Das Führerlose Flugzeug von Sydney

Es war elf Uhr. Mit jeder Minute stieg die Fieberkurve des Großstadtverkehrs noch weiter an. Zwischen zwölf und ein Uhr würde sie wieder ihren ersten täglichen Höhepunkt erreichen. Wer war jetzt nicht alles unterwegs! Hausfrauen, die sich beim Einkauf verspätet hatten; Vertreter, die schnell noch vor dem Mittagessen einen Kunden besuchen wollten; Büroangestellte, die auf dem Weg zur Bank oder Post den kleinen Umweg nicht scheuten, um an den Schaufenstern mit neuen Sommerkleidern vorbeizukommen; Schuljungen, die wegen der großen Hitze die letzte Vormittagsstunde schulfrei hatten und sich nun bis zum Mittagessen auf den Straßen herumtrieben … Die Fremden, die vom Kaffee am Rathausplatz aus dem Verkehr zusahen, kamen auf ihre Rechnung. Das war Schnelligkeit! Das war Leben! Hier hielt man die Hand am Puls einer wirklichen Großstadt. Plötzlich mischte sich in das Konzert der Motore und Hupen ein neuer Ton. So erregend schrill war er, dass die Fremden auf der Kaffeehausterrasse die Tassen, die sie schon in der Hand hielten, zurücksetzten und in den sonnengleißenden Himmel sahen. Und da hatte ihn auch schon der erste entdeckt, den Flieger, der den blauen Himmel über Sydney wie ein Sprungtuch zu benutzen schien. Wirklich, das war kein ruhiges Fliegen, wie man es von den großen Passagierflugzeugen gewohnt war, die bei bestimmten Wetterlagen die Innenstadt überflogen. Und Kunstflug war aber doch auch hier wie über allen Städten verboten. Der Pilot dort oben schien sich um eine solche Bestimmung nicht zu kümmern. Eben drückte er die Maschine wieder an und riss sie dann in einen Looping hinein. »Abschwung – großartig!« sagte wenig später einer der Kaffeehausgäste zu seinem Nachbarn. Er war wohl selber einmal bei den Fliegern gewesen und kannte sich aus. »Aufschwung – na ja, beinahe hätte er es nicht mehr geschafft. Hallo – ja was macht er denn jetzt! Gleich wird er ins Trudeln kommen, wenn er nicht endlich drückt! Da – hab’ ich’s nicht gleich gesagt! Er trudelt!« Der ehemalige Pilot hatte vor Anteilnahme die Hand seines Tischnachbarn erfasst. »Sehen Sie doch!« Aber nicht nur die Kaffeehausgäste starrten nun ausnahmslos auf die kleine Maschine, die flügellahm zu sein schien und sich um sich selber drehend rasch Höhe verlor; auch in den Straßen war man aufmerksam geworden. Finger deuteten nach oben. Autos hielten an, und gerade in dem Augenblick, in dem sich die Maschine, wenige Hundert Meter über dem Dächermeer, wieder gefangen hatte und, noch leicht torkelnd, im Horizontalflug Geschwindigkeit aufholte, heulten einige Straßenkreuzungen weit entfernt die Sirenen von Polizeiautos auf. Nach dem Abschwellen der Sirenen aber brüllten die großen Lautsprecher los, die auf den Wagen befestigt waren: »Sofort die Straßen freimachen! In die Keller gehen! Über der Stadt kreist ein führerloses Flugzeug, dass jeden Augenblick abstürzen kann!«
Sirenengeheul.
Und wieder die Warnung!
Und wieder die Sirenen …
Die Menschen auf den Straßen standen einen Augenblick wie erstarrt. Auf alles wären sie eher gefasst gewesen als auf diese Meldung. Dass man vor einem Unwetter gewarnt oder zur Mitfahndung nach Verbrechern aufgefordert wurde, das gab es immer wieder einmal. Aber dass ein Flugzeug ohne Pilot am Himmel kurvte, das hätte niemand für möglich gehalten. Doch jetzt war nicht die Zeit zu langen Überlegungen. Autos fuhren scharf an die Bordsteine heran und parkten, wenn es sein musste, direkt neben den Verbotstafeln. Straßenbahnen wurden mit Schnellbremse zum Stehen gebracht, und überall sah man Leute in die nächsten Häuser springen. In der Ferne dröhnte noch immer einer der Lautsprecher: »Sofort die Straßen freimachen! In die Keller gehen! Über der Stadt kreist ein führerloses Flugzeug …« Während das Gespensterflugzeug so die Millionenstadt in Aufregung hielt, starteten auf dem nahegelegenen Flugplatz die ersten Jagdmaschinen. Einer der Jäger war jener unglückliche Pilot, der vor einer halben Stunde zum Kunstflug hatte starten wollen und dabei seine Maschine allein auf die Reise geschickt hatte. Das war so gekommen: Der Pilot hatte den Anlasser betätigt, aber die Luftschraube stand im sogenannten toten Punkt; der Anlasser griff nicht an. Das kam bei diesen Maschinen öfters vor, und es wäre sicher alles glatt verlaufen, wenn ein Mann vom Bodenpersonal in der Nähe gestanden hätte. Der Pilot wartete eine Weile unlustig, dann stieg er nochmals aus und drehte selber die Luftschraube durch. In der Eile hatte er aber vergessen, die Zündung auszuschalten. Er konnte gerade noch seine Hände zurückreißen, so unvermutet sprang der Motor plötzlich an. Der Gashebel stand auf Vollgas – kein Wunder, dass die beiden Bremsklötze, die nicht fest angelegt waren, im Nu zur Seite rutschten. Schon rollte die Maschine an, kam auf Fahrt und erhob sich, wenn auch schwankend, in die Luft. Gewann Höhe. Kippte ab. Gewann wieder Höhe und vollführte über der Stadt jenen Hexentanz, bei welchem den Leuten vom Flugplatz schier das Herz stehen blieb. Freilich hatte man sofort Alarm gegeben – aber was sollte man tun? Die Maschine abschießen? Dann würde der Absturz mitten in die Großstadtstraßen hinein unausbleiblich sein! Wenn man aber Glück hatte … Die Weisung, die den Jägern über die Funksprechanlage zuging, war eindeutig: Maschine verfolgen, wenn nötig abschießen, möglichst günstige Gelegenheit dazu wählen, etwa über einem der weiten Plätze, die wie alle Straßen von der Polizei geräumt sein würden. Wenn man aber Glück hätte und der WindMan hatte Glück. Der Wind trieb die Maschine von der Stadt weg übers Wasser hinaus. Dort schoss sie der Pilot, der an ihrem Geisterflug schuld war, mit einem einzigen Feuerstoß ab. Er wusste zwar, dass er sich nach der Landung für seinen Leichtsinn würde verantworten müssen, aber er atmete doch erleichtert auf, als er das Flugzeugwrack auf dem Wasserspiegel schwimmen sah: Es war niemand zu Schaden gekommen. Nur im Kaffeehaus hatte einer der Gäste vor Aufregung seinen Mokka über das weiße Tischtuch geschüttet. Aber der Ober lächelte nachsichtig. Auch er war froh, dass sie vor dem motorisierten Gespenst verschont geblieben waren.

Forum (Kommentare)

Info 24.09.2017 - 03:27
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.