Gespenst auf leisen Sohlen

Man kann sich kaum eine friedlichere Landschaft denken als das Wiesental, an dessen Ende die Untere Mühle liegt. Nach Westen, Norden und Osten erheben sich Berge, die mit Buchen und Eichen besetzt sind. Ein schmaler Bach fließt durch die Wiesen, deren Grün stellenweise von weißen, gelben und blauen Blumen völlig überdeckt wird. Über dem Tal kreist ein Raubvogel im Aufwind dieses heißen Mittags; aber selbst er scheint den Frieden nicht brechen zu wollen und schwebt lautlos in immer größeren Kreisen bis hinter den schwarzgrünen Horizont. Die Untere Mühle, die aus einem stattlichen weißgetünchten Wohnhaus und ebenso freundlichen Nebengebäuden besteht, hat schon seit Jahrzehnten keine Getreidefuhre in den Hof fahren sehen. Statt dessen halten dort die langen Holzfuhrwerke, denn schon der vorige Besitzer hat die Mühle in ein Sägewerk umgebaut. Auch ist es nicht mehr der kleine, lustige Bach, der die Maschine treibt, sondern die Kraft der Elektrizität. Die Leitung, die über den Berg zur Mühle herunterzieht, hebt sich von dem dunklen Hintergrund nur wenig ab; lediglich die drei, vier Betonmasten wirken ein wenig fremd. Der Sägemüller sitzt im Hausschatten auf der Bank und hält die Zeitung in den Händen. Aber er liest nicht. Er denkt nach. Siebenmal – er zählt die Nächte an den Fingern ab – siebenmal hintereinander ist es nun vorgekommen, dass gegen Mitternacht die große Kreissäge zu heulen begann. Niemand hatte sie eingeschaltet. Und dennoch war jedes Mal, wenn er hinausstürzte, der Schalthebel nach unten gelegt. Jemand von der Familie oder vom Gesinde war es gewiss nicht; die waren alle so rechtschaffen müde, dass sie sich genau wie er selber über die gestörte Nachtruhe nur ärgern konnten. Und irgendein Fremder? Ein Fremder kam nicht nachts in dieses abgelegene Tal! Und schon gar nicht sieben Nächte hintereinander. »Es spukt«, hatte die Magd gesagt und allerlei Geschichten aus ihrer Heimat zum besten gegeben. Nun, ihm, dem Sägemüller, waren solche Gedanken auch schon gekommen; aber zugeben durfte er das nicht. Schließlich war er der Chef, der mit solchen abergläubischen Dingen nichts zu tun haben wollte. Der Sägemüller stand auf. Die Zeitung war zu Boden geglitten. Als er sie aufhob – ein wenig mühsam ächzend wegen seiner Körperfülle -, fiel sein Blick zufällig auf ein Inserat im »Stellenmarkt«. Dort hieß es kurz und grammatikalisch nicht ganz einwandfrei: »Nachtwächter, auch nach auswärts möglich, billig und ehrlich. Angebote unter …« Warum nicht, überlegte der Sägemüller. So ging das keinesfalls weiter, dass sie Nacht für Nacht aus dem Schlaf gerissen wurden. Am Ende würden ihm auch noch die tüchtigsten Arbeiter davonlaufen! Nein, es musste ein Nachtwächter her, und wenn schon, dann am besten einer, der von auswärts kam. Der von nichts wusste. Der würde dem Spuk schon ein Ende bereiten. Am übernächsten Abend war der Nachtwächter da. Es war ein kleines, schüchternes Männchen mit rötlichem Schnurrbart und einer großen Brille aus falschem Gold. Der neue Nachtwächter sah ganz so aus, wie man sich einen Nachtwächter eben nicht vorstellte. Auch der Sägemüller, der Nachtwächter bisher nur in den Märchenbüchern seiner Kindertage kennengelernt hatte, war ein bisschen enttäuscht. Aber er ließ sich nichts