gelten, und so meldeten sich selbst unsere Jüngsten.
Um Viertel nach Zwölf kommt Elmar in mein Zelt gekrochen. ›Du, Rudi!‹ flüstert er erregt. ›Komm schnell heraus! Da draußen steht jemand!‹
›Wo?‹ frage ich.
›Auf dem Weg zum Schloss! Schnell!‹
Ich krieche schleunigst aus meinem Schlafsack, fingere nach meiner Taschenlampe, um meine Sandalen anzuziehen. Jetzt erst sehe ich, wie blass Elmar ist; er zittert vor Angst.
›Habt ihr Alfons schon geweckt?‹
›Der ist nicht wachzukriegen!‹ flüstert Elmar. ›Hoffentlich ist ihm nicht schon was geschehen!‹
›Na, so schlimm wird es nicht sein!‹ suche ich zu beruhigen, aber ich bringe kaum selber vor Aufregung meine Schuhriemen zu. Endlich kriechen wir beide ins Freie. Langsam, vorsichtig wie Jäger in der Nähe des Wildes, so pirschen wir uns durch unsere kleine Zeltstadt.
›Da vorne!‹ deutet Elmar.
Vor dem Zelt unseres Gruppenhäuptlings stehen fünf, sechs, sieben Buben zu einem schwarzen Klumpen zusammen, Jetzt kommt auch Alfons schlaftrunken heraus.
›Was ist denn los?‹ fragt er und gähnt ganz laut. Aber ich merke, er tut nur so schläfrig. Warum bloß!
›Da vorne!‹ deutet Elmar wieder, und nun schaut auch Alfons zum Waldrand hin. Da steht einer.
Tatsächlich! Da steht einer!
›Was denn?‹ fragt Alfons wieder. ›Was soll denn da vorne sein?‹
›Ja, siehst du denn nicht?‹ fragen drei, vier gleichzeitig. ›Dort bei dem Busch steht doch einer!‹
›Dann geht doch einmal hin und fragt, was er will! Da weckt man doch nicht gleich das ganze Lager! Wer hat denn jetzt Wache?‹
›Der Ernst und der Elmar!‹ GespenstergeschichtenGeister und Gespenster-Diskussion ›Nein!‹ wehren sich die beiden. ›Es ist schon halb eins, und da kommen Fritz und Willi dran!‹
›So übergibt man aber keine Wache!‹ entscheidet Alfons.
›Los, Elmar und Ernst! Hingehen und nachschauen, ob wirklich jemand dort steht!‹
›Ja, siehst du ihn denn immer noch nicht?‹ fragen jetzt alle.
›Ob wirklich jemand dort steht‹, fahrt Alfons weiter, ›und wenn, dann fragt ihn, was er will!‹
Elmar und Ernst schauen sich an. Ernst schüttelt den Kopf.
›Nein‹, meint da auch Elmar zu Alfons hin, ›du hast selber einmal zu uns gesagt: Wenns schwummrig wird, bin ich auch noch da!‹
Alfons verzieht das Gesicht; fast hätte er gelacht, glaube ich.
›Na, gut!‹ sagt er und geht.
Inzwischen sind wohl auch die letzten wach geworden und stehen hier draußen herum. In unserem Rücken brennt das Lagerfeuer. Unsere Körper werfen lange Schatten. Plötzlich knallt es hinter uns. Wir fahren erschrocken herum. Funken sprühen aus dem Feuer; es knallt und zischt! ›Alfons!‹ schreit Bruno, unser Lagerbenjamin. Aber von Alfons ist nichts mehr zu sehn. Schrecklich!
Und dabei war alles so harmlos gewesen, dass wir noch tagelang lachen mussten, wenn wir uns vorhielten, wer mehr erschrocken sei. Arthur hatte nämlich das Gespenst am Waldrand gespielt. Alfons, der Bescheid wusste, hatte sich absichtlich so lange schlafend gestellt. Und die Knallfrösche?
