Der Gespenstische Millionen-Schatz

Eine rote Boje schwamm an der Stelle, wo in einhundertvierzehn Meter Tiefe der sagenhafte Schatz liegen sollte, nach dem es die Gold-Abenteurer aller Herren Länder gelüstete. Bis jetzt hatten jedoch die Taucher nur den Kopf geschüttelt. »Siebzehn Millionen Euro«, hatte einer von ihnen gemeint, das ist zwar ein ganz hübscher Haufen Geld. Aber in dieser Tiefe mögen vielleicht See-Gespenster auf den Tresortüren schaukeln – wir sind nicht lebensmüde; wir lassen die Finger davon!« Eines Tages aber war dann doch ein Schiff an die bewusste Stelle gekommen und hatte täglich viele Stunden lang gekreuzt. Es war ein weißes Schiff mit seltsamen Aufbauten; an Bord trug es ein paar Männer, die zu den erfahrensten Unterwasserspezialisten gehörten. Wenn man nahe genug herankam, konnte man den Namen des Schiffes lesen. »Sorima« stand mit großen Lettern beiderseits am Bug. Und wer sich in den Schiffslisten auskannte, wusste, dass er es hier mit einem Spezialschiff für Taucherarbeiten zu tun hatte. Als die Sorima eines Morgens verschwunden war, schwamm gut verankert die rote Boje auf dem Wasser. Und die Fische dieser Gegend, die nach dem Untergang der »Egypt« so viele fremde Dinge kennengelernt hatten, fanden sich auch mit der roten Boje ab. Es vergingen mehrere Wochen, bis in einer späten Abenddämmerung das weiße Schiff erneut bei der roten Boje Anker warf. An diesem Abend wurde noch nicht gearbeitet. Statt der grellen Scheinwerfer leuchteten bunte Lampions an Deck, und die Klänge eines Schifferklaviers zogen bis in den Maschinenraum, wo einen Tag später eine Hölle von Geräuschen entfesselt sein würde. Heute aber feierte man ein kleines Bordfest. Die Direktion der Gesellschaft hatte dazu eingeladen – aber es täuschte sich niemand: Morgen würde die Arbeit beginnen, eine nervenaufreibende Arbeit! Eine unheimliche, eine – gespenstische Arbeit! Einhundertvierzehn Meter tief lag das gesunkene Schiff auf dem Grund des Ozeans. In dieser Tiefe bot die Taucherglocke keine Sicherheit mehr, und der beste Taucheranzug würde hier zum Totenhemd werden. Die einzige Chance versprach ein druckfester Stahlzylinder, mit dem sich die Männer in die tödliche Tiefe hinunterließen und aus dem heraus sie dann die Geräte dirigierten. Über Fernsprecher. Ohne selbst zugreifen zu können. Aber das würde alles erst morgen an sie herantreten. Heute wollten sie noch einmal Ruhe haben von den Sorgen. Heute wollten sie noch einmal feiern. Die Lampions wiegten sich an gespannten Tauen, es kam ein leichter Wind auf. Die Klänge des Schifferklaviers wurden leiser, der Spieler schien müde zu werden … Abseits von der Festtafel, die aus ein paar Teerfässern und Bohlen zusammengezimmert war, saß der Schiffsjunge. Erst hatte er lange zu den Männern hinübergesehen, die im bunten Lampenschein saßen. Die hatten Mut! Die würden sich in die grausige Tiefe wagen! Jeder von ihnen würde sein Abenteuer erleben … Pitt träumte. Sterne standen am Himmel, und der Mond schüttete silberne Schuppen aufs Wasser. Pitt dachte an das Wasser und seine Tiefe. Purpurne Schwärze stellte er sich vor, die von grellen, vieltausendkerzigen Scheinwerfern durchschnitten wird. Fische ziehen vorüber, leuchten jäh auf in phosphoreszierenden Farben. Große und kleine Fische; winzige, die wie ein Blitz vorüberzucken; Riesen, die wie Unterwasserzeppeline heranschweben, bedächtig und bedrohlich. Pitt dachte flüchtig daran, dass die ferngesteuerten Sägen ein Leck in den Rumpf des gesunkenen Schiffes fressen und ferngelenkte Heber Kisten mit Gold ans Tageslicht zerren würden. Aber gleich waren all seine Gedanken wieder beim Meer und beim Wrack und bei den seltsamen Fischen. Gespenstisch musste es dort unten aussehen – aber er, er würde sich nicht fürchten! Nein, er würde selber auch einmal ein kühner Taucher sein!