Gespenster auf vier Füssen

Ventimiglia: Eine fette Beute erhoffte sich der Sporttaucher Antonio, als er in etwa fünf Meter Tiefe einen riesigen Fisch auf dem Meeresgrund liegen sah. Er legte die Unterwasser-Flinte an, dankbar und zugleich auch ein wenig besorgt, weil sich der Fisch kein bisschen bewegte. Ohne jedoch abzudrücken, ließ Antonio plötzlich seine Flinte fallen und jagte mit heftigen Stößen zur Wasseroberfläche hinauf. Eine ganze Abteilung Carabinieri machte ein paar Stunden später dann nochmals Jagd auf den gespenstischen Fisch, den Antonio gerade noch rechtzeitig als eine Zehn-Zentner-Bombe erkannt hatte, die seit dem Krieg an dieser Stelle lag. Aalborg: Die Reisenden, die im Bahnhof der Insel Seeland auf den Zug von der Insel Falster warteten, wurden langsam ungeduldig. Eine halbe Stunde Verspätung nahm man ja noch hin; schließlich war es ein Unterschied, ob die Schienen über festen Boden oder wie hier nur über eine drei Kilometer lange Brücke führten. Aber nun warteten sie bereits über eine volle Stundet Und dabei sah man den Zug schon die ganze Zeit! Aber er schien nur im Schritttempo zu fahren, obwohl doch überhaupt kein Hindernis zu sehen war!
Endlich, nach einer weiteren halben Stunde Wartezeit kam die Lokomotive mit den wenigen Wagen an. Was der Zugführer den staunenden Leuten erzählte, klang unwahrscheinlich, wie ein Kapitel aus einem Gespensterbuch: Man hatte schon bei der Abfahrt in Falster einen riesigen Mückenschwarm über dem Wasser beobachtet, aber ihm weiter keine Bedeutung beigemessen. Auch nicht, als man plötzlich in diesen Schwarm hineinfuhr. Aber die Mücken – es mussten Tausende und Abertausende gewesen sein! – rächten sich auf ihre Art. Sie hielten die Schienen dicht besetzt, und wenn sie auch von den schweren Rädern zermalmt wurden, so wurde doch gleichzeitig die Schiene dermaßen schlüpfrig, dass der Zug ohne Gefahr nur im Schritttempo weiterfahren konnte.
»So etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt!« meinte der Zugführer. »Es war ein richtiger Spuk der NaturDonaueschingen: Der Landarbeiter, der spätabends über den einsamen Feldweg nach Hause ging, erlebte eine wilde Jagd, wie er sie einmal als Wodans wilde Jagd in seinem Lesebuch beschrieben gefunden hatte. Dicht vor ihm jagte es im fahlen Dunkel vorüber: Ein, zwei, sieben, zehn und noch mehr Tiere! Waren es Pferde? Der Boden zitterte, Staub warf sich ihm in dichten Wolken übers Gesicht – und die Jagd ging noch immer vorbei.
Da – und jetzt! Ein Lärm! Ein Krachen und Bersten!
Rufen! Das waren menschliche Stimmen. Und jetzt wehes Geschrei von Tieren.
Das waren Schafe! Hilflos verendeten sie auf dem Bahndamm, auf den sie in wilder Panik gestürzt waren. Einen Triebwagen samt Anhänger hatten sie aus den Geleisen geworfen. Zum Glück wurde von den Reisenden niemand verletzt. Aber siebzig Schafe fehlten in dem nahen Pferch. Ein wildernder Hund, selber wie ein nächtlicher Spuk in den Pferch einbrechend, hatte sie in die kopflose Flucht gejagt. Düsseldorf: »Große gute Bananen – direkt aus Guatemala!« So hatte der Verkäufer mit schülerhafter Schrift auf seine Schiefertafel am Obststand geschrieben. Der Handel ging an diesem Tag besonders gut, und die letzten Bananenstauden sollten gerade den Besitzer wechseln, als der Verkäufer einen schrillen Schrei ausstieß. Die Bananenstaude, die er fallen gelassen hatte, kollerte noch einen halben Meter auf dem Boden weiter – und neben ihr lag plötzlich ein etwa dreißig Zentimeter langer dicker Strick, der sich träge bewegte.
»Eine Schlange!« erkannten nun auch die Umstehenden den Zusammenhang und suchten das Weite. Zehn Minuten später betrat der Direktor des städtischen Aquariums mit einem Wärter die Halle. Die junge Boa, die den Leuten einen so gespenstischen Schrecken eingejagt hatte, wurde geborgen. »Wahrscheinlich ist sie beim Verladen der dichten Bananenstauden unbemerkt in den Kühlraum gelangt und dort bei einer Temperatur von nur zwölf Grad für die Dauer der ganzen Reise erstarrt«, meinte der Wärter.
Und der Direktor fügte erklärend hinzu: »Die Boa braucht nämlich zur Beweglichkeit eine Luftwärme von fünfundzwanzig bis dreißig Grad!« Der Verkäufer aber erklärte mit einem noch ziemlich schüchternen Lachen: »Ein Spukgeist hätte mich nicht ärger erschrecken können!« Vortrag
In einem dunklen, dunklen Wald
stand ein dunkles, dunkles Haus,
und in dem dunklen, dunklen Haus
war ein dunkler, dunkler Gang. Und dieser dunkle, dunkle Gang
führte zu einer dunklen, dunklen Tür.
Und hinter der dunklen, dunklen Tür
lag ein dunkler, dunkler Saal. In dem dunklen, dunklen Saal
stand ein dunkler, dunkler Schrank,
und in dem dunklen, dunklen Schrank
- kauerte ein Gespenst!