Die hatte ein dritter Eingeweihter im rechten Augenblick ins Lagerfeuer geworfen!« »Na ja«, meinte Kilian, der Längste in unserer Runde, »das mag immer wieder einmal vorkommen, dass übermütige Kerle ›Gespensterles‹ spielen! Aber meistens wird es doch so sein, dass uns irgend etwas wie Gespensterei anmutet, nur weil wir uns die Erscheinung nicht gleich erklären können:
Der Vollmond meinetwegen, der sich in einer Pfütze spiegelt, oder sonst irgendetwas durchaus Harmloses im Wald oder Moor, auf dem Speicher, im Keller oder in der Scheune …«
»Ja«, fiel ihm Willi in die Rede, »da schreit zum Beispiel ein Nachtvogel wie ein kleines Kind, das man hinter dem Busch versteckt glaubt. Oder ein Strauch nimmt in der Dämmerung die Form eines Menschen an, und ein Ast, der im Winde auf und niederwippt, täuscht uns den Stutzen eines Wildschützen vor. Wenn Tiere durchs Dickicht brechen, meint man gleich Räuber zu hören, und wenn das Mondlicht auf eine weggeworfene Zeitung fällt, denken wir: es spukt! ›Gespenster‹ rufen wir – und dabei hat uns die Natur nur ein bisschen geneckt!« »Da hat mein Vater einmal etwas erlebt!« wusste Klaus zu berichten.
»Spät am Abend sah er in seinem Gartenhäuschen ein Licht brennen.
Ruhig, unbeweglich leuchtet es im Dunkel der Nacht. ›Mal sehen, was das ist!‹ sagte sich mein Vater und ging darauf zu. Aber je näher er hinkam, desto größer wurde das Licht, so groß wie ein Suppenteller etwa.
Und jetzt, jetzt wurde es wieder kleiner mit jedem Schritt! Das war doch merkwürdig! Als mein Vater nun dicht davorstand, war es nur noch ein leuchtendes Pünktchen.
Doch es war kein Spuk, wie mein Vater erleichtert feststellen konnte, vielmehr nur ein Johanniswürmchen. Das saß genau im Mittelpunkt eines von Tautröpfchen beperlten Spinngewebes, in dem sich sein Lichtlein spiegelte, das je nach der Entfernung des Beschauers größer oder kleiner erschien.« »Darf ich also zusammenfassen?« lachte Kurt, der unseren Diskussionsleiter spielte. »Wenn Leute meinen, sie hätten ein Gespenst gesehen, so ist da meistens Angst oder Einbildung schuld. Gespenster gibt es nicht!«
Doch da meldete sich Gerald zu Wort und erzählte folgende Spukgeschichte aus seiner Heimat:
»In einer Ortschaft im Sudetenland steht ein altes Holzhaus, in dem es um Mitternacht nicht geheuer ist; genau von zwölf Uhr bis null Uhr fünfzehn soll es dort spuken. Hier wohnte einst ein Beamter der Holzfabrik, die gleich gegenüber liegt; der hatte nichts anderes im Kopf als Schimpfen und Schlagen und Fluchen! Selbst sein Weib, das herzensgut und fromm war, verschonte er nicht.
Eines Tages nun war die Frau tot. So schrecklich hatten die Nachbarn den Mann noch nie fluchen hören wie jetzt, wo er seine Frau in den Sarg legte. Keinen ließ er heran; ganz allein schaffte er den Sarg in die nahe Großstadt.
Kurz danach brachte er auch seine zwei Kinderchen auf die gleiche Weise weg, und schließlich zog er selber in die Stadt.
›Er hat sie erwürgt‹, flüsterten nun manche im Dorf, ›erwürgt, weil die Frau ihre Kinder taufen lassen wollte!‹
Nicht lange, da kam aus der Stadt die Nachricht von seinem schimpflichen Ende: Er hatte sich selber erhängt.
Seitdem muss er in jenem Holzhaus Nacht für Nacht seine Verbrechen wiederholen. Man hört markerschütterndes Kindergeschrei, Gepolter, als wenn Betten, Schränke, Tische und andere Möbel umgeschmissen würden, und dazwischen immer wieder seine deutlich fluchende Männerstimme. Kein Mensch will in dieser unseligen Dachkammer wohnen.
Eines Nachts waren nun zwei Männer im Ort sternhagelbetrunken, als es wieder zu rumoren anfing. Mutig gemacht vom Alkohol, beschlossen sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie torkelten die Treppe hinauf und rissen die Kammertüre auf. Undurchdringliches Schwarz gähnte sie an.
Plötzlich klatschte jedem ein Faustschlag ins Gesicht, eine Hand griff nach ihrem Hals … Sie rissen sich los und stürzten die Treppe hinunter.
Erschöpft und käseweiß brachen die beiden Männer in der Küche zusammen. Der Spuk aber treibt noch heute in jenem Holzhaus sein grausiges Spiel.« »Ach was!« Jochem, der Gerald genau gegenüber saß, machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Spinnstubengeschichten sind das!« meinte er. »Mein Vater hat mir erzählt, dass vor siebzig, achtzig Jahren in keinem Bauernhaus das Spinnrad fehlte und dass man mit dem Spinnen die langen Winterabende verbrachte. Da saß dann die ganze Familie, manchmal auch noch die Nachbarschaft, beisammen, und man erzählte sich zur Arbeit Geschichten. Keiner konnte die nachkontrollieren, und jeder schmückte sie noch ein bisschen gruseliger aus. Und am Schluss – wurden sie wirklich geglaubt!« »Ich kenn’ auch so eine Spinnstubengeschichte«, schaltete sich Wolfgang ein, der aus Nordwestdeutschland war. »Ihr denkt nun sicher, was soll schon in dem flachen Land, wo es keine Berge und keine großen Wälder gibt, an Gespenstern herumgespukt haben! Doch die scheinen sich gerade im Land der Heide und der Moore und der Birken an den Straßen recht wohlgefühlt zu haben …
Etwa um die Zeit Karls des Großen stand dort, wo heute am Ostufer der Ems die Stadt hingen liegt, die Burg des grausamen Raubritters Machurius. Lange schon hatte er seine Nachbarn gequält. Endlich beschlossen die, seinem gewalttätigen Treiben ein Ende zu setzen.
Eines Nachts überrumpelten und töteten sie die Besatzung der Burg, zündeten das Raubnest an und besetzten alle Ausgänge, weil sie den Machurius lebendig haben wollten. Er hatte sich nämlich nach verwegener Verteidigung ins Innere seiner Teste zurückgezogen.
Allein, die Sieger warteten vergebens auf ihn. Als die Gemäuer schließlich zusammenbrachen, nahm man allgemein an, dass er unter den rauchenden Trümmern begraben liege.
Und wirklich, der schwerverletzte Raubritter stöhnte in einem Winkel seiner qualmenden Burg und merkte, dass er bald sterben müsse. Da sah er plötzlich neben sich zwei Wesen stehen: bei seiner Schwerthand eine schöne, lichte Gestalt, die ihn zur Reue und Buße aufforderte und ihm dafür einen himmlischen Lohn versprach; bei seiner Schildhand einen finsteren Gesellen, der ihm Befriedigung seiner Rache bot, wenn er ihm als Entgelt sechs Monate des Jahres diene.
Machurius war in seinem furchtbaren Grimm sofort bereit, auf den zweiten Vertrag einzugehen. Er ritzte sich mit einer Nadel die linke Seite und unterschrieb mit dem herausfließenden Blut das Dokument, das ihm der höllische Vertragspartner reichte. Dann drehte er sich um. Machurius war tot.
Die umfangreichen Güter des Raubritters hatten die Teilnehmer des nächtlichen Rachezuges unter sich aufgeteilt. Doch sie wurden ihres neuen Besitzes nicht froh: Kaum war ein halbes Jahr vorbei, so begann der Geist des Raubritters sein nächtliches Unwesen zu treiben, soweit seine früheren Besitzungen reichten. Es wurde so schlimm, dass diese Gegend, von den Leuten ängstlich gemieden, für Jahrhunderte öde und verlassen blieb.
Später wurde das Land an der Ems Eigentum der mächtigen Grafen von Tecklenburg. Ein Sohn des regierenden Grafen, der von einem Kreuzzug aus Palästina in die Heimat zurückgekehrt war, fasste den Entschluss, auf den Trümmern des verfallenen Raubnestes seine Burg zu errichten. Obgleich ihm wegen des dort hausenden Geistes dringend abgeraten wurde, ging er unerschrocken ans Werk, erbaute die Burg und warb Siedler für das umliegende brache Land.
Nur zögernd folgten die Bauern seiner Aufforderung, denn je mehr die Bevölkerung der neu angelegten Stadt wuchs, desto häufiger und bösartiger wurden auch die Untaten, die der Geist des Machurius nächtlicherweise verübte.
Da versprach der Graf den Mönchen, die es wagen würden, den Unhold zu bannen, ein Kloster zu stiften. Es meldeten sich zwei Benediktiner, die dazu bereit waren. Am Morgen fanden sich die Gläubigen der ganzen Umgebung ein, um beim feierlichen Messopfer für einen guten Ausgang der Sache zu beten. Danach zogen die beiden Mönche zu dem Platz, wo der Geist am liebsten hauste, zogen um den Ort einen Kreis heiliger Kreuzeszeichen, beteten das Benedicite, riefen den Geist dreimal beim Namen, sprachen die geheimnisvollen Bannworte, besprachen den Geist und zwangen ihn, in einem bereitstehenden Wagen zwischen ihnen Platz zu nehmen.
Schleunigst fuhren sie nun zum Stadttor hinaus. Aber auch fetzt besaß der Unhold noch große Gewalt: Dem neugierigen Fuhrmann, der sich trotz Warnung der Mönche einmal umsah, saß der Kopf gleich verkehrt auf dem Rumpfe. Und nochmals zeigte der Geist seine unheimlichen Kräfte, als der Wagen mit der Fähre über die Ems gesetzt wurde: Machurius drückte so sehr auf das Schiff, dass es zu versinken drohte. Trotzdem erreichte man wohlbehalten das gegenüberliegende Ufer, und die Mönche führten den Geist noch tiefer in die Heide hinein. Im Laufe der Jahrhunderte aber soll sich der Geist der Stadt schon wieder bedenklich genähert haben!«
»Oho!« lachte Werner. »Dann müssen wir uns ja vorsehen, dass er uns nicht erwischt, wenn wir mal in eure Gegend kommen!« Und er stellte nochmals fest: »Es bleibt dabei: Es gibt keine Geister und Gespenster!« Theo, der bis jetzt geschwiegen hatte, schüttelte den Kopf. »Es gibt keine Gespenster, aber Geister«, sagte er langsam. »Gespenster sind nur Witzblattfiguren! Aber Geister gibt es, weil Gott selber ein Geist ist. Auch die Engel sind von Gott als reine Geister erschaffen. Also ist auch der Teufel, der doch zunächst zu den himmlischen Chören gehörte, ein Geist. Und jeder Mensch besteht neben dem Leib aus dem Geist! Geist ist mithin etwas Gott geschaffenes! Und weil jeder erschaffene Geist irgendwie dem ungeschaffenen Geist – also Gott! – ähnlich ist, deshalb ist Geist etwas Großes und Gewaltiges. Nichts Lächerliches!«
Theo hatte unserem Gespräch eine ganz neue Richtung gegeben. Leo, der neben ihm saß, griff den Gedanken auch gleich noch einmal auf. »Klar, dass es Geister gibt!« meinte er. »Und wer glaubt, es gäbe keine, der soll doch nur einmal in seinem Katechismus nachlesen!« »Aber ein Geist – das ist doch etwas Unsichtbares?« fragte Helmut. »Weil er doch ganz und gar nicht aus Stoff besteht! Wie kann es dann sein, dass man so einen Geist sieht? Oder gar hört und spürt?«
Franz, der aus der gleichen Stadt wie Helmut kam und sich in der Bibel auszukennen schien, zählte auch gleich ein paar Begebenheiten aus dem Neuen Testament auf, wo Geister für Menschen wahrnehmbar waren:
»Der Engel zur Rechten des Rauchopferaltares, als Zacharias Priesterdienst hatte. Der Erzengel Gabriel im Haus von Nazareth. Die himmlischen Boten auf den Fluren vor Bethlehem. Der Teufel, als er Jesus versuchte. Die zwei Männer in glänzendem Gewand am österlichen Grab des Herrn. Der Engel, der Petrus aus dem Gefängnis befreite …«
Und nach einer kurzen Pause fuhr Franz fort: »Gott ist allmächtig; also kann er auch machen, dass Geister, die sonst nicht wahrnehmbar sind, von Menschen gesehen und gehört werden können, ja vielleicht nur von ganz bestimmten Menschen, wie es vielleicht im Kerker des Petrus der Fall war, wo die vierfache Wache den Engel wahrscheinlich nicht wahrnehmen konnte.« »Wenn ein Geist sichtbar wird«, führte Walter das Gespräch weiter, »dann doch nur mit Erlaubnis oder im Auftrag dessen, der alle Geister erschaffen hat! Dass aber Gott bisweilen einem Geist die Kraft dazu gibt, ist leicht einzusehen, wenn es dabei um das Heil eines Menschen geht!«
Und Walter erzählte dann noch den Bericht, den er in einer religiösen Zeitschrift gelesen hatte. »Es handelte sich um ein merkwürdiges Ereignis aus dem Leben des Jesuitenpaters John B. Pittar, der achtzehn Jahre als Seelsorger in der Stadt Washington gewirkt hat.
Mitternacht war es gewesen, als einmal ein kleiner Junge am Pfarrhaus läutete und Pater Pittar bat, zu einem Kranken zu kommen. Es war gegen ein Uhr nachts, als der Priester in das bezeichnete Haus kam. Die Fenster waren finster. Er fand die vordere Tür unversperrt und trat ein; da er im ersten Stock Licht bemerkte, ging er hinauf und klopfte an. Die Tür öffnete sich, und ein Mann mit einem Revolver trat dem Pater entgegen. Überrascht, einen Priester vor sich zu sehen, fragte der Mann den Pater grob, was er denn wünsche.
›Ich bin hierher zu einem Kranken gerufen worden‹, lautete die Antwort. GeistergeschichtenMitternacht – Pater Pittar ›Ich bin nicht krank‹, sagte der Mann, ›und ich habe Euch auch nicht verlangt! Wer hat Euch denn gerufen?‹
Der Priester schilderte den Knaben, so gut er es vermochte.
›Das ist die Beschreibung meines Knaben, der mir vor fünf Jahren gestorben ist!‹ antwortete der Mann mit sichtlicher Bewegung. ›Als mir der Knabe und seine Mutter gestorben waren, wurde ich schwermütig, und schließlich wollte ich mir das Leben nehmen und diese Absicht wollte ich gerade in der heutigen Nacht ausführen; in einigen Minuten wäre ich eine Leiche gewesen!‹
Pater Pittar redete nun dem Mann ins Gewissen, und als er nach längerer Zeit fortging, ließ er ihn in der besten Verfassung zurück. Überdies besuchte er ihn in der Folgezeit noch öfter.« »Schön«, sagte Kurt, der auf seine Armbanduhr geschaut hatte. »Dann können wir also zum Abschluss unserer Diskussion folgendes zusammenfassen:
Erstens: Es gibt ohne Zweifel Geister. Diese sind unsichtbar, können aber, wenn Gott es zulässt oder will, für Menschen wahrnehmbar werden. Aber so etwas wird dann immer eine ganz große Ausnahme sein!
Zweitens: Gespenster gibt es dagegen keine! Gespensterberichte beruhen auf Selbsttäuschung oder lassen sich auf irgendwelche Streiche zurückführen oder sind dichterische Erfindungen, um sich recht spannend zu unterhalten!
Drittens: Fürchten braucht man sich in keinem Fall! Denn entweder ist etwas gar kein Geist, dann müsste man sich hinterher nur selber auslachen! Oder wir erleben wirklich einmal etwas, was wir uns nicht erklären können, dann gilt: Gott ist der Herr auch über alle Geister!« Über unserem langen Rundgespräch war es späte Nacht geworden. Über dem Dach der Jugendherberge stieg das Sternbild des Großen Wagens auf.