Der Löwe Pegula ist los!

Eva war acht, Gerlinde sieben Jahre alt, und die holprige Landstraße, die von Gärtendorf nach Murrstadt führte, wurde kaum befahren. Frau Kellermann konnte es also schon einmal wagen, die beiden Mädchen allein zu ihrer Schwester nach Murrstadt zu schicken. Sie gab ihnen eine Handvoll Ermahnungen mit und eine Tasche voll Eier und Butter. Die Ermahnungen betrafen das alte Milchauto, dem die beiden Mädchen sorgsam auf den Feldrain hinauf ausweichen sollten; sie betrafen auch die roten Sonntagskleider, die sie heute, an einem Werktag, hatten anziehen dürfen. Die Tasche mit Butter und Eiern aber stellte das Namenstagsgeschenk für die Tante dar. »Die Tasche trägt Eva«, hatte die Mutter bestimmt. Unter anderen Umständen hätte Eva eine Schnute gezogen: Das hat man davon, wenn man die Älteste ist! Heute freilich, wo es zur Namenstagsfeier der Tante ging, hätte Eva auch eine doppelt so schwere Tasche getragen. Auf dem etwas verwitterten Holzschild am Dorfausgang stand: »Nach Murrstadt.« Und darunter, kaum mehr lesbar: »Für Fußgänger vier Kilometer.« Darüber lachten allerdings nur die Fremden, die wenigen Händler, die sich nach Gärtendorf verirrten, oder die Leute eines kleinen Wanderzirkus, der sich gerade wegen der Abgeschiedenheit des Dorfes ein ausverkauftes Zelt versprach. Auch der Lehrer hatte darüber gelacht, damals, als er jung und unerfahren nach Gärtendorf gekommen war. Inzwischen wusste er es so gut wie die Einheimischen, dass das mit den vier Kilometern für Fußgänger durchaus stimmte. Auf halber Strecke, wo die Straße die meisten Schlaglöcher hatte und über einen kleinen Waldhügel führte, konnten die Fußgänger nämlich ein beträchtliches Stück abkürzen. Die Fuhrwerke und Autos hatten einen wenigstens zwei Kilometer längeren Weg. Genau hatte diesen Unterschied noch niemand nachgemessen. Eva kannte sich aus. »Wir gehen geradeaus hier den Pfad weiter«, sagte sie, als die Straße am Waldrand beinahe rechtwinkelig abbog. Und Gerlinde, die vor dem dunklen Wald ein wenig Angst hatte, war sofort einverstanden, denn der Pfad schlängelte sich genau auf der Grenze zwischen Wald und Wiese dahin. Der Fahrer des Polizeiwagens, der um diese Zeit des Weges kam, schien die Abkürzung jedoch nicht zu kennen. Jedenfalls ließ er, da er niemanden auf der Straße laufen sah, das Mikrofon seines Wagens ausgeschaltet. Als die beiden Mädchen zu den ersten Häusern von Murrstadt kamen, wunderten sie sich noch nicht. Der Tag war ihnen von Anfang an wie ein Feiertag vorgekommen, sodass es sie viel mehr erstaunt hätte, wenn sie Leute in Arbeitskleidern und unter offenen Ladentüren gesehen hätten. Als sie aber tiefer in die Stadt hineinkamen, wurde es sogar Gerlinde bewusst, dass sie noch niemandem begegnet waren. »Ob die Leute hier noch alle schlafen?« fragte sie. Als ob es nur dieses einen Satzes bedurft hätte, erhob sich plötzlich vor ihnen und dann auch links und rechts und hinten und überall ein Schreien und Rufen. Die beiden Mädchen schauten bestürzt an den Hauswänden hoch. Fast überall sahen Leute aus den Fenstern, und sie fuchtelten wild mit den Armen und riefen den Mädchen etwas zu. Aber weder Gerlinde noch Eva verstanden, was sie meinten. Gerlinde und EvaLaute Straßen ohne Leute Schließlich blieben die beiden Mädchen stehen. Sofort verdoppelte sich der Schwall der Stimmen, sodass Gerlinde ängstlich die Hand der größeren Schwester fasste. »Wollen die etwas von uns?«
Eva zuckte mit den Schultern. »Sollen sie doch herunter zu uns, wenn sie etwas wollen«, sagte sie endlich.
»Mir ist so unheimlich«, gestand Gerlinde.
»Mir auch!«
In diesem Augenblick bog ein Auto um die Ecke der menschenleeren und doch so lauten Straße. Der Fahrer trat auf die Bremsen, dass der Gummi der Räder auf dem Asphalt eine schwarze Radierspur hinterließ. »Schnell herein zu mir!« schrie ein Mann in Uniform und langte nach den beiden Mädchen. »Ein Löwe ist los!«
»Habt ihr denn nichts von Pegula gehört, dem Löwen, der dem Wanderzirkus entlaufen ist? Es ist ein altes, griesgrämiges Tier und unberechenbar. Zwei so zarte Mädchen hätten ihm wohl zum Frühstück nicht schlecht geschmeckt!« Eva und Gerlinde schüttelten sich, als der Polizist unterwegs so zu ihnen sprach. Kurz vor der Polizeiwache, wohin er sie sicherheitshalber bringen wollte, begegnete ihnen ein Auto der Feuerwehr. Die beiden Fahrzeuge hielten an, und einer der Feuerwehrleute rief lachend dem Polizisten herüber: »Kannst deine Gäste freilassen! Wir haben Pegula wieder hinter Schloss und Riegel gesetzt!«

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Info 24.09.2017 - 03:13
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