Bei den Bären: Füttern streng verboten!

Oberwärter Krause war nicht nur den Tieren, sondern auch den Menschen gut, vor allem denen, die es auch ihrerseits wieder gut mit den Tieren meinten. So war es kein Wunder, dass die jungen Hilfspfleger und Praktikanten Oberwärter Krause wie einen guten Onkel verehrten. Er war in seiner Arbeit nie nachlässig und forderte auch von seinen Mitarbeitern in allem Genauigkeit, aber man konnte doch jederzeit zu ihm kommen, wenn man etwas nicht verstanden oder gar verkehrt gemacht hatte. Oberwärter Krause wusste immer einen Ausweg. Wenn Herr Krause Geburtstag hatte, gehörte der Vorabend dem jungen Volk. Das war schon seit vielen Jahren Tradition. Es gab Punsch, den Frau Krause nach altem Geheimrezept ansetzte, und zwischen den einzelnen Runden wurde gelacht und gesungen und erzählt. Diesmal ging es schon gegen Mitternacht, und niemand, nicht einmal Frau Krause, hatte Lust, schon nach Hause zu gehen. Da fragte einer – er war erst vor einigen Wochen als Lehrling in die Raubtierabteilung gekommen-, ob Herr Krause nicht auch schon recht unheimliche Geschichten mit Tieren erlebt habe. Herr KrauseGeburtstagspunsch im Zoo Herr Krause setzte das Glas, das er eben zum Munde führen wollte, wieder zurück. »Unheimliche Geschichten mit Tieren?« wiederholte er scheinbar nachdenklich. »Ja, mein Junge«, sagte er dann und nickte vielsagend mit dem Kopf.
»Erzählen Sie!«
»Erzählen! Bitte, erzählen!« rief nun die ganze Versammlung. Und Oberwärter Krause begann … Bei den Bären: Füttern streng verboten!
Otto war begeistert. Das war einmal ein Schulausflug nach seinem Geschmack! Der Omnibus hatte sie in die fremde Großstadt gebracht; dort hatten sie eine Stunde lang dem Flugbetrieb auf dem internationalen Flugplatz zugeschaut und waren schließlich vom Rollfeld und den mächtigen Passagiermaschinen nur fortzulocken gewesen durch die Aussicht auf den Besuch des Zoologischen Gartens. Im Haufen der anderen war Otto von Gehege zu Gehege gelaufen, von Käfig zu Käfig. Immer wieder hatten sie sich gegenseitig ihre Freude und Überraschung und Bewunderung mitgeteilt: »Du, Erwin, schau mal!« – »Du, wenn der jetzt die Gittertüre aufmachen könnte!« – »Ach, wenn ich dürfte, würde ich in den Käfig hineingehen!« – »Ich hätte auch keine Angst – du, Benno?« – »Kommt, da drüben sind die Bären!« Otto hatte gar nicht bemerkt, dass die anderen schon längst zum Bärengehege weitergegangen waren. Er stand immer noch bei den Affen und schnalzte mit den Fingern, und wenn eines der possierlichen Tiere dann endlich zu ihm hersah, schnitt er ihm eine Grimasse, die ihm das Äffchen (wie er glaubte) mit einer Grimasse quittierte. Als Otto endlich gewahr wurde, dass links und rechts und hinter ihm lauter fremde Leute standen, verdrückte er sich schleunigst. Er wurde dabei ziemlich rot im Gesicht. Vor dem Bärengehege blieb er dann von Neuem stehen. Wie groß diese Tiere doch waren! Und wie gemütlich sie dreinsahen! »Brummbär!« sagte Otto leise. Der braune Riese, der am nächsten beim Gitter stand, sah ihn etwas verträumt an. Otto spürte plötzlich so etwas wie Mitleid mit dem Tier, das hier hinter Gittern leben musste und seine Heimat nicht vergessen zu können schien. Er meinte, er müsse es an sich drücken und ihm über den zottigen Pelz streichen. Und weil Otto meistens nicht lange überlegte, wenn ihn ein plötzlicher Gedanke angeflogen hatte, stieg er – es war gerade sonst niemand in der Nähe – über das Gitter in das Bärengehege hinein. Gewiss, ein wenig klopfte ihm das Herz doch, als er jenseits der Abgrenzung wieder festen Boden unter den Füßen spürte. Aber