Gruselgeschichten erzählt von Studenten

Otto, der Student, begann: »Ich habe einige Semester bei Professor – nun, den Namen merkt ihr euch doch nicht, obwohl es sich um einen bekannten Chirurgen handelt! – bei diesem Professor habe ich also studiert. Eines Morgens kam er – schwungvoll wie immer, aber auch zerstreut wie so oft – zu uns in den Anatomiesaal herein und rief: So, heute wollen wir einmal einen Frosch zerlegen; ich habe gleich einen mitgebracht! Bei diesen Worten zog er ein Paket aus seiner Jackentasche und wickelte das Papier bedächtig auf. Zum Vorschein kam aber keineswegs ein Frosch, sondern ein belegtes Brötchen. Unser Professor starrte es eine Weile fassungslos an, dann schlug er sich mit der flachen Hand vor die Stirn und rief: Ach, du lieber Schreck! Und ich entsinne mich doch ganz deutlich, dass ich heute Morgen gefrühstückt habe!« Richard, auch Student, schüttelte lächelnd den Kopf. »Deine Geschichte war mehr lustig als gruselig«, meinte er, »aber ich habe da etwas erlebt …« Und dann begann er: »Meine Eltern sind nicht reich, und so versuchte ich, während der Hochschulferien mir selber ein bisschen Geld zu verdienen. Es wurden gerade Arbeiter für die Müllabfuhr in unserer Stadt gesucht. Kurzentschlossen meldete ich mich. Nun, es gibt sicher angenehmere Arbeiten, aber die Bezahlung war nicht schlecht. Und die Fahrt zur Müllverbrennungsanlage am Ende einer Runde glich beinahe einer Stadtrundfahrt; denn der Fahrer wählte mir zuliebe die verschiedensten Umwege, damit ich seine Heimatstadt ein bisschen besser kennenlernen sollte. Einmal, gegen Mittag, geschah es dann. Wir waren eben an die Abladestelle gefahren, da rutschte ich beim Entleeren unseres Müllwagens aus und in die Grube hinein. Fünf Tonnen Abfall rutschten nach und bedeckten mich vollständig. Und dann begann auch schon der elektrische Greifer den Müll aus der Grube in den Verbrennungsofen zu transportieren. Der Abfall war von der Art, dass ich trotz der Verschüttung noch genügend Luft bekam. Schachteln und allerlei sperriges Gut wirkten wie Luftzellen in der grauen, staubigen Masse. Ich konnte auch ganz klar denken. Ich sah, wenn auch mit geschlossenen Augen, wie unser Auto nun gleich wieder wegfahren würde. Mein freundlicher Fahrer würde meinen, dass ich wie immer auf dem Rücksitz Platz genommen hätte. Und der Greifer würde Schicht für Schicht über mir abtragen, bis er mich selber packte. Aus eigener Kraft aus diesem Meer von Unrat herauszukommen, war leider unmöglich. Ich hätte ein Riese sein müssen! Immer deutlicher spürte ich, wie der Druck auf meinem Körper und besonders auf meinem Kopf nachließ. Schließlich wagte ich die Augen vorsichtig zu öffnen und sah, dass es heller um mich geworden war. Und jetzt – jetzt umflutete mich volles Tageslicht! Der Greifer hatte die letzte Schicht über mir abgetragen. Wenn ich jetzt nicht freikam, würde man nie wieder von mir etwas sehen! Die Todesangst gab mir ungeahnte Kräfte. Wie ich es eigentlich geschafft habe, weiß ich nicht. Plötzlich taumelte ich jedenfalls aus der Grube heraus – gerade noch rechtzeitig, ehe der Bagger erneut zugriff. Zehn Minuten später kam mein Wagen zurück. Ich schäme mich nicht, es einzugestehen: Ich war nicht fähig, meinem Freund auf seine Fragen zu antworten. Ich fingerte nur verstohlen nach meinem Taschentuch, um mir den Schweiß von der Stirne zu wischen. Vergessen werde ich diese schrecklichen Minuten unter der Mülldecke nie. Ich kann mir nichts Schauerlicheres vorstellen, als diesen Bagger, der da unerbittlich Schicht um Schicht abträgt, um schließlich nach einem selber zu greifen …« »Nun, ich weiß nicht«, mischte sich jetzt Peter ins Gespräch. »Während meiner Militärzeit habe ich da etwas erlebt, das nicht weniger schauerlich war. Es ist mir nicht selber passiert, Gott sei Dank! Ich glaube, ich hätte heute sonst weißes Haar! Aber ich war dabei und habe gezogen … Aber ihr sollt die Geschichte von Anfang an hören. Ich weiß nicht, ob ihr den Flugzeugtyp Sabre kennt. Auf unserem Flugplatz seinerzeit lag ein ganzes Geschwader dieser Düsenjäger. Wenn sie zum Verbandsflug starteten, dröhnten einem die Ohren noch, während sie schon außer Sichtweite