Das Gespenst im Friedhof

Herr Knöpfle weilte schon über eine Woche im Kurbad, aber sein Leiden war keineswegs besser geworden, im Gegenteil: Er wog jetzt schon zwei Zentner und vier Kilogramm, also ganze drei Kilogramm mehr als daheim. Verwunderlich war beides nicht, weder dass Herr Knöpfle so schwer wog, noch dass er in einer Woche so viel zugenommen hatte. Herr Knöpfle war nämlich Inhaber eines gutgehenden Feinkostgeschäftes, dessen treuester Kunde – er selber war. Auch jetzt im Kurort, wohin er sich zwei Kisten Fressalien im Voraus hatte schicken lassen! »Sie müssen mehr Spazierengehen!« rieten seine Ferienfreunde.
»Muss das sein?« antwortete Herr Knöpfle und strich sorgenvoll über seinen kugelrunden Bauch. Wie konnten die anderen auch ahnen, welche Strapazen ihn das kosten würde! Gleichwohl, es musste eben sein! Am Abend verließ Herr Knöpfle das Hotel. Vorher wäre es auch viel zu heiß gewesen zum Spaziergang! Jetzt wehte wenigstens ein angenehmes Lüftchen. Es war schon sehr dämmrig, als Herr Knöpfle in den Wald kam, wohin es nach Auskunft des Fremdenvereins nur eineinhalb Kilometer sein sollten. Schuld an der Verzögerung war natürlich wieder nur – Herr Knöpfle blieb stehen und wischte sich mit dem Taschentuch über die Stirn. »Zwei Zentner acht!« seufzte er dabei halblaut. Da raschelte es neben ihm im Laub. »Nanu?« staunte Herr Knöpfle. »Was hat denn so spät noch zu rascheln?« Aber weiter dachte er sich nichts dabei. Plötzlich brachen hinter ihm Äste. Kam da jemand? Ja sicher! Immer mehr näherte sich der Unbekannte ihm, Herrn Knöpfle von der großen, gutgehenden Feinkosthandlung. Herr Knöpfle war nicht furchtsam; er langte nach seinem Spazierstock, der ihm am linken Arm hing. Dass der Stock bei dieser weiten Reise um Herrn Knöpfles Bauch herum zu Boden fiel, dafür konnte unser Kurgast ganz bestimmt nichts. Im gleichen Augenblick aber hörte das Ästebrechen auf. Und dann ergriff der Unbekannte polternd die Flucht. »Das wird ja lustig!« murmelte der Dicke. »Einmal Spazierengehen – und schon wollen sie einem ans Leben!« Ächzend bückte er sich, und nach vier vergeblichen Versuchen gelang es ihm auch, seinen Spazierstock wieder aufzuheben.
»Jetzt aber schleunigst ins Hotel zurück!« stand es für Herrn Knöpfle fest; freilich, was heißt hier schon »schleunigst«! Herr Knöpfle im FriedhofIm Friedhof steht einer und winkt Der nächtliche Spaziergänger, der zwei Zentner und vier Kilogramm wog, war bestimmt nie Pfadfinder gewesen. So kam es, dass er nicht den alten Weg zurückfand. Es traf sich nur gut, dass der Mond vom Himmel schien, sonst wäre Herr Knöpfle, der auch noch etwas kurzsichtig war, in dieser Nacht sicherlich nie mehr heimgekommen. Nun stöhnte er einen Feldweg entlang und schaute sich dabei immer wieder einmal um, ob ihm der Waldräuber nicht von ferne folge. Einmal hatte er ja vorhin einen Schatten gesehn, aber so genau vermochte er es eben doch nicht durch seine randlose Brille zu erkennen. Glück muss der Mensch haben! Das Städtchen kam langsam näher. Plötzlich stellte Herr Knöpfle peinlich berührt fest, dass sein Weg direkt in den Friedhof mündete. Jawohl, ringsherum erhoben sich die kleinen und großen Kreuze, schwarz oder silbrig leuchtend, je nachdem sie im Mondlicht standen oder nicht. Herr Knöpfle hielt an. Leise ging der Wind durch die Buchsbaumhecken und spielte dann mit der Tür einer Grablaterne. »Ächchch!« drehte sich die in den verrosteten Angeln. Herr Knöpfle zog sein Taschentuch heraus – aber er kam nicht dazu, sich damit über die feuchte Stirne zu fahren. Er ließ es fallen wie vorhin im Wald seinen Stock und starrte zum Friedhofsausgang hin.
Da – da stand einer!
Einer im Totenhemd!
Und der winkte ihm! Jawohl – der winkte – ihm.
»Das kann doch nicht sein! Das kann doch nicht sein!« Herr Knöpfle rückte an seiner Brille. Umsonst! Das Gespenst tat ihm nicht den Gefallen, schnell zu verschwinden. Es winkte ihm weiter. Ganz deutlich sah er es. Auf dem Absatz machte Herr Knöpfle kehrt. Er ließ sein Taschentuch auf dem Friedhofsweg liegen und rannte zurück, zum Eingang, und um den Friedhof herum nach Hause, in sein Hotel. Tünchermeister Kreidekloß hängte eine knappe halbe Stunde später seinen weißen Kittel an den Kleiderhaken. »Es ist spät geworden«, meinte seine Frau Eugenie, »bist du wenigstens fertig?« »Nein, ich habe es heute nur grundiert«, gab Herr Kreidekloß zur Antwort. »Morgen nach Feierabend will ich das Kreuz dann fertigstreichen!« Im Hotel zur »Goldenen Schnecke« fiel die Telefonklappe von Zimmer zweiundzwanzig herunter. »Wie bitte?« fragte der Portier nochmals zurück. Dann rief er dem Piccolo zu: »Herr Knöpfle von zweiundzwanzig wünscht als Abendessen lediglich einen Pfefferminztee!«