die drei Bären verhielten sich still. Sie schienen von der Anwesenheit des Jungen keine Notiz zu nehmen – und das beruhigte Otto sehr. Plötzlich fiel ihm ein, dass er ja noch ein Stück Brot in der Tasche hatte. Er wühlte es heraus, wobei ihm das Taschentuch auf den Boden fiel. Er bückte sich danach – wahrscheinlich ein wenig zu hastig, denn die zottigen Riesen sahen plötzlich wie auf ein geheimes Kommando zu ihm her. Erst setzte sich der am weitesten entfernte Bär in Bewegung; der zweite und der dritte folgten. Drohend, wie es Otto jetzt vorkam, gingen sie auf ihn zu. Als der vorderste Bär nun gar den Rachen aufsperrte, als wenn er den Jungen verschlingen wollte, war es mit Ottos ganzem Mut vorbei. Er wich an die Mauer des Geheges zurück – doch das schien die Tiere nur noch mehr zu reizen. Mit flackernden Augen sah sich der Junge um. Dort waren in der Mauer ein paar Steine los, und zwei Meter über dem Boden befand sich ein Gitter. Mit äußerster Kraftanstrengung meisterte Otto die Kletterei. Aber nun waren die Bären munter geworden. Ein paar holprige Sätze – und schon waren sie an der Mauer. Langsam richteten sie sich in ihrer ganzen Größe auf. Wenn sie die Tatzen erhoben, würden sie den Jungen berühren können. Otto zog die Füße an, und in diesem Augenblick fühlte er mit Erleichterung, dass das Gitter nachgab. Aufatmend schob er sich in den dunklen Gang hinein. Gerettet! Die Füße zitterten zwar noch, aber er war gerettet! Am anderen Ende des Ganges befand sich wieder ein Gitter. Das Schloss war zwar eingeklinkt, ließ sich aber leicht von innen öffnen. Nun würde er ins Freie rutschen können, ohne dass er jemanden in sein Abenteuer hätte einweihen müssen. Otto wusste nämlich, in solchen Dingen verstand sein Lehrer keinen Spaß. Bären im ZooFüttern streng verboten! Der Junge schob das Gitter auf und beugte sich weit hinaus, um die Höhe des Sprunges zu messen. Ganz so hoch wie im Bärengehege kam ihm der Ausgang nicht vor. Es bestand also nicht einmal die Gefahr, dass er sich beim Sprung den Fuß verstauchen könnte. Schon setzte Otto zum Absprung an – da erstarrte er jäh. Das Blut wollte ihm in den Adern gefrieren. Im allerletzten Moment hatte er nämlich dicht unter sich, behaglich in der Sonne ruhend, die gestreifte Raubkatze entdeckt. Und wenige Meter rechts von ihr stand eine zweite! Um ein Haar wäre der Junge in das Gehege zweier Tiger gesprungen! Otto konnte sich gerade noch zurückschieben und das Gitter wieder schließen. Dann packte ihn ein Weinkrampf, dass selbst die beiden Raubtiere Mitleid zu bekommen schienen. Jedenfalls standen nun beide unweit der Mauer und starrten unbewegt zum Gitter hinauf. Das sah auch der Wärter, der gerade am Gehege vorbeikam. Er entdeckte auch die zwei Füße hinter dem Gitter und folgerte richtig, dass zu den Füßen noch verschiedenes andere gehören müsse. Und so wurde Otto schneller, als er es sich hätte träumen lassen, aus seiner schrecklichen Lage befreit. Klar, dass er am nächsten Tag in der Schule, als das nach einem Ausflug übliche Aufsatzthema gestellt wurde, von seinem Abenteuer im Bärengehege schrieb. Der letzte Satz darin lautete: »Als ich schon springen wollte und im allerletzten Augenblick den Tiger sah, bin ich so erschrocken wie noch nie in meinem Leben; es war mein gruseligstes Abenteuer, und ich möchte es nicht noch einmal erleben.« Der Quälgeist fragt seinen Vater:
»Du, Papa, woran …«
Vater: »Junge, lass mich doch endlich in Ruhe mit deiner dauernden Fragerei!«
Der Quälgeist: »Nur noch eine einzige Frage, Papa!«
Vater: »Also gut!«
Quälgeist: »Du, Papa, woran ist denn das Tote Meer gestorben?«