anmerken, führte den Mann selber im Anwesen herum und legte sich dann, keineswegs beruhigter als an den letzten Abenden, zu Bett. Und richtig – eine Viertelstunde nach Mitternacht begann die Kreissäge wieder zu heulen, noch lauter und schauerlicher als in den Nächten zuvor, falls das überhaupt möglich war. Der Sägemüller sprang in die Hosen, die er vorsichtshalber schon bereitgelegt hatte, zog an den Stiefeln, dass schier die Nähte platzten, warf sich im Hinausrennen noch eine Jacke über und kam keuchend und struwwelig beinahe gleichzeitig mit dem neuen Nachtwächter an der großen Kreissäge an. »Haben Sie wen gesehen?« schrie der Sägemüller und schnappte nach Luft. Der Nachtwächter, der auf eine solche Überraschung nicht vorbereitet war, schien Herzklopfen zu haben. Er brauchte eine ganze Weile, bis er endlich leise und unter Kopfschütteln versicherte, dass er niemanden, keine Menschenseele gesehen hätte. Der Sägemüller warf ihm einen geringschätzigen Blick zu, trat nach der Katze, die sich an seine Füße schmiegen wollte, schaltete brummend den Hebel auf Aus und ging übelgelaunt ins Haus zurück. Das Frühstück am nächsten Morgen verlief recht einsilbig. Nur die Magd tuschelte in ihrer Ecke ein paarmal nach links und rechts, und der Sägemüller glaubte zu verstehen, dass sie sagte: »Jetzt haben wir einen Nachtwächter, und es wird auch nicht besser. Das ist bestimmt ein Spuk, irgendein abscheulicher schwarzer Spuk!« Der neue Nachtwächter ließ sich den Tag über nicht sehen. Nur das Essen, das man ihm vor die Tür gestellt hatte und von dem er auch nicht ein einziges Bröckelchen übrig gelassen hatte, gab Zeugnis, dass er noch da war. Bis Mittag hatte er sicher geschlafen, und jetzt – vielleicht dachte er nach? Ja, das schüchterne Männlein mit der Brille aus falschem Gold und dem rötlichen Schnurrbart dachte nach. Sein guter Ruf stand auf dem Spiel. Er musste herausbringen, wer sich da diesen albernen Unfug mit der Kreissäge erlaubte. Oder steckte vielleicht mehr dahinter als nur Unfug? Oder weniger? Der Abend kam, und zu vorgerückter Stunde suchte der Sägemüller wieder sein Schlafzimmer auf. Er trat noch einmal ans Fenster. Alles war friedlich und ruhig. »Wenn nur heute die Säge nicht wieder anfängt!« murmelte der Sägemüller, der wieder einmal eine Nacht ungestört durchschlafen wollte. Aber als hätte das Stichwort genügt, heulte plötzlich die Säge auf. Schrill! Schaurig. Im nächsten Augenblick schon war der Sägemüller an der Türe und stapfte hinaus. Der Nachtwächter kam ihm entgegen. In den Armen trug er die Katze, die wohl Angst vor dem Fremden hatte und deshalb so laut klagte. »Hier habt ihr den Übeltäter«, erklärte der Nachtwächter unter Lachen. »Ich habe sie beobachtet, wie sie immer näher zur Kreissäge heranschlich. Sie war es, die den Hebel nach unten zog. Sie scheint sehr musikalisch zu sein, eure Katze; das Kreischen der Säge ist für sie wie Musik.« Der Sägemüller wusste nicht recht, was er von der Geschichte halten sollte. Aber nachdem er am nächsten Tag einen abschließbaren Kasten vor dem Schalthebel angebracht hatte, wiederholte sich der Spuk nicht wieder. Also musste der Nachtwächter doch recht gehabt haben. Das furchtbare, schwarze Gespenst war niemand anders gewesen als die kleine, ach so musikalische Katze.