waren. Eines Morgens – wir Mechaniker waren noch todmüde von der nächtlichen Arbeit in der Werft -, wurde überraschend ein Übungseinsatz befohlen. Wie gesagt, wir Mechaniker hätten lieber einen freien Vormittag gehabt und bis zum Mittagessen geschlafen! So aber rannten wir zwischen den Maschinen herum, um die letzten Kontrollen zu leisten. Tom, der die Nachbarmaschine wartete, sah ich mehrmals herzhaft gähnen. Er riss dabei den Mund so weit auf, dass ich laut lachen musste. Aber das hörte man nicht. Denn eine um die andere Düse heulte nun auf. Tom machte sich nochmals am Fahrwerk der Maschine zu schaffen, und nur aus Zufall sah ich gerade in dem Augenblick zu ihm hinüber, als der Pilot seiner Maschine die Düsen plötzlich stärker aufheulen ließ, und sah – sah – sah, wie Tom plötzlich die Arme um sich warf und hochgehoben und in die Turbine hineingerissen wurde. Der gewaltige Sog hatte ihn erfasst … So schnell wie damals bin ich noch nie in meinem Leben gerannt! Ich sprang an die Tragfläche und wippte, dass der Pilot aufmerksam wurde. Meine erregten Zeichen Düse abstellen kamen unwillkürlich so zwingend, dass er sofort reagierte. Und dann sprang ich an die Turbine. Ach, ich musste ein gutes Stück hineingreifen, um Tom an den Beinen zu erwischen. Vorsichtig wie einen Sterbenden haben wir ihn herausgezogen und ihn auf die kühle Erde gelegt. Während der Krankenwagen heulend heranfuhr, stand Tom jedoch schon wieder auf. Aus eigener Kraft! Im Lazarett stellte man später lediglich einen Armbruch und einige ungefährliche Schürfungen fest. Tom aber, der unverwüstliche Spaßmacher, lachte, als man ihn auf die Tragbahre hob. Nun kann ich wenigstens einmal richtig ausschlafen!, rief er zu mir herüber. Ich wollte nicht boshaft sein, sonst hätte ich ihn gefragt, wie es denn in so einer Turbine aussieht, wenn sie in Betrieb genommen ist.« »Weil gerade von Flugzeugen die Rede ist«, ließ sich an dieser Stelle Werner vernehmen, »bin wahrscheinlich ich an der Reihe. Denn meine Gruselgeschichte spielt tatsächlich in einem Flugzeug. Wir befanden uns seinerzeit auf einem Ohnehaltflug von Paris nach Rom. Der Start in Villacoublais war glatt verlaufen, und wir flogen mit automatischer Kurssteuerung ziemlich geruhsam dahin. Als wir über die Alpen kamen, änderte sich jedoch die Wetterlage. Wir mussten auf größere Höhe gehen, um nicht in den Wolken fliegen zu müssen. Aber selbst in viereinhalbtausend Metern machte sich der Sturm noch bemerkbar. Dennoch verlief unser Flug auch jetzt noch durchaus normal, und die paar Passagiere, die wir an Bord hatten, versuchten, ein wenig zu schlummern. Dann aber wurde durch Funk eine Unwettermeldung durchgegeben, und wir mussten sie bitten, sich wieder fest anzuschnallen. Ich selber ging nach hinten in den Laderaum, um zu sehen, ob sich keine der vielen Kisten, die wir transportierten, losgerissen habe. Wenn sich nämlich die Ladung verschiebt, kann das für ein Flugzeug recht gefährlich werden. Ich öffnete die Tür zum Laderaum und blieb erstarrt stehen. Da war doch eben gesprochen worden? Ich hatte meine Kopfhaube in der Pilotenkanzel gelassen und lauschte nun – die Hände hinter den Ohren – in den Laderaum hinein, den eine blaue Lampe nur schwach erhellte. Den Motorenlärm vernahm man hier ziemlich gedämpft. Ich stand also da und lauschte – und plötzlich hörte ich wieder die Stimme, nein jetzt schon eine zweite, eine dritte! Schrien da nicht Kinder nach ihrer Mutter? Breitspurig stampfte ich weiter in den Raum hinein. Ich musste mich mit den Händen anhalten, denn die Sturmstöße nahmen immer mehr zu. Und nun hörte ich es ganz deutlich vor mir: Mama! – Maamaaa! Der Ruf war aus der Kiste unmittelbar vor mir gekommen. Furchtbare Gedanken jagten durch mein Gehirn! Hier musste etwas Ungeheuerliches geschehen sein! Ich rannte nach dem Beil, das an der Innenseite der Bordtüre für Notfälle bereithängt, und brach mit zitternden Händen die Kiste vorsichtig auf. Und da fand ich sie, sorgsam in weiche Tücher verpackt, vor: Puppen, große Kinderpuppen, die Mama rufen konnten!«

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Info 22.09.2017 - 15:17
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