Der Blutleere Menschenkopf

Buchhalter Zimperbach besaß einen Bücherschrank. Und dieser Bücherschrank hatte drei Fächer, und alle drei Fächer waren mit Büchern ganz vollgestopft. Es ging wirklich kein Band mehr hinein, und deshalb lagen wohl auch einige auf dem Tischchen gleich neben dem Bett. Buchhalter Zimperbach schien farbenfrohe Umschläge zu lieben: Die oberste Reihe leuchtete nämlich knallrot, die mittlere himmelblau und die unterste giftgrün. Die Bändchen mit dem giftgrünen Rücken waren die fürchterlichsten, alle miteinander waren sie aber nichts anderes als – Kriminalromane. Buchhalter Zimperbach hatte eine Leidenschaft dafür. Nur ein paar wenige Eingeweihte wussten, wie es sich genau verhielt: Wenn Herr Zimperbach seine Zahlenkolonnen abends gut im Geschäftstresor eingeschlossen hatte (damit sie ja niemand bis zum nächsten Morgen durcheinanderbringen konnte!), dann war er mit einem Mal ein ganz anderer Mensch. Dann war er Detektiv. Meisterdetektiv sogar! Heute beeilte sich Buchhalter Zimperbach ganz besonders, frühzeitig nach Hause zu kommen; denn heute hatte er ja noch den schwierigen Fall mit dem gestohlenen Halsband der Gräfin Ypsilon zu lösen! Da würde es sicher wieder Mitternacht werden, bis er den Täter entlarvt hatte – und den Roman in den Bücherschrank zurückstellen konnte! Dumm, dass es den ganzen Nachmittag über geschneit hatte! Man kam nur sehr mühselig und langsam mit dem Fahrrad vorwärts. Und Buchhalter Zimperbach wohnte doch ein gutes Stück außerhalb der Stadt! Er trat in die Pedale, dass er zu schwitzen begann. Aber dann – auf einmal – auf einmal – da wurde es ihm ganz kalt. Da sah er nämlich vor sich im Schnee, von seinem Fahrradlicht schwach angeleuchtet, eine Hand. Eine steifgefrorene, blutleere, weißschimmernde Menschenhand. Und ehe Herr Zimperbach noch bremsen konnte, strahlte der Scheinwerfer einige Meter weiter vorne einen Fuß an, einen steifgefrorenen, blutleeren, weißschimmernden Menschenfuß. Und – und – und nochmals weiter vorne, da lag etwas – Herr Zimperbach konnte es jetzt deutlich erkennen: Es war ein Kopf, ein steif gefrorener, blutleerer, weißschimmernder Menschenkopf. Mit hellblonden Haaren! PuppenkopfDer Kopf Buchhalter Zimperbach hätte nicht einmal die Hälfte aller Kriminalromane gelesen haben müssen, um sofort zu erkennen: Hier muss etwas Entsetzliches geschehen sein! Eine Bluttat, wie sie sonst höchstens in der giftgrünen Romanreihe vorkam! Wie es ihm gelang, sein Fahrrad auf der schneeglatten Straße ohne Unfall zu wenden und in drei Minuten an der Polizeiwache des Außenviertels zu sein, das vermochte Herr Zimperbach später selber nicht mehr zu sagen. Sein Fahrrad ließ er gleich einfach gegen die Hauswand fallen und stürzte mit zitternden Knien vier ausgetretene Stufen hinauf. Mit letzter Kraftanstrengung stieß er dann die Tür zur Wache auf und röchelte: »Mo – mo – mord!« Der Beamte hinter dem Schreibtisch sprang auf. Grell tönte seine Signalpfeife – und da kamen die anderen Polizisten auch schon aus dem angrenzenden Zimmer gerannt.
»Wo denn? Erzählen Sie doch!« rüttelte der Wachhabende Herrn Zimperbach an den Schultern.
Aber der Buchhalter war nur noch fähig, mit der Hand eine ungefähre Richtung anzudeuten. Doch dann gab er sich einen Ruck. Er, der große Detektiv, durfte jetzt nicht schwach werden! An ihm allein lag es doch, ob man den ruchlosen Mörder recht schnell dingfest machen konnte.
»Eine blonde – blonde Frau!« stotterte er also und versuchte, seiner Stimme Festigkeit zu geben. »Etwa drei Kilometer von hier, sta – sta – sta – stadtauswärts! Ermordet und ver – ver – grässlich verstümmelt! Vielleicht sind es auch mehrere; ich weiß – weiß nicht. Ich – ich – ich – ich bin nämlich gleich umgekehrt, als ich das O – o – opfer erblickte!«
Der wachhabende Polizist hatte schon die Nummer des Überfallkommandos gewählt und gab den Alarm weiter. Während draußen zwei Mann auf ein Krad sprangen und von fern die Sirene des Überfallkommandos aufheulte, wankte Buchhalter Zimperbach langsam zur Tür. Wie selbstverständlich folgte ihm einer der Polizisten. Zu zweit gingen sie die Straße entlang, und Herr Zimperbach schob sein Fahrrad. Er fühlte sich zu elend im Magen, um fahren zu können. In seinen Romanen waren ihm die Verbrechen eben doch nicht so nahgegangen! Auf halbem Wege wurde Herr Zimperbach vom Überfallkommando überbeeindruckten ihn tief. So nahe hatte er das eigentlich noch nie miterlebt!
Und diesmal waren sie sogar auf seinen – auf seinen! – Alarm hin gestartet. Irgendwie fühlte sich Buchhalter Zimperbach trotz seines schlechten Magens beinahe glücklich.
Sie werden mich anstaunen und loben, dass ich so schnell reagiert habe, dachte er. Und ich werde in die Zeitung kommen!
Als er nur noch zwanzig Meter vom Tatort entfernt war, liefen sie ihm auch schon entgegen. »Erschrecken Sie bitte nicht«, sagte der vorderste Beamte, der den steifgefrorenen, blutleeren, weißschimmernden Menschenkopf – in Händen trug. »Erschrecken Sie bitte nicht, Herr Zimperbach, es sind nämlich nur die Glieder einer Schaufensterpuppe, die von einem Lieferwagen heruntergefallen sein